Gottvertrauen

Klimsenkapelle auf dem Bergmassiv Pilatus

Auf dem Schweizer Bergmassiv Pilatus balanciert ein beeindruckendes Symbol des Gottvertrauens: die Klimsenkapelle.
Klimsenkapelle
Foto: Bildbändiger / Thomas Schneider | Unerschütterlich trotzt die Klimsenkapelle seit 160 Jahren Wind und Wetter.

Von Schneematsch und Nebelgrau geplagte Städter sind mit der Aussicht auf besseres Wetter auch dann noch leicht in sonnige Höhen zu locken, wenn auf dem Weg dorthin die Grenzen der eigenen Schwindelfreiheit getestet werden. Nun muss man kein Angsthase sein, um Seilbahnen mit einiger Skepsis zu betrachten. Wer allerdings nicht gewöhnt ist an ruckelige Fahrten in knarzenden Klein- und Kleinstseilbahnen, könnte beim Anblick der ferrariroten Mini-Gondel, die einen auf den Luzerner Hausberg Pilatus bringen soll, durchaus klagen: „Das ist kein Transportmittel. Das ist eine Mutprobe.“

Ganz sicher ist die Panormagondelbahn, die Platz für gerade einmal vier Personen bietet, jedenfalls nichts für Klaustrophobiker. Mit ihr geht es in einer ersten Etappe von der Station Kriens hinauf nach Fräkmüntegg, und die Romantik folgt einem hintendrein. Die Sanftheit des Schnees gestaltet die Schönheit des Landes neu. Auf den Dächern rustikaler Alphütten balancieren meterdicke weiße Hauben, und viele Tannen stecken bis zu den Hüften im Schnee. Während in der Tiefe dichter Nebel die Bergflanken anbrandet, sonnen sich die Gipfel unter einem wolkenfreien Himmelsblau, das so blendend hell ist, als spiegelten sich die funkelnden Schneefelder darin. Diese blauweiße Winterwelt ist Gottes Gegenentwurf zur Karibik.

Mythen und Sagen

Hoch über allem strahlt der Pilatus. Um das Gebirge direkt vor der Haustür der Zentralschweizer Stadt Luzern ranken sich viele Mythen und Sagen von kreischenden Luftgeistern und feuerspeienden Drachen, die Unwetter, Tod und Verderben brachten. Hauptverantwortlicher für alles Unglück soll jedoch kein Geringerer als Pontius Pilatus gewesen sein.

Angeblich fand der einstige römische Statthalter Judäas seine letzte Ruhestätte nämlich ausgerechnet in einem inzwischen verlandeten Bergsee bei der Oberalp. An allen anderen Orten, wo man ihn zuvor bestatten wollte, tobten gewaltige Stürme und richteten schwere Verwüstungen an. So entschied man, seine Gebeine weit weg von menschlichen Siedlungen auf den Schweizer Berg bei Luzern zu bringen, der seitdem auch seinen Namen trägt. Bis ins 16. Jahrhundert war die Besteigung des Berges unter Androhung strenger Strafen verboten, um Pilatus´ Totenruhe zu wahren und seinen Geist nicht zu provozieren. Heute macht das Tourismusamt erfolgreiches Marketing mit diesem Mythos und lockt Schweizbesucher in die Seilbahnen.

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Ob Gott da noch wohnt?

Die Mutigen werden auf der zweiten Etappe gen Gipfel damit belohnt, dass sie in Fräkmüntegg in die geräumige Luftseilbahn Dragon Ride umsteigen dürfen. Gemeinsam mit rund 50 anderen Passagieren schwebt man dann der Station Pilatus Kulm entgegen, während vor den Fenstern das spektakuläre Naturkino weiterläuft. Im Inneren der Gondel herrscht staunendes Schweigen, bis eine kleine Kapelle ins Blickfeld gerät und ein Junge in die Stille hinein fragt „Ob Gott da noch wohnt?“. Diese Frage kann man sich durchaus stellen, so einsam und verlassen wie dieses Kirchlein da auf 1 864 Metern am Rande eines Felsplateaus steht, ganz so als würde es über dem Abgrund balancieren. „Das ist bloß sein Ferienhaus“, antwortet der ältere Bruder und verrät, dass kluge Schweizer Kinder den touristischen Wert einer Gegend blitzschnell erkennen. Sogar Gott würde auf dem einmalig schönen Pilatus seinen Urlaub verbringen, und tatsächlich erzählt ausgerechnet dieses „göttliche Feriendomizil“ von den Anfängen des Tourismus auf dem Lieblingsberg der Luzerner.

Fast 1 900 Meter über dem Meer

In den Jahren 1856 bis 1860 wurde auf dem Klimsenhorn das erste Gast- und Kurhaus auf dem Pilatus errichtet. Zur Anlage gehörte auch die Klimsenkapelle, die im Jahr 1861 eingeweiht wurde und für deren Baustil Architekturbücher den Begriff „neugotisch“ parat haben. Knapp einhundert Jahre später mussten die längst baufälligen Hotelgebäude abgerissen werden. Einzig das Gotteshaus blieb stehen.

Seit rund 160 Jahren trotzt es den extremen Witterungsbedingungen da oben, erträgt gewaltige Winde, trommelnden Regen und extreme Temperaturschwankungen. Regelmäßige Sanierungen bewahren die Kapelle zwar zuverlässig vor dem Verfall, dennoch schwingt stets auch ein wenig erleichterte Wiedersehensfreude mit, wenn sie durch das Seilbahnfenster zu erspähen ist – ein Symbol für Stärke und Unerschütterlichkeit, aber auch ein Ort der Stille. Eine Stille, von der man nicht glauben konnte, dass es sie überhaupt noch irgendwo gibt, unterbrochen nur durch die pfeifenden Rufe der Alpendohlen. Es ist eine märchenhafte Kraft, die von diesem weltfernen Ort ausgeht und Menschen ruhig und andächtig werden lässt. „Du kannst nie tiefer fallen als in Gottes Hand“ – auf einem felsigen Grat, fast 1 900 Meter über dem Meer und mit einer standfesten Kapelle im Rücken wirkt dieser Satz überzeugender als sonst wo auf der Welt.

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Nicole Quint Glaube Pontius Pilatus

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