Münster

Die seltsame Pandemie

Warum das Impfen gegen das Virus SARS-CoV-2 vielleicht gar keine so gute Idee ist.

Coronavirus - Corona-Impfstoff
Welche Risiken birgt eine Impfung gegen SARS-CoV-2 und welche Chancen stehen dem gegenüber. Eine der Fragen, über die Mediziner in Streit geraten. Foto: Andre Lucas (dpa)

Der erste Impfstoff wurde Ende des 18. Jahrhundert von dem englischen Landarzt Edward Jenner entwickelt. Jenners Erfolg war so durchschlagend, dass er bis heute die Blaupause für alle Impfprogramme darstellt. Die Pockenimpfung zeigt nämlich die vier Merkmale, die einen guten Impfkandidaten auszeichnen. Die Erkrankung, gegen die geimpft wird, muss so schwerwiegend sein, dass sie die Impfung einer großen Zahl von Menschen rechtfertigt. Denn geimpft werden Gesunde, die mit dem Erreger vielleicht nie in Kontakt kommen werden. Daher muss man sicher sein, dass der Nutzen die Risiken mit großer Sicherheit und mit großem Abstand überwiegt. Ist dies nicht der Fall, stellt die Impfung eine Körperverletzung dar.

Leitprinzipien ärztlichen Handelns

Dieses Vorsorgeprinzip, das in dem Diktum „primum nihil nocere“ („zunächst keinen Schaden anrichten“) Ausdruck findet, bildet seit mehr als 2000 Jahren das Leitprinzip allen ärztlichen Handelns. Diese Brisanz ist auch der Grund, warum die Impfstoffherstellung lange Zeit ausschließlich in staatlicher Hand lag. Auch darf der Erreger sich nicht verändern. Kommt es zu häufigen Mutationen, ist Impfen so, als würde man mit einem fixierten Gewehr auf ein bewegliches Ziel schießen: Man kann ins Schwarze treffen, aber meistens schießt man daneben. Drittens sollte der Erreger nur beim Menschen vorkommen, denn seine Ausrottung ist nur dann möglich, wenn er im Tier keinen Unterschlupf findet. Schließlich sollte eine Impfung einen langfristigen und umfassenden Schutz gegen die Zielerkrankung gewährleisten.

Meist dauert die Entwicklung eines neuen Impfstoffs sechs bis zehn Jahre. Erst muss der Impfstoff in Zellkulturen, in Hühnereiern oder mittels molekularbiologischer Prozesse hergestellt werden. Diese Herstellung bildet aber nur einen kleinen Teil der Gesamtentwicklung. Besonders anspruchsvoll ist nämlich die Prüfung, die in einer vorklinischen Phase im Reagenzglas sowie im Tierversuch, gefolgt von drei klinischen Phasen in Testpersonen erfolgt. In der ersten klinischen Phase wird meist an weniger als hundert Menschen die Verträglichkeit des Impfstoffs überprüft. Geklärt werden dabei Fragen wie: Treten Rötungen oder Schmerzen an der Einstichstelle auf? Kommt es zu Entzündungen? Gibt es gar Todesfälle?

Lange Beobachtungsphase auf Nebenwirkungen

Übersteht der Impfstoff diese Phase, die Wochen bis Monate dauert, wird in der zweiten Phase an bis zu 1 000 Testpersonen untersucht, ob die Impfung überhaupt eine Immunreaktion hervorruft. Ist dies der Fall und zeigt der Impfstoff keine gravierenden Nebenwirkungen, erfolgt die dritte und längste Testphase. Hierbei werden meist 30 000 bis 50 000 Testpersonen in zwei Gruppen aufgeteilt, von denen die eine den neuen Impfstoff, die andere Placebo erhält. Beide Gruppen werden dann in der Regel vier bis sechs Jahre lang einer Infektion mit dem Zielerreger ausgesetzt. Danach wird untersucht, ob in der Impfstoff-Gruppe weniger oder zumindest mildere Infektionen als in der Placebo-Gruppe aufgetreten sind. Die lange Beobachtung vieler Menschen dient auch dazu, seltene, schwere Nebenwirkungen zu entdecken.

Derzeit wartet die ganze Welt auf den neuen Impfstoff gegen „Corona“. In einem Video-Podcast sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel, es gehe darum, „wie wir für alle Menschen auf der Welt Impfstoffe entwickeln“. US-Präsident Donald Trump kündigte im Fernsehen sogar seine Bereitschaft an, „die erste Person zu sein, die den Impfstoff bekommt“. In einem Radiointerview sinnierte Bayerns Ministerpräsident Markus Söder darüber, Ärzten, die sich weigern, Impfstoffe wie den gegen Corona zu verabreichen, die Zulassung zu entziehen. Dabei weicht fast alles rund um die Entwicklung des Impfstoffs gegen das Virus SARS-CoV-2 von den Prinzipien der Impfstoffentwicklung ab.

