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Baskenland: Wilde Küsten, wehrhafte Kirchen

Im grünen Norden Spaniens lässt sich der eigenwillige Charakter der Region gut an den alten und neuen Kirchen und Heiligtümern ablesen.
San Juan de Gaztelugatxe
Foto: IMAGO / Pond5 Images | War auch schon Drehort von Fantasyserien: die wildromantisch an der Küste gelegene Seefahrerkapelle San Juan de Gaztelugatxe.

Was für ein Anblick! Welch ein Thron über dem Atlantik! Oft kocht die See im Golf von Biskaya, wüten die Wellen an den Klippen, fegen Stürme über die Küste. Doch der alten Seefahrerkapelle San Juan de Gaztelugatxe können Wind und Wetter nichts anhaben. Erhaben dominiert sie eine Felseninsel, die sich mit Bögen und nackten Flanken weit herausschiebt. Der Zugang ist so spektakulär wie die Lage: von Land her über eine Steinwallbrücke, dann über Rampenstücke und mehr als 230 Stufen, teils im Zickzack, atemschwer aufwärts. Dass das Heiligtum gewöhnlich verschlossen ist, spielt keine Rolle. Der Weg ist das Ziel, verbunden mit der Magie dieses Platzes und fantastischen Panoramen der wilden Szenerie.

Die Ursprünge der Kapelle reichen ins Mittelalter, lokale Quellen weisen auf einen Vorläufer im 9. Jahrhundert. Geweiht ist sie dem heiligen Johannes dem Täufer (span.: San Juan Bautista); der baskische Name Gaztelugatxe soll sich von „Gaztelu-aitz“, „Felsenschloss“, herleiten. Eine Legende besagt, dass Sankt Johannes einmal im nahen Hafenort Bermeo eintraf und lediglich drei Riesenschritte bis zur Kapelle brauchte. Heute halten die Fischer von Bermeo die Traditionen aufrecht, wenn sie zu langen Ausfahrten aufbrechen. Dann manövrieren sie mit ihren Schiffen vor der Felseninsel von San Juan de Gaztelugatxe mehrfach hin und her. So soll der Heilige ihnen Glück bringen.

Das 7234 Quadratkilometer kleine Baskenland zeigt sich als einer der vielfältigsten, grünsten und überraschendsten Landstriche Spaniens. Eine Region, die in keine Schublade passt. Berge und Meer bestimmen ebenso die Bilder wie Wiesen und Wälder, tiefe Täler, trutzige Bauernhöfe, Häfen, Strände, Dörfer mit Kirchen, Kapellen und Bruchsteinhäusern. Architektonisch-kulturelles Aushängeschild der Region ist das Guggenheim-Museum in der Großstadt Bilbao, einst eine abstoßende Industriemetropole. Die Rufe nach der Unabhängigkeit, wie sie noch zu Beginn des dritten Jahrtausends lautstark erklangen, sind heute weitgehend verstummt – und die radikalsten Vertreter der Loslösung, die Terroristen der Untergrundorganisation ETA, von der Bildfläche verschwunden. Selbst Transparente und Graffitis zu einer hypothetischen Unabhängigkeit, die von der Politik und der Mehrheit der Bevölkerung niemals getragen worden wäre, sind zurückgegangen. Geblieben ist der Stolz, aus dem Baskenland zu stammen – ein gesunder Patriotismus mit einem gerüttelten Maß an Selbstbewusstsein. In der Reihe berühmter Vorfahren stechen Juan Sebastián Elcano (um 1486-1526), der als erster Weltumsegler Geschichte schrieb, und Ignatius von Loyola (1491-1556), der Gründer der Jesuiten heraus, dem neben dem elterlichen Wohnhaus im Ort Loyola die Basilika geweiht ist. Auf sie sind die Basken ebenso stolz wie auf die baskische Sprache und skurrile Landsportarten wie Steinestemmen und Wettsägen.

Kirchen mit Bootsmodellen

Basken sind und waren verwegene Seefahrer, die es vor Jahrhunderten als Waljäger bis nach Neufundland schafften. In ihrer Heimat baten sie Maria und andere Heilige um Schutz oder bedankten sich symbolisch für eine Rettung aus Seenot. Das erklärt die Vielzahl der Kirchen, in denen Bootsmodelle von den Decken hängen. Das ist in San Juan de Gaztelugatxe nicht anders als zwischen San Sebastián und der Grenze zu Frankreich: sowohl im Hafendorf Pasaia als auch im Heiligtum Guadalupe auf dem Berg Jaizkibel, der über dem Strand- und Ferienort Hondarribia aufsteigt. Der Platanenvorplatz von Guadalupe erlaubt weite Blicke auf die See und die Ausläufer der Pyrenäen. Im einschiffigen Innern genießt eine schwarze Madonna Verehrung.

