Nutzen und Vergnügen

Mensch und Natur

Vor 150 Jahren wurde per Gesetz der Yellowstone-Nationalpark eingerichtet – „zum Nutzen und Vergnügen der Menschen“. Vom destruktiven Anthropozentrismus, der die Natur rücksichtslos ausbeutet, gelangte man damit zur eudämonistischen Sicht auf die Natur als Ort der Erholung und der Freude.
Yellowstone National Park
Foto: Christian Röwekamp (dpa-tmn) | Beeindruckende Natur im Yellowstone Nationalpark: Über die Sinterterrassen von Mammoth Hot Springs fließt heißes Wasser.

Der Yellowstone-Nationalpark – der älteste der Welt – war in diesem Jahr in den Medien sehr präsent. Anfang März konnten Naturfreunde in aller Welt seinen 150. Gründungstag feiern. Anfang Juni machten Überschwemmungen Schlagzeilen. Natur – mal idyllische Kulisse für den Erholung suchenden Menschen, mal bedrohliche Gefahr – die widersprüchlichen Facetten des Mensch-Natur-Verrhältnisses werden im Yellowstone-Nationalpark deutlich.

Der Yellowstone-Nationalpark wurde (so steht es im betreffenden Gesetz) „zum Nutzen und Vergnügen der Menschen“ eingerichtet. Das verrät viel über die Sicht auf Natur, die im 19. Jahrhundert vorherrschte. Natur sollte dem Menschen dienen, nun eben nicht mehr bloß als Ressource, sondern – das war der ökologische Fortschritt – auch als immaterieller Wert zur Erholung von Körper und Seele. Dass diese eudämonistische Sicht auf die Natur immer noch anthropozentrisch ist und die Natur verzweckt, ist erst hundert Jahre später zum Problem geworden, als im Zuge der Umweltbewegung der 1970er Jahre die Debatte über den Eigenwert der Natur begann. Heute ist diese Debatte weit verzweigt. Sie umfasst die Forderung nach Tierrechten, nach der Teilhabe von Primaten an den „Menschenrechten“ gar, sie produziert patho-, bio- und physiozentrische Ideen.

Vermeidung von Leid

So vertreten Pathozentriker die Auffassung, die Basis ethischen Nachdenkens über das richtige Verhalten gegenüber Mensch, Tier und Pflanze sei unterschiedslos die Vermeidung von Leid. Die moralische Aufwertung der nicht-humanen Natur impliziert dabei – das wird deutlich, wenn man ins Detail geht – eine Abwertung des Menschen. Erkennbar wird das vor allem an einem Vertreter dieser Richtung, Peter Singer. Der australische Ethiker argumentiert mit dem Leid, egal, wer da leidet: „Wenn ein Wesen leidet, kann es keine moralische Rechtfertigung dafür geben, sich zu weigern, dieses Leiden zu berücksichtigen. Es kommt nicht auf die Natur des Wesens an. Ist ein Wesen nicht leidensfähig oder nicht fähig, Freude oder Glück zu erfahren, dann gibt es nichts zu berücksichtigen. Deshalb ist die Grenze der Empfindungsfähigkeit die einzig vertretbare Grenze für die Rücksichtnahme auf die Interessen anderer“.

Was die Position der Tierrechtler zweifellos bestärkt, schwächt die der Lebensrechtler, die sich etwa um den Schutz des ungeborenen menschlichen Lebens sorgen, denn dieses Leben braucht man nach Singer in der Ethik nicht zu berücksichtigen, soweit es nicht fähig ist, Empfindungen zu haben. Diese Ignoranz gegenüber menschlichem Leben in seiner frühesten Phase funktioniert nur, wenn man keinen Wesensunterschied mehr macht, sondern ausschließlich – rein konsequentialistisch – Nutzen oder Schaden bei der moralischen Beurteilung von Handlungen als Kriterien gelten lässt. So orientiert – an den Folgen – wird der prinzipielle Unterschied von Mensch und Tier verwischt und es gilt das „Interesse“, von Leid verschont zu bleiben, als universale Richtschnur der Ethik dieses „Präferenzutilitarismus“ genannten Ansatzes Singers.

