Europa

Maastricht: Eine Stadt schreibt Geschichte

Heute erstreckt sich die Stadt Maastricht zu beiden Seiten der Maas mit ihrer reichen Geschichte, den schönen Geschäften und gemütlichen Straßencafés.
Ehemaliges Kloster der Kreuzherren jetzt  Kruisherenhotel in Maastricht
Foto: Imago / Jochen Tack | Aus dem Kloster der Kreuzherren aus dem 15. Jahrhundert ist heute das einzige Fünf-Sterne-Hotel in Maastricht geworden: das Kruisherenhotel in der Altstadt.

Noch gut erinnert sich Camille Oostwegel daran, als Königin Beatrix ihn darum bat, die Staats- und Regierungschefs der damals 12 EU-Staaten auf Schloss Neercanne einladen zu dürfen. Von Maastricht müsse ein Signal für Europa ausgehen, meinte die Monarchin im Herbst 1991. Der Gastronom, der das einzige Terrassenschloss der Niederlande instand gesetzt hatte, sagte zu. Frankreichs damaliger Präsident François Mitterrand fühlte sich in Neercanne vor den Toren von Maastricht wie zu Hause, andere, Helmut Kohl und Felipe Gonzalez, fanden zueinander. Eingangs hatte die gastgebende Königin ermutigende Worte zur Schaffung einer gemeinsamen europäischen Währung an die Politiker gerichtet. Dann genossen diese die Gastfreundschaft. Nach dem Mittagessen begaben sich alle Gipfelteilnehmer in die Mergelgrube am Schloss. Dort versahen die Königin und die europäischen Regierungschefs die Mergelwand mit ihren Unterschriften – sie gilt als Geburtskarte des Euro. Der Vertrag für die EWWU wurde zwei Monate später, am 7. Februar 1992, im Provinciehuis Maastricht unterzeichnet.

Europas kleinste Metropole

Maastricht ist sicher die europäischste Stadt des Landes. Kein Zufall: Maastricht liegt in der Euregio, dem Gebiet, in dem Niederlande, Deutschland und Belgien nebeneinander liegen. Vier Millionen Menschen leben in der Region und sprechen vier Sprachen.

Europas kleinste Metropole hat zwei Bürger, die als Botschafter für die Stadt wirken: André Rieu, weltbekannter Musiker und Camille Oostwegel, erfolgreicher niederländischer Hotelier und Kunstfreund. Rieux und Oostwegel sind etwa gleich alt, sie drückten im Gymnasium von Maastricht zusammen die Schulbank.

Stadt der Orden, Kirchen und Klöster

Camille Oostwegel gab dem ehemaligen Kreuzherrenkloster aus dem 15. Jahrhundert mit seiner eindrucksvollen, gotischen Kirche eine neue Zukunft. Der Komplex im Kommelviertel wurde zu einem Design-Hotel umgestaltet, dem einzigen Fünf-Sterne-Hotel in Maastricht. Durch einen kupfernen Tunnel, eine Idee des Architekten Ingo Maurer, betritt man das Gebäude, in dem sich Historie und Design verbinden. Architektonische Kontraste zwischen Gegenwart und Vergangenheit wurden von Innenarchitekt Henk Vos bewusst gesetzt. Oostwegel sorgte dafür, dass die mittelalterlichen Wandfresken und das spätgotische Kreuzrippengewölbe wieder in alter Pracht glänzen. Er und Mitglieder seiner Familie fügten moderne Elemente hinzu, die der kunstsinnige Hotelier beim Rundgang zeigt. Die rot-weißen Rolläden, die Farbtupfer im Innenhof setzen, es sind die Farben der Kreuzherren. In der Kirche der „Kruisheren“ befindet sich seit dem Umbau eine Zwischenetage, wo auf halbem Weg zum „Himmel“ Frühstück, Lunch und Abendessen serviert werden. Dabei hat man eine schöne Aussicht auf die historischen Decken- und Wandmalereien sowie eine gute Sicht auf die Bleiglasfenster des ehemaligen Kirchenchors. Die modernen Lichtobjekte, die durch die Luft zu schweben scheinen, entworfen ebenfalls von Ingo Maurer, erzeugen eine außerirdische Atmosphäre.

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Die Kreuzherren von Maastricht

Wer waren die Kreuzherren? 1211 gründete Theodor von Celles mit vier Gefährten des Domkapitels von Lüttich in Huy an der Maas eine neue Gemeinschaft als alternative Form gemeinsamen Lebens, Betens und Arbeitens. Der Grund? Das Domkapitel in Lüttich war ihm zu verweltlicht. Angesichts der Kreuzzüge war Theodor zur Überzeugung gekommen, dass man das Reich Gottes nicht mit Waffengewalt verwirklichen kann, sondern durch Leben in Gemeinschaft. 1248 bestätigte Papst Innozenz IV. den Orden vom Heiligen Kreuz (OSC). Dessen Ziel: Eine gemischte Lebensform (vita mixta), ein Gleichgewicht von Kontemplation und Aktion. Anfangs stand die Sorge für Menschen, die unterwegs waren, wie Pilger, Kreuzfahrer, Arme und Kranke im Vordergrund. Schnell verbreitete sich der Orden in Frankreich, England, Deutschland und den Niederlanden, blieb immer klein, blühte immer wieder auf. Der Schwerpunkt der Aktivitäten des Ordens verlagerte sich auf die Arbeit für die Randgruppen der Gesellschaft und die Förderung der mystischen Dimension des Lebens.