Eignung für eine Massenimpfung ist fraglich

Damit ein Erreger sich als Impfkandidat eignet, muss er für alle eine erhebliche Gefahr darstellen. Es wird aber immer klarer, dass schwere Covid-19 Verläufe mit wenigen Ausnahmen auf hochbetagte Menschen mit Vorerkrankungen beschränkt sind. Für die restliche Bevölkerung sind Verläufe eher mild und besonders bei Kindern oft symptomfrei. Dazu ist das Virus äußerst mutationsfreudig und in der Tierwelt nahezu ubiquitär. Neuere Daten deuten auch darauf hin, dass eine Immunogenität des Impfstoffs schwer zu erreichen sein könnte. So ist nicht sicher, ob Antikörper allein schützen oder ob nicht die sogenannte zellvermittelte Immunität im Vordergrund steht. Darüber hinaus scheint nach einer Infektion der Antikörperspiegel rasch wieder abzufallen, bei einer Impfung wäre dieser Abfall noch wahrscheinlicher. All dies lässt fraglich erscheinen, ob SARS-CoV-2 sich überhaupt als Kandidat für eine Massenimpfung oder gar eine Massenimpfpflicht eignet.

Derzeit werden etwa 200 Impfstoffkandidaten gegen SARS-CoV-2 entwickelt, von denen mindestens zehn bereits in der klinischen Erprobung sind. Für alle Kandidaten gilt: Dass die Testphasen dabei so verkürzt werden, wie dies gerade geschieht, ist hochproblematisch. Zwar kann man durch Beseitigung bürokratischer Hürden Zeit gewinnen. Auch benötigt man bei mRNA- oder DNA-Impfstoffen weniger Zeit für die Herstellung, als bei konventionellen Impfstoffen. Aber mehr als etwa ein Jahr lässt sich insgesamt nicht einsparen. Jede Verkürzung der anschließenden Testphasen ist mit einem höheren Risiko für Nebenwirkungen und mit einer schlechteren Beurteilung der Wirksamkeit verbunden. Dies ist mit keinem noch so ausgeklügelten Testverfahren zu umgehen, sondern eine biologische Tatsache.

Problematische Zelllinien bei Impfstoffen

Viele der Impfstoffe sind auch aus anderen Gründen problematisch. So etwa der von der Universität Oxford und dem Pharmaunternehmen AstraZeneca entwickelte Impfstoff, der sich bereits in der dritten klinischen Testphase befindet. Dieser Impfstoff, der aus einem Affen-Adenovirus besteht, das auf seiner Oberfläche das SARS-CoV-2-Stachelprotein trägt, wird in einer Zelllinie produziert, die aus den Nieren eines wahrscheinlich 1972 abgetriebenen Kindes gewonnen wurde. Ähnliche Kandidaten, wie etwa der von CanSino Biologics Inc. und dem Institut für Biotechnologie des chinesischen Militärs entwickelte Impfstoffkandidat, sowie eine Variante der Universität von Pittsburgh, verwenden entweder diese Nierenzelllinie oder eine weitere Zelllinie von einem 1985 abgetriebenen Kind.

Fünf weitere Impfstoffe, die sich in der klinischen Erprobung befinden, bestehen aus messenger-RNA (mRNA)-Molekülen, die unter die Haut oder ins Muskelgewebe gespritzt und von unseren eigenen Körperzellen aufgenommen werden. mRNA, ein molekularer Vetter der Erbsubstanz DNA, dient dazu, die Erbinformation der DNA an das Ribosom, das „Fließband der Eiweißherstellung“, in der Zelle zu übermitteln. Die mRNA im Impfstoff, die aufgebaut ist wie die RNA im SARS-CoV-2-Virus, „kapert“ unsere Zellen und bringt sie dazu, Teile des SARS-CoV-2-Virus herzustellen und auszuscheiden. Diese lösen daraufhin, so die Theorie, eine schützende Immunreaktion gegen das Virus aus.

Gefahr schwerer Autoimmunreaktionen

Das mRNA-Impfprinzip, an dem seit über 20 Jahre gearbeitet wird, klingt vielversprechend, ist aber mit erheblichen Risiken behaftet. Deshalb wurden mRNA-Impfstoffe bisher nur in der Tiermedizin (Lachs und Schwein) und nicht beim Menschen zugelassen. Das Hauptrisiko besteht in der möglichen Auslösung schwerer Autoimmunreaktionen. Die Immunabwehr richtet sich nicht nur gegen den Erreger, sondern auch gegen Bestandteile des eigenen Körpers. Gegen die Lungenkrankheiten SARS und MERS, die wie Covid-19 durch Coronaviren verursacht wurden, sind seinerzeit mRNA-Impfstoffe entwickelt worden. Diese hatten nicht nur keine Langzeiteffizienz, sondern verursachten schwere Autoimmunreaktionen im Lungengewebe, weshalb sie die klinische Erprobung nicht bestanden.

