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Jüdisch-christliches Tschechien

Ein Besuch in Pilsen und Prag zeigt, dass Judentum und Christentum auch heute noch in Europa Hand in Hand gehen können.
Jerusalemsynagoge
Foto: Julian Marius Plutz | Die Jerusalemsynagoge, auch bekannt als Jubiläumssynagoge, ist die jüngste und größte Synagoge der jüdischen Gemeinde Prags.

Die Eingangshalle des Hauptbahnhofs Pilsen empfängt den gemeinen Ankömmling als böhmischen Prinzen. Die Farbe der Wände liegt irgendwo zwischen samtenem Gelb und Beige und vermittelt trotz Minusgraden Wärme sowie royale Anmut. Fein polierte Statuen wie die Nachbildung des „Denkers“ von Auguste Rodin begrüßen die Reisenden in einer Stadt, die es versteht, einen formidablen ersten Eindruck zu hinterlassen.

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Rechts des Haupteingangs darf der frisch gekrönte böhmische Prinz diese begutachten, ebenso wie einige sozialistisch-realistische Statuen aus den 1950er-Jahren, was ein wenig absurd wirkt, denn Tschechien hat sich erst aus den Fesseln der Knechtschaft befreien müssen, um heute eines der erfolgreichsten Länder der Europäischen Union zu sein, das mit seiner Automarke Skoda, dem größten Arbeitgeber dieses Landes, maßgeblich für den Bestand des schwächelnden deutschen VW-Konzerns beiträgt.

Die Reise in die böhmische Metropole gestaltete sich in Teilen mal wieder mit Schienenersatzverkehr. Zwischen Nürnberg und Pegnitz empfängt mich am Nelson-Mandela-Platz ein gut gelaunter Busfahrer, der den Passagieren das Gepäck abnimmt und im dafür zuständigen Aufbewahrungsraum verstaut. Von Pegnitz aus geht es dann wieder beschaulicher weiter nach Cheb, das früher Eger hieß, in die Stadt, in der der gealterte Wallenstein in Ungnade fiel und Opfer eines Mordkomplotts wurde. Da wirkt der bei Schiller von eben jenem böhmischen Feldherrn gesprochene Satz „Schnell fertig ist die Jugend mit dem Wort“ wie die viel zitierte Ironie des Schicksals.

Zugegeben: Der Charme des Bahnhofs in Cheb ist mit dem Wort „sowjetesk“ zu beschreiben. Grautöne lösen Anthrazit ab, und es scheint, als hätte die Ankunftshalle exakt die vertriebene Kälte aus Pilsen für sich gepachtet. Doch man muss fair bleiben, sind es doch die Menschen, die Orte zu etwas Besonderem machen. Und hier muss man sagen: Bereits nach wenigen Minuten wurde ich von einem Tschechen angesprochen – ich sah wohl ein wenig verloren aus –, ob er mir helfen könne. Eine ältere Dame, die das Gespräch mitbekam, nahm mich dann mit bis zum passenden Gleis nach Pilsen. In einer Stunde Tschechien wurde ich von Einheimischen häufiger angesprochen als in zwölf Tagen Polen.

In Pilsen gibt es mehr als Pils

In Pilsen angekommen, fuhr der Uber-Fahrer zielgenau zu meinem Appartement, das sich als eine geräumige sowie saubere Montagewohnung herausstellte. Von dort aus wollte ich die Stadt erkunden, bei der sich jeder fragt, ob man schon die Brauerei besichtigt hat. Kleiner Spoiler: Nein. Ich bin gelernter Franke, und in Oberfranken gibt es mehr Brauereien, als man zählen kann. Ich bin mit dem Ablauf des Brauens, noch mehr des Trinkens, durchaus vertraut, also entschied ich mich, Pilsener Urquell Urquell sein zu lassen und mich stattdessen anderen Dingen zu widmen.

Wie zum Beispiel der Alten Synagoge. Diese wurde zwischen 1857 und 1859 im neoromanischen Stil nach Plänen des Architekten Martin Stelzer erbaut und ist eines der ältesten erhaltenen Zeugnisse der jüdischen Gemeinde in der Stadt. Sie wurde nach dem Bau der Großen Synagoge 1888 vorübergehend als Lager genutzt und ab 1939 nicht mehr für religiöse Zwecke verwendet. Was das Besondere ist, zumindest aus deutscher Perspektive: Man erkennt das Gotteshaus nicht an dem Polizeiauto oder dem Sicherheitsdienst, wie es in Berlin, München oder Frankfurt üblich ist.

Jüdisches Leben scheint hier – wohl auch aufgrund des Verzichts auf eine zügellose Einwanderung muslimischer Menschen – ganz normal möglich zu sein.
Unweit der Alten Synagoge steht die St.-Bartholomäus-Kathedrale in Pilsen und gilt als beeindruckendes gotisches Wahrzeichen, dessen Bau um 1295 mit der Gründung der Stadt begann und das bis ins 16. Jahrhundert seine endgültige Form annahm. Als dreischiffige Hallenkirche aus Sandstein errichtet, überstand sie Jahrhunderte und wurde 1993 zur Kathedrale erhoben, als Papst Johannes Paul II. das Bistum Pilsen gründete. Der markante Turm, der höchste in Böhmen, bietet einen Panoramablick über die Stadt und symbolisiert die historische Bedeutung Pilsens als Zentrum der Region.

