Die lebende Krippe: Weihnachten in Italien

Die Stadt Matera im Süden Italiens sieht aus wie Bethlehem zu Zeiten Jesu. Seit sieben Jahren werden dort zur Weihnachtszeit Szenen rund um die Geburt Christi nachgestellt. Von Karl Horat
Matera in Süditalien
Foto: Horat | „Es war aber kein Platz in der Herberge...“ – Matera in Süditalien hätte in diesem Fall eine Unterkunft in den „Sassi“ anzubieten, den uralten Tuffsteinhöhlen im Rione Casalnuovo.

Lange können wir nicht stehenbleiben – im Gespräch mit den drei Weisen aus dem Morgenland. Die prächtig gewandeten Könige rasten für einen Moment an der Felswand in einer Biegung des gepflasterten Weges. Das Gedränge entlang dem Geländer über dem dunklen Abgrund ist groß. „Seguire la stella“ – „Folgt einfach dem Stern!“, empfiehlt uns König Baldassare noch. Schon schiebt das nachströmende Fußvolk weiter auf dem gewundenen Pfad den felsigen Hang entlang. Jetzt, bei Einbruch der Dunkelheit, sind alle Laternen angegangen, so dass die Route stimmungsvoll beleuchtet ist. Und tatsächlich leuchtet in der Ferne ein Komet der scheint zwar eher irdischer Machart zu sein.

Matera kann nichts dafür: Es sieht einfach aus wie Bethlehem in Palästina zu Zeiten Jesu. Ober anders ausgedrückt: Es sieht aus, wie man sich die Geburtsstadt vom Christkind im Heiligen Land immer vorgestellt hat – geprägt von Bildern und Krippenlandschaften, die einen schon als Kind verzauberten. Zu finden ist Matera quasi an der Sohle des italienischen Stiefels. Wenn Apulien die Ferse bildet und Kalabrien die Stiefelspitze, ist die Region Basilikata mit den Städten Potenza und Matera dazwischen eingeklemmt. Sie war und ist eine der am dünnsten besiedelten Regionen Italiens – und eine der ärmsten dazu. Die karstige Gebirgslandschaft rund um die Hügelstadt hat landwirtschaftlich noch nie viel hergegeben. Die Felshöhlen oberhalb des tiefen Gravina-di-Matera-Tals, die „Sassi“ wurden aber wohl schon vor neuntausend Jahren bewohnt, schätzen Archäologen. Und sie blieben es bis in die 1960er Jahre hinein.

Kulturbeflissene beeindruckt die beinahe orientalisch wirkende Stadt auf dem Berg mit ihren uralten unterirdischen Felsenkirchen. Schon 1993 wurden diese in die Weltkulturerbe-Liste der UNESCO aufgenommen. Und die Europäische Union will Matera nun auch den Titel der italienischen „Kulturhauptstadt Europas 2019“ zugestehen. 2004 kam Hollywood: Mit Mel Gibson wurde hier die „Passion Christi“ gedreht. Und seither ist Matera weltberühmt. Zahlreiche Regisseure haben seitdem ihre Filme ebenfalls hier in Szene gesetzt. Jüngst hat Cyrus Nowrasteh seinen Streifen „Der junge Messias“, der soeben in die Kinos kam, hier in Matera realisiert.

Seit 2010 – also nun bereits zum siebten Mal – werden zur Weihnachtszeit Szenen rund um die Geburt Christi nachgestellt. Entlang des speziell beleuchteten Weges erwarten die Besucher aufwendig gestylte und munter agierende biblische Gruppen in historischer Gewandung. Über 300 Teilnehmende stellen im Krippenspiel Presepe Vivente das Leben im biblischen Bethlehem des Jahres Null dar. Die Beamten der Volkszählung, die militärische Ordnungstruppe, die Märkte und Tavernen, ältere Frauen und Männer, die auf einem Bänkchen sitzend ihre Handarbeiten machen und ein bisschen tratschen: Das echte Bethlehem scheint in Italien zu liegen.

Hätte der Engel nicht diese irritierend weißen Styropor-Flügel umgeschnallt: Die Szene in der Grotte von Christi Geburt wäre beinahe magisch. Es ist, als ob all die gezeichneten, gemalten, modellierten und geschnitzten Krippen-Ensembles, die man in seinem Leben schon gesehen hat, sich für einen Moment zu einer realen Szene um das menschgewordene Christuskind fügen würden – und sie berührt irgendwo tief im Innersten.

Bereits 1964 hat der Regisseur Pier Paolo Pasolini in Matera seinen Film „Das erste Evangelium nach Matthäus“ gedreht. Hier in der Region hatte er die archaische Kulisse – und in der Bevölkerung jene urtümlichen Komparsen gefunden, die ihm für diesen Film vorschwebten. Anstelle von Dialogen eines Drehbuch-Autors verwendete er nur die Worte des Matthäus-Evangeliums. Der puristische, in Schwarz-Weiß gedrehte Film von Pasolini, der schon zu der Zeit als Atheist und Homosexueller verschrieen war, sorgte selbst im Vatikan für sprachloses Staunen.

