Mobilität

Das 9-Euro-Ticket im Selbstversuch

Mit dem Nahverkehr durch Deutschland. Der Verfasser hat es ausprobiert. Es gab keine Überraschungen.
9 Euro- Ticket
Foto: IMAGO/Gottfried Czepluch (www.imago-images.de)

Das „9-Euro-Ticket“ macht seit Monaten Schlagzeilen. Um den von hohen Spritpreisen belasteten Pendlern entgegenzukommen, beschloss das Kabinett, den ÖPNV zeitweilig so stark zu subventionieren, dass er in diesem Sommer quasi zum Spottpreis von 9 Euro pro Monat oder 30 Cent pro Tag genutzt werden kann. Preise wie vor 50 Jahren. Nun ist es aber so, dass die großzügige Offerte der Politik nicht nur den ÖPNV einer Stadt umfasst, sondern den gesamten Nah- und Regionalverkehr in Deutschland.

Das heißt: Durch Kombination der Angebote verschiedener regionaler Verkehrsbetriebe kann der „9-Euro-Ticket“-Inhaber von Flensburg bis Passau durchbummeln. Oder von Berlin nach Kempen am Niederrhein. Diese Strecke nehme ich am 2. Juni um 5 Uhr morgens in Angriff, die Warnungen meines sozialen Umfelds im Ohr, die in etwa darauf hinauslaufen, das Ganze sei ja schon ziemlich überambitioniert. Oder auch verrückt. Doch wenn die Politik den kleinen Leuten ein hochmoralisches Angebot macht, sollte man es annehmen. Schließlich schont das „9-Euro-Ticket“ nicht nur den Geldbeutel, sondern auch das Klima. Ironie am Rande: Genau vor 31 Jahren – am 2. Juni 1991 – fuhr der erste ICE, damals von Hamburg nach München. Nun also mit der Regionalbahn von Berlin nach Kempen.

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Gute Planung ist alles ... ... oder beinahe

Das Wichtigste bei einer solch abenteuerlichen Tour ist die Planung. Nutzt man nur den Regionalverkehr, stehen einem bei einer Deutschlandtour diverse Optionen zur Verfügung. Zwischen neun und zehn Stunden soll die Reise dauern. Bevor ich die kürzeste Verbindung wähle, schaue ich auf die Umstiege. Bei der schnellsten Verbindung sind es acht an der Zahl. Acht Möglichkeiten, den Anschluss zu verpassen und dann irgendwo in Sachsen-Anhalt zu stranden. Nichts gegen Sachsen-Anhalt, doch das Risiko ist mir zu groß. Ich entscheide mich für die zwar längere (zehn Stunden), dafür aber risikoärmere Route mit „nur“ halb so vielen Umstiegen.

Von Berlin geht es nach Magdeburg, von dort nach Braunschweig, weiter nach Osnabrück, dann bereits nach Düsseldorf und schließlich nach Kempen. In der Thomasstadt muss ich dann noch einen Bus nehmen, um in mein Heimatstädtchen Straelen, das an der holländischen Grenze liegt, zu gelangen, aber das müsste ich auch, nähme ich den Vier-Stunden-ICE von Berlin nach Düsseldorf. Soweit die Planung – mit der man bekanntlich den Zufall durch den Irrtum ersetzt.

Am Reisetag stehe ich morgens um halb fünf auf, fahre mit der S-Bahn zum Berliner Hauptbahnhof und bin überpünktlich am Gleis. An mir soll es nicht liegen. Das vor uns liegende lange Pfingstwochenende gilt als erster Stresstest für die Bahn. Zwei Probleme sieht die Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft: Rollstühle und Fahrräder. In der Tat: Das Bummelzug-Reisen ist für „mobilitätseingeschränkte Fahrgäste“ (DB Regio) schwierig.

In der Regionalbahn von Berlin nach Magdeburg ist das rollstuhlgerechte WC ausgefallen. Und für Fahrräder ist nur begrenzt Platz. Schon mit meinem Reisekoffer ernte ich zwischen all den Pendlern in Arbeitsmontur manchen bösen Blick. Das Verstauen des Gepäcks ist nicht so einfach. In die Fächer über den Sitzen passt höchstens eine Laptoptasche oder ein kleiner Rucksack. Größere Koffer stehen dann meist im Flur, was aus Sicherheitsgründen nicht geht, oder neben dem Sitz – und nehmen so einen Sitzplatz weg. Ich quetsche den Koffer unter den Sitz – geht. Wir rollen in Magdeburg ein, in die Stadt Mechthilds. Norbert von Xanten war hier Bischof. Immerhin schon einmal ein Hauch von Niederrhein. Das gibt etwas Kraft für die noch vor mir liegende Fahrt.

Richtig umsteigen

Man muss bei den zahlreichen Umstiegen darauf achten, dass man am richtigen Halt innerhalb der Stadt aussteigt, nicht immer ist das der Hauptbahnhof. In Magdeburg hingegen schon. Weiter geht es nach Braunschweig. Früher hing hier mitten auf der Strecke ein eiserner Vorhang, heute braucht man etwas mehr als eine Stunde für den Transfer in den Westen. Es ist eine bequeme Fahrt, es gibt sogar schnelles WLAN, mitten in Sachsen-Anhalt. Man lernt Orte kennen, die Niederndodeleben, Schandelah oder Ovelgünne heißen. Und trotzdem über einen Bahnhof verfügen.

