Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Vatikanische Erklärung zur Menschenwürde

Würde verlangt Selbstbegrenzung

Unendliche Würde und ihre Sprachlichkeit – Teil 2 der Tagespost-Serie zum Vatikandokument "Dignitas infinita" 
Kardinal Fernandez  vom Dikasterium für Glaubenslehre bei der Vorstellung von Dignitas Infinita.
Foto: IMAGO/IPA/ABACA (www.imago-images.de) | Kardinal Fernandez vom Dikasterium für Glaubenslehre bei der Vorstellung von Dignitas Infinita.

Die Grundfrage der Metaphysik lautet laut Ludger Honnefelder: "Was ist Wirklichkeit?" Um sie zu beantworten, muss man die Wirklichkeit so beim Namen nennen, wie sie der ganzen Erfahrung des Menschen konkret begegnet. Die Redensart "Dinge beim Namen nennen" spiegelt dies wider. Josef Pieper hat in seiner Schrift "Wahrheit der Dinge" die allgemeinsten Begriffe, mit denen wir die Wirklichkeit universal zu charakterisieren suchen, als "Seinsnamen" bezeichnet. Der Ausgangspunkt ist zwar "Seiendes/Sein" (ens), aber dieser "Name" reicht nicht aus, es bedarf weiterer "Namen", also übergreifender Bestimmungen (die sog. "Transzendentalien"): res (wörtlich "Sache", mit Edith Stein aber viel besser übersetzt und von Pieper übernommen: "Form der Fülle", gehaltliche Fülle), unum (Eines, "Geschlossenheit der Fülle"), aliquid (etwas anderes sein, Anderssein), verum (wahr/das Wahre, Übereinkunft von inhaltlicher Fülle mit einem erkennenden Geist, Bezug auf das Innen eines anderen) und bonum (gut/das Gute, Übereinkunft inhaltlicher Fülle mit dem innersten Wollen eines anderen Geistes, eines "nicht-endlichen" Wesens), schließlich das pulchrum (schön/das Schöne, das in Verbindung mit dem Guten eine Vollkommenheit im Sinne eines nicht-endlichen "Wertes" zum Ausdruck bringt). Ausführlich entfaltet ist dies alles im Jahrbuch der Hochschule Heiligenkreuz 2020: Das Gute, Wahre und Schöne. Zur Aktualität der Lehre von den Transzendentalien (Ambo 5. Jg).

Diese "Namen" gelten auch für personale Wirklichkeit. Im Hinblick etwa auf "Individualität" und "Alterität" hat dies heute eine neue Bedeutungstiefe erhalten. Bezüglich des Namens "Wahrheit" hat bereits Thomas von Aquin den Begriff der "veritas vitae", der "Wahrheit des Lebens" geprägt (vgl. STh 16, 4 ad 3). "Wahrheit" ist hier als eine personale Tugend (virtus) verstanden, mittels derer der Mensch in seinem Leben das erfüllt, worauf er im schöpferischen Blick Gottes hingeordnet ist. Um es zu veranschaulichen: eine Sterbebegleiterin berichtet, dass nicht wenige Menschen am Ende ihres Lebens mit dieser Frage geradezu ringen und sie mitunter ihnen die Frage stellt "Was hast du getan?" Damit ist gemeint: "Wem hast du in deinem Leben  "ent-sprochen"  und in welcher Weise?"

Der Tugendcharakter der Wahrheit in seinem existentiell-transzendentalen Sinn von "Wahrhaftigkeit" oder "Authentizität" weist auf die Verbindung zwischen dem Wahren und dem Guten hin. Der "Name" des Guten hat aber eine besondere Bewandtnis, die bereits die Theologie des Mittelalters aufgespürt hat. Vergleicht man verschiedene Aussagen wie etwa "Das Weiße ist weiß", "Das Wahre ist wahr", "Das Gute ist gut", so ergibt – je für sich betrachtet – eigentlich nur der letzte Satz einen Sinn, der zweite Satz nur, insofern er in seinem Sinngehalt am dritten Satz partizipiert. "Das Gute ist gut" bedeutet also: Das höchste Gut, nämlich Gott, ist gut, weil Gott nicht nur das Ziel allen Strebens, sondern bereits in sich selbst personale Beziehung ist – Liebe. Der Satz "Das Gute ist gut" ergibt für sich genommen einen Sinn, weil er eine Relationalität ausspricht, die dem Guten "per se" zu eigen ist, den Bezug auf eine Vollkommenheit schlechthin. Schon die mittelalterliche Sprachlogik spricht hier von einer "Selbstprädikation". Quelle dieses Gedankens ist die Theologie von den Namen Gottes, wobei für Thomas von Aquin insbesondere die "Selbstprädikation" Gottes in Ex 3, 14 "Ich bin, der ich bin" eine zentrale Bedeutung hat. In der Umsetzung dieses Kerngehalts der Offenbarung in den Kontext einer Transzendentalienlehre liegt eine besondere Leistung der mittelalterlichen Theologie.