Der Schriftsteller Carlo Levi (1902–1975) kam 1935 als Verbannter des faschistischen Regimes in die Region, ins benachbarte Aliano. Noch während des Zweiten Weltkriegs schrieb er, Cristo si e fermato a Eboli‘, Christus kam nur bis Eboli. Das Buch gilt als explizites literarisches Zeugnis der Situation des Mezzogiorno, des italienischen Südens, zu jener Zeit. Es enthält eine direkte und leidenschaftliche Schilderung des Zustandes dieses armen und rückständig gebliebenen Landstriches. Der Roman wurde in mehr als 30 Sprachen übersetzt. Zum Weltruhm verhalf ihm dann 1979 die Verfilmung von Francesco Rosi, mit Gian Maria Volonté und Irene Papas in den Hauptrollen. Eine der ergreifendsten Passagen des Romans ist die Beschreibung des Höhlenviertels in der Nachbarstadt Matera und die Schilderung, wie es damals da aussah: „In den schwarzen Löchern mit Wänden aus Erde sah ich Betten, elenden Hausrat und hingeworfene Lumpen. Auf dem Boden lagen Hunde, Schafe, Ziegen und Schweine. Jede Familie verfügt nur über eine solche Höhle, und darin schlafen alle zusammen, Männer, Frauen, Kinder und Tiere. So leben tausende Menschen ... Ich habe noch nie ein solches Bild des Elends erblickt!“

Nicht zuletzt unter dem Eindruck dieses Buches empfand nun Italien die Höhlenwohnungen in Matera als eine nationale Schande. Die „Sassi“ wurden in den 60er Jahren evakuiert und die Bewohner in neu erstellte Stadtteile zwangsumgesiedelt. Der größte Teil der Anlage wurde abgesperrt, sich selbst – und dem Zerfall – überlassen.

Aber ab Ende der 1980er Jahre realisierte man den Wert der urtümlichen „Sassi“ und begann sie wieder zu schätzen. Sie wurden restauriert und teilweise neu ergänzt. Im Jahr 1993 inspizierte die UNESCO der Kulturhöhlen, stellte sie unter Denkmalschutz und erklärte sie zum Weltkulturerbe. Und inzwischen hat sich dort, wo Carlo Levi noch Dantes Inferno und das Halbrund der Vorhölle vermutete, ein buntes Völkchen von Lebenskünstlern installiert, welches sich die Höhlen chic einrichtet.

Das Erstaunliche ist, dass die „Sassi“ – im Gegensatz zu vielen anderen historischen Altstädten in Europa – nicht durch Immobilienspekulation kaputtsaniert oder in ein „antikes“ Disneyland verwandelt wurden. Der Großteil davon ist inzwischen im Eigentum der Stadt. Diese versucht, mit verschiedenen Finanzierungsplänen Mieter zu locken. Wer bereit ist, Räume in den Sassi-Höhlen zu sanieren, kann mit Subventionen und günstigen Bankkrediten rechnen. Zahlreiche dieser Unterkünfte etablierten sich neu – nun als komfortable und hygienische Wohnungen. Oder sie wurden zu „originellen“ (will sagen teuren) Hotels gestylt, andere zu Restaurants, Bars, Souvenirshops oder Weinläden hergerichtet. Denn als Weinregion genießt das Gebiet hohes Ansehen – der Matera Primitivo ist begehrt. Und so kehrt nach und nach das Leben in die Rione Casalnuovo zurück. Bloß etwa ein Drittel der Sassi dämmern noch ohne neue Bestimmung dahin.

So hält die Bergstadt mit 60 000 Einwohnern außer der lebendigen Krippe für Besucher noch viel zum Entdecken bereit: Nicht nur zahlreiche Kirchen und elegante Palazzi, sondern auch einzigartige, verträumte Winkel wie aus einer anderen – biblisch anmutenden – Zeit.

Tourismus-Büro: Informazioni turistiche Matera, Piazza Vittorio Veneto 39, Tel. +39 0835 680254

Parkplätze für PKW: Via Saragat, Piazza della Visitazione, Piazza Matteotti, Parkplatz vor dem Palazzo di Citta, Via Pasquale Vena.

Der Heiligabend am 24. Dezember – La Vigilia di Natale – ist für die Italiener von eher untergeordneter Bedeutung: Weihnachten wird am 25. Dezember gefeiert und ist der wichtigste Feiertag im Jahresverlauf; der Tag, an dem im Kreis der Familie die Ankunft des Jesus-Kindes (Gesu Bambino) gefeiert wird. Da besuchen sich die Familien und Verwandten, kochen, essen und feiern zusammen und tauschen Geschenke aus.

Die Kinder warten ungeduldig auf den Weihnachtsmorgen am 25. Dezember, um zu schauen, ob ihnen der Babbo Natale – ein bärtiger alter Mann, der auf seinem Schlitten dahinsaust – all die Geschenke gebracht hat, welche sie bereits Tage oder Wochen zuvor auf Briefchen geschrieben haben. Unter dem Baum in Italien steht die Krippe, Presepe, welche die Geburt Christi darstellt. In ganz Italien sind zahlreiche Krippenausstellungen zu bestaunen, wovon jene von Napoli (Neapel) die eindrucksvollsten sind.

„Weiße Weihnachten“ liegt zwar nicht in der Erwartung der meisten Italiener – Schnee zu Weihnachten wäre eher Zufall. Trotzdem finden italienische Kinder Weihnachten eine wunderschöne Zeit: Die Schulen haben geschlossen, meist vom 23. Dezember bis zum 6. Januar. Viele Familien nutzen die freien Tage, um in die Berge zu fahren, in die Dolomiten, den Apennin oder die Abruzzen für einen kurzen Skiurlaub. Wohl darum ist diese Ferienwoche als „Settimana bianca“, als „weiße Woche“ populär.

An den Feiertagen lassen es sich die Italiener richtig gutgehen – vor allem beim Essen – und sie genießen das Leben. Es werden Süßigkeiten wie der köstliche Panettone (Kuchen oder süßes Brot mit Rosinen – ursprünglich aus der Region Mailand) oder Pandoro und viele andere traditionelle, regionale Leckereien aufgetischt und verspeist.

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