Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Reihe zu "Dignitas infinita"

Was bedeutet "infinite Würde"?

"Dignitas infinita" sorgt für Gesprächsstoff. Grund genug, dem Dokument eine dreiteilige Serie zu widmen. Teil 1 beschäftigt sich mit der zentralen Problemstellung.
Kardinal Fernández bei der Präsentation von "Dignitas Infinita"
Foto: IMAGO/ALESSIA GIULIANI / ipa-agency.ne (www.imago-images.de) | Kardinal Fernández bei der Präsentation von "Dignitas Infinita" Anfang April 2024. Was verbirgt sich hinter dem so anspielungsreichen Begriff "unendlicher Würde"?

Die Würde des Menschen ist heutzutage zu einem unabdingbaren Bezugspunkt zentraler ethischer Debatten geworden. Bekenntnis und praktische Umsetzung scheinen sich aber mehr denn je auseinanderzuentwickeln. Dem möchte die neue Instruktion des Dikasteriums für die Glaubenslehre entgegenwirken und stellt seine Bemühungen unter einen Leitbegriff, mit dem nicht wenige Menschen Schwierigkeiten haben, nämlich den der "unendlichen Würde". Zudem soll er die Klammer einer vierfachen Unterscheidung im Verständnis von Würde bilden: "die ontologische Würde, die sittliche Würde, die soziale Würde und schließlich die existenzielle Würde" (DI 7). Diese Problematik scheint bislang eher eine offene Frage zu sein.

Zur Beantwortung wird man sinnvollerweise von der Intention des Schreibens ausgehen. In ihrem Engagement für die Menschen, insbesondere für die "Schwächeren und weniger Mächtigen", besteht die Kirche, so wird in der Einleitung betont, stets auf dem ",Primat der menschlichen Person und der Verteidigung ihrer Würde unabhängig von allen Umständen " (DI 1). Das heißt, es kann keine Situation geben, die es erlauben würde, irgendwelche Abstriche von der Wahrheit zu machen, wie sie die Rede von der unveräußerlichen Würde zum Ausdruck bringt (vgl. DI 6 mit Bezug auf die Enzyklika Fratelli tutti 213). Darin steckt bei näherer Betrachtung die Behauptung, dass in jeder Situation, in jeder historischen Epoche die "Würde" immer auch "schlechthin" ("simpliciter") und nicht allein in Abhängigkeit von bestimmten Qualifikationen ("secundum quid") zum Ausdruck gebracht werden muss, will man Widersprüche, Missverständnisse (vgl. DI 7) oder Entleerungen des Begriffs vermeiden. Dazu, und nur zu diesem Punkt, sollen im Folgenden einige Überlegungen vorgelegt werden, die der Weiterentwicklung bedürfen.

Zwischen Mitgiftwürde und Antlitzwürde

Auf den ersten Blick erscheint es schon schwierig, die "ontologische Würde", definiert als "unteilbare Substanz der vernünftigen Natur" (DI 9), konsistent zu verbinden mit der "existenziellen Würde", welche gerade die Vulnerabilität des Menschen und sein "Ausgesetztsein" im Hinblick auf die zahllosen Situationen von Gefährdung und Erniedrigung des Menschen durch den Menschen zur Sprache bringt. Auf den zweiten Blick aber ist es der Fokus auf die "Existenz" des menschlichen Subjekts, der beide Würdeverständnisse, inklusive der "sittlichen Würde" und der "sozialen Würde", zu vereinen vermag (vgl. die Hinweise in DI 13).

Würde existiert real nicht als eine abstrakte Universalie, sondern immer nur in der ungeteilten Einheit der konkreten menschlichen Substanz, eines Wesens mit Selbststand und unvertretbarer Eigenwirksamkeit durch sich selbst (vgl. DI 9). Dies macht die seinshafte Konstitution des Menschen als Vernunftwesen vom Lebensbeginn an aus. Die damit verbundene schöpfungsmäßige Auszeichnung als das "Vollkommenste in der ganzen Natur" (Thomas von Aquin, STh I, 29, 1) wird als Mitgiftwürde bezeichnet. Sie ist ein zentraler Selbstverständigungsbegriff des Menschen als konkreter Träger einer allgemeinen Idee von Humanität, die als ein innerer Anspruch jedem Menschen entgegentritt. Dieser Anspruch ist für Kant eine "himmlische Stimme", die "unüberschreibar" (Kritik der praktischen Vernunft A 62) ist; das heißt, die durch allen selbstgemachten oder von anderen inszenierten Lärm nicht überschrien oder niedergebrüllt werden kann, so dass sie stumm würde. Stumpf und stumm kann nur das innere Aufnahmeorgan im Menschen werden, nämlich sein Gewissen (vgl. DI 7).

