Wissenschaft

„Gott macht, dass die Dinge sich selber machen“

Pierre Teilhard de Chardin oder das Rekursionsgesetz von Bewusstsein und Komplexität.
Universum
| Teilhard de Chardin SJ wusste, dass das Ziel des Laufs des Universums in der Fülle Gottes liegt, die durch den auferstandenen Christus schon erreicht worden ist.

Gott macht, dass die Dinge sich selber machen“. Mit diesem Zitat beschreibt der große Theologe, Philosoph und Naturwissenschaftler Pierre Teilhard de Chardin SJ (1881—1955) seinen christlichen Blick auf die Evolutionstheorie, mit dem er Glauben und Naturwissenschaft zu vereinen suchte. Nach seiner Auffassung entwickelt sich der Kosmos zielgerichtet von einer Ansammlung geistloser Materie hin zum Punkt Omega, einem Gipfel an Bewusstsein und Personalisation. Seine Schriften wurden von der Kirche nicht anerkannt, aber seine Gedanken wurden dennoch in Pastoralkonstitutionen, Enzykliken und in den Schriften zahlreicher Theologen aufgegriffen. Inzwischen scheint seine Rehabilitation unmittelbar bevorzustehen.

Die gelenkte Kosmogenese

Der „Anti-Darwin“ — so bezeichnete der Spiegel in einem Artikel aus dem Jahre 1960 den Jesuiten Pierre Teilhard de Chardin, der schon in einem Aufsatz von 1916 seine Vorstellungen einer gelenkten Kosmogenese skizzierte. Im Laufe der folgenden Jahrzehnte entwickelte er seine Theorie immer weiter und fasste sie schließlich 1940 in seinem Hauptwerk „Le Phénomene humain“ zusammen, das aber auf Wunsch seiner Ordensoberen zurückgehalten und erst nach seinem Tode im Jahre 1955 veröffentlicht wurde (in deutscher Übersetzung „Der Mensch im Kosmos“, 1959). Teilhard beschreibt darin sein Unverständnis darüber, dass die Beschreibung der Natur mit Hilfe exakter Gesetze anscheinend aufgegeben wird, sobald es um den Bereich des Lebendigen und insbesondere des Geistigen geht. Demgegenüber setzt Teilhard seine „verallgemeinerte Physik“: Die Naturgeschichte zeige dieselben Phänomene und Gesetze auf der physikalisch-atomaren Ebene, auf der biologisch-organischen Ebene und auf der psychisch-sozialen Ebene.

Das freie Spiel der Zufälle

Zentral ist die Beobachtung, dass unter dem allgemeinen freien Spiel der Zufälle die Materie die Tendenz zur Zusammenballung zeigt. In der Bildung des Kosmos erkennt man eine Anhäufung von Zentren, die durch Verbindung kompliziertere Zentren einer höheren Ordnung aufbauen. Das Universum gewinnt durch „Korpuskulisation“ eine höhere Komplexität. Dies beginnt im atomaren Bereich mit der Zusammenballung von Atomen zu Molekülen, im biologischen Bereich mit der Bildung von Zellen und Organismen, und setzt sich in höheren Bereichen fort: Millionen von Mikroorganismen agieren wie ein Organismus. Korpuskel bilden durch Zusammenballung Zentren, die ihrerseits als Korpuskel in einer höheren Synthese dienen. Für dieses Phänomen verwendet Teilhard die Bezeichnung Rekursionsgesetz von Bewusstsein und Komplexität.

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Die Richtung der Evolution

Warum aber spricht er von „Bewusstsein“? Weil nach Auffassung Teilhards auch das Bewusstsein durch Korpuskulisation entsteht. Es herrscht ein Wirbel vergleichbar der Gravitation, der die Materie zu immer größeren, differenzierteren und organisierteren Korpuskeln anordnet, und aus dem das Bewusstsein wie eine psychische Temperatur entsteht. Bewusstsein und Komplexität bilden eine Hauptachse der Evolution, die eine bevorzugte Richtung vorgeben, also zu einer gelenkten Kosmogenese führen.

