Lebensart

Die Hofburg tanzt – leider wieder nicht

Der Lockdown in Österreich hat auch Auswirkungen auf die Wiener Ballkultur: Nun steht fest, dass auch die gerade im katholischen Milieu sehr beliebte „Rudolfina Redoute“ nicht stattfinden wird.
Eröffnungstanz bei der Rudolfina Redoute
Foto: Andreas Lepsi/Robin Consult | Die Rudolfina Redoute ist ein bedeutendes gesellschaftliches Ereignis weit über Wien hinaus.

Ja, ich bin sehr enttäuscht“. Oliver Hödl macht kein Hehl daraus: Dass die Rudolfina Redoute nach 2021 auch 2022 nicht stattfinden wird, tut ihm in der Seele weh. Der 39-Jährige ist als Chef des Organisationskomitees besonders betroffen. Bis zuletzt hat er auch in diesem Jahr viel Zeit und Herzblut in die Vorbereitung „seines“ Balles gesteckt. Für Hödl ist die Absage eine traurige Pflicht: Das Risiko und die Belastung stiegen zuletzt jeden Tag weiter an. Jetzt war der Punkt erreicht, wo die Rudolfina und ihr Ballkomitee aktiv handeln wollten, um nicht zu spät dran zu sein.

Wiener Nobelball

Ein Wiener Nobelball in der Hofburg, das ist nun einmal kein Kaffeekränzchen, wo mit drei Anrufen alles erledigt ist. Eine Balleröffnung mit rund 30 Paaren, diversen Orchestern, Showeinlagen, Sicherheitskonzepten, Rahmenprogramm und vielem mehr. Das ist ein gewaltiger Aufwand, der bei der katholischen Studentenverbindung rein ehrenamtlich geschultert wird. „Unter den großen Bällen sind wir der einzige, bei dem das so ist“, erzählt Hödl. Obwohl auch andere Wiener Bälle von Organisationen mit ehrenamtlichen Vorständen getragen werden, die natürlich auch viel Arbeit investieren, stehen dort auch hauptamtliche Mitarbeiter zur Verfügung. Das entlastet im Alltag natürlich massiv.

Auf moderaten Verlauf gehofft

Mit der Verschlechterung der Umstände in der Pandemie wurde sukzessive auch die Anzahl jener Bälle, die noch davon ausgingen, auch wirklich stattfinden zu können, weniger. Die ersten, wie etwa der berühmte Jägerball des Grünen Kreuzes, gaben die Absage bereits im Herbst bekannt. Die Rudolfina wollte damals noch weitermachen. „Dahinter stehe ich auch voll und ganz“, sagt Oliver Hödl im Brustton der Überzeugung. Man habe auf einen moderateren Verlauf der Infektionen gehofft, auf eine erfolgreichere Impfkampagne und eine allgemeine Entspannung der Lage. Lange Zeit sah es auch nicht schlecht aus, doch die nun aufgetauchte Omikron-Variante und die verbundenen Prognosen der Experten haben dem nun den Garaus gemacht. Zwar gab es noch keine ministerielle Weisung, dass Bälle abzusagen wären, doch die Planungssicherheit, wie die Lage in drei Monaten aussehen könnte, schien nicht mehr auszureichen.

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Für ein Großereignis wie einen Ball, der in geschlossenen Räumen stattfindet, war nicht mehr damit zu rechnen, dass sich signifikante Erleichterungen einstellen würden. Das ist operationell aber ein Problem – das schon beim Einlass beginnt: Wo andere Bälle bezahlte Kartenabreißer aufstellt, setzt Rudolfina aktive Studenten aus den eigenen Reihen ein. Diese führen die Einlasskontrolle durch, weisen die Gäste ein und sind sozusagen das Empfangskomitee am Haupteingang zur Hofburg.

Enormer Testaufwand

Was schon normalerweise ein unglaubliches Gedränge ist, müsste in diesen Zeiten mit zusätzlichen Kontrollen stattfinden. „Wir gehen davon aus, dass im Frühjahr österreichweit zumindest 1G+ oder 2G+ als Zutrittsvoraussetzung gelten wird. Das würde bedeuten, dass jeder Gast zusätzlich noch PCR-getestet sein muss. Das ist an sich schon ein enormer Aufwand für jeden, aber darüber hinaus für unseren Termin am Montag noch schwieriger, da die Testmöglichkeiten am Wochenende eingeschränkt sind“, erläutert Hödl.

Das sei aber nur eines der vielen Probleme. Eine Ballsaison lebt auch davon, dass viele Bälle stattfinden. Natürlich habe man, wie andere auch, darauf gehofft, dass bei einer Absage vieler Bälle die übrig bleibenden bei Ballgehern besonders hoch im Kurs stünden. Unter den gegebenen Umständen sei aber durchaus zu befürchten, dass keine Stimmung aufkäme.

