Reise und Lebensart

Die Stadt am Himmel

Das Juwel in den brasilianischen Bergen ist aber auch dank seiner volkskundlichen und architektonischen Schätze ein faszinierendes Reiseziel. Von Karl Horat
Blick auf Ouro Preto
Foto: Luiza Magalhaes | Blick auf Ouro Preto; Foto: Luiza Magalhaes

Das Städtchen Ouro Preto, 1 170 Meter hoch in den Bergen des brasilianischen Bundesstaates Minas Gerais gelegen, ist ein Juwel. Das Gold der Minen, das die Stadt einst reich machte, ist zwar längst erschöpft. Aber sie birgt sie immer noch unzählige Schätze – architektonischer, kunsthandwerklicher und volkskundlicher Art. Es scheint, als wüssten selbst die uralten Kopfsteinpflaster tausend Geschichten aus vergangenen Zeiten zu erzählen.

Vila Rica, reiche Stadt, hieß die Ansiedlung zuerst. Zu Recht: Im 18. Jahrhundert gelangte sie zu fast unermesslichem Reichtum dank dem Gold, das hier im Jahre 1698 am Flüsschen Tripuí gefunden wurde. Und es prägte auch den späteren Namen: Ouro Preto – schwarzes Gold. Schwarz wegen der dunklen Verfärbung durch Eisenoxid, die das Edelmetall hier vor dem Schmelzen hatte. Zum Höhepunkt des Goldrausches um 1750 hatte Vila Rica 100 000 Einwohner und galt als die größte und reichste Stadt der Neuen Welt. In ihren Minen, die dem ganzen Bundesstaat Minas Gerais den Namen gaben, wurden neben Gold auch Diamanten und Topaz abgebaut. Von 1700 bis 1820 wurde die unglaubliche Menge von 1 200 Tonnen Gold gefördert, 80 Prozent der damaligen Weltproduktion. Das Gold wurde aber direkt nach Portugal abtransportiert – Brasilien war damals noch eine portugiesische Kolonie – und kam der Entwicklung des Landes kaum zugute.

Portugal, das damals als Seefahrernation in kurzer Zeit zu riesigen Kolonien rund um die Welt gekommen war, brauchte die militärische Hilfe Englands. Außen- und wirtschaftspolitisch geriet das Land in immer größere Abhängigkeit von den Briten. Letztendlich finanzierte das Gold von Ouro Preto wohl die industrielle Revolution in England. Da den ,Bandeirants‘ ihr Seelenheil an erster Stelle stand, bauten sie unverzüglich einfache Kapellen – die dann zu prächtigen Kirchen erweitert wurden. Was keineswegs bedeutet, dass in Vila Rica ein zutiefst christlicher Umgang geherrscht hätte: Begehrlichkeiten, Gier und Intrigen führten zu erbittertsten Kämpfen zwischen den einzelnen Goldgräbergruppen.

Die Türen zur Sakristei der Kirche Igreja do Carmo stehen weit offen. Mit einem Wink werden Touristen eingeladen, einzutreten. Unter Aufsicht von Professor Silvio Luiz de Oliveira sind vier junge Restauratorinnen dabei, zwei altehrwürdige Gemälde zu retten. Diese stellen die beiden wundertätigen Könige, den Heiligen Louis von Frankreich und den Heiligen Eduard von England, dar. Um die 250 Jahre alt dürften diese Gemälde sein. Geschaffen wurden sie von einem unbekannten Meister für die Kirche „Unserer Lieben Frau“ auf dem Berg Carmel hier in Ouro Preto. In der ambulant vor Ort eingerichteten Werkstatt in der Sakristei soll ihnen nun zu neuem Glanz verholfen werden. „Das ist kein ganz einfaches Unterfangen“, erläutert der Professor. Um ihre Werke gegen den nagenden Zahn der Zeit zu wappnen, überzogen die alten Meister ihre Bilder einst mit Firnis. Aber das dafür verwandte Leinöl alterte ebenfalls; die darin enthaltenen Fettsäuren oxidierten mit den Jahrzehnten und legten einen milchig-trüben Schleier auf die Malerei. Restauratoren früherer Zeiten machten es sich einfach: Mit Scheuersand wurden die eingetrübten Firnisse, die den Farben ursprünglich zu mehr Tiefe, Leuchtkraft und Glanz verhelfen sollten, heruntergewaschen. Oftmals – und so auch bei den beiden alten Gemälden hier – verformten sich dabei die Leinwände, warfen Falten und rissen. Die Farben verblassten – und das Nachmalen geschah ziemlich uninspiriert.