Südliche Lebensart im „Limburger Stiefel“

Die Bauten um den Vrijthof, den größten Platz der Stadt, erinnern an die Zeit, als Maastricht religiöses Zentrum und Festungsstadt war: Die Basilika Sint-Servaas über dem Grab des ersten Bischofs und Ziel mittelalterlicher Pilgerströme, die Sint Janskerk mit ihrem roten, 75 Meter hohen Turm, das Spans Gouvernement, die Hauptwache und das Generaalhuis. Das Theater aan het vrijthof versteckte sich in diesem Sommer hinter einem Gerüst. Stadtführerin Marlène erzählt, dass Maastricht innerhalb seiner Stadtmauern nicht weniger als 22 Klöster, zwei Basiliken und vier Pfarrkirchen hatte. Über dem Grab des Bischofs Servatius, gestorben im fernen Jahr 384, entstand in mehreren Phasen die größte romanische Basilika der Niederlande. Zum Stadtheiligen pilgert man wegen seiner heilenden Kräfte, für gutes Gelingen schwerer Vorhaben, in Todesfurcht, gegen Fieber, Frostschäden, Fußleiden und Lähmungen, Rheumatismus, Mäuse- und Rattenplage. Krypta und Schatzkammer der 1 400 Jahre alten Pilgerkirche beherbergen den Sint-Servaas-Schrein, die sog. Noodkist. Das Meisterwerk maasländischer Goldschmiedekunst enthält Gebeine des ersten Bischofs der Niederlande. Dazu gibt es Pilgerstab, Brustbild und Brustkreuz, Kelch mit Tragaltar, zahlreiche Reliquien und Behälter, liturgische Gegenstände und Textilien. Die Kirche hat romanische Kapitelle und Malereien, das Bergportaal ist das älteste gotische Portal der Niederlande. Bischof Servatius verlegte im Jahre 380 den Bischofssitz von Tongeren nach Maastricht. Heute sitzt Bischof Harrie Smeets in Roermond.

Die Spuren von Trajectum ad Mosam, wie Maastricht zu Römerzeiten hieß, finden sich im Keller vom Derlon Hotel: Ein Brunnen, Mauern, Pflastersteine. Gleich nebenan, an der Nordseite des Onze Liewe-Vrouwe-Plein, verlief die rund 400 km lange Römerstraße Via Agrippa, die Köln über Tongeren, die älteste Stadt Belgiens mit Boulogne-sur-Mer und Amiens verband. 2008 sorgte eine Initiative der Stadt Maastricht dafür, dass diese römische Heerstraße als Via Belgica bezeichnet wird.

An beiden Seiten der Maas

Heute erstreckt sich die Stadt Maastricht zu beiden Seiten der Maas mit ihrer reichen Geschichte, den schönen Geschäften und gemütlichen Straßencafés. Das Leben spielt sich ab auf den Terrassen der Plätze und auf beiden Ufern der Maas, sobald und solange die Witterung das zulässt. Bürgermeisterin Annemarie Penn-Te Strake, seit 2015 an der Spitze der Stadt, macht sich regelmäßig von ihrer Wohnung im Jekerkwartier zu Fuß auf den Weg ins Rathaus und gesteht, dass sie gerne die Fenster ihres Amtszimmers öffnet, um Geräusche und Düfte des Marktes hereinziehen zu lassen. Der große Markt am Freitag ist ein echtes Erlebnis.

Die Maastrichter bescheinigen sich selbst eine „burgundische Lebensart“. Damit spielen sie darauf an, dass Limburg die südlichste Provinz der Niederlande ist, im sogenannten Limburger Stiefel liegt und dass Maastricht lange Zeit unter französischer Herrschaft war. Eher Anklänge an Köln finden viele beim Carnaval, vor Ort „vastelaovend“ genannt. Anklänge an die mittelalterlichen Wallfahrten entdeckt man bei der Prozession zum Servatius-Fest Mitte Mai.

Der weltberühmte Geiger und sein „Heimathafen“

André Rieu lebt, wenn er nicht gerade mit seinem Johann-Strauß-Orchester auf Tournee in der Welt unterwegs ist, in einem neogotischen Schloss im Süden von Maastricht. Es hat, wie die Regenbogenpresse schrieb, 420 Quadratmeter und 27 Zimmer. Maastricht ist für ihn, wie er der Autorin Irmgard Faber-Asselborn bestätigte, sein „Heimathafen“. Rieu besuchte die Aloysiusschule zwischen Kommel und Vrijthof. Hineingeboren ist er in eine Maastrichter Musikfamilie: Sein Vater, André Rieu senior leitete über 30 Jahre das LSO (Limburg Symfonie Orkest). Sohn André absolvierte ein Violinstudium in Maastricht, Lüttich und Brüssel; anfangs spielte er im Orchester, das sein Vater dirigierte. Ab 1978 begann er, seinen eigenen musikalischen Weg zu gehen. Mit einem von ihm gegründeten Salonorchester tourte er durch die Nachbarregion.

Inzwischen hat André Rieu eine echte Stradivari und im Laufe der Jahre ein Musik- und Medienimperium geschaffen, in dem die ganze Familie an der Vermarktung des „Produkts Rieu“ beteiligt ist. Der Violonist und charismatische Orchester-Chef kehrt immer wieder nach Maastricht zurück: Zu den Weihnachtskonzerten im Kongresszentrum und den Open-Air-Konzerten auf dem Vrijthof, das nächste Mal vom 7. bis 23. Juli 2023. Seine Überzeugung: „Musik hat keine Sprache nötig und kennt keine Grenzen. Du musst einfach nur Dein Gefühl sprechen lassen und das Schöne ist, dass das beinahe jeder auf die gleiche Weise tut.“

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