Ein weiterer Kandidat in der klinischen Testung besteht nicht aus mRNA, sondern aus der Erbsubstanz DNA, die Probanden direkt gespritzt wird. Die Wirkungsweise ähnelt der der mRNA-Impfstoffe, wobei die DNA eine Stufe vor der mRNA in die Informationskette eingeschaltet wird. Daher birgt der DNA-Impfstoff nicht nur dieselben Risiken wie ein mRNA-Impfstoff, sondern auch zusätzliche andere. So kann es zu einer Immunreaktion gegen die DNA selbst kommen, deren Auswirkungen nicht geklärt sind. Darüber hinaus – und hinsichtlich der Auswirkungen wesentlich gravierender – besteht die Möglichkeit, dass sich ein Teil der Impfstoff-DNA in unsere eigene DNA integriert. Ein solche Insertion an der falschen Stelle kann zu schwerwiegenden unbeabsichtigten Folgen, etwa zur Krebsentwicklung führen. Über einen solchen Effekt liegen keine Berichte vor, was den Biochemiker und Leiter des Paul-Ehrlich-Instituts, Klaus Cichutek, zu der Aussage verleitete, dass „[w]ir … bei den DNA-Impfstoffen lange Jahrzehnte damit verbracht [haben], einem theoretischen Risiko nachzugehen, das sich dann am Tier und in klinischen Prüfungen eigentlich nie bewahrheitet hat“. Diese Aussage muss als verkürzt angesehen werden, denn es hat keine Langzeitstudie bei einer größeren Zahl von Menschen gegeben. Dazu stammen die meisten Veröffentlichungen zu der Frage aus den Forschungslaboratorien der Impfstoffhersteller.

Überhastete Entwicklung des Impfstoffs birgt Sicherheitsrisiken

Die Anforderungen an einen Impfstoff in Bezug auf Sicherheit und Wirksamkeit sind viel höher als die an Medikamente. Das gilt erst recht, wenn die ganze Menschheit als Empfänger im Gespräch ist. Das SARS-CoV-2-Virus ist als Kandidat für eine Massenimpfung nicht besonders geeignet. Das überhastete Entwicklungsprogramm kann die benötigte Sicherheit nicht gewährleisten. Fast alle der sich derzeit in der klinischen Prüfung befindenden Impfstoffe sind entweder unethisch oder basieren auf Wirkprinzipien, deren Langzeitwirkungen und -effektivität an Menschen nie getestet wurden. Bei der Impfstoffherstellung aber steckt der Teufel im Detail. Trotz intensiver Forschung über mehrere Jahrzehnte haben wir deshalb immer noch keinen Impfstoff gegen HIV oder Malaria. Und auch die Effektivität der jährlichen Grippeimpfung bewegt sich nur zwischen 10 und 30 Prozent. Der 2010 mit heißer Nadel gestrickte Impfstoff gegen die Schweinegrippe erwies sich als Fiasko, sowohl was sein Nebenwirkungsprofil betraf, als auch hinsichtlich seiner Wirksamkeit. Es kann sein, dass es am Ende nicht gelingt, einen Impfstoff gegen SARS-CoV-2 zu finden. Aber dieses Ergebnis ist allemal besser, als mit einem halbfertigen und unwirksamen Produkt massive gesundheitliche Schäden anzurichten, für die dann – das darf nicht vergessen werden – nicht der Impfstoffhersteller, sondern die Allgemeinheit aufzukommen hätte. Im Rückblick könnte sich ein solches Szenario als die größte Fehlentscheidung der ganzen Corona-Episode erweisen.

Der Autor ist Labormediziner und Vorsitzender des Vereins „Ärzte für das Leben

Kurz gefasst

Im Zeichen des Virus SARS-CoV2 erdulden wir viele Interventionen, die vor wenigen Monaten noch niemand für möglich gehalten hätte und deren wirtschaftliche, gesundheitliche und gesellschaftspolitische Konsequenzen wir erst langsam erahnen. Von all den Maßnahmen hat jedoch keine das Potenzial, solche Probleme zu stiften wie die überstürzte Suche nach neuartigen Impfstoffen, die, je weniger sie den üblichen Prüfprozessen unterzogen werden, umso breiter weltweit Anwendung beim Menschen finden sollen. Das ist aus mehreren Gründen überaus gefährlich.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen. Kostenlos erhalten Sie die aktuelle Ausgabe hier.