Pilgern

In Jesu schützender Hand

Wie die Katakomben im alten Rom: Die Höhlenkirchen von Bom Jesus da Lapa im brasilianischen Bahia bieten ein unvergleichliches Pilger-Erlebnis.
"Saal der Wunder"  in den Höhlenkirchen von Bom Jesus da Lapa
Foto: Silva Cruz | Das Ankommen im Sanktuarium in den Höhlen in einer mächtigen Felswand am Fluss ist bewegend. Im Bild: Der „Saal der Wunder“ in der Höhle mit den Devotionalien.

Wir waren zwei Tage unterwegs, damals, auf der Ladebrücke eines Camions, mit dem Rosenkranz in der Hand - und wurden durch und durchgeschüttelt“, erzählt der 75-jährige Arnaldo da Silva Cruz. Er berichtet von seiner ersten Reise hierher. Das war in den 60er Jahren. Diesmal ist er mit einer Pilgergruppe von Salvador da; die reist in einem modernen Reisebus mit allem Komfort. Aber er erinnert sich noch en Detail, wie es einst war.

„Von meinem Dorf in der Region von Petrolina aus war es eine fast 800 Kilometer lange Reise auf nicht befestigten Straßen. Wegen der Trockenheit stob es wie in einer Zementfabrik. Bei Einbruch der Dunkelheit hielt der Laster an; wir zurrten alle unsere mitgebrachten Hängematten an Bäumen am Wegrand fest – und schliefen tief und fest wie die Steine. ,Pau de Arara' hieß dieser schaukelnde Transport wie auf einem Papageien-Stängelchen damals.“

Das Ankommen im Sanktuarium in den Höhlen in einer mächtigen Felswand am Fluss war damals – und ist auch heute – bewegend. Das Gewölbe tief drinnen im Berg lässt unwillkürlich an die Katakomben denken, die unterirdischen Gängen und Räume im alten Rom, die verfolgten Christen als Zufluchtsort dienten.

Ein beschützender Ort

„Du fühlst dich hier in diesen geweihten Grotten vom ersten Moment an geborgen – empfindest eine Art schützende Hand über dir“, meint Arnaldo. Vielleicht sei es das Fluidum all der der unzähligen Pilger, die hierherkommen, um für erhaltene Gaben zu danken – „Graças a Deus“ zu sagen – oder um die Erfüllung neuer Wünsche zu bitten. Die Wassertropfen, die gelegentlich von den Stalaktiten an der Höhlendecke tropfen, empfindet der Senior als „Regen der Gnade“, der seine Beschwerden des Alltags wegwasche.

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Tatsächlich ist eine tiefe Religiosität überall in und um das kleine Städtchen Bom Jesus da Lapa im brasilianischen Bundesstaat Bahia zu spüren. „Der gute Jesus von der Felsenhöhle“, bedeutet sein Name übersetzt. Die Stadt mit um die 65 000 Einwohnern im Innenland Brasiliens lebt zu ein einem nicht unbedeutenden Teil vom religiösen Tourismus zu den Höhlenkirchen. Es dürften alljährlich gegen eine Million Pilger und Wallfahrende sein, die hierherkommen. Seit dem Jahr 1964 ist Bom Jesus da Lapa ein eigenes Bistum mit Bischofssitz.

Hunderttausende Pilger

Der Ort liegt zwar im sehr trockenen „Sertao“. Aber dank dem Fluss Sao Francisco, der diese Trockensteppe hier nordwärts fließend durchschneidet, entstand ein Flusstal mit ertragreichen Bananen- und Obstplantagen unten auf beiden Flussseiten. „Velho Chico“, (Alter Franz) nennen die Anwohner den Fluss, der es so gut mit ihnen meint, liebevoll. Dank der Brücke, die sich hier als eine der wenigen in der Gegend mehr als einen Kilometer weit über den mächtigen Rio Sao Francisco spannt, erlangte Bom Jesus da Lapa auch Bedeutung als Umschlagplatz und Marktort.