Für den Menschen ist es lebenswichtig, sich in dieser seiner Würde selbst achten und annehmen zu können. An diesem Punkt aber ist, wie Avishai Margalit in seinem Buch "The Decent Society" es drastisch beschrieben hat, der Mensch der Achtung von anderen wie auch der Verachtung durch andere ausgesetzt, der Anerkennung wie auch der Demütigung, das heißt, der Verletzung des Menschen in seiner Selbstachtung, wie sie seiner Würde geschuldet ist. "Würde" ist entsprechend der Weise, wie der Mensch von Anfang an nur als soziales Wesen existieren kann, auf Gemeinschaft bezogen, auf Zwischenmenschlichkeit. Es ist das, was der Würde der Person ihr Gesicht verleiht: die Antlitzwürde. Existenziell betrachtet gründet sie in der Seinsweise des Menschen, die keine andere ist als "Leben".

"Leben ist das Sein des Lebendigen", so sagt Robert Spaemann im Anschluss an Thomas von Aquin (STh I, 18, 2). "Würde" im Sinne der Antlitzwürde steht damit von vornherein für eine dialogische Existenzweise, für ein personales "Gemeint-Sein", ein "Angesprochen-Sein". Josef Pieper sieht in seiner wegweisenden Schrift "Wahrheit der Dinge. Eine Untersuchung zur Anthropologie des Hochmittelalters" diesen Gedanken bereits bei Thomas theologisch grundgelegt, vor allem in dessen Kommentar zum Johannesevangelium. In der Auslegung des Prolog-Worts "Was gemacht ist, war in ihm Leben" (vgl. Joh 1, 3 f.) sagt Thomas: "In Gott aber ist sein Erkennen sein Leben und seine Wesenheit. . . .  Deshalb ist das Geschöpf in Gott schöpferische Wesenheit. Sieht man also die Dinge gemäß ihrem Sein im WORT, so sind sie Leben." Was die Würde der Person in ihrem "Sein" auszeichnet, ist die dialogische Existenz im WORT. Und eben dies ist der Wesensgehalt von "humanitas", von "Menschheit", jener Menschheit "in deiner Person als in der Person eines jeden anderen", von der Kant in der zentralen Formulierung des kategorischen Imperativs spricht (vgl. Grundlegung zur Metaphysik der Sitten 429). Wie aber kann dies in einer philosophisch-rationalen Weise vermittelt werden?

Die "unendliche Würde" und ihre diskursive Vermittlung

Die Herausforderung, Existenzaussagen in Bezug auf den Menschen in adäquaten sprachlichen Aussageformen gerecht zu werden, hat schon Étienne Gilson erkannt. Beispielsätze wie "Da ist ein Kranker", "In diesem Zimmer ist ein Sterbender" oder "Da sind Liebende" sind nicht einfache Wahrnehmungsurteile, weil sie dem darin enthaltenen Existenzgehalt – etwa dem Selbst-Anspruch und Recht, "in Würde sterben" zu können – nicht gerecht werden. Eine gewisse Hilfe für die sich hier stellende "logische" Problematik bietet die Neukonzeption sogenannter "qualitativer Urteile", wie sie Kant in der "Kritik der reinen Vernunft" (KrV) auf dem Hintergrund einer langen Vorarbeit geleistet hat (vgl. dazu Jakub Jesokiewicz "Das unendliche Urteil ,Die Seele ist nichtsterblich' [anima est nonmortalis]").

