Abtreibungsdebatte

Konsens statt Wahrheit?

Ein Widerspruch mit aufrichtigem Bedauern – Eine Antwort auf den überaus lesens- und bedenkenswerten Essay „In neuem Licht“ von Enrique Prat.
Abtreibungsgegner demonstrieren in München
Foto: Tobias Hase (dpa) | Die Debatte um Abtreibungen in eine Sackgasse geraten und von Eskalation und Verrohung gekennzeichnet.

Unter der Überschrift „In neuem Licht“ hat der Generalsekretär des Wiener Instituts für medizinische Anthropologie und Bioethik (IMABE), Enrique Prat, einen sehr lesens- und bedenkenswerten Essay zur Debatte um Abtreibungen verfasst. Gleichwohl bin ich der Meinung, dass der Autor in einigen, nicht unwesentlichen Punkten irrt.

Zunächst aber zu dem zwischen uns völlig Unstrittigen – und das ist gar nicht wenig. Völlig zu Recht konstatiert Prat, dass die Debatte um Abtreibungen in eine „Sackgasse“ geraten und von „Eskalation und Verrohung“ gekennzeichnet sei. Auch das Anliegen Prats, die Debatte aus dieser Sackgasse herauszuführen, teile ich. Daher erscheint mir auch Prats Suche nach dem, was eine „argumentative und kommunikative Wende“ ermöglichen könnte, aller Mühe wert.

Mehr Trennschärfe in der Ethik-Debatte erforderlich

Wenn ich den Autor richtig verstehe, hält er die ersehnte Wende für erreichbar, wenn in der Debatte trennschärfer als bisher zwischen einer „individuell-moralischen“ und einer „politischen Ethik“ unterschieden werde. So stimme es zwar, dass – auf der Ebene der Individualethik – „der Konsens nicht das Ziel, sondern Folge des Bemühens um die Wahrheit“ sein müsse. Aus Sicht der politischen Ethik sei es jedoch „falsch, Wahrheit als realpolitisches Ziel des Konsenses anzustreben, wenn dadurch gesellschaftliche Fronten so aufeinanderprallten, dass der erreichbare Konsens hinter dem zurückbliebe, was in einer kommunikativen Atmosphäre möglich wäre“.

Während ich den prinzipiellen Wunsch Prats nach einer Trennschärfe der beiden Ebenen noch durchaus zu teilen vermag, halte ich es dennoch für notwendig, hier ein Fragezeichen zu setzen. Denn wenn mich die politische Ethik tatsächlich verpflichten würde, als realpolitisches Ziel nur jenes Gut anstreben zu dürfen, das in einer „kommunikativen Atmosphäre“ erreichbar wäre, dann bestimmt, was als Gut erstrebt werden darf, faktisch am Ende derjenige, der früh und laut genug schreit. Wie jede Mutter kleiner Kinder bestätigen wird, basiert die sogenannte „Quengel-Meile“ an den Supermarktkassen genau auf diesem Prinzip.

Einschüchterungsversuche der Abtreibungslobby

Hier mag man vielleicht einwenden, die Befürworter von Abtreibungen seien in aller Regel keine kleinen Kinder. Und, soweit ich mit ihnen ehrenamtlich oder privat zu tun habe, würde ich sogar sagen: Das trifft ausnahmslos zu. Kleine Kinder lehnen Abtreibungen ab und fühlen sich von ihnen bedroht. Ferner ist die „Strategie“, so lange „Krawall“ zu machen, bis man bekommt, was man will, keine, die notwendig an das Alter gekoppelt wäre. Lebensrechtler könnten von den mitunter gewaltsamen Einschüchterungsversuchen der Abtreibungslobby jedenfalls so manches Lied singen.

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Aber zurück zu Prat, der in seinem Essay logisch stringent und durchweg sympathisch argumentiert. Teilt man seine Prämissen, dann wird man am Ende auch seinem Ergebnis weitgehend zustimmen müssen. Ich halte das für eine Tugend, die heute in öffentlichen Diskursen weitgehend verloren gegangen ist. Nur teile ich, wie bereits angedeutet, seine Prämissen eben nicht durchgängig.

