Inseln weihnachtlicher Vorfreude

Adventsstimmung in Tschechien: Nach Jahren des Wartens ist die weihnachtliche Tradition zu ihren Quellen zurückgekehrt. Von Bernd Kregel
Die Nikolauskirche am Prager Altstädter Ring
Foto: Kregel | Die Nikolauskirche am Prager Altstädter Ring: Hier befindet sich das Zentrum des vorweihnachtlichen Treibens in der tschechischen Hauptstadt.

Freiwillig hinunter in das Dunkel der Unterwelt? In jenes Schattenreich, das laut griechischer Mythologie die Toten nicht mehr freigibt? Orpheus, ein Leidtragender jener Zeit, konnte in der Tat ein Lied davon singen. Nicht viel besser verhielt es sich mit jenem Labyrinth, in dem ein wildes gehörntes Ungeheuer sein Unwesen trieb, indem es alljährlich seinen Tribut einforderte. Zum Glück konnte der beherzte und zugleich listenreiche Theseus dem unwürdigen Spiel des verhassten Minotaurus endlich ein Ende bereiten. Muss einem da nicht Angst und Bange werden, wenn in Brünn, der mährischen Metropole, nahe dem Krautmarkt die Tür zum Untergrund hinter dem neugierigen Besucher ins Schloss fällt? Denn hier hat man alles zusammengetragen, was das Mittelalter und auch Teile der beginnenden Neuzeit ausmachte. Dazu gehört beispielsweise die unheimlich anmutende Alchimistenküche mit all ihren absonderlichen Gerätschaften. Oder, noch verstörender, die damals übliche Folterkammer, in der allein der Anblick der Instrumente ausreichte, um einem Angeklagten jedes Geständnis zu entlocken.

Natürlich dürfen in einer solchen Sammlung auch die sterblichen Überreste all jener nicht fehlen, die eines natürlichen Todes gestorben sind. Denn wie sollte man den oftmals viel zu früh Verstorbenen die angemessene Ehre erweisen? Man tat es an dieser Stelle, indem man angesichts der Unausweichlichkeit des Todes die verbliebenen Knochen und Schädel zu wahren Kunstwerken zusammenfügte. Aufgestapelt in Reih und Glied hätten sie sich umgehend zu einem unheimlichen Totentanz formieren können.

Die Rückkehr von diesem Abstecher in die Brünner Unterwelt kommt, um es mit der Zählung des Kirchenjahres auszudrücken, dem abrupten Übergang vom Totensonntag zur Adventszeit gleich. Denn der Ausstieg liegt direkt an der Jakobskirche in der Brünner Altstadt, wo auf gleich mehreren Adventsmärkten Lichter und weihnachtliche Vorfreude die Sinne schärfen für die wiederentdeckte Lebensfreude.

Denn für wohltuende musikalische Klänge ist gesorgt. Ebenso für kulinarische Köstlichkeiten, die Herz und Seele erfreuen. Liegt es bei diesem rundum erneuerten Gefühl der Dankbarkeit nicht nahe, sich auch auf Ungewohntes einzulassen? Der „Turbomost“ gehört dazu. Denn gerade tritt der mit Hochprozentigem korrigierte Apfelsaft als Ersatz für den herkömmlichen Weihnachtspunsch seinen Siegeszug in Brünn und Umgebung an. So jedenfalls prophezeit es Micheal Lapcik, der PR-Manager des Projekts, während der Verkostung unterschiedlicher Geschmacksvariationen.

Auch im mährischen Olmütz ist die Welt zur Vorweihnachtszeit etwas aus den Fugen geraten. Engel und Teufel geben sich hier zum Nikolausfest ein Stelldichein. Dabei erweckt es den Anschein, als befänden sich die dunklen Wesen aus der Unterwelt auf ihrem jährlichen Betriebsausflug. Denn zweifellos sind sie in der Mehrzahl und laufen, besonders vor den Glühweinständen, den etwas schüchterner auftretenden himmlischen Flügelwesen den Rang ab.

