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Sicher, selbstbewusst, souverän

In Stettin lässt sich Polen als Gegenentwurf zum aktuellen Zustand der Bundesrepublik erleben. Ganz selbstverständlich ist man hier noch katholisch.
Stettin
Foto: Julian Marius Plutz | Bestens herausgeputzt präsentiert sich die Stettiner Innenstadt.

Von Dessau aus kommt man nach Stettin über Angermünde. Das reizende Städtchen in der Uckermark verfügt nicht nur über einen Tierpark, sondern durfte sich zuletzt auch mit einer monatelangen Gleissanierung schmücken, die folgerichtig im Schienenersatzverkehr mündete.

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Mit drei Polinnen, die offenkundig mit dem Busfahrer bekannt sind, steigen wir in den Bus und fahren Richtung jenes Landes mit dem goldgekrönten weißen Adler. Den ersten Unterschied erkennt man noch vom Bus aus an der Grenze, denn hier wird kontrolliert.

Eine uniformierte Dame und ein ebenso uniformierter Herr, beide mit Maschinenpistolen im Anschlag, bitten um den Ausweis. Zehn Tage später das gleiche Spiel, dieses Mal jedoch durch norddeutsche Polizisten.

Dass die deutsch-polnische Grenze heute wieder kontrolliert wird, ist kein Zufall und auch kein administratives Missverständnis, das von einer Regierung ausgeht, die von deutschen Linken als rechtsradikal bezeichnet wird.

Polen begann im Zuge der seit Jahren anwachsenden unkontrollierten Migration, seine Grenzpolitik schrittweise zu verschärfen, insbesondere seit dem Herbst 2023. Auslöser waren einerseits die steigenden Zahlen illegaler Grenzübertritte und andererseits auch die wachsende Sorge vor importierter Kriminalität und islamischem Terror.

Die regierende rechte Mehrheit betrachtete die Sicherung der Grenze ausdrücklich als Akt staatlicher Souveränität und eben nicht als Provokation gegenüber den Nachbarn, was viele Deutsche anders sahen. Warschau argumentierte nüchtern: Wer nicht weiß, wer ins Land kommt, kann auch nicht garantieren, dass keine Gefahr entsteht. In einem Land, das historisch gelernt hat, wie fragil Staatlichkeit sein kann, ist diese Haltung tief verankert. Hinzu kommt: Polen wollte nicht zum Pufferstaat einer deutschen Migrationspolitik werden, die zwar moralisch aufgeladen, praktisch aber dysfunktional ist.

Historische Bedeutung Stettins für Bismarck

Immer wieder verwies die polnische Regierung darauf, dass Schleuserrouten gezielt über Polen führen, wenn Kontrollen ausbleiben. Auch konkrete Anschlagsplanungen in Westeuropa spielten in der sicherheitspolitischen Bewertung eine Rolle. Anders als in Berlin oder Brüssel wurde diese Gefahr in Warschau nicht rhetorisch relativiert.

Sicherheit wurde nicht als „Narrativ“, also als willfährige Erzählung in Wahlkampfzeiten, sondern als Pflicht verstanden, das eigene Volk zu schützen. Entsprechend konsequent fielen die Maßnahmen aus.

Die Diskussion zwischen Deutschland und Polen darüber ist bis heute nicht abgeschlossen. Berlin pocht auf europäische Freizügigkeit, während es selbst seit geraumer Zeit wieder kontrolliert. Warschau wiederum weist auf diese offensichtliche Doppelmoral hin und verlangt eine ehrliche Debatte über Migration und Sicherheit.

Während deutsche Innenpolitiker Grenzkontrollen als „temporär“ verkaufen, behandelt Polen sie als legitimes Instrument. Polen erwartet Ordnung und Sicherheit für das eigene Volk, Deutschland diskutiert lediglich Begrifflichkeiten und möchte alles, nur nicht in die berühmte „rechte Ecke“ gestellt werden. Dass sich daran kurzfristig etwas ändert, glaubt in Polen wahrscheinlich niemand.

Hafen Stettin
Foto: Julia Marius Plutz | Als Hafenstadt war Stettin auch Tor zur Welt.

Zurück zur Reise und angekommen in Stettin, in einer liebevollen, wenn auch einfachen kleinen Unterkunft keine fünfzehn Minuten vom Hafen entfernt, blickt man auf eine Stadt, die sich mit Fug und Recht eine stolze Hansestadt nennen darf. Stettin, oder Szczecin, war zuvor über Jahrhunderte deutsch geprägt und ein zentraler Hafen der südlichen Ostsee.

Als Mitglied der Hanse profitierte die Stadt vom Handel mit Getreide, Holz und Bernstein. Der Reichtum dieser Zeit ist bis heute spürbar, selbst dort, wo der Krieg Narben hinterlassen hat. Stettin war nie Provinz, sondern immer Tor zur Welt. Diese maritime Selbstgewissheit trägt die Stadt bis heute.

Für die deutsche Reichsgründung spielte Stettin eine nicht zu unterschätzende Rolle. Als preußischer Hafen war die Stadt strategisch und wirtschaftlich von zentraler Bedeutung. Über Stettin liefen Warenströme, die das industrielle Herz Preußens versorgten.