Der Mensch und die Natur sind eins

Noch weitergehend ist die völlige ontologische Aufhebung der Mensch-Natur-Differenz im Physiozentrismus. Um zu verdeutlichen, dass es sich dabei um die Gleichstellung innerhalb der belebten Natur handelt, spricht man auch von Biozentrismus, in Abgrenzung zum Holismus, der auch die nicht-lebende Natur (etwa eine Gesteinsformation im Hochgebirge) einbezieht, oder zum Ökozentrismus, der auf die systematischen Wechselbeziehungen in der belebten und nicht belebten Umwelt abzielt und Konzepte wie „Lebensraum“ zum Schutzgut erhebt.

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Hier ist es nicht mal mehr nötig, ein Kriterium zu definieren, das Mensch und Natur aneinander bindet (wie die Fähigkeit, Leid zu erfahren, und das Interesse, von dieser Leiderfahrung verschont zu bleiben), nein, hier ist der Konnex noch enger. Nicht nur der Konsequenz nach, also hinsichtlich eines Schutzes der Natur um ihrer selbst willen aufgrund ihres Eigenwerts bzw. aufgrund ihrer Leidensfähigkeit, sondern bereits in der Wesensbestimmung herrscht Gleichförmigkeit: Der Mensch und die Natur sind eins, der Mensch nicht nur körperlich, sondern auch geistig ein Teil der Natur.

Der Wert des Menschen

Das wirft nun ein Problem auf: Einerseits soll der Mensch letztlich auch nicht mehr wert sein als eine Schnecke oder ein Baum, andererseits ist es eben dieser Mensch, der de facto und – bei Einräumung von Rechten – auch de iure über das Schicksal von Schnecke und Baum bestimmt. Das geschieht kraft jener einzigartigen Eigenschaft, die ihn zum einen von der nicht-humanen Natur abhebt und die zum anderen gerade die Bedingung der Möglichkeit darstellt, diese verantwortungs- und wirkungsvoll zu schützen: die Fähigkeit zur praktischen Rationalität, die ihm, dem Menschen, ganz allein einen moralischen Status als Handlungssubjekt verleiht. In diese Richtung geht etwa die Argumentation gegen die Naturalisierung des Menschen bei Jürgen Habermas. Doch oft wird dieses Alleinstellungsargument einfach stillschweigend übergangen oder behauptet, dass der Mensch dann eben zum Anwalt der Natur werden müsse, ohne zu explizieren, wer ihn dazu macht – wenn nicht der Mensch selbst. Und nicht die Schnecke, nicht der Baum.

Abgesehen von diesem offenkundigen Bruch des Physiozentrismus mit der philosophischen und theologischen Anthropologie kann der in der säkularen Umweltethik seit einigen Jahren immer stärker verfochtene Paradigmenwechsel von der anthropozentrischen zur physiozentrischen Perspektive auf die Natur problematische Folgen haben – für den Menschen. Wenn das Gerechtigkeitsprinzip auf Basis der Verantwortung zu einem Gleichheitsprinzip auf der Grundlage eines ontologischen Naturalismus wird, bei dem menschliches Leben, tierisches Leben und pflanzliches Leben im Zweifel nicht als hierarchisch gestufte Schutzgüter im Sinne einer anthropozentrischen Axiologie verstanden werden sollen (die einige für einen Ausdruck von „Speziesismus“ halten, also für die grundlose Bevorzugung der eigenen Art, und strukturell mit Rassismus gleichsetzen, der grundlosen Bevorzugung der eigenen Ethnie), dann ist gerade jene menschliche Würde in Gefahr, die eigentlich – aktual oder künftig – geschützt werden soll.