Die religiöse „Hochsaison“ dauert da von Juli bis September. In dieser Zeit besuchen Hunderttausende von Menschen die Stadt. Ein Höhepunkt ist alljährlich der 6. August, der Tag des Bom Jesus da Lapa, dessen Bild dann in einer Prozession durch die Stadt getragen wird. Neun Tage zuvor beginnen jeweils die Novenen. Die eintreffenden Gläubigen werden seit dem Jahr 1956 von Angehörigen des Ordens der Redemptoristen, der Kongregation des Heiligsten Erlösers, betreut. An der Felswand bei den Eingängen zu den Kavernen steht ein runder Kirchturm, ähnlich einem Minarett. Neben der „Gruta do Bom Jesu“ ist die eher niedrige Grotte der „Nossa Senhora de Soledade“ mit rund 1 100 Quadratmetern Fläche zugänglich. Da befindet sich die Statue der „Unsere Liebe Frau der Einsamkeit“. Das ist ein Titel Mariens und eine besondere Form der Marienverehrung, welche die spanisch- und portugiesischsprachigen Regionen kennen und die sich auf die Einsamkeit der Gottesmutter am Karsamstag bezieht. Umringt ist ihr Bildnis von den Bronzefiguren der vier Evangelisten. Durch drei große, offene Felsenfenster fügt sich auch die anmutige Flusslandschaft des Rio Sao Francisco ins Bild.

Der Salon der Wunder

In der „Sala dos Milagres“, im „Salon der Wunder“, sind Fotos sowie Votive in schriftlicher Form ausgestellt. Die einfachen Menschen der Umgegend glauben fest an die religiöse Kraft und Stärke dieser Höhle, schreiben ihr unzählige Wunder zu und dokumentieren diese da. In einer anderen Grotte, jener der Santa Luzia, die über einen abenteuerlichen Tunnel zugänglich ist, thront die Figur der Heiligen Luzia auf einer hohen Säule. Hinter ihr bildet eine dichte Reihe von Stalaktiten einen filigranen, von der Natur geformten Vorhang.

Die Grotten wurden im Jahr 1691 vom Einsiedler Francisco de Mendonça Mar entdeckt. Er war 1657 in Lissabon in Portugal geboren worden und stammte aus einer Goldschmiedefamilie. Er erlernte ebenfalls dieses Handwerk. Als etwa 20-Jähriger beschloss er, nach Salvador de Bahia in Brasilien zu übersiedeln, wo er eine Schmuckwerkstatt gründete. Er erlangte schnell Ansehen durch seine Arbeit mit Gold und Edelsteinen, aber auch dank seinem Geschick als Maler. Letzteres Talent führte dazu, dass er vom damaligen Gouverneur von Brasilien, Matias da Cunha, eingeladen wurde, die Wände des neu erbauten Palácio do Governador Geral do Brasil in Salvador – damals Hauptstadt der Kolonie Brasilien – zu schmücken.

Aus Liebe zu Gott

Nach Abschluss der Arbeiten kam es aufgrund politischer Intrigen zu Auseinandersetzungen. Der resolut sein Honorar einfordernde Francisco wurde misshandelt und ins Gefängnis geworfen. Seine Freiheit konnte er erst wieder erreichen, nachdem es ihm gelungen war, per Brief den damaligen König von Portugal, Dom Joao V., über sein Unglück zu informieren. Francisco war dann aber überzeugt, im Kerker Stimmen gehört zu haben, die ihn zu einer radikalen Änderung seines Lebensstils aufforderten. „Von der göttlichen Gnade berührt, erkannte er die Eitelkeit der Welt und begriff, dass das Einzige, was zählt, die Erlösung ist“, steht in den alten Pergamenten.

Er ließ seine Sklaven frei, entledigte er sich all seiner Besitztümer, zog sich ein Mönchsgewand über und wanderte westwärts durch die Wildnis des ausgetrockneten Sertao – von Hunger und Durst geplagt –, bis er auf ein Dorf der Tapuias-Indianer an einer hoch aufragenden Felswand am Flussufer stieß. Er machte eine der Höhlen in den Felsen zu seinem Zuhause, stellte da die mitgebrachten Gnadenbilder auf und widmete sein Leben der Verkündigung des Evangeliums an Indianer, an ausgestoßene Leprakranke und entflohene schwarze Sklaven. Denn er war überzeugt, dass zur Liebe zu Gott auch ein tatkräftiger Einsatz zum Wohl der Mitmenschen gehöre.

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