Der Zugang zur Ostsee war ein Machtfaktor, den Bismarck genau zu nutzen wusste. Ohne Stettin kein starker preußischer Seehandel, ohne Seehandel kein wirtschaftliches Rückgrat des Reiches. Die Stadt war damit mehr als nur Kulisse, sie war Funktion. Dass sie nach 1945 polnisch wurde, änderte nichts an ihrer historischen Bedeutung.

Selbstverständlich im Katholischen

Heute wirkt Stettin wie eine Mischung aus Lübeck, Berlin und Bamberg. Lübeck, weil die hanseatische Würde aus jedem Quadratmeter des Hafens spricht und die bunten Häuser rund um den Heumarkt beim architekturliebenden Besucher für eine veritable Mundstarre sorgen.

Berlin, weil viele Stadtteile an Prenzlauer Berg oder Kreuzberg erinnern, allerdings in einem Zustand vor der Gentrifizierung, die einer urbanen Sterilisierung gleichkommt. Und Bamberg, weil man auf dem Weg von der ehemaligen Residenz der Herzöge von Pommern Richtung Stadtkern durch kleine, liebevolle Gassen läuft. Dort warten kleine Restaurants und noch kleinere Geschäfte geduldig auf Gäste beziehungsweise auf Kunden.

Das Stadtbild, eine leidige Dauererregung in Deutschland, ist in polnischen Städten übrigens geklärt. Die Amtssprache steht nicht nur auf dem Papier, sondern ist auch auf der Straße hörbar. Polen ist dabei keineswegs ein homogenes Land: Landesweit leben mehrere Millionen Ausländer im Land, vor allem Ukrainer, dazu in Großstädten wie Warschau, Krakau oder Breslau auch Italiener, Vietnamesen und Deutsche.

Auch Stettin kennt ukrainische Restaurants, italienische Trattorien und vereinzelt türkische Imbisse. Doch während in Städten wie Nürnberg, Duisburg oder Teilen Berlins der Döner das Stadtbild prägt, bleibt er hier eine Ergänzung, nicht die Norm. Niemand zweifelt daran, wie diese Stadt heißt und zu welchem Kulturraum sie gehört.

Eine derart alberne Diskussion über das „Stadtbild“, bei der jeder weiß, was gemeint ist, würde im Land des weißen Adlers auf rotem Grund gar nicht erst entstehen - schon deshalb nicht, weil Polen nicht zulässt, dass willfährige Migrationspolitik das Gesicht seiner Städte schrittweise verwässert, bis es irgendwann unkenntlich wird.

Polen lebt seine Identität ohne falsche Scham

Was in Polen seit Tag eins auffällt, ist die Selbstverständlichkeit des Katholischen. Nicht als aufdringliche Moralkeule, sondern als ruhige, kulturelle Grundierung des Alltags. Kreuze an Häuserwänden, kleine Marienfiguren an Straßenecken, Kirchen, die nicht wie in Deutschland zu oft museal wirken, sondern benutzt werden.

Der Sonntag ist sichtbar ein anderer Tag als der Rest der Woche, nicht staatlich verordnet, sondern gesellschaftlich getragen. Katholizismus ist hier kein Lifestyle und keine Folklore, sondern gelebte Normalität. Er strukturiert Zeit, Rituale und auch ein gewisses Maß an sozialem Zusammenhalt. Wer durch Polen reist, merkt schnell: Dieses Land weiß noch, woher es kommt.

Auch Stettin bildet da keine Ausnahme. Die Jakobskathedrale, weithin sichtbar und nach dem Krieg im typisch hanseatischen Sandstein wieder aufgebaut, dominiert das Stadtbild mit gotischer Würde und nüchterner Größe. Die Johannes-Paul-II.-Basilika erinnert nicht nur architektonisch, sondern auch geistig an den polnischen Papst, der für viele bis heute, übrigens nicht nur für Katholiken, identitätsstiftend ist.

Dazu kommen zahlreiche kleinere Kirchen, von barock bis modern, die fest in den Vierteln verankert sind. Sie sind keine leeren Hüllen, sondern Orte realer Gemeinde. Gerade diese tief verwurzelte katholische Prägung macht deutlich, warum eine Islamisierung Polens kaum vorstellbar ist.

Wo eine eigene religiöse und kulturelle Ordnung lebendig ist, entsteht kein Vakuum, das von fremden und aggressiven Parallelstrukturen gefüllt werden könnte. Polen ist religiös offen, aber nicht beliebig - und genau darin liegt seine Stabilität.

Die Rückfahrt erfolgte über Bützow, weil ich noch nach Leipzig wollte, allerdings mit dem Zug statt mit dem Ersatzverkehr. Ein Symbolbild der besonderen Art ereignete sich am Hauptbahnhof in Stettin.

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Exakt eine Bahn hatte Verspätung, und das war genau die eine Bahn, die für Deutschland kam und dann zu meinem Zug wurde. In Polen läuft bestimmt nicht alles perfekt, doch wer als Deutscher einmal in das Land mit dem goldgekrönten Adler auf dem Wappen reist, wird unweigerlich feststellen, dass das, was einmal in seinem Heimatland normal war - Sicherheit, Identität, Heimatbewusstsein - in Polen bis heute gelebt wird.


Der Autor lebt in Franken. Zu seinen Themenschwerpunkten gehören jüdisches Leben, der LGB und dessen Buchstaben mehr, Ökonomik, Filmbesprechungen und Reiseberichte.

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Julian Marius Plutz Einwanderungspolitik Katholikinnen und Katholiken Päpste

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