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Das Geschäft mit einem Jakobsweg „light“

Ein Reiseveranstalter bietet erfolgreich eine „komfortable“ Version des Jakobswegs für wohlhabende Pilger an.
Auf dem Jakobsweg
Foto: Copyright: xDreamstimexPsinyoung (www.imago-images.de) | Der Jakobsweg hat sich zu einem wichtigen Wirtschaftsmotor für die spanische Region Galicien entwickelt.

Seit dem Ende der 1970er Jahre erlebt der Jakobsweg einen bemerkenswerten Aufschwung, wozu auch die Besuche von Papst Johannes Paul II. in den Jahren 1982 und 1989 wesentlich beitrugen. In Santiago de Compostela rief er im Rahmen einer großen „Europa-Feier“ den alten Kontinent dazu auf, „seine Wurzeln wiederzubeleben“. 1987 erklärte der Europarat den Jakobsweg zum ersten europäischen Kulturweg. Zu dieser Zeit wurden rund 3.000 Pilger pro Jahr registriert. Bis 2003 stieg die Zahl jedoch auf über 74.000, und im Heiligen Compostelanischen Jahr 2004 – ein solches wird begangen, wenn der Festtag des heiligen Jakobus am 25. Juli auf einen Sonntag fällt – waren es bereits 179.932 Pilger. Im Jahr 2023 erreichte die Zahl der Pilger gut 446.000.

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Der Jakobsweg hat sich zu einem wichtigen Wirtschaftsmotor für die spanische Region Galicien entwickelt. Obwohl die Pilger direkt nur 2,3 Prozent der touristischen Ausgaben ausmachen, ist ihre wirtschaftliche Wirkung weitaus größer. Laut der Studie „Sozioökonomische Auswirkungen des Jakobswegs“ der Universität Santiago de Compostela in Zusammenarbeit mit „Turismo de Galicia“ hat jeder Pilger, der die „Plaza del Obradoiro“ erreicht, denselben wirtschaftlichen Effekt wie 2,3 konventionelle Touristen.

Komfortable Pilgerreisen als Marktlücke

Ein anschauliches Beispiel für die wirtschaftliche Nutzung des Jakobswegs ist das Unternehmen „Santiago Ways“, das von Joseba Menoyo (35) aus Bilbao gegründet wurde. Menoyo erkannte 2016 eine Marktlücke, als er für seinen Vater eine komfortable Pilgerreise organisieren sollte. Denn Menoyo senior wollte sich zwar auf den Jakobsweg machen, jedoch öffentliche Herbergen meiden. Menoyo junior, damals 27 Jahre alt und im Banksektor tätig, stellte fest, dass es „einen ungedeckten Bedarf für wohlhabendere ältere Menschen gab, die den Komfort von Hotels bevorzugten und Schwierigkeiten hatten, den nötigen Papierkram zu erledigen.“

Er entwickelte eine Plattform, die Dienstleistungen wie Hotelbuchungen, Gepäcktransport, 24-Stunden-Betreuung und Notfallhilfe vereinte. Das Konzept fand schnell großen Anklang, insbesondere bei nicht-spanischen Kunden, die etwa 80 Prozent seines Portfolios ausmachen. Eine einwöchige Wanderung auf dem Jakobsweg kostet rund 1.200 Euro, und die gesamte Strecke von Saint-Jean-Pied-de-Port in Frankreich nach Santiago de Compostela kann zwischen 3.500 und 5.000 Euro kosten. Im Jahr 2023 erzielte das Unternehmen einen Umsatz von 19 Millionen Euro.
„Die Art und Weise, den Camino zu gehen, verändert sich, er ist nicht mehr nur ein religiöses Motiv, sondern ein allgemeines spirituelles Motiv. Das hat den Tourismus in diesem Teil Spaniens stark gefördert“, erklärt Menoyo.

Pandemie schafft Grundstein für zweites Unternehmen

Die Corona-Maßnahmen brachten den Unternehmer im Jahr 2020 in Bedrängnis. Obwohl er auf einen Umsatz von zehn Millionen Euro gehofft hatte, konnte er am Ende nicht einmal eine Million einnehmen. Die Zeit zu Hause und das Bedürfnis, sich neu zu erfinden, legten jedoch den Grundstein für sein zweites Unternehmen. Mit „Orbis Ways“ gründete Menoyo eine zweite Firma, um die Dienstleistungen seines ersten Unternehmens auf verschiedene Routen in Europa auszuweiten. Zu seiner Überraschung stellte er fest, dass die Kategorie Wanderurlaube bereits vor Covid-19 ein gutes Wachstum aufwies, aber mit dem Ausbruch der Pandemie massiv an Popularität gewann. Deshalb beschloss er, sich auf den EU-Markt zu konzentrieren. „Wir wussten, dass es Konkurrenten gab, die seit 25 Jahren am Markt waren, also beschlossen wir, Preise anzubieten, die drei Prozent günstiger waren als die unserer Konkurrenten. Bei Reisen von 3.000 oder 4.000 Euro ist das ein erheblicher Unterschied“, erklärt Menoyo.

„Am Anfang war ich nur ein weiterer Reiseveranstalter, der in einem Hotel buchte, um diesen Platz an meine Kunden weiterzuverkaufen. Aber jetzt rufen mich Hotelunternehmen an, um mit mir zusammenzuarbeiten“, erzählt er. „Die Unterkünfte, die wir suchen, schätzen unsere Art von Kunden sehr, weil es sich um Kunden mit einem mittleren bis hohen sozioökonomischen Niveau handelt, die auch viel zusätzlichen Konsum für sie generieren“, fasst er zusammen.

Orbis Ways, seine zweite Marke, erwirtschaftete im Jahr 2023 rund sechs Millionen Euro. „Nach einem hervorragenden Jahr 2023 erwarten wir in den nächsten zwei Jahren ein Wachstum von 20 bis 30 Prozent, um 2024 einen Umsatz von 30 Millionen Euro und 2025 von 35 Millionen Euro zu erreichen“, sagt Menoyo. Er erklärt, dass Ausflüge in die Natur in Mittel- und Nordeuropa tief verwurzelt sind, und in Spanien allmählich an Stärke gewinnen. Das Unternehmen verfügt laut Menoyo über 40 mehrsprachige Mitarbeiter, die die Kunden auf Englisch oder Deutsch betreuen. 

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