Im Inneren der Kathedrale finden sich wertvolle Kunstschätze wie die gotische Madonna-Statue aus dem 14. Jahrhundert, die kürzlich restauriert wurde, sowie prächtige Altäre und Fresken, die die gotische Architektur unterstreichen. Die Kirche dient nicht nur als religiöser Ort, sondern auch als kulturelles Zentrum für Konzerte und Ausstellungen, und ihre jüngste Renovierung hat den gotischen Glanz wiederhergestellt. Sie verkörpert die reiche Geschichte Pilsens von der mittelalterlichen Gründung bis zur Moderne. Hier ist Tschechien wie Polen: völlig selbstverständlich katholisch.

Prag ist schön, fast zu schön

Nach vier Tagen bringt mich die tschechische Bahn von Pilsen in die Landeshauptstadt Prag. Mein Appartement befindet sich keine 100 Meter vom Hauptbahnhof entfernt und ist trotz des Preises von weniger als 50 Euro pro Nacht hervorragend ausgestattet. Die Kaffeemaschine ist ein Siebträger und scheitert lediglich am Unvermögen des Gastes, bedient zu werden. Als neu-böhmischer Prinz in Prag angekommen, wirkt die Stadt, nicht zuletzt auch aufgrund des Schnees, wie eine Zeitreise in ein tschechisches Märchen. Prag ist schön, fast zu schön, sodass man unweigerlich auf die prächtig hergerichteten Häuser klopfen möchte, ob es sich nicht wie in den Bavaria-Filmstudios um Kulissen handelte, wie zum Beispiel das Rudolfinum.

Benannt nach Kronprinz Rudolf von Habsburg, dient das Konzerthaus als Sitz der Tschechischen Philharmonie und beherbergt den berühmten Dvo(r)ák-Saal mit exzellenter Akustik, der für klassische Aufführungen, einschließlich des Prager Frühlingsfestivals, genutzt wird. Die Fassade zieren Säulen und Statuen von Komponisten wie Mozart und Beethoven, während im Inneren die Galerie Rudolfinum zeitgenössische Kunst ausstellt. Besucher können, wenn sie mögen, geführte Touren machen, Konzerte besuchen oder die Galerie kostenlos erkunden; das Gebäude ist gut erreichbar und liegt nahe anderen Sehenswürdigkeiten wie der Altstadtbrücke oder dem Jüdischen Viertel, bekannt als Josefov.

Dort finden sich historische Synagogen wie die Altneu-Synagoge, die älteste erhaltene in Europa, sowie der beeindruckende jüdische Friedhof mit seinen schiefen Grabsteinen aus mehreren Jahrhunderten. Das Viertel wurde im 19. Jahrhundert saniert, behielt aber seinen einzigartigen Charme mit Museen und Gedenkstätten, die an die jüdische Kultur und die Schrecken des Holocaust erinnern. Ein Spaziergang durch Josefov vermittelt Einblicke in eine bewegte Vergangenheit und ist ein Muss für den geneigten Geschichtsinteressierten.

Die größte katholische Kirche Prags ist der Veitsdom, wahrlich eine gotische Meisterleistung auf dem Hradschin, deren Bau über 600 Jahre in Anspruch nahm. Als Teil der Prager Burg beherbergt sie die Krönungsjuwelen der böhmischen Könige, prächtige Glasfenster und die Gräber berühmter Persönlichkeiten wie Karl IV. Der Dom beeindruckt mit seiner imposanten Fassade, den hohen Türmen und dem atemberaubenden Inneren, das von Mosaiken und Skulpturen geprägt ist.
Was hier deutlich erkennbar ist: christliches und jüdisches Leben funktionieren wie selbstverständlich nebeneinander.

Am Ende war es doch nur Urlaub

Vom Veitsdom braucht der gemeine Fußgänger nur wenig Zeit, um die Jerusalem-Synagoge zu besichtigen. Das auch als Jubiläumssynagoge bekannte Gotteshaus ist die jüngste und größte Synagoge der jüdischen Gemeinde in der Stadt und liegt in der Jeruzalémská-Straße im Viertel Nové M(e)sto. Es verbindet maurischen Stil mit Elementen des Art Nouveau, zeichnet sich durch eine farbenfrohe Fassade aus und dient heute als aktiver orthodoxer Gebetsort. Auch hier sucht man vergeblich das Polizeiauto.

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Nach neun Tagen Pilsen und Prag fährt mich die Bahn und der Schienenersatzverkehr wieder zurück in die Heimat. Tschechien ist ein großartiges Land mit beeindruckend gastfreundlichen Menschen. Unweigerlich stelle ich mir die Frage, warum dieses Gefühl des Zuhause-Seins, wie ich es in Pilsen trotz Sprachbarriere ab Sekunde eins hatte, in Deutschland nur bedingt möglich zu sein scheint. Am Ende ist es dann doch nur Urlaub gewesen und ein bleibendes Gefühl, dass es andere Länder schlicht besser machen als mein Land mit dem großen, unübersehbaren moralischen Zeigefinger.


Der Autor lebt in Franken. Zu seinen Themenschwerpunkten gehören unter anderem jüdisches Leben und Reiseberichte.

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