Mit dem Erreichen einer kritischen Schwelle der Konzentration, der Reflexion, des Ich-Bewusstseins, beginnt schließlich mit der Entstehung des Menschen eine neue Art von Leben. Teilhard erklärt Reflexion als Zusammenfaltung des Bewusstseins auf einen Punkt. Nach der Entstehung des Lebens bildet die Entstehung der Reflexion im Menschen den zweiten entscheidenden Quantensprung der Evolution. Teilhard schreibt im „Mensch im Kosmos“: „Einmal und nur einmal im Lauf ihrer planetarischen Existenz konnte sich die Erde mit Leben umhüllen. Ebenso fand sich das Leben einmal und nur einmal fähig, die Schwelle zum Ichbewusstsein zu überschreiten. Eine einzige Blütezeit für das Denken wie auch eine einzige Blütezeit für das Leben. Seither bildet der Mensch die höchste Spitze des Baumes.“ Genauso wie es bislang nicht gelungen ist, im Labor künstliches Leben herzustellen, wird es auch nicht gelingen, künstliches Denken oder Bewusstsein herzustellen — eine deutliche Absage an die heutige sog. „Künstliche Intelligenz“.

Der neue Blick der Komplexität

Der Blickwinkel der Komplexität ermöglicht einen faszinierenden neuen Blick auf unsere Umwelt und den Kosmos: Der Mensch ist nicht mehr die räumliche Mitte des Universums, sondern er steht auf dem höchsten Punkt, an der Spitze der Evolution. Schließlich ist aber auch er nur ein Element oder Teilchen, bezogen auf eine weitere höhere Synthese. Die Korpuskulisation führt zu einer Konvergenz der Menschheit auf sich selbst. Eine neuartige Schicht von Bewusstsein überzieht die Erde, so wie eine Schicht von Moos einen feuchten Stein überzieht (ganz im Sinne der verallgemeinerten Physik). Auf der Erde entsteht oberhalb der Biosphäre eine neue, eine geistige Schicht, die Noosphäre, ein Bewusstseinskollektiv, „ein einziges umfassendes Denkatom von siderischem Ausmaß”. Teilhard kam zu dieser Auffassung nach seiner Erfahrung in den Schützengräben des ersten Weltkriegs, in denen er beobachtete, wie Menschenmassen plötzlich wie eine Person handeln. Wer von uns erinnerte sich nicht daran, wie schnell im Sommer des Jahres 2015 die Flüchtlingsströme über den Balkan nach Mitteleuropa auf Grenzschließungen reagiert und sich mit Hilfe mobiler Kommunikation umorganisiert und somit quasi ein kollektives Bewusstsein gezeigt haben. Es entsteht eine Super-Menschheit, aber nicht als anonyme Einheit, sondern als Vereinigung von Individuen. Die heutigen Kommunikationsmöglichkeiten im Internet können als Bestätigung dieser Vorhersagen Teilhards gesehen werden.

Der Punkt Omega

Die Evolution und die Korpuskulisation enden in einem Gipfel der Evolution, dem Punkt Omega, einem Maximum an Komplexität und Personalisation. Weil die Entwicklung der Welt nicht auf zwei verschiedene Gipfel hinauslaufen kann, ist für den Christen Teilhard offensichtlich, dass der Punkt Omega identisch ist mit der Parusie, dem Kommen Christi, der „alles in allem“ sein wird (1 Kor 15,28). Christus wird eine neue Welt, einen lebendigen Organismus bilden, in dem wir alle vereinigt sein werden. Pierre Teilhard de Chardin hat damit eine wissenschaftliche Weltsicht entwickelt, die eschatologisch auf das Kommen Christi ausgerichtet ist. Bemerkenswert ist die naturwissenschaftliche Begründung seiner Erkenntnisse, die Teilhard, einer der Entdecker des Peking-Menschen, aus der Erdgeschichte und Paläontologie gewinnt. Karl Rahner, dessen Theorie der aktiven Selbsttranszendenz der Materie sehr stark an Teilhard erinnert, erkennt diese Verwandtschaft an, grenzt sich aber von Teilhards Empirie ab und „überlegt nur, was eigentlich jeder Theologe sagen könnte, wenn er seine Theologie unter der evolutiven Weltanschauung aktualisiert“.