Selbst-Bestimmung und Selbst-Begrenzung

In einer geschaffenen Person wie dem Menschen kann diese mit der Selbstprädikation ausgesprochene "Relationalität" sinnvoll nur als sittliche Ver-Antwortung verstanden und ausgelegt werden. Es ist der Punkt, an dem deutlich wird, dass "Wesen" des Menschen und "Personalität" nicht trennbar, aber auch nicht "indistinkt" miteinander vermischt werden können. Das zeichnet die "Vollkommenheit" der Person im Gesamt der Natur aus, deshalb ist der "Name" der Person per se ein Würde-Namen, ein "nomen dignitatis" (Thomas von Aquin, Sentenzenkommentar I d. 109. 1 a. 5).

Seinen ethisch-anthropologischen Ausdruck findet der Gedanke der "Selbstprädikation" in der Idee einer Selbst-Bestimmung "nicht-bedingter" Art, wie sie seiner "infiniten" Würde entspricht. Die Rede vom "Unendlichen" könnte dazu verleiten zu denken, es handle sich um eine Art "grenzenlose" Freiheit, die bestenfalls nur aus taktischem Kalkül heraus eingeschränkt wird, wie das dem Theorem des sogenannten "Gesellschaftsvertrages" wohl zugrunde liegt und in Vertragstheorien bis heute hin virulent ist.

Lesen Sie auch:

Dies aber entspricht überhaupt nicht der Intention des Erneuerers der Lehre vom "unendlichen Urteil" und neuen "Dolmetschers" der Lehre von den Transzendentalien, nämlich von Immanuel Kant. Daher hat Kant das "unendliche Urteil" von vornherein mit dem Gedanken der Einschränkung oder Begrenzung verknüpft und diese Urteilsform zugleich als "limitatives Urteil" verstanden. Denn wenn das "unendliche Urteil" eher als ein Urteilsprozess der Unterscheidung von "nicht-endlicher" Würde und den zahllosen Instrumentalisierungen der "Menschheit in deiner Person als in der Person eines jeden anderen" zu verstehen ist, dann beinhaltet die transzendentale Bejahung stets auch eine transzendentale Verneinung, und genau das ist die "Limitation",   jenes "niemals bloß als Mittel" in der Formel des Kategorischen Imperativs (GMS 429 u. 433). Selbst-Bestimmung ist stets auch Selbst-Begrenzung, und dies lässt sich durchaus als eine "Not-Wendigkeit" im Umgang des Menschen mit der eigenen Freiheit und mit der eines jeden anderen verstehen.

Diese Grundgedanken sind nicht unausweichlich auf den Horizont Kantischer Transzendentalphilosophie beschränkt, sondern können auch auf andere Weise theologisch und ethisch erschlossen werden. Der naheliegende Weg ist die Auslegung der "infiniten Würde" auf der Basis von Menschenrechten und -pflichten. Es ist der Weg, den die Instruktion "Dignitas infinita" im 3. Teil einschlägt, und man kann ihn ohne weiteres auch als einen Limitations-Diskurs im Hinblick auf ein Freiheitsverständnis verstehen, das der Menschenwürde adäquat ist.

Die Menschenwürde "zur Sprache bringen"

An diesem Punkt stellt sich die Frage, ob es nicht auch eines neuen Sprachmodus bedarf, um das, was "Menschheit" bedeutet, in einer verbindlichen Weise universal-konkret aussagen zu können. Ausgerechnet die neuere analytische Sprachphilosophie hat dafür einen sehr angemessenen Ausdruck gefunden, nämlich "ontological commitment", ontologische Verbindlichkeit oder Bindung (in einem nicht unmittelbar ethisch-normativen Sinn). Es meint kurz gesagt einen nicht-beliebigen Zusammenhang von sprachlichem Aussagemodus und elementaren Charakteren der Wirklichkeit.

