Debattenbeitrag

Plädoyer für eine Renaissance der Theologie

Um in einer globalisierten Welt mit ihrem Relativismus wieder sprachfähig zu werden, reichen keine flachen Reformappelle. Die Wissenschaft von Gott muss neu begründen, warum sie definierte Glaubenswahrheiten vorlegen darf.
Kernfragen hinter der Reformagenda
| Hinter den Reformdebatten in der Kirche stehen interessante Fragen grundsätzlicher Natur, die von der theologischen Wissenschaft aufgearbeitet werden müssen.

Wir leben in einer globalisierten Welt, in der sich eine Kultur mit vorherrschenden planetarischen Merkmalen aufdrängt und von der Majorität der Menschen akzeptiert wird. Dadurch stellt sich eine zunehmende Homogenisierung der Kultur ein. Es ist eine hypertechnologisierte Welt, in der sich das atomisierte Individuum vorfindet. Die Lebenswelt des Menschen verflüchtigt sich zugunsten eines „virtual environment“. Darin üben die Kommunikationsmedien und das Internet gewissermaßen eine totale Prädominanz aus. Sie framen die Art zu denken und modellierten Mentalitäten wie Lebensformen. Der Relativismus tritt als die scheinbar überlegene Ideologie auf.

Dieses globale Panorama, das nicht nur negative Momente birgt, fordert die Theologie heraus, den Zeitgenossen und der Gesellschaft eine Antwort von der Offenbarung und vom Glauben her anzubieten. Es scheint, dass die Wurzel der komplexen Probleme, die wir wahrnehmen, im Wesen des Menschen selbst liegt, denn der Mensch formt die Gesellschaft, die sich nach seinem Plan gestaltet.

Deshalb ist es von erstrangiger Bedeutung, auf die Frage nach dem Wesen des Menschen und seiner Lebenswelt zu antworten. Somit rückt die theologische Anthropologie in den Focus, die sich der Frage nach der Natur des Menschen annehmen muss.

Der Seinsgrund der Sexualität

Was von der philosophischen Verständigung und vom Glauben her geklärt werden muss, ist das heute diskutierte Problem der sexuellen Identität des Menschen. Vor dem Hintergrund der Genderideologie wird die theologische Anthropologie im Verein mit einer Theologie der Schöpfung in konsistenter Weise die Bedeutung des Mann- und Frauseins erarbeiten müssen. Die Frage nach dem Seinsgrund der Sexualität (nicht des gender), wie er im Schöpfungsplan grundgelegt ist, bedarf auch einer dogmatischen Beantwortung.

Eng damit verbunden ist die laufende Diskussion über „neue Formen“ von Familie, die von der Forderung diverser Gruppen nach einer Legalisierung und Gleichstellung von homosexuellen Verbindungen ausgeht. Im Grunde steht dabei die Frage nach der wahren Bedeutung der menschlichen Liebe und ihren unterschiedlichen Ausdrucksformen im Mittelpunkt einer theologischen Fragerichtung.

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Hinter den Reformdebatten in der Kirche stehen interessante Fragen grundsätzlicher Natur, die unberührt liegen bleiben und der Aufarbeitung harren. Im Tagesdisput dominieren flache Reformappelle, die sich häufig der Tür-Metapher bedienen: Ist die Tür schon einen Spalt geöffnet worden oder ist sie noch verschlossen? Zwischen diesen beiden Optionen oszillieren die theologischen Blogs.

Im Hintergrund steht dabei wohl die Auseinandersetzung um die Wahrheitsfähigkeit von dogmatischen Aussagen, die Berechtigung einer sich verändernden Lehrentwicklung im Kontinuitätsanspruch des Offenbarungsglaubens, die nicht offen und transparent geführt wird. So gibt es vermehrt Stimmen, die um einer anvisierten Zukunftsfähigkeit willen keine diachronen Verbindlichkeiten in der kirchlichen Lehrverkündigung zulassen wollen. Das ehedem Festgelegte soll zugunsten des heute Akzeptablen und in Zukunft Relevanten verflüssigt werden.

Kernfragen hinter der Reformagenda

Dagegen scheint es geboten, in der Theologie die verdrängten Kernfragen hinter der irrationalen Reformagenda aufzudecken und aufzugreifen. Wo gibt es eine berechtigte, auch verändernde Entwicklung in der Glaubenslehre und wo liegen die Grenzen solcher Diskontinuität? Welches Gewicht haben definierte Glaubenssätze? Ist die Kirche befugt, sich um ihrer Anpassung an gesellschaftliche Plausibilitäten willen über das hinwegzusetzen, was als „apostolis tradita“ von den Apostel überliefert ist? Um nur einige Denkanstöße zu liefern. Thomas Marschler, Michael Seewald und Reinhard Hütter haben darüber vor einigen Monaten in der Zeitschrift „Herder Korrespondenz“ eine kontroverse Debatte geführt.

In engem Zusammenhang damit steht dann auch die Frage: Inwiefern bedürfen die heutigen Probleme der Kirche einer „reductio in christologiam“, einer Zurückführung auf die Christologie? Welche bleibende Gültigkeit ist schon seit der frühen Zeit der Kirche den christologischen und trinitätstheologischen Lehraussagen der alten Konzilien im Hinblick auf spätere Reflexionen zugestanden worden? Wo liegt die Bedeutung der Vätertradition für die ganze Entfaltung der theologischen Lehre?