Hybris überwinden

Anders gesagt: Wer die menschliche „Hybris“ des anthropozentrischen Weltbildes überwinden will, läuft Gefahr, den Menschen zum Opfer einer naturalistischen Depotenzierung zu machen. Nicht die Natur wird dann moralisch und rechtlich auf-, sondern der Mensch wird abgewertet. Interessanterweise hat die radikale Ökologiebewegung mit Abtreibungen grundsätzlich kein Problem – das zeigt sich etwa auch bei dem schon erwähnten Peter Singer, der ein „Recht auf Abtreibung“ gerade damit begründet, dass eine Abtreibung einem menschlichen Wesen (angeblich) weit weniger Leid zufügt als das Schlachten eines tierischen Wesens, das unserer Ernährung dient. In diesem Sinne wird die Lebensschutzbewegung dadurch zu desavouieren versucht, dass man darauf verweist, sie postuliere nicht zugleich eine vegane Ernährungsweise und werde dadurch unglaubwürdig. So etwas geht nur mit patho- bzw. physiozentrischem Weltbild.

Wir können nicht aus unserer Haut. Wir bestimmen über die Natur. Das ist unser Auftrag. Zudem wäre es nicht möglich, exakt zu definieren, was Natur überhaupt ist und was damit schützenswert sein soll und was nicht, wenn der Mensch selbst konzeptionell als vollends in der Natur aufgehend gedacht würde. Und „Natur“ zu definieren wäre schon wichtig, denn es gibt logischerweise einen engen Zusammenhang von Definitionsmacht und Schutzumfang.

Verrechtlichung der Natur

Ferner erscheint jede von der Anthropo­zentrik abweichende Natursicht – führe sie zur Verrechtlichung oder „nur“ zur Moralisierung der Natur an sich – unredlich, denn niemand schützt die Natur ohne jede teleologische Überlegung mit Blick auf den Menschen, ohne jeden eudämonistischen Hintergedanken. Jede nicht-­anthropo­zen­­trische ­Konzeption des Mensch-­Natur-­Verhältnisses führt letztlich zu Inkonsistenzen. Wir können uns nicht so total mit der Natur als solcher identifizieren, dass wir in der Lage wären, ihr jene moralischen Ansprüche und Rechte zuzuschreiben, die sich tatsächlich aus ihren Interessen ergeben. Wir wissen nicht, was die Schnecke oder der Baum will, wir wissen nur, was wir von Schnecke und Baum erwarten – und schützen sie darum.

Doch unser Anthropozentrismus braucht neue verantwortungsethische Bezüge. Nur, wenn wir den Menschen ins Zentrum setzen, ohne die Fehler der rücksichtslosen Naturverfügung fortzuschreiben und auch nicht allein, damit wir „Nutzen und Vergnügen“ haben, sondern indem wir die Natur als Lebensgrundlage achten, aber eben als unsere Lebensgrundlage, werden wir dauerhaft zu einem verantwortlichen Umgang mit der Natur kommen. Die Natur, die Umwelt, das Klima – all das wird mit Blick auf den Menschen und die Möglichkeit seiner Existenz geschützt, zur Gewährleistung einer „Permanenz echten menschlichen Lebens“ (Hans Jonas) – so ehrlich sollten wir sein. Insbesondere gehört zum Naturschutz auch der Schutz des menschlichen Lebens in allen seinen Phasen und unter allen seinen Bedingungen. Nur in dieser holistischen „Ökologie des Menschen“ (Benedikt XVI.) kann der Umwelt- und Klimakrise nachhaltig begegnet werden, weil nur so die motivationale Grundlage ökologischen Handels für alle gleichermaßen nachvollziehbar ist: Es geht nicht um die Schnecke, nicht um den Baum an sich, sondern um den Menschen, also letztlich um jede und jeden Einzelnen von uns.

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