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Albi: Mittelalter und Belle Epoque in Okzitanien

Eine mächtige Kathedrale, Gemälde von Toulouse-Lautrec im Bischofspalast, südfranzösisches „savoir vivre“ – das ist Albi.
Albi: Kunst und die Spuren des „savoire vivre“ sind eine Reise wert.
Foto: Annette Frühauf | Albi: Kunst und die Spuren des „savoire vivre“ sind eine Reise wert.

Wer die Stadt über die Pont-Vieux betritt, die sich seit fast 1.000 Jahren über den Fluss Tarn spannt, blickt als erstes auf eine der größten Backsteinkirchen der Welt – die Cathèdrale Sainte-Cècile. Rötlich strahlen ihre Ziegel in der untergehenden Sonne. Nur einen Katzensprung entfernt steht auch der Palais de la Berbie – der ehemalige Bischofspalast – „in Flammen“. Albi, rund 70 Kilometer von Toulouse entfernt, wird auch als „La Rouge“, die Rote, bezeichnet, leuchtet sie doch wie ein roter Juwel im Abendlicht. In der Altstadt mit ihren mittelalterlichen Bauten verbergen sich hinter jedem Backstein Eigentümlichkeiten. Die Mauern der Kathedrale sind gleich mehrere Meter dick; mit ihrem massiven Äußeren erinnert sie an eine Festung. Warum? Die Erklärung liegt in der Geschichte der Stadt, die im Mittelalter Schauplatz eines Kreuzzugs gegen die Katharer war. Von diesen, ursprünglich Albigenser genannt, hat Albi auch seinen Namen. Zwischen 1209 und 1229 waren die Katharer religiösen Verfolgungen ausgesetzt. In den Albingenser-Kriegen kämpften sie vergeblich um ihren Glauben und ihren asketischen Lebensstil. 

In den handgetrockneten Ziegeln lassen sich heute noch einige Fingerabdrücke ihrer Erbauer finden. Im künstlerisch gestalteten Inneren des im gotischen Stil errichteten Gotteshauses erstreckt sich ein Fresco italiensicher Künstler über eine Länge von 97 Metern durchs Kirchenschiff. Über der Sakristei sind liturgische Gegenstände vom 13. bis 19. Jahrhundert ausgestellt. Der Chor ist durch den Lettner, eine kunstvoll gestaltete Wand, vom Mittelbereich getrennt und zählt zu den beeindruckendsten im Land. Seit ein paar Jahren hat sich – trotz des Namens – ein Wanderfalken-Paar im Turm der Kirche häuslich eingerichtet. Einen herrlichen Blick auf die Kathedrale bietet die Terrasse des Restaurants „La Planque de l'Evêque“ in der Rue de Lamothe, auf der anderen Flussseite – besonders beim Lichterspektakel im Abendlicht. 

Malerei mit Tiefgang

 Der Palais de la Berbie ist der ehemalige Bischofspalast der Stadt. Der kompakte Wehrturm, auch Donjon genannt, stammt aus dem Hochmittelalter. Der ehemalige Amtssitz der Bischöfe beherbergte nach dem Kreuzzug auch die noch länger mit der Verfolgung der Katharer beschäftigten Inquisitoren und beeindruckt ebenfalls mit seinem festungsähnlichen Äußeren. Heute blühen im Barockgarten mit Aussicht aufs rechte Tarnufer Blumen und betören die Ruhesuchenden mit ihren Düften. Im Gebäude befinden sich kaum mehr Erinnerungsstücke an den Kreuzzug gegen die Katharer, dafür aber die aufsehenerregenden und zugleich intimen Bilder eines der berühmtesten Maler Frankreichs. Henri Marie Raymond de Toulouse-Lautrec-Monfa erblickte am 24. November 1864 in Albi das Licht der Welt und feiert damit dieses Jahr 160-jähriges Jubiläum. Ein Glück für die Hauptstadt des Départements Tarn in Midi-Pyrénées, dass das Museum für moderne Kunst in Paris die Werke Lautrecs verschmähte, die nun die meterhohen Wände des Palais zieren. Hier ist man stolz auf das vollständigste Ensemble des Künstlers und selbst der japanische Kaiser soll sich die Ausstellung bereits angesehen haben.

