Lissabon

Lissabon: Außergewöhnlichen Anblicke

Im August 2023 findet in Lissabon der Weltjugendtag statt. Unser Autor ist in Portugals Hauptstadt vorausgereist.
Blick über die roten Dächer von Lissabon
Foto: Andreas Drouve | Immer wieder faszinierend: Der Blick über die roten Dächer von Lissabon.

Sie ist „die Schöne am Tejo“, ein kosmopolitisches Pflaster, eine der atemberaubendsten Metropolen Europas: Lissabon, die Hauptstadt von Portugal. Typisch ist das glasklare, gleißende Sonnenlicht, das Plätze und Burgmauern einhüllt, über den Flusslauf des Tejo flutet, die Kathedrale überzieht und in den Gassen und metallenen Rillen der Straßenbahnen versinkt. Oben in den Hügeln erstrahlt das Schachtelwerk der Fassaden in Gelb und Blau, in Rostrot, Ocker, Schneeweiß. Hoch über dem Tejo wacht die Megastatue des Christ-Königs. Die Kulissen sind wie geschaffen für den nächsten Weltjugendtag vom 1. bis 6. August 2023.

Portugal ist Lissabon, der Rest ist Landschaft. So heißt es übertrieben aus lokaler Sicht. Faszination, Flair und Facettenreichtum sind unvergleichlich. Doch wo beginnen, wenn man neu in der Stadt ist? Klassiker ist eine Straßenbahnfahrt in der Linie 28, die zu einer Reise durch Geschichte und Gegenwart einlädt: von der historischen City bis zur Endstation am Friedhof Prazeres. Los geht´s mit einem Ruck, der in die Kunstlederbänkchen drückt. Wer steht, klammert sich an Halteriemen. Schwerfällig nimmt das altertümliche Vehikel Fahrt auf, schnauft aufwärts durch schmale Straßenschneisen. Vorne betätigt der Fahrer die Handkurbel, klingelt Falschparker von den Schienen, manövriert zentimetergenau an Autos längs. Plötzlich wirkt Lissabon ländlich. Fassaden tragen Azulejos, bunte Schmuckkacheln, die helfen, die Häuser vor Wind und Wetter zu schützen. Vereinzelt blättert der Putz. Fast zum Greifen nah sind Hängelaternen und Balkone voller Blumen. Aufgeleinte Wäsche, Markisen, kleine Metzger- und Bäckerläden ziehen vorbei. Unter den Mitreisenden sitzt eine Frau gedankenverloren da.

Mit der Straßenbahn auf eine Zeitreise

Das faltenzerfurchte Gesicht eines Alten spricht Bände. Da kommt der Lissabonner Dichter Fernando Pessoa (1888 bis 1935) in den Sinn, der sein literarisches Alter Ego Bernardo Soares auf eine Tramtour schickte und darüber sinnieren ließ, „dass diese Frau, die vor mir in der Straßenbahn sitzt, um ihren sterblichen Hals die windungsreiche Banalität eines dunkelgrünen Seidenzwirns auf einem minder grünen Stoff tragen kann“. Das Gassengewimmel endet auf dem Platz vor der barocken „Sternenbasilika“, Basílica da Estrela, die sich mit ihrer Doppelturmfront und Kuppel aufwirft. Den Stopp kann man sich für die Rückfahrt aufsparen; gleich gegenüber lockt ein schöner Park, der Jardim da Estrela.

Die Endstation heißt Prazeres, benannt nach dem benachbarten Friedhof. „Ich steige erschöpft und wie ein Schlafwandler aus der Straßenbahn. Ich habe das ganze Leben gelebt“, schrieb Poet Pessoa. Da zum Leben auch der Tod gehört, sollte man den Bummel über den Gottesacker nicht verpassen. Protzig gestaltet sind viele Grabmonumente, gekrönt von Engelsskulpturen. Nah der Begrenzungsmauer schaut man auf grüne Hügel und bis zum Tejo.

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Beeindruckende Aussichtspunkte

Apropos Panoramen – mit ihren Aussichtspunkten (Miradouros) punktet die Stadt besonders. Ein Topspot in der Unterstadt ist die Terrasse über dem Arco da Rua Augusta, jenem Triumphbogen, der nach dem verheerenden Erdbeben 1755 als Symbol für das neue Lissabon entstand. Logenplätze über dem verwinkelten Viertel Alfama sind die Aussichtspunkte Santa Luzia und Portas do Sol, während sich der „Miradouro da Graça“ hinter der Kirche des alten Augustinerklosters Graça öffnet. Eine bessere Totale des Häusermeers gibt es nicht. Welch ein Großmosaik!