Kant ist zur Neukonzeption nicht zuletzt dadurch veranlasst worden, dass die alte Lehre von den Transzendentalien ( jedes Seiende ist eines, wahr und gut ), also von den grundlegendsten Qualifikationen der Wirklichkeit, zwar im eigentlichen Sinne nicht falsch, aber von der Schulphilosophie "falsch gedolmetscht" worden sei (KrV B 114). Um es gleich konkreter zu veranschaulichen, worum es geht: Der Titel der Erklärung des Dikasteriums für die Glaubenslehre enthält genau besehen ein "unendliches Urteil" etwa in der Art: "Die Würde des Menschen existiert nicht-endlich", "die Würde dieses konkreten Menschen ist in einer Weise existent, die nicht-endlich ist".

Kant unterscheidet dieses "unendliche Urteil" von "bloß bejahenden" oder "bloß verneinenden" Urteilen wie ",Die Würde ist antastbar , das heißt, sie ist von endlicher Beschaffenheit", wie dies in neueren Würdediskursen auch tatsächlich vorgebracht worden ist. Genau dies aber wäre ein Kategorienfehler, weil es zur Grundüberzeugung der Menschheit gehört, dass die Würde des Menschen unantastbar ist. Mit der kategorialen Unterscheidung zwischen "bloß bejahenden bzw. verneinenden" Urteilen einerseits und "infiniten Urteilen" andererseits hat man ein Erkenntniskriterium an der Hand, ob und inwieweit in solchen Diskursen die Würde jedes in der Welt existierenden Menschen (vgl. DI 2) überhaupt adäquat zur Sprache gebracht wird.

Was hier sehr theoretisch erscheint, kann existenziell mehr als brisant sein, wenn davon nämlich Entscheidungen über den Umgang mit Menschen in bestimmten Situationen abhängig gemacht werden. Im Artikel "Menschenwürde" des "Staatslexikons" wird der Art. 1 des Grundgesetzes und der Europäischen Grundrechtscharta über die Unantastbarkeit der Menschenwürde zunächst als eine "beschreibende" Aussage derart verstanden, "dass dem Menschen seine Würde nicht genommen werden kann, dass die Würde also zwar vielleicht verletz-, nicht aber gänzlich aufhebbar ist"; daher gelte infolge davon die normative Umsetzung des Art. 1 als "außerordentlich umstritten". In Kants Augen wäre dies schon von der kognitiven Ebene der Beschreibung her betrachtet ein Kategorienfehler, in dessen Folge gezielte oder nicht-gezielte Relativierungen des realen Anspruchsgehalts der Würde des Menschen nicht ausbleiben.

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Offensichtlich beginnt das Problem damit, dass in den "Diskursuniversen" heutiger Gesellschaften aufgrund ihrer Säkularität schon die Beschreibung dessen defizitär ist, was die Würde des Menschen in der Einmaligkeit seiner Person ausmacht. Dieses Kognitionsdefizit zeigt sich formal an Kategorienfehlern. Versteht man hingegen die Aussage "Die Würde des Menschen ist nicht-bedingt" als "nicht-endliche Urteilsbildung", so beginnt man damit einen Prozess der Wahrheitsfindung und -bestimmung. Es ist ein Prozess der Unterscheidung dessen, was die Würde von Menschen als Mitglieder ihrer Zeit und Gesellschaft ausmacht, von entwürdigenden Konditionierungen prinzipiell aller Art. Damit kommt man dem näher, was die "Menschheit" der konkreten Person des Einzelnen bedeutet, und gerade das ist die Zielrichtung "nicht-endlicher Urteilsbildung", wie es Kant verstanden hat, und zwar in ontologischer Absicht. Aber Kant hat genauso klar gesehen, dass ein unendlicher Urteilsprozess auch im Sinne permanenten Unterscheidens nicht zu einem beschreibenden Abschluss dieser "Menschheit" in der Person des Einzelnen kommen könnte, weil er niemals das erreichen kann, was der Mensch in Gottes Blick darstellt.

Daraus erhellt die Rede von der "infiniten Würde", wie sie der heilige Papst Johannes Paul II. 1980 in seiner Ansprache an die Behinderten und ihre Begleiter zum Ausdruck gebracht hat: "Gott hat uns in Jesus Christus auf unüberbietbare Weise gezeigt, wie er jeden einzelnen Menschen liebt und ihm dadurch unendliche Würde verleiht."


Der Autor ist katholischer Theologe und lehrte bis 2014 Moraltheologie an der Universität Bonn. Teil 2 erscheint in der Ausgabe von 31. Mai, Teil 3 am 13. Juni 2024.

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