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„Mit nur wenigen Pinselstrichen fängt der Künstler die Bewegung seiner „Femme qui tire son bas“ ein“, erläutert die Stimme vom Audio Guide beim Rundgang durchs Museum. Das beschriebene Gemälde zeigt eine blonde Frau bei der Morgentoilette – leicht gebückt zieht sie sich den schwarzen Strumpf über ihr Bein. Das Bild der „Frau mit Strumpf‘‘, stammt aus Lautrecs Bordellzeit. Seine Welt erstreckte sich vor allem rund um das Vergnügungsviertel Montmartre mit seinen Spelunken, schummrigen Bordellen, Kabaretts und Kleinkunstbühnen. Doch die Bilder seiner leichtbekleideten Frauen und Tänzerinnen wirken nie anstößig: „Es gelingt dem Maler, die menschliche Natur ohne jegliche Wertung abzubilden“, erklärt der Audioguide beflissen. 

Auch das nächste Werk auf dem Rundgang, ein Plakat vom Pariser Varietétheater Moulin Rouge, spiegelt seine Verbundenheit mit dem Milieu wider. Mit seinen zahlreichen Auftragsplakaten – die ersten waren Werbeträger für jenen Nachtclub – machte er sich einen Namen in der Farblithografie, die er damals revolutionierte. Es waren genau diese farbenfrohen, grandiosen Plakate mit Karikaturen aus den Varietès und Theatern, die ihn 1891 berühmt machten und bis heute Zeugnisse der Belle Époque und der Pariser Gesellschaft der Jahrhundertwende sind.

Spuren des Malers

Aufgrund einer Erbkrankheit und zweier Oberschenkelbrüche in der Pubertät wurde der Südfranzose nur 1,42 Meter groß. Durch seine Kleinwüchsigkeit fühlte sich Toulouse-Lautrec von der Gesellschaft verstoßen – wohl ein Grund für seine Flucht ins Pariser Nachtleben. Seine visuelle Sprache der Überzeichnung inspirierte übrigens auch Pablo Picasso – beide nutzten die Karikatur, um über sich selbst zu lachen. Nachdem sich die Eltern trennten, wurde der schmächtige Henri von seiner Mutter erzogen. Es heißt, die Mutter, Adèle Zoë Tapié de Celeyran, musste ihm abends die Buntstifte verstecken, damit er endlich ins Bett kam. Das „Porträt der Mutter“ von 1886, vor dem der Besucher schließlich ankommt, hat etwas Melancholisches. Die Augen der Gräfin sind nach unten gerichtet. 

Gemalt wurde es im Chateau Malromé, das sie 1883 gemeinsam mit ihrem 19-Jährigen Sohn bezog. Auf das kleine Schloss kehrte der Künstler immer wieder zurück. Hier starb er nach einem Schlaganfall mit 36 Jahren – die Folge jahrelangen Alkoholmissbrauchs und seines exzessiven Lebensstils. Toulouse-Lautrec-Fans, die sich auf einer passenden Rundreise befinden, sollten das zweieinhalb Autostunden von Albi entfernte Schloss nicht links liegen lassen. Neun Räume des Schlosses können besichtigt, verschiedene Weine des Chateaus probiert und unbekanntere Skizzen und Werke entdeckt werden. In Verdelais, nur wenige Kilometer vom Schloss entfernt, ist Henri de Toulouse-Lautrec begraben. 

Doch auch in Albi hat Toulouse-Lautrec seine Spuren abseits seiner Bilder hinterlassen – so hat Serge Hérail von der Patisserie St-Honoré einen Gâteau Lautrec kreiert: Bananen-Karamell auf Mousse au Chocolat. Gegenüber von Lautrecs Geburtshauses lädt das „Le Lautrec“ mit Spezialitäten der Region Midi-Pyrènèes ein: Dazu gehören Foie gras, schwarze Trüffel und Blauschimmelkäse wie Roquefort und Bleu d‘Auvergne. Der älteste Weinbrand Frankreichs, der Armagnac, wird nur hier produziert. Wer den lauschigen Restaurants widerstehen kann, flaniert einfach durch die Gässchen der mittelalterlichen Stadt oder legt eine Pause im Kreuzgang des Klosters St. Salvi ein. 2010 wurde Albi von der UNESCO als Bischofsstadt in die Liste des Weltkulturerbes aufgenommen – angesichts der reichen Historie, der authentischen Kultur und der bemerkenswerten architektonischen Einheitlichkeit eine verdiente Adelung.

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Annette Frühauf Bischöfe Hoch- und Spätmittelalter (1000 - 1419) Pablo Picasso UNESCO

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