Falsche und unausgesprochene Prämisse 

Zu dem, was ich anders sehe, gehört auch eine Prämisse, die der Autor meines Erachtens gar nicht als solche kenntlich macht, die mir in diesem Zusammenhang aber immens wichtig ist. So wie ich Prat verstehe, argumentiert er: Weil Abtreibungsbefürworter bestreiten, dass ein menschlicher Embryo auch ein Mensch sei und ein Konsens in dieser Frage nicht herstellbar sei, seien Lebensrechtler klug beraten, diesen Aspekt hintenanzustellen und sich stattdessen auf das zu fokussieren, worüber sich ein Konsens erzielen lasse. Dies sei das Selbstbestimmungsrecht der Frau.

Bevor ich auf Prats interessante Differenzierung einer Entscheidung erster und zweiter Wahl zu sprechen kommen, möchte ich aber auch das zuvor Gesagte mit einem Fragezeichen versehen. Natürlich hat Prat recht, wenn er behauptet, es gebe mit Abtreibungsbefürwortern keinen Konsens darüber, dass ein menschlicher Embryo auch ein Mensch sei, dessen Leben schutzwürdig ist. Nur, was folgt daraus? Etwa, dass dieser Konsens erst hergestellt werden müsse? Das scheint die unausgesprochene Prämisse zu sein. Und die ist meines Erachtens falsch.

Suche nach Konsens

Ein Beispiel: Reichsbürger bestreiten die Legitimität der Bundesrepublik Deutschland. Das ist ein Faktum. Nur, was folgt daraus? Folgt man Prat, dann wären die Organe des Staates vermutlich gut beraten, die Existenz der Bundesrepublik Deutschland im Diskurs mit Reichsbürgern zurückzustellen und vorerst nicht zu thematisieren? Aber wer ordnet dann deren Hausdurchsuchungen an? Richter, die in wessen Dienst stehen? Wer sammelt die Waffen ein? Die Sicherheitskräfte einer nicht existenten Macht?

Im Grunde ist die Antwort einfach: Der Konsens über die Existenz der Bundesrepublik Deutschland muss nicht erst hergestellt werden. Er ist die Basis oder auch die Voraussetzung für alles, was auf diesem Territorium verhandelt werden kann. Anders formuliert: für das nach Möglichkeit ein Konsens gefunden werden muss.

Und genauso verhält es sich auch mit dem Lebensrecht eines menschlichen Embryos. Auch diesen Konsens gibt es längst. Es ist ein naturwissenschaftliches Faktum, dass sich der Mensch nicht „zum“ Menschen, sondern „als“ Mensch entwickelt. Wie mit Menschen umgegangen werden darf, muss hierzulande nicht erst mühsam verhandelt werden. Es steht in der Verfassung: „Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit“ (vgl. Art. 2, Abs. 2). Verfassungsrichterlich verbürgt ist zudem: „Wo menschliches Leben existiert, kommt ihm Würde zu.“ Daher greift auch Art. 1 GG: „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“

Wir sind vor Gott alle unzulänglich

Ob Reichsbürger oder Abtreibungsbefürworter, wer sich außerhalb des verbürgten gesellschaftlichen Konsenses stellt, der muss – egal, ob er bloß laut schreit, randaliert oder gar terrorisiert – auf der Ebene der politischen Ethik nicht auch noch gehätschelt werden. Auf der individuell-moralischen Ebene schulde ich hingegen dem Reichsbürger ebenso wie dem Abtreibungsbefürworter, weil er Mensch ist – Christen würden sagen: Kind Gottes – exakt dieselbe Achtung wie denen, die den verfassungsrechtlichen Konsens respektieren.

Mir scheint dies die eigentliche Stoßrichtung des Beitrags von Enrique Prat zu sein. Er will, dass wir – Abtreibungsbefürworter wie -gegner – nicht vergessen, dass wir, die wir vor Gott alle unzulänglich sind, uns nicht übereinander erheben sollten. Das ist mir sehr sympathisch. Und eine solche Erinnerung tut not. Denn wir müssen nicht übereinander urteilen. Wir müssen einander helfen.

