Reise & Lebensart

Unterwegs zum Wesentlichen

Dank am Grab Petri: Die „Tagespost“ und ihre Leser reisen zum 70. Geburtstag der Zeitung nach Rom. Von Oliver Maksan
Leserreisen-Gruppe mit Kardinal Müller
Foto: DT | Gruppenbild mit Kardinal: Der frühere Präfekt der Glaubenskongregation, Kardinal Müller, empfängt die „Tagespost“ in der Bibliothek der Anima.

Rom, diese barocke Bühne mit ihrer über die sieben Hügel verschwenderisch hingeworfenen Pracht, ist ein Paradies der Sinne. Besonders im warmen Oktoberlicht leuchtet das gesichtgebende Ocker der Stadt in allen Facetten. Das Leben pulsiert in den Trattorien, die Vespas schlängeln sich laut knatternd durch die engen Gassen: Was wie ein tausendfach fotografiertes und gefilmtes Klischee klingt, ist doch gelebte Wirklichkeit der Ewigen Stadt. Man sieht sich auch im Zeitalter der vielen Bilder nie satt an den Pinien, Zypressen, dem Meer der Kuppeln und Türme, jenes Traums also, der sich Rom nennt.

Eine „Tagespost“-Reise will ihre Teilnehmer aber nicht nur an die schönen Plätze dieser Welt führen. Immer geht es auch darum, eine geistliche Erfahrung zu machen, die spirituellen Saiten von Bauwerken und Landschaften zum Schwingen zu bringen. Die Roma Christiana, das christliche Rom, feiert mit ihrer Sinnenfreude den christlichen Glauben an Tod und Auferstehung Jesu Christi, den Petrus und Paulus als seine Zeugen an den Tiber getragen haben. Im Verlag musste vergangenes Jahr deshalb nicht lange überlegt werden, wohin eine katholische, dem Papst treu verbundene Zeitung anlässlich ihres Geburtstages fahren sollte. Prälat Günter Putz, als Herausgeber über die Rechtgläubigkeit der Zeitung wachend, wies in einer Predigt während der täglichen Messfeier den geistlichen Weg durch die gemeinsame Woche: Von einer Kirche der Repräsentation, der Beschäftigung mit sich selber und unfruchtbarer Nabelschau hin zu einer Kirche des Inhalts, der Vertiefung, des Blicks auf das Wesentliche, letztlich der Begegnung mit dem Herrn. Natürlich, für einen Espresso oder ein Glas Prosecco in einer Bar an der Piazza Navona gab es immer Zeit, das angeregte Gespräch mit Gleichgesinnten oder eine Mittagspause in der Sonne kamen nicht zu kurz. Einen Ausflug nach Castel Gandolfo mit der jetzt in ein Museum verwandelten Sommerresidenz der Päpste, aber einem immer noch atemberaubenden Blick über den Albaner See schloss das nicht aus. Gutes italienisches Essen gehörte ohnehin dazu. Manche Tür, die gewöhnlichen Rombesuchern verschlossen bleibt, schloss sich auf: Etwa der Hauptsitz des Malteserordens auf dem Aventin, wo sich die Besucher nach einer Messe in der Ordenskapelle und einem Gespräch über die Arbeit des Ordens bei Espresso und Gebäck stärkten und den Blick über die Stadt genossen. Der Weg zum Wesentlichen aber war für die über dreißig Teilnehmer der Reise nie weit.

Begegnungen mit der Kirche Roms und ihren Mitarbeitern standen auch auf dem Programm. Dem Nachfolger des heiligen Petrus Papst Franziskus waren die Pilger am Mittwochmorgen bei der Audienz auf dem Petersplatz nah. Bestes Wetter strahlte Ende Oktober über die Kolonnaden, als der Heilige Vater durch die Menge fuhr. Zuvor hatte Erzbischof Georg Gänswein – als Präfekt des Päpstlichen Hauses und Sekretär Benedikts XVI. Diener zweier Pontifikate – die Grüße des deutschen Papstes überbracht. Der Papa emeritus, seit vielen Jahren der Tagespost verbunden, liest die Zeitung noch immer selbst oder bekommt sie vorgelesen. Erzbischof Gänswein nahm sich im Collegio Teutonico neben dem berühmten Campo Santo-Friedhof der Deutschen lange Zeit für die Fragen der „Tagespost“-Leser. Durch Missbrauchskrise und Vigano-Briefe schienen schließlich dunkle Wolken über der Kirche zu hängen, waren die Sorgen der Leser groß. Wie zuvor schon Kurienkardinal Cordes bei einer Messe im Petersdom oder Prälat Grulich vom Rat für die Gesetzestexte ermutigte aber auch Erzbischof Gänswein zur Liebe zur Kirche und Treue gerade in schwierigen Zeiten.

