Schöpfung bewahren

Half Dome im Yosemite-Park: Einmal Himmel und zurück

Nur respektvoll hochblinzeln oder erklimmen? Der Half Dome im Yosemite-Park der USA ist der Traum vieler Abenteurer und hat viel mit dem modernen Verständnis von Naturschutz zu tun.
Junger Mann steht auf Felsvorsprung und blickt auf den Half Dome Ausblick vom Glacier Point Yosemi
Foto: Imago / imagebroker | Von der „Glacier Point“ genannten Felsspitze erkennt man gut, woher der Half Dome seinen Namen hat. „Kein Tempel gebaut von Menschenhand kann sich mit ihm messen“, fand John Muir (1838-1914), Entdecker und Gründer ...

Oh, diese weiten, ruhigen, unermesslichen Bergtage, Tage, in deren Licht alles gleich göttlich erscheint – und die tausend Fenster öffnen, um uns Gott zu zeigen“, schrieb John Muir, der Gründervater des Yosemite-Nationalparks in seinem vor 110 Jahren erschienenen Buch „Yosemite“. Der Half Dome, die „halbe Kuppel“, ist ein imposanter Granitkopf am östlichen Ende des Yosemite-Tals in Kalifornien, 2 693 Meter hoch. Er gilt als das Wahrzeichen des Nationalparks – und ist für geübte Bergwanderer durchaus erklimmbar.

Einst galt der Gipfel als nicht besteigbar

„Er war mein Stairway to Heaven – meine Himmelsleiter“, schwärmt die kalifornische Bloggerin Kaitlin Deaver im Gespräch mit dieser Zeitung. „Das Erklimmen dieses steinernen Glatzkopfes mit der spektakulären Aussicht hinunter auf die Welt war auf meiner einer To do-Liste der Dinge, die ich einmal im Leben tun und erreichen wollte.“ So eine „Bucket-List“ mit den Träumen und Reisezielen, die einmal im Leben real werden sollten, ist seit Rob Reiners 2008er Filmerfolg „Das Beste kommt zum Schluss“ auch hierzulande ein Begriff. „Manche träumen davon, die Pyramiden in Ägypten, den Taj Mahal in Indien oder die Chinesische Mauer einmal mit eigenen Augen zu sehen“, meint Kaitlin: „Für mich war es eben die Spitze dieses ikonischen Felsens. Und ich schaffte sie – ganz allein!“

Noch um 1870 hielt der kalifornische Geologie-Professor Josiah Whitney den glatten Stein des Half Dome-Gipfels für schlichtweg unbezwingbar. 1875 schaffte es doch einer, der 26-jährige George Anderson, ohne irgendwelche adäquate Kletterausrüstung. Barfuß kletterte er, schlug einen Ringbolzen nach dem anderen in den Granit und hangelte sich an Seilen hoch. 1919 wurde dann das noch heute verwendete Seilgeländer installiert. So wurde die Spitze auch für weniger Todesmutige erklimmbar. In den letzten Jahrzehnten wurden es an schönen Tagen sogar allzu viele Tourengänger. Die Parkverwaltung musste den Ansturm reglementieren und auf 225 Personen pro Tag beschränken. Ein „Permit“ – zum Preis von ein paar Dollars – muss nun spätestens zwei Tage vor der geplanten Besteigung online eingeholt werden.

Grandiose Wasserfälle

„Es war ein unvergesslicher Trip: Ich startete um fünf Uhr morgens in Sacramento, wanderte ab halb zehn bis acht Uhr abends – und war erst um Mitternacht wieder zu Hause“ zieht die junge Frau Bilanz. „Macht bloß nicht meinen Fehler: Ich parkte meinen PW zwei Meilen vor dem letzten Parkplatz – und verlängerte so die ohnehin schon lange Wanderung noch um eine Stunde!“ Nachdem Kaitlin zügigen Schrittes durch die schattigen Wälder mit Redwood-Baumriesen bergauf gestartet war, hatte sie schon bald zu entscheiden: Den steilen „Mist Trail“ oder den bequemeren „John Muir Trail“ – halt etwas mehr als eine Meile länger. Kaitlin entschied sich für den „Hard-Way“, die harte Tour.