Wahr ist aber auch: Es sind zumeist die Abtreibungsgegner, und leider in der Regel nicht ihre Befürworter, die sich um das Leid der Frauen kümmern, die Abtreibungen in Auftrag gegeben haben und dies hinterher bereuen. Aus der Praxis wissen wir: Unerwünscht schwanger zu sein, verursacht Angst. Und Angst macht unfrei. Sie verstellt den Blick auf andere Perspektiven, führt gedanklich in einen Tunnel und macht in dieser Dunkelheit anfällig für schnelle, vermeintlich einfache Lösungen.

Fremdbestimmte Entscheidungen gegen das Leben

Als Lebensrechtler erleben dies die Beraterinnen unserer Beratungshotline täglich. Es konnte sogar wissenschaftlich nachgewiesen werden. Demnach trifft ein gutes Drittel der betroffenen Frauen die Entscheidung, ihr ungeborenes Kind zur Abtreibung freizugeben, alles andere als selbstbestimmt, sondern fremdbestimmt – aufgrund des äußeren Drucks ihres Umfeldes.

Ein wichtiger Ansatz, und auch hier stimme ich Prat zu, besteht also durchaus darin, einen Konsens mit Abtreibungsbefürwortern darüber zu suchen, wie Frauen zu einer selbstbestimmteren Entscheidung verholfen werden kann. Allerdings sehe ich da ein Problem: Für viele Abtreibungsbefürworter setzt Selbstbestimmung erst ein, wenn ein Schwangerschaftstest positiv ausfällt.

Das ist aber nicht korrekt. Wenn wir den Begriff „Selbstbestimmung“ ernst nehmen, und das sollten wir, dann setzt echte Selbstbestimmung weit davor ein. Jede „aufgeklärte Frau“ und jeder „aufgeklärte Mann“ wissen heute, dass man weder wie die Jungfrau zum Kinde kommt, noch dass Kinder der Klapperstorch bringt.

Aufgeklärte Männer und Frauen wissen längst, dass der Gebrauch von Kontrazeptiva zwar das „Risiko“, ein Kind zu zeugen, minimiert, aber nicht gegen Null tendieren lässt. Das gilt auch bei „korrektem“, das heißt in diesem Fall anwendungsfehlerfreiem Gebrauch. Selbstbestimmtes Handeln im sexuellen Kontext bedeutet daher entweder, zu bestimmten Zyklusphasen enthaltsam zu sein, oder aber das Wissen um den Status des Embryos und die psychischen und physischen Folgen einer Abtreibung – für die Kinder und ihre Mütter – zu bedenken.

Nicht die Augen verschließen

Widersprochen werden muss Enrique Prat zudem, wenn er meint, Abtreibungen seien für Frauen stets nur eine „Entscheidung zweiter Wahl“. Diese These spricht für die Wertschätzung, die der Autor Frauen gegenüberbringt. Doch die Wirklichkeit ist leider zumindest teilweise eine andere. Es gibt Frauen, und die Abtreibungslobby tut viel dafür, sie zahlenmäßig zu vermehren, die Abtreibungen als legitime Methode zur Geburtenregelung erachten. Sie betrachten dann beispielsweise zwei Abtreibungen als keinen „zu hohen Preis für ein erfülltes Sexualleben“ (Jutta Ditfuhrt) oder gründen Initiativen wie „Thank God for Abortion“ (Danke Gott für Abtreibungen) wie die „Künstlerin“ Viva Ruiz. So sympathisch der Ansatz von Prat mir auch ist, in der Praxis ist niemandem geholfen, wenn all das ausgeblendet wird, vor dem der Autor die Augen verschließt.

Unter der Überschrift „In neuem Licht“ hat „Die Tagespost“ in der Ausgabe vom 25. August an dieser Stelle einen Essay des Generalsekretärs des Wiener Instituts für medizinische Anthropologie und Bioethik (IMABE), Professor Enrique Prat, zur Debatte um Abtreibungen publiziert. Auf Prat antwortet hier nun die Bundesvorsitzende der Aktion Lebensrecht für Alle (ALfA) e.V., Cornelia Kaminski.

 

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