Guadalupe ist eine beliebte Hochzeitskirche und eine Station am Küstenjakobsweg, der seit einiger Zeit Renaissance feiert. Allerdings hat diese Variante des Jakobswegs ihre Nachteile für jene, die sakrale Pracht suchen. Die dortigen Kirchen wurden – aus berechtigter Furcht vor Angreifern vom Meer her – nie so prächtig ausstaffiert wie jene am Hauptjakobsweg im geschützteren Inland. Zudem trugen sie mit ihren trutzigen Strukturen und schmalen Fenstern oft Wehrcharakter; dabei richtete sich der bange Blick gleichermaßen wie auf das Meer ins nahe Frankreich.

Zwei Kathedralen in Vitoria

Eine Entdeckung ist die baskische Hauptstadt Vitoria, die gleich mit zwei Kathedralen auftrumpft: der alten und der neuen, beide unter dem Patronat Mariens. Der alte Dom ist in jüngerer Zeit innen rundumerneuert worden – und zwar auf eigenwillige Art, die dem Naturell der Basken entspricht, die sich gerne abheben. Bei der modernen Auffrischung sind Betonstützmauern, Kabelstränge und Lampenaufhängungen extra nicht kaschiert, sondern als moderne Elemente ins Gesamtganze integriert worden. Der neue Dom im Stil der Neogotik beherbergt gleich neben dem Altarraum ein vorbildlich aufgezogenes Sakralmuseum. Hier finden sich gotische Reliquienbüsten, Madonnenskulpturen, eine Silbersektion mit Kelchen und Kreuzen sowie Gemälde von Luca Giordano und Alonso Cano.

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Den stilistischen Kontrast in Vitorias Vorort Armentia verschafft die Basilika San Prudencio, ein Juwel der Romanik, das erhaben aus dem Wiesengrün steigt. Hinter dem Altar wirft die Skulptur des heiligen Prudentius (span.: San Prudencio) ihren Schatten gegen die Wand. Noch tiefer im Hinterland bewahrt der alte Wehrort Laguardia einen versteckten Schatz: das im 17. Jahrhundert bemalte Steinportal der Kirche Santa María de los Reyes, punktgenau in Szene gesetzt bei einer Ton-Licht-Schau.

Rückkehr an den Atlantik

Die Rückkehr an den Atlantik führt nach San Sebastián, eine der schönsten Städte Spaniens, gewachsen um die traumhafte Muschelbucht und von Ost nach West durchzogen vom Küstenjakobsweg. Außerhalb des historischen Kerns sticht der Turm der neogotischen „Kathedrale des guten Hirten“ (span.: Catedral del Buen Pastor) in den Himmel. Im Innern öffnet sich ein Gigant unter Spaniens Gotteshäusern, durchflutet vom Licht der Buntglasfenster. 4 000 Gläubige finden hier Platz – nach heutigem Maßstab überdimensioniert.

Eine gewaltige Raumwirkung entfaltet auch die Kirche des Klosters San Telmo, das nunmehr als Kunst- und Volkskundemuseum fungiert. Die Kirchenwände sind mit Großgemälden des katalanischen Malers Josep María Sert (1874-1945) bedeckt, die eine sagenhafte Gesamtfläche von 784 Quadratmetern einnehmen. Bei der Renovierung der Kirche 1929 kondensierte Sert in elf Szenen die Geschichte und das Wesen der Basken in der hiesigen Provinz Gipuzkoa unter Vorgaben wie „Volk der Legenden“, „Volk der Freiheit“, „Volk der Fischer“, „Volk der Heiligen“.

Apropos Heiliger: Sankt Sebastian ist in der nach ihm benannten Stadt nur eine zweitrangige Kirche abseits der City geweiht. In der vielbesuchten Altstadt muss er sich hoch oben in der Fassade der barocken Basilika Santa María del Coro mit einer Skulptur begnügen, die ihn als Märtyrer zeigt, durchbohrt von Pfeilen. Dafür feiert San Sebastián seinen Patron am Gedenktag am 20. Januar ausschweifend mit der „Tamborrada“, einem Trommelmarathon, der 24 Stunden lang durch Mark und Bein geht. Da wünscht man sich den Sound des Winds und der Wellen um San Juan de Gaztelugatxe zurück.

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