Lettland

Kleine Insel bei Ikskile: Kirche auf dem Fluss

Auf einer kleinen Insel bei der lettischen Stadt Ikskile taufte der heilige Meinhard die ersten baltischen Christen.
Kirchenruinen auf der Insel Lettland St. Meinard Ikskile
Foto: Sally-Jo Durney | Ein Blechdach schützt seit 2002 die Ruine.

Bis ins 13. Jahrhundert reichen die dicken Steinmauern zurück, die bereits vom Ufer des Flusses Daugava aus sichtbar sind. Normalerweise steht das Wasser so hoch, dass man die kleine Insel nur mit einer Fähre erreichen kann. Aber einige Wochen im Jahr sinkt der Spiegel des Flusses so tief, dass man zu Fuß zur Kirchenruine pilgern kann, dorthin, wo vor 800 Jahren der erste christliche Missionar des Baltikums begraben wurde – ein Deutscher.

Viele Besucher sieht man heute nicht, obwohl die Zeit, in der man die kleine Insel bei Ikskile in Lettland zu Fuß begehen kann, nicht lang ist. Eine kleine lettische Mutter schiebt einen Kinderwagen, während ihre Kinder runde Steine zu kleinen Türmen aufeinanderlegen. Offenbar sind sie nicht die einzigen: Das trockene Flussbett ist voll von diesen Steintürmen. Es sieht aus wie eine Marslandschaft. Dazwischen staksen die schwarzköpfigen Krähen, die man hierzulande aus skandinavischen Kinderbüchern kennt. Diese Steintürme sind überall in Lettland zu finden. Ein Erbe aus vorchristlicher Zeit. Die baltische Spiritualität ist naturnah: Geister sollen angeblich Steine, Bäume und Büsche bewohnen.

Aber auch an christlichen Stätten wie hier findet man heute diese Steintürme, wie eine Markierung: Hier war jemand. Das bezeugt auch die Ruine, die erste Kirche und der erste Steinbau des Baltikums. Den Namen desjenigen, der hier seine Spur hinterlassen hat, nennt dafür die in mittelhochdeutscher Sprache abgefasste Livländische Reimchronik: der herre hiez Meinhart.

Chorherr aus Bad Segeberg

Meinhard war ein Augustiner-Chorherr im heutigen Bad Segeberg in Holstein. Wann er geboren wurde, ist nicht bekannt, nur dass er schon nicht mehr ganz jung war, als er ins damalige Livland fuhr, um zu missionieren. Bereits früher hatte er deutsche Kaufleute ins Baltikum begleitet. Später wurde er der erste Bischof von Livland. Die einschiffige romanische Kirche aus Stein in Ikskile diente als „Dom“ des Bistums. Den Letten, die bis dahin nur Bauten aus Holz und Erde gekannt hatten, ließ er auf einer weiteren Düneninsel, Martinsholm, eine Steinfestung bauen – um sie für die Taufe zu gewinnen. Auch wenn mittelalterliche Chroniken Meinhard Erfolg zuschreiben, vermutet man heute, dass Meinhard seine Mission selbst für gescheitert hielt: Er wollte wohl das Baltikum gegen Ende seines Lebens wieder verlassen. Doch bevor er nach Deutschland zurückkehren konnte, verstarb Meinhard. Man setzte ihn zunächst in der Kirche, die er gebaut hatte, bei.

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Gebeine im Dom zu Riga

Der „Apostel“ des Baltikums liegt aber schon lange nicht mehr hier in Ikskile. Seine Gebeine befinden sich heute im Dom zu Riga, der größten Kirche Lettlands. Obwohl sie lange den katholischen Letten als Dom diente, gehört sie heute der evangelisch-lutherischen Kirche. Aber Meinhards Grab ist auch für Katholiken ein Grund, die Kirche zu besuchen; und das tun sie auch: Ein Sinnbild für das ökumenische Flair, welches das lettische Christentum auszeichnet.

Meinhards Mission wird immer noch als eine friedliche Mission betrachtet. Gleichzeitig riefen zu seiner Zeit Päpste und Bischöfe zu kriegerischen Kreuzzügen auf. Die Letten, die nicht katholisch oder christlich zu sein brauchen, um dieses Zeugnis ihrer Geschichte schützen zu wollen, scheinen größtenteils vom friedlichen Charakter ihres ersten Missionars überzeugt zu sein. Die Livländische Reimchronik, abgefasst in mittelhochdeutscher Sprache, erzählt:

„Nun war, wie ich vernahm, ein weiser Mann mit ihnen gekommen, der ihnen vorsang und las, weil er ein guter Priester war; der Mann hieß Meinhard. Er war mit Bildung ausgestattet, weise und klug – und an Tugend war er reich.“

Nur 40 Prozent der Letten sind Christen

Von der Kirche ist heute nicht mehr viel übrig. Die Steine, die das Fundament bilden, ragen wie einzelne Zähne aus dem Boden der Insel. Die Letten haben sich Mühe gegeben, die Ruine und damit die Wurzel ihrer christlichen Geschichte zu erhalten – auch wenn drei Kriege (im 17., 18. und 20. Jahrhundert) die Kirche mehrmals zerstörten. Anfang der 60er Jahre geriet die Kirche wieder in Bedrängnis. Schuld waren die Pläne für das Rigaer Wasserkraftwerk, das heute die Hauptstromquelle Rigas ist. Durch den dafür vorgesehenen Stausee erhöhte sich der Wasserpegel der Daugava. Die Meinhard-Kirche drohte zu ertrinken. Aber sie steht noch. Die Letten bemühten sich um die Konservierung der Kirche, die jetzt knapp über dem Wasserspiegel der Daugava sitzt, außer in den Sommermonaten, wenn man sie zu Fuß vom Flussufer erreichen kann. Ein Sinnbild für Resilienz und Anpassungsfähigkeit der Letten. Und für ihr historisches Bewusstsein: Denn nur etwa 40 Prozent der Letten sind Christen.

Noch weniger praktizieren ihren Glauben aktiv. Doch seit dem Besuch von Johannes Paul II. 1993, der zeitlich mit der Unabhängigkeit Lettlands zusammenfiel und bei dem der Papst den deutschen Augustiner-Chorherren heiligsprach, gibt es ein neues Bewusstsein für Meinhard: Straßen werden nach ihm benannt. Der 14. August ist sein Gedenktag. Seit 2002 schützt ein großes Blechdach die Ruine vor Regen. Darunter hallt das Rauschen des Flusses darin wider. Die Wellen der Daugava werfen Lichtreflexe und spiegeln sich auf die Unterseite. Hier wurden die ersten baltischen Christen getauft. Der alte Taufstein steht auch nicht mehr hier auf der Meinhard-Insel. Wie Meinhards Knochen wurde das 800 Jahre alte Steinbecken in den Dom zu Riga transportiert, wo er heute im Mittelgang des Hauptschiffes steht – im Trockenen. Eingebettet in eine Stadt alter europäischer Kultur, noch gezeichnet von den Übernahmen totalitärer Mächte. Auf der Meinhard-Insel ist jetzt, wo es auf den Winter zugeht, der Himmel über den Tannenspitzen am gegenüberliegenden Flussufer schon grau und still. Meinhards Ruine widersetzt sich noch immer standhaft dem rauen Wind.

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