Juliana do Amaral Leopaci, eine Studentin der Kunstgeschichte, die hier als Praktikantin Erfahrungen in Konservierung und Restaurierung sammelt, erzählt: „Da ist feinste Millimeterarbeit gefordert. Unser heutiges Vorgehen beruht auf wissenschaftlichen Methoden – es wird aber auch nach ästhetischen Kriterien gearbeitet, wobei wir die ursprünglichen Intentionen des Künstlers nachzuvollziehen versuchen. Dem Gemälde soll das ursprüngliche, strahlende Aussehen zurückzugeben werden.“

In Ouro Pretos Stadtbild ist die Architektur der Kolonialzeit komplett erhalten. Sie kombiniert auf ganz eigene Art die europäisch inspirierte Bauweise des Barock mit dem damals neuen, brasilianischen Stil. Die gut erhaltene Altstadt zählt zum architektonisch Schönsten, was Brasilien zu bieten hat. Seit 1980 gehört sie zum Weltkulturerbe der UNESCO.

Das Stadttheater, übrigens das älteste Theater Brasiliens, wunderschöne Herrenhäuser und prachtvolle Kolonialpaläste mit verzierten Balkonen und überdachten Eingängen, barocke Brunnen wie der Chafariz dos Contos (der Märchenbrunnen) und gemauerte Brücken, sowie die alten Minen und das Mineralogische Museum versetzen die Besucher zurück in die große Vergangenheit der Stadt. Und um diese Bilderbuchstadt formen die sattgrünen Berghänge mit dem Pico do Itacolomi einen prächtigen Rahmen.

Natürlich sind es vor allem die barocken Kirchen Ouro Pretos, die zu einem Besuch einladen. Die Igreja de Sao Francisco de Assis wurde von Antonio Francisco Lisboa, genannt Aleijadinho, erbaut und ist ein herausragendes Beispiel für den Barock in Minas Gerais. Reizvoll ist hier vor allem das für uns Europäer ungewohnte Deckengemälde, eine Mischung aus Herzen, Engeln und Heiligen in typisch brasilianischer Darstellung. Der Hauptaltar überrascht durch das sympathische und menschliche Auftreten der von Aleijadinho geschaffenen Figuren.

Heute bringt nur der Tourismus Geld in die Stadt

Die noch ältere Igreja Nossa Senhora do Rosário lädt den Besucher zu einem Spaziergang in ihren barocken Kreuzgang. Die Igreja de Santa Ifigenia wurde der Legende nach von Chico Rei erbaut. Diesem versklavten afrikanischen Stammesfürsten gelang es offenbar, sich und seine mitgefangenen Gefährten freizukaufen – mit Gold, das er aus der Mine Encardideira schmuggelte. Und schließlich erwarb er die ganze Mine und wurde zum Kirchenerbauer. Sein alter Stollen kann heute noch besucht werden. Ein Geheimtipp: Vor seinem Eingang hat man eine fantastische Aussicht auf die Stadt. Seit es mit dem Gold vorbei ist, bringt nur noch der Tourismus Geld in die Stadt. Für deren Bewohner ist das Leben quasi in einem Museum nicht immer einfach. Die Behörden wachen rigide darüber, dass keine modernen Elemente in die Quartiere eingebracht werden. Jedes der Häuser hier ist in seiner Struktur mindesten zweihundert Jahre alt – und darf nur stilgerecht renoviert werden. Von einem großen Supermarkt kann höchstens geträumt werden.

Natürlich fehlt es nicht an einladenden Gaststätten: Da wäre zum Beispiel die „Barroco Bar“, um mal eine besonders schöne hervorzuheben. Aber auch Märkte mit den Produkten, die typisch sind für die Region, gibt es reichlich: Honig, Käse und Cachaça, der Zuckerrohrschnaps aus Kleinbrennereien, werden dort angeboten. Das Klima in Minas Gerais wird als ,tropisches Höhenklima‘ bezeichnet. Die mittlere Jahrestemperatur beträgt 17 Grad Celsius. Die Anreise erfolgt via Belo Horizonte (mit internationalem Flughafen, 100 Kilometer entfernt) oder Rio de Janeiro (400 Kilometer entfernt) mit direkten Bussen. Belo Horizonte ist allerdings eine moderne Stadt ab dem Reißbrett. Sie hat keine historischen Viertel oder alte Kirchen aufzuweisen und kann deshalb nicht mit dem Charme des Bergstädtchens Ouro Preto mithalten.

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