Auf der anderen Flussseite wechselt man die Perspektive um die Monumentalskulptur des Christ-Königs (Cristo-Rei), der neben der Brücke 25 de Abril mit ausgebreiteten Armen über Lissabon wacht und Schutz verheißt. Die 28 Meter hohe Statue steht auf einem gigantischen Sockel und wurde inspiriert durch jene über Rio de Janeiro. Die Weihe des Monuments 1959 drückte auch symbolisch den Dank dafür aus, dass Portugal vom Zweiten Weltkrieg verschont geblieben war. Es ist ein Werk des Bildhauers Francisco Franco de Sousa.

Prägnanter Sakralbau im Stadtkern ist die Kathedrale, kurz Sé genannt. Mit der zinnenbesetzten Doppelturmfassade macht der Bau, der im zwölften Jahrhundert kurz nach Lissabons Rückeroberung aus maurischer Hand begonnen wurde, einen wehrhaften Eindruck. Im Innern führen gesonderte Zutritte in den Kreuzgang und die Schatzkammer.

Heimat von Heiligen und Hieronymiten

Etwas unterhalb der Sé erhebt sich die spätbarocke Kirche Santo António über dem Urgrund des Elternhauses des heiligen Antonius (um 1195 bis 1231). „Hier wurde der heilige Antonius geboren“ versichert ein Hinweis auch auf Deutsch am Kirchenzugang. Pfeile leiten in die Krypta, wo er das Licht der Welt erblickte. Zehn Stufen führen abwärts. Ein Kachelbild erinnert an den Besuch von Papst Johannes Paul II. im Jahre 1982. Der Geburtsplatz befindet sich gegenüber der Holzbank hinter dem Absperrgitter. Dort schaut man in einen Miniraum mit einem Altar, dahinter auf eine verglaste Nische mit einem Reliquienschrein. Dieser soll ein Knöchelchen des Heiligen enthalten. Gläubige haben Blumen hinterlassen, Münzen auf den Altar geworfen. Als Gaben sind hier schon Olivenölflaschen gesichtet worden. Andächtige Stille herrscht nicht immer. Manchmal dringt das Gebimmel einer Straßenbahn hinein.

Hieronymitenkloster (Mosteiro dos Jerónimos), Lissabon

Im Stadtteil Belém stellt das Hieronymitenkloster (Mosteiro dos Jerónimos) die Kathedrale in den Schatten. Es ist – ebenso wie der zum Schutz der Hafeneinfahrt an den Ufern des Tejo erbaute Turm Belém – ein Musterbeispiel der Manuelik. Diese umreißt die nach König Manuel I. benannte Dekorationskunst, die voller Schnörkel steckte. Jene Epoche, da der Monarch an der Macht war (1495-1521), deckte sich mit den Pioniertaten der portugiesischen Seefahrer wie Vasco da Gama. Baumeister und Bildhauer fanden Anstöße zu Inspirationen aus der Fremde. Zu Stein geformt, verbanden sie exotische Elemente wie Lotosblumen und Korallen mit Tauen, Ankern und dem Kreuz des Christusritterordens. Höhepunkte des Hieronymitenklosters sind die über 300 Meter breite Fassade und der Kreuzgang.

Schmackhafte Cremetörtchen

Alleine in Belém könnte man sich einen Tag aufhalten, noch die gehaltvollen Cremetörtchen „Pastéis de Belém“ kosten und zum Entdeckerdenkmal schlendern. Darüber hinaus bietet Lissabon eine Fülle weiterer Ziele, so wie das Kastell São Jorge, das Kunstmuseum Calouste Gulbenkian und die Kirchen Santa Engrácia und São Domingos. Die Ruinen des gotischen Klosters Carmo erinnern einmal mehr an das tragische Erdbeben 1755, der Aufzug Santa Justa ist ein historisches Juwel. Ein Erlebnis ist es auch, einmal Fado zu hören, den portugiesischen Blues, der einst hier entstand. Doch für alles dürfte die Zeit nebenher am Weltjugendtag nicht reichen. Lissabon ist jederzeit eine Reise wert – und 3 000 Stunden im Jahr scheint die Sonne.

 

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Andreas Drouve Johannes Paul II. Kathedrale Päpste Weltjugendtag

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