Zu dem ursprünglich stark formalisierten sprachanalytischen Ansatz gibt es mittlerweile zahlreiche Alternativen, wie z. B. das Standardwerk von Paolo Valore "Fundamentals of Ontological Commitment" zeigt; und in diesem Maße wird die Fruchtbarkeit des "ontological commitment"-Ansatzes wie ein missing link seit einiger Zeit immer mehr entdeckt und angewandt. Ein gutes Anschauungsbeispiel bietet die "transzendentalien-nahe" Sprache, wie sie etwa in afrikanischen Diskursen zur Geltung kommt. Schaut man im "South African Journal of Philosophy" nach, so entdeckt man neuere Beiträge mit Titeln wie: "African relational ontology", "Personhood and immutability", "African metaphysics and disabilities", "Existence as first philosophy", "Non-binary gender in African personhood?" et cetera.

Im Rahmen der Entfaltung des "ontological commitment"-Ansatzes ist auch Thomas von Aquin und seine Transzendentalienlehre neu entdeckt worden. Der ungarische Philosoph Gyula Klima hat die semantischen Prinzipien bei Thomas, also die spezifische Sprachlichkeit, das Einzelne auf universale Weise auszusagen, erforscht und mit der modernen Semantik verglichen. Er hat allein im Bereich der Sprachphilosophie bei Thomas einen Standard identifiziert, der seiner Meinung nach bis heute noch nicht erreicht ist; zugleich hat er damit eine Anschlussfähigkeit dieser Tradition an heutige Philosophie geschaffen, deren Möglichkeiten kaum entdeckt worden sind.

Auch das richtige "Dolmetschen" der transzendentalen Namen ist nichts Statisches, sondern ein geschichtlicher Vorgang; Sprache ist, wie Hanns-Gregor Nissing gerade für Thomas aufgezeigt hat, ein "Akt", also "lebendig"   lebendig, solange sie im WORT bleibt. Bei aller kulturellen Verschiedenheit ontologischer Commitment-Diskurse müssen bestimmte formale Prinzipien unseres Sprechens von der "infiniten Würde" beachtet werden; nicht zuletzt, um die inhaltliche Fülle von "Personalität" zu bewahren, wie sie darin zum Ausdruck kommt, dass die Person in ihrer Individualität eben "nicht-aussprechbar", "ineffabilis" ist.

"Infinite Würde" und die "finite" Wirklichkeit

Wer von "infiniter Würde" spricht, muss den Blick auch auf das "Finite" aller geschaffenen Wirklichkeit lenken und darf gerade davon nicht ablenken. Man muss sich den menschlichen Grundfragen von Unglück, Leid und Leiden stellen, wie dies etwa Simone Weil in "Das Unglück und die Gottesliebe" oder C. S. Lewis "Über den Schmerz" getan haben. Man muss sich dem stellen, dass Verletzlichkeit auch "Sprachverlust" bedeuten kann. In der Rede von der "infiniten Würde" muss die memoria passionis enthalten sein, sonst wäre auf dieser Basis keine Geschwisterlichkeit und Zwischenmenschlichkeit im Sinne personaler "Compassion" (Johann Baptist Metz) möglich. Und so heißt es in der ökumenischen Schrift "Gott ist ein Freund des Lebens" zur Begrenztheit des kreatürlichen Lebens: "Vor diesem Hintergrund sind die Aussagen der Bibel zu lesen, in denen ausdrücklich daran erinnert wird, die Sterblichkeit des Lebens zu bedenken:  Herr, tu mir mein Ende kund und die Zahl meiner Tage! Lass mich erkennen, wie sehr ich vergänglich bin!  (Ps 39,5; vgl. Ps 90; Ijob/ Hiob 14,1 ff)."

Der Autor ist katholischer Theologe und lehrte bis 2014 Moraltheologie an der Universität Bonn.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Themen & Autoren
Gerhard Höver Clive S. Lewis Edith Stein Hochschule Heiligenkreuz Immanuel Kant Josef Pieper Katholische Theologen Menschenwürde Moraltheologie Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Simone Weil Thomas von Aquin Würde

Weitere Artikel

Von Thomas von Aquin über Immanuel Kant bis Papst Franziskus:  Das Böse muss ernst genommen und überwunden werden.
27.04.2024, 19 Uhr
Stefan Hartmann

Kirche