In Braunschweig steige ich gut gelaunt in den Zug nach Osnabrück ein, das dritte Teilstück wartet darauf, in Angriff genommen zu werden. Es geht alles erstaunlich gut. Zu gut.

Lost in Bückeburg, lost in Löhne

Kurz vor Minden gibt es Probleme: Eine Oberleitung ist gestört. Weiter gehe es, so die lapidare Information des Zugbegleiters, ab Bückeburg mit dem Schienenersatzverkehr (SEV). Bis nach Löhne. In Bückeburg herrscht Chaos. Die wahrscheinlich größte Menschenansammlung der Stadtgeschichte wartet. Wann kommen die Busse? Die bange Frage wird bald durch eine andere ersetzt: Kommen Busse? Irgendwas? Seitens der Bahn null Vorbereitung.

Keiner weiß was. Ein vergilbter Miniplan im Schaukasten zeigt den Standort des SEV an, das ist alles. Dort also soll er kommen. Wir warten. 20 Prozent der geplanten Zeit war ohnehin fürs Warten an Bahnhöfen vorgesehen – diese Quote erhöht sich jetzt analog zum Ölpreis.

Nach einer Stunde kommt er dann doch, der SEV. Die Massen drängeln sich, etwa die Hälfte kommt mit, das Schicksal der Anderen muss an dieser Stelle offen bleiben. Eingezwängt in den Bus juckeln wir die Stationen entlang der momentan stillgelegten Strecke ab – von Minden bis Löhne. Die Leute sind leicht verärgert. Ich auch. Der Tiefpunkt der Stimmungslage wird erreicht, als sich der Busfahrer meldet. Das Navi habe ihn falsch geführt. Ich hatte mich schon über die kommunale Planungsbehörde gewundert, die so dreist war, den Bahnhof von Bad Oyenhausen in ein Industriegebiet zu verlagern. Eine gute Stunde dauert die Fahrt durch diese beschauliche Gegend, die ironischerweise Ostwestfalen heißt. Insgesamt habe ich zwei Stunden Verspätung. Aber endlich bin ich in Löhne.

Hinaus ins Weite

Osnabrück ist jedoch immer noch nicht erreicht. Hier fand 2008 der 97. Deutsche Katholikentag statt. Leitwort: „Du führst uns hinaus ins Weite“. Prophetie in Sachen „9-Euro-Ticket“? Solche Fragen kann man sich stellen in der Wartezeit auf den Anschlusszug. Der ursprünglich geplante ist freilich schon längst weg. Doch dann: Es gibt einen Regionalexpress direkt nach Köln, also auch über Düsseldorf, den ich gar nicht auf der Rechnung hatte. Ein mittleres Wunder! So etwas gibt es ja immer wieder.

Aber nicht in Löhne. Denn der Zug hat eine Türstörung und fährt nicht los. Die Massen steigen zunehmend genervt aus. Man rechnet sich gegenseitig vor, wie lang man schon unterwegs ist. Wann es denn los gehe, will einer der Genervten von der vorbeihuschenden Zugbegleiterin wissen. Antwort: „Gar nicht!“ Vor meinem inneren Auge läuft ein Band: „Fällt aus!“ – „Nicht einsteigen!“ – „Zug endet hier!“. Die ganze Klaviatur des Bahnfahrens. Ein guter Zeitpunkt, die Nerven endgültig zu verlieren, sich einen Verfügungskredit zu nehmen und dann ein Taxi zum Zielort.

Doch wenn du nicht mehr weiter weiß', kommt ein Zug am Nebengleis. In diesem Fall nach Bielefeld. Das gibt es anscheinend wirklich. Dort angekommen, ist jener Zug, der in Löhne ausfiel, doch wieder angezeigt, mit 35 Minuten Verspätung. Tatsächlich kommt er dann auch und bringt mich komplikationslos nach Düsseldorf. Dort erreiche ich jene Bahn nach Kempen, die ich mir für den schlechtesten aller Fälle herausgesucht hatte. So bekomme ich doch noch einen Bus ohne Voranmeldung nach Straelen, wo ich um 18:30 Uhr eintreffe – nach 12 Stunden und 30 Minuten Deutschlandtour.

Nerven und Zeit sind die Währung des Sparfahrers

Die Frage ist: Habe ich einfach Pech gehabt oder ist das bereits ein erstes Anzeichen von Systemversagen eingedenk des „9-Euro-Tickets“, mit dem bereits einige an diesem Tag von Berlin nach Westfalen, ins Münsterland oder ins Ruhrgebiet unterwegs waren? Diese Frage muss offen bleiben. Fest steht: Technische Probleme gab es auch vorher. Fest steht aber auch: Jetzt stehen Massen auf den Bahnhöfen, die von den nicht immer diplomatischen Bahnerinnen und Bahnern schlecht bis gar nicht orientiert werden. Hier muss sich noch einiges tun. Das gute Angebot setzt guten Service voraus. Der Stresstest wurde nur mit Ach und Krach bestanden. Fest steht schließlich: Für Langstrecken im Regionalverkehr braucht man in diesem Sommer neben dem „9-Euro-Ticket“ ganz viel Zeit und sehr gute Nerven.

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