Doch Olmütz lässt es sich nicht nehmen, in die Offensive zu gehen. Die Stadt tut dies mit einer riesigen barocken Dreifaltigkeitssäule, die als eine Art Statussymbol auf dem Marktplatz den himmlischen Beistand beschwört. Sie ist die höchste ihrer Art im ganzen Land und überragt bei weitem die Marienpestsäule, die dankbare Bürger hier errichteten, als die Seuche nach langem Wüten endlich ihr ersehntes Ende fand.

Bei all den architektonischen Höhepunkten der Stadt bedarf es keiner Verführungskünste, um Ladislav Kunc, dem Organisten der „Kirche Maria-Schnee“ in das Gotteshaus zu folgen. Pure barocke Pracht und Sinnenfreude schlägt dem Besucher entgegen. Und es ist ein zusätzliches Vergnügen, den Orgel-Improvisationen des Musikers zu lauschen, die dieser nach vierzig Jahren Tätigkeit als Organist natürlich meisterhaft beherrscht.

Im Anschluss an das kleine Konzert sollte sich niemand eine besondere kulinarische Spezialität der Region entgehen lassen. Denn unweit der Kirche findet sich ein Spezialitätencafé, in dem der einzige Käse serviert wird, der in Tschechien erfunden wurde. „Quargel“ heißt dieser exquisite Frischkäse, der in unterschiedlichen Teigrollen und Pasteten von Konditorin Kristyna zum Tee serviert wird. Ihr gelingt es mit diesen Leckereien, innerhalb kürzester Zeit ein zufriedenes Lächeln auf alle Gesichter zu zaubern.

Wie sollte es anders sein: Auch in Tschechien führen zur Advents- und Weihnachtszeit alle Wege in die böhmische Metropole Prag. Auf den Wenzelsplatz mit seinen Verkaufsständen, zur legendären Karlsbrücke über die Moldau und schließlich bis hinüber zur „Kleinseite“ der Stadt, dem einstigen Gründungszentrum Prags. Neben der Burg beherrscht hier die mächtige St. Veits-Kathedrale mit ihrer hoch aufstrebenden Gotik die Stadtkulisse. Und doch sind es nicht allein die Spitztürme, die hier das Interesse auf sich ziehen. Auch der kompakte Glockenturm weiß seinen Betrachter zu beeindrucken.

Dieser ist der Wirkungsbereich von Tomas Starecky, einem der vier letzten hauptamtlichen Glöckner weltweit. Wer dächte da nicht sogleich an Quasimodo, den eigenwilligen Glöckner von Notre Dame? Denn abenteuerlich, so erzählt er, ist es immer noch, das mächtige Geläut des Doms in der richtigen Weise zum Klingen zu bringen. Besonders die Kombinationen der jeweiligen Glocken zu einem harmonischen Geläut, so gesteht er, ist eine Wissenschaft für sich.

Der einstige „Königsweg“ führt von der Prager Burg wieder hinunter zur Karlsbrücke. Er ist gespickt mit Kunst-Handwerksstätten und kleinen Lädchen, in denen zur Vorweihnachtszeit das Kleingeld in der Tat etwas lockerer zu sitzen scheint. In einem dieser Läden, fast unter einem der Brückenbögen, präsentiert der Marionettenschnitzer Pavel Truhlar seine stilvollen Kunstwerke. Wie ein kleines Wunder wirkt es, wenn er gemeinsam mit seiner Partnerin Frantiska virtuos die Puppen tanzen lässt.

Unnötig zu erwähnen, dass auch Prag über ein Zentrum des vorweihnachtlichen Treibens verfügt. Es befindet sich am Altstädter Ring zwischen der Nikolauskirche, dem Hus-Denkmal, der Teyn-Kirche sowie der berühmten astronomischen Uhr des Rathausturms. Hier, inmitten aller weihnachtlichen Prachtentfaltung, ist offenbar des Volkes wahrer Himmel. Ja selbst der mächtige Weihnachtsbaum streckt sich mit seiner Lichterpracht hoch empor bis zum pergamentfarbigen Firmament.

Die Weihnachtsstimmung in Tschechien, so will es scheinen, ist nach langen Jahrzehnten des Wartens wieder zu ihren alten Quellen zurückgekehrt.

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