„Die Wasserfälle an den Felsen waren absolut grandios“, schwärmt sie, „das Wasser zerstob in feine Gischt und zauberte fantastischste Regenbogen.“ Nach fast sechs Stunden Bergsteigen und scheinbar endlosen Serpentinen eröffnete sich ihr dann aber eine phänomenale Aussicht, die für den anstrengenden Aufstieg entlohnte. Der riesige Gipfel-Granitbuckel rückt nun näher. „Am Fuße des blanken Felsens überprüft ein Park-Ranger mein Permit – und dann gings für die letzten 129 Höhenmeter an die Granitrampe, mit den Drahtseilen auf beiden Seiten. Meine Hände umklammerten die Kabel, als ob mein Leben davon abhinge … You know – vielleicht tat es das ja auch ...“

Und das Fazit zum Gipfelsturm? „Ein Wechselbad aus berauschend und furchterregend – so würde ich umschreiben, was ich zwischen den Drahtseilen fühlte. Ich war da auch nicht allein: da waren noch Personen unterwegs, die mich überholen – und andere, die auf ihrem Abstieg an mir vorbei wollten.“ Oben angekommen lag Kaitlin eine absolut atemberaubende Welt zu Füßen: Der Blick ging mehr als 1400 Meter fast senkrecht in die Tiefe, ins wilde, bewaldete Yosemite-Tal.

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Der Aufstieg ist nichts für zarte Gemüter

„Auch der Abstieg hat es in sich“, erzählt die Bergwandererin weiter. „Die Meisten hangelten sich von da oben rückwärts an den Seilen runter. Nachdem ich unten auf dem Plateau war, bekam ich einen Wadenkrampf und wälzte mich wimmernd auf dem Boden. Zum Glück kümmerte sich eine Bergsteigerin rührend um mich, massierte eine Salbe in mein Bein.“

Schließlich ging es wieder 13 Kilometer bergab. Aber in dem Adrenalinrausch, vom Gipfelerlebnis herrührend, war Kaitlin wie beflügelt. Unten gab es für sie in einem der Souvenirläden das nun passende T-Shirts mit der Aufschrift „I Made It To The Top“ – ich habe es nach oben geschafft.

Der Trip kann 14 Stunden dauern

Ein Tipp für Nachahmer? „Wasser dabeihaben, etwa drei Liter, und Verpflegung im Rucksack, gute Wanderschuhe, Handschuhe. Und zieht nach Möglichkeit noch vor Sonnenaufgang los, selbst wenn ihr in Naturparknähe einquartiert seid. Denn speziell im Frühling oder im Herbst, wenn die Tage eher kurz sind, gilt: Mit ein paarmal rasten kann der Trip bis 14 Stunden dauern.“ John Muirs lebenslange Faszination galt der vom Menschen unberührten Natur. In dieser offenbare sich das Göttliche besser als in der Bibel, fand er. Darum kehrte er der Zivilisation zeitweise den Rücken. Dann aber wollte er doch wieder ein „nützliches“ Mitglied der Gesellschaft sein; so pendelte er lange zwischen Wildnis und Zivilisation, bis ihm der Naturschutz den Spagat zwischen den beiden Bereichen ermöglichte.

Die Wildnis, die Pflanzen und Tiere kämen direkt aus der Hand Gottes – „unverdorben durch Zivilisation und Domestizierung“, war er der Auffassung. Muirs Ziel war es, die schönsten „Tempel der Natur“ vor dem Ansturm von Holzfällern, Schafherden und Bergbau zu retten. Politisch war dieses Anliegen aber nur durchsetzbar, wenn damit ein Nutzen für den Menschen verbunden werden konnte – in Form des Tourismus als dem „kleineren Übel“. 1890 erreichte er beim damaligen US-Präsidenten Theodore Roosevelt, nachdem dieser den Yosemite persönlich in Augenschein genommen hatte, die Unter-Schutz-Stellung des Naturparks.

Der „Vater des Naturschutzes“ in den USA

John Muir war 1838 im schottischen Dunbar in eine streng christliche Familie hineingeboren worden. Diese wanderte einige Jahre später in die Vereinigten Staaten aus. In seinem Buch „The Story of My Boyhood and Youth“ schilderte er, wie sein Vater ihn dazu anhielt, jeden Tag die Bibel zu lesen und ganze Passagen auswendig zu lernen. Als junger Erwachsener löste er sich von der rigiden Wort-Gottes-Auffassung der schottisch-presbyterianischen Kirche, doch prägte ein sakrales Vokabular immer noch seine Naturbeschreibungen. „Jeder Stein scheint vor Leben zu glühen“, schrieb er zum Beispiel in einer Eloge auf seinen Yosemite. Und in Büchern allein sei generell nicht die Essenz des Lebens zu finden, war er überzeugt. Schon als 34-jähriger notiert er sich: „Ein Tag in den Bergen ist besser als eine Wagenladung Bücher.“

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