Petrus und Paulus: Ruhte das antike Rom auf sieben Hügeln, ruht das christliche Rom auf den Schultern dieser beiden Männer. Ein Besuch in Sankt Paul vor den Mauern ist deshalb Pflicht. Das gewaltige Gotteshaus wurde nach einem Brand in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts mit Unterstützung der Weltkirche wiederaufgebaut. Grandios, aber in seiner Perfektion kühl liegt das Innere da. In der Confessio gibt eine Glaswand den Blick auf einen roten Sarkophag frei. Jahrhundertelang lag der Sarg mit den Gebeinen des Völkerapostels für die Pilger unsichtbar unter dem Papstaltar – bis Papst Benedikt XVI. in einer nicht unumstrittenen Entscheidung die Erlaubnis gab, einen Blick in den Sarg zu tun. Die das Grab umgebenden Wände wurden zudem an einer Seite geöffnet und gaben nun die letzte Ruhestätte des vielleicht Größten der Zeugen Christi für die Augen frei. Die Ketten, die den Apostel banden, sind zur Verehrung ausgestellt. Still und ruhig brennt ein angeblich seit Jahrhunderten nicht erloschenes Licht neben dem Grab. Ganz nah am Ursprung.

Geistlicher Höhepunkt der Wallfahrt war dabei die Messe am Petrusgrab. In den Grotten der Peterskirche mit ihren Papstgräbern links und rechts des Altars feierte Prälat Putz das Messopfer und dankte für siebzig Jahre „Tagespost“. Wenige Meter nur trennten die Gottesdienstgemeinde von der Confessio, wo die Gebeine des Apostelfürsten ruhen. Am letzten Tag kamen die Pilger dem Apostel aber noch näher. Ein Besuch in den Scavi, den Ausgrabungen unter Sankt Peter, führte sie tief in die Geschichte zurück. Pius XII. hatte die Erlaubnis zu graben gegeben. Zum Vorschein kam eine Totenstadt, auf der Kaiser Konstantin seine Basilika hatte errichten lassen. Weil der Ort des Martyriums Petri und sein Begräbnis auf einem hügeligen Gelände, dem mons vaticanus, stattfanden, musste das Gebiet im vierten Jahrhundert eingeebnet werden. Einerseits galt es als Frevel, die letzte Ruhestätte der Toten zu zerstören. Konstantin entschied salomonisch: Er ließ die Gräber nicht abtragen, sondern mit Geröll aufschütten – und erhielt sie so bis zum heutigen Tag. Längst hätten Wetter, Wind und menschliche Hand die Gräber an vielen Stellen verschwinden lassen. So aber wandelt der heutige Besucher durch eine heidnische, an mancher Stelle auch christlichen Gräberanlage, die wirkt, als sei sie eben erst aufgegeben worden. Tatsächlich fanden sich die Gebeine des heiligen Petrus. Paul VI. versammelte sie in einem Plexiglaskästchen zur letzten Ruhe, gut sichtbar für die Besucher. Aug' in Aug' mit dem Apostel: Kaum ein Besucher, dem nicht spontan ein Credo über die Lippen kam.

Wirklich an den Ursprung aber führte die Reisenden ein Tagesausflug nach Manoppello. Durch die dunkel verhangenen Berge der Abruzzen ging es. Die Adria blitzte hier und da schon durch die Wolken, als der Bus das Örtchen mit seiner hübschen, aber unscheinbaren Pfarrkirche erreichte. In einem Ostensorium wird dort ein Schatz verwahrt, der direkt in die Morgenstunde der Auferstehung verweist: das Muschelseidentuch, das als heiliges Schweißtuch auf dem Antlitz Christi gedeutet wird.

Der bekannte Journalist Paul Badde führte die Reisegruppe. Er hat es sich zur Aufgabe gemacht, die kostbare Reliquie als Auferstehungszeugnis bekannt zu machen. Der erste Blick des zu neuem Leben erweckten Herrn wird im Tuch festgehalten, erklärt er. Eine polnische Reisegruppe erkennt den Autor. „Ihr Deutschen habt der Weltkirche das Zeugnis der Auferstehung zurückgegeben“, meint ein Pilger. Tatsächlich war es ein Besuch Papst Benedikts XVI. 2006, der die lange völlig vergessene Herrenreliquie wieder ins Bewusstsein der Weltkirche rief. Benedikts Gebet von 2007, gerade verlesen, klang den Besuchern da noch in den Ohren: „Geheimnisvoller Blick, der nicht aufhört, sich auf die Menschen und Völker zu senken, verborgenes Antlitz in den eucharistischen Zeichen und den Blicken unserer Nächsten, mach uns zu Pilgern Gottes in dieser Welt, voller Durst nach dem Unendlichen und bereit für die Begegnung am Jüngsten Tag, wenn wir Dich, Herr, von ,Angesicht zu Angesicht' sehen werden und auf ewig in der Herrlichkeit des Himmels schauen dürfen.“

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