Eine rein geschichtliche Sehweise, die immer nur kontingent bleibende Ereignisse – und seien es Lehrentscheidungen – vor ihr Visier bekommt, wird diese sehr entscheidende Frage nicht in einem dogmatischen Sinn konsistent beantworten können. So besteht die offene Aufgabe, zu klären, worin, das heißt in welchen propositionalen Festlegungen sich – bei aller Kontingenz von deren Zustandekommen – die Absolutheit der Offenbarung, so wie sie von der Kirche rezipiert wird, artikuliert.

Die heutige Rede über die Kirche und ihre Reform lässt oftmals Defizienzen in der Auffassung ihres Wesens und ihrer Sakramentalität erkennen, womit meist ein rein funktionales Amtsverständnis einhergeht.

Abhandenkommen eines sakramentalen Denkens

Für eine zukunftsweisende Ekklesiologie, die auch die diachrone Tradition (Patristik, Mittelalter, Konzilien) als maßgeblich mit in ihre Prinzipien aufnimmt, wird es darauf ankommen zu zeigen, dass der Kirche – ausgehend von der Ursakramentalität des Menschseins Jesu – ein sakramentaler Charakter zukommt, ist sie doch immer „ecclesia de Eucharistia“, Kirche aus der Eucharistie. Die Kirche ist mit dem neuen Leibsein Jesu, das er aus der Auferstehung gewinnt, wesenhaft verschränkt. Wenn wir sagen: Die Kirche ist Grundsakrament, so entspricht dies der sakramentalen Denkform der katholischen Theologie. Diese steht heute zur Diskussion, denn in vielen Stellungnahmen ökumenischer Arbeitskreise treffen wir die Forderung nach der Verabschiedung des sakramentalen Denkens an. Ich erwähne nur den Jäger-Stählin-Kreis mit seinem Votum „Gemeinsam am Tisch des Herrn“.

Den Mitgliedern dieses Kreises gilt jede Bekenntniseinheit als zeitbedingt und relativ. Das gemeinsame Bekenntnis, so wird hier unterstellt, begründe nicht die Einheit der Kirchengemeinden. Der Glaube an die Rechtfertigung aus Gnade allein sei das Prinzip des Kircheseins. Bei der Kirchenzugehörigkeit genüge eine versöhnte Verschiedenheit. Treue zur Lehre der Apostel könne es auch ohne apostolische Sukzession, die „successio apostolica“ geben. Dies berührt auch das Verständnis des „ordo“ als sakramentales Dienstamt: Die Unterscheidung zwischen einem besonderen Priestertum der Ordinierten und dem gemeinsamen Priestertum aller Getauften, so wird hier gesagt, sei kein Hindernis für eine Gemeinsamkeit am Tisch des Herrn.

Wer eine Kircheneinheit ohne gemeinsames Bekenntnis und ohne Einigung in der Frage der apostolischen Amtsnachfolge für möglich hält, dokumentiert damit das Abhandenkommen eines sakramentalen Denkens.

Verzicht auf Bekenntniseinheit

Bereits die Leuenberger Konkordie von 1973 zwischen Lutheranern und Reformierten hatte auf die sakramentale Bekenntniseinheit verzichtet und auf diese Weise die Abendmahlsgemeinschaft zwischen beiden begründet. Und dies soll nun auf die Gemeinschaft der katholischen Kirche ausgedehnt werden.

Eng verbunden mit der Frage nach der sakramentalen Konstitution der Kirche ist die nach dem Wesen des „ordo“ und des priesterlichen Dienstamtes, das nach katholischem Verständnis auf der „successio apostolica“ fußt und durch Handauflegung und Gebet übertragen wird. Man wird gerade im Interesse eines soliden ökumenischen Gesprächs in der nächsten Zeit genauer erörtern müssen, ob es ein solches Amt der Apostelnachfolge gibt oder ob das Dienstamt in der Kirche lediglich auf einer Beauftragung durch die Gemeinde und Ordination beruht.

Christuszeugnis der Kirche

Einige Hinweise dazu können mit Blick auf die Sendung Jesu gegeben werden, die sich gerade in der Sammlung und Konstituierung des Zwölfer-Kreises dokumentiert: Bei Markus 3,14 heißt es wörtlich: „Und er machte die Zwölf, dass sie beständig bei ihm seien und dass er sie aussende zu verkündigen.“ Die Einsetzung des Zwölfer-Kreises weist auf den Anspruch Jesu, das ursprünglich aus zwölf Stämmen bestehende Israel wiederherzustellen. Die Zwölf werden gesandt, die Kirche an ihr Christuszeugnis zu binden. Nach Lukas stehen die Episkopen oder Presbyter, ohne selbst Apostel zu sein, in der Nachfolge der Apostel. Mit den Zwölf haben sie gemeinsam, dass sie das Voraus des Hauptes Christus gegenüber seinem Leib, der Kirche, sakramental repräsentieren. Durch das Sakrament des „ordo“ wird das Amt der Apostelnachfolge übertragen.

Dieses Amt besteht in der sakramentalen Repräsentation des Voraus Christi vor seiner Kirche. Es ist ein gründendes, leitendes und richtendes Amt. Und es ist sakramentale Vollmacht, nicht aus sich heraus, sondern als geliehene. Im Hinblick auf die Gemeinde bedeutet dies: Durch die Unterscheidung des besonderen vom gemeinsamen Priestertum muss strukturell sichtbar bleiben, dass die Gemeinde sich nicht selbst leitet. Die Gemeindeleitung ist prinzipiell an das Sakrament des „ordo“ gebunden.

Der Autor Michael Stickelbroeck ist habilitierter Theologe mit den Schwerpunkten Dogmatik und Ökumenische Theologie.

 

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