Schwerer wiegen aber durchaus wirtschaftliche Überlegungen. Zum einen aus Sicht der Organisatoren. Die Hofburg ist in der Ballsaison üblicherweise gut besucht und die Veranstalter der berühmtesten Bälle kooperieren miteinander – im Rahmen des sogenannten „Wiener Nobelballkomitees“. Das führt auch dazu, dass gewisse Kosten geteilt werden können. Je weniger Bälle stattfinden, desto mehr muss der Einzelne schultern.

Pandemie bringt Zusatzkosten

Dazu kommen Zusatzkosten im Rahmen der Pandemie, zusätzliche Sicherheitskonzepte und natürlich auch das Ausfallsrisiko – falls die Lage sich nicht entspannt. Hödl erinnert sich: „Als wir im Herbst 2020 die Redoute für 2021 absagen mussten, haben manche noch halbernst gehofft, dass wir dann am Balltermin selbst eine kleine Ersatzveranstaltung durchführen könnten.“ Stattdessen war ganz Österreich bis in den Frühsommer hinein in einem harten Lockdown, erst nach Ostern wurden die Regeln vorsichtig gelockert. „So kann man sich täuschen“, meint Hödl dazu. Das sei aber auch eine Lehre gewesen, dass man eben nicht abschätzen könnte, wie sich die Lage entwickelt. Der Ballchef empfindet allerdings tiefe Dankbarkeit. „Besonders unsere Stammgäste haben für die Redoute erstaunlich schön gebucht. Da haben wir auch eine Verantwortung empfunden: Ihr haltet zu uns, gerade in schwierigen Zeiten – das ist herzerwärmend.“ Umso mehr wollte man aber auch Planungssicherheit geben. Wer kann heute schon abschätzen, ob im Frühjahr in Wien die Hotels offen haben oder nicht?

Viele internationale Gäste

Angesichts eines hohen Anteils internationaler Gäste ein nicht zu vernachlässigender Faktor. Immerhin: Im katholischen Milieu nicht nur Wiens, sondern ganz Mitteleuropas, gilt die Rudolfina Redoute seit vielen Jahren als Vernetzungsort und als gesellschaftlicher Höhepunkt. So besuchten etwa der damalige Bundeskanzler Sebastian Kurz, die Buchautorinnen Eva Demmerle und Birgit Kelle, Innenstadt-Bezirksvorsteher Markus Figl, der spätere Bundespräsident Thomas Klestil, Gemeindebund-Präsident Alfred Riedl, Ex-Minister Werner Fasslabend, Industriellenvereinigungs-Generalsekretär Christoph Neumayer, Dompropst Ernst Pucher (Stephansdom Wien), Prälat Petrus Stockinger (Propst des Stifts Herzogenburg) und noch viele andere oft und gerne den wahrscheinlich buntesten Nobelball Wiens.

Eine Attraktion weit über Österreichs Grenzen hinaus: Mitglieder der römischen Verbindung „Capitolina“ (deren Gründungsurkunde aus den 1980er Jahren die Unterschrift eines gewissen Kardinal Ratzinger trägt), die Straßburger „Robert Schuman Argentorata“, katholische Studentenverbände aus Flandern, Polen, Ungarn, der Schweiz oder der Ukraine – sie alle reisen üblicherweise extra für diesen Ball nach Wien. Damit ist die Rudolfina Redoute neben dem Ball der Atomenergiebehörde, die ihren Sitz in Wien hat, wohl auch der internationalste Ball der österreichischen Hauptstadt. Rund ein Drittel der Gäste käme aus dem Ausland, schätzt Ballvater Hödl.

Zeit zum Nachdenken

Der einst zum Studium an der Technischen Universität nach Wien gekommene Steirer ist allerdings Optimist und versucht, positive Seiten zu sehen. Die Zeit, die man sonst in die konkreten Ballvorbereitungen gesteckt hätte, habe man nun anders einsetzen können, etwa in die Etablierung eines hochmodernen Buchungssystems, zu dem die Rudolfina den Anstoß gab und bei dem mehrere Nobelbälle kooperiert haben. Und: „Wir hatten Zeit zum Nachdenken“, so Hödl. Worüber? „Was wir bei der Redoute 2023 machen wollen.“

Da steht nämlich ein Jubiläum an: Die 1898 gegründete Rudolfina wird dann nämlich 125 Jahre alt. Ein guter Grund, sich für den dann hoffentlich stattfindenden Ball einige besondere „Schmankerl“ einfallen zu lassen. Oliver Hödl ist jedenfalls guter Dinge: Er freut sich schon auf die Rudolfina Redoute 2023. Ein Grund mehr, den Rosenmontag 2023 bereits jetzt in Gold-Weiß-Rot, den Farben der Rudolfina (eine Verschmelzung der österreichischen Trikolore mit den vatikanischen Farben), im Kalender zu markieren.

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