Das dynamische und evolutive Verständnis

Teilhards Werke wurden zunächst auf Wunsch seines Ordens zurückgehalten und erst nach seinem Tod publiziert. Schließlich verhängte 1962 das Heilige Offizium ein Monitum gegen den Jesuiten. Kurz zuvor hatte sein Ordensbruder Henry de Lubac ein Buch über Teilhards Denken veröffentlicht. Nachdem Johannes XXIII. de Lubac in eine vorbereitende Kommission für das beginnende Konzil berufen hatte, fanden Teilhards Gedanken indirekt Eingang in die Konzilsberatungen. René Laurentin soll gesagt haben, Teilhards Name sei einer der meistgenannten auf den Fluren des Konzils gewesen. Schließlich formulierte die Pastoralkonstitution des II. Vaticanums Gaudium et Spes: „So vollzieht die Menschheit den Übergang von einem mehr statischen Verständnis der Ordnung der Gesamtwirklichkeit zu einem mehr dynamischen und evolutiven Verständnis“ (GS 5). Der Begriff der Evolution war in der Lehre der Kirche angekommen. Trotz Monitum wurden Teilhards Werke von zahlreichen Theologen aufgegriffen. Schon Joseph Ratzinger schreibt in seiner „Einführung in das Christentum“, dass erst aus dem Blick des Punktes Omega die Worte des hl. Paulus („Ihr aber seid der Leib Christi und jeder Einzelne ist ein Glied an ihm“, 1 Kor 12,27) vom Sein der Menschheit als „Leib Christi“, der die ganze Menschheit „an sich ziehen muss“ (Joh 12,32) verständlich werden, und würdigt Teilhard als großen Theologen, der vieles richtig verstanden habe.

Die kosmische Liturgie

Ein späterer Artikel Ratzingers in der Zeitschrift Hochland über die Wiederkunft Christi liest sich geradezu wie eine Zusammenfassung der Lehre Teilhards. Ähnliche Aussagen finden sich bei Romano Guardini und Hans Urs von Balthasar. Papst Benedikt XVI. stellt später in einer Predigt die Liturgie in einen kosmischen Rahmen: Sie solle nicht etwas sein, das neben der Wirklichkeit der Welt existiert, sondern die Welt selbst solle lebendige Hostie werden. „Das ist die große Vision, die später auch Teilhard de Chardin hatte: dass es am Ende eine wahre kosmische Liturgie geben wird, wo der Kosmos lebendige Hostie wird.“ Franziskus würdigt Teilhard in seiner Enzyklika „Laudato Si“ für seine Erkenntnis, dass das Ziel des Laufs des Universums in der Fülle Gottes liegt, die durch den auferstandenen Christus schon erreicht worden ist. Inzwischen hat der päpstliche Kulturrat Papst Franziskus um eine Aufhebung des Monitums gebeten. Die Anzeichen für eine Rehabilitierung nehmen zu. Teilhards Gedanken sind präsent — und sie waren es schon länger: In den Betrachtungen über die christliche Lehre des hl. John Henry Newman findet man folgende Zeilen, die sich wie eine Vorwegnahme der

Vorstellung des Punktes Omega lesen: „Gott allein ist im Himmel; Gott ist alles in allem. Ewiger Herr, ich erkenne diese Wahrheit und bete Dich in diesem erhabenen und glorreichen Geheimnis an. Es ist nur ein Gott, und er erfüllt den Himmel; und die Seligkeit aller Geschöpfe besteht gerade darin, daß sie ohne Verlust ihrer Persönlichkeit in der Fülle dessen aufgehen und gleichsam untertauchen, der da ist super omnes et per omnia et in omnibus.“

Der Autor ist Professor für Theoretische Informatik und geschäftsführender Leiter des gleichnamigen Instituts an der Leibniz Universität Hannover.
 
 

 

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