Corona

Kinder und Jugendliche: Verlierer der Pandemie

Was die Empfehlungen des Deutschen Ethikrats zur Hilfe für Kinder und Jugendliche, die unter der Pandemie besonders gelitten haben, alles beinhalten und darüber hinaus zeigen.
Deutsche Ethikrat mahnt zum Ende der Pandemie nun zur Schadensbegrenzung
Foto: Wolfgang Kumm (dpa) | Der Deutsche Ethikrat mahnt zum Ende der Pandemie nun zur Schadensbegrenzung und Wiedergutmachung.

Die SARS-COV-2-Pandemie ist vorbei. Sieht man einmal von Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) ab, hat das inzwischen so gut wie jeder verstanden. Doch die Wunden, die das anfänglich kluge, hernach jedoch aus dem Ruder gelaufene und völlig überzogene Corona-Management zweier Bundes- und zahlreicher Landesregierungen quer durch die Parteienlandschaft vielen Menschen geschlagen hat, sind längst noch nicht verheilt. Und daran wird sich auch so schnell nichts ändern. Zu gravierend waren die Eingriffe in die Grundrechte der Bürger, zu offensichtlich das Versagen von Behörden und Gesundheitsämtern, zu hemdsärmelig ihre Kommunikation, zu gewaltig und massiv die Schreckensszenarien, die an die Wand gemalt wurden, zu diffamierend und ausgrenzend der Umgang mit Kritikern und Skeptikern, als dass es anders sein könnte.

Die Verletzungen, die viele Menschen davongetragen haben, wiegen schwer und sitzen tief. Menschen, die ihre sterbenden Angehörige nicht mehr auf den letzten Metern ihres Weges begleiten konnten. Menschen, deren berufliche Existenz infolge staatlich angeordneter Schutzmaßnahmen vernichtet wurde und für die die „Bazooka“ zu spät kam, mit welcher der damalige Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) Menschen vor den ökonomischen Folgen der Pandemiebekämpfung schützen wollte. Menschen, die den vielen Halbwahrheiten geglaubt haben, mit denen Politiker so leichtfertig wie unterschiedslos mäßig erprobte Impfstoffe bewarben und die nun um die Anerkennung von Impfschäden ringen müssen. Menschen, die angesichts des mangelhaften Bemühens um Aufklärung und Aufarbeitung jedes Vertrauen in die Politik verloren haben.

Wir werden einander verzeihen müssen

„Wir werden in ein paar Monaten wahrscheinlich viel einander verzeihen müssen“, orakelte früh Lauterbachs Amtsvorgänger Jens Spahn (CDU). Noch nie habe man in der Geschichte der Bundesrepublik bei „so vielen Unwägbarkeiten … so tiefreichende Entscheidungen treffen müssen“. Politik, Wissenschaft und Gesellschaft müssten damit rechnen, demnächst festzustellen, dass man an der einen oder anderen Stelle falsch gelegen habe, erklärte Spahn bei einer Regierungsbefragung im April 2020 im Deutschen Bundestag. Doch verzeihen will bislang kaum jemand. Selbst um Schadensbegrenzung bemühte und Korrekturen vorschlagende Interventionen wie die des Deutschen Ethikrats ernten derzeit vor allem Hohn und sogar blanken Hass. Vergangene Woche hatte das Gremium, das Bundesregierung und Parlament in ethischen Fragen beraten soll, eine neue „ad-hoc-Empfehlung“ vorgestellt. So werden jene Expertisen genannt, die der Rat aus eigenem Antrieb erarbeitet, statt – wie mit seinen Stellungnahmen – auf Bitten der Politik zu reagieren. Mit seiner „ad-hoc-Empfehlung“ nimmt der Rat eine gesellschaftliche Gruppe in den Blick, die durch das Virus am wenigsten gefährdet war, aber von den Maßnahmen, die zu seiner Bekämpfung ergriffen wurden, am härtesten getroffen wurde: Kinder und Jugendliche. Das acht Seiten umfassende Papier trägt den Titel „Pandemie und psychische Gesundheit – Aufmerksamkeit, Beistand und Unterstützung für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene in und nach gesellschaftlichen Krisen“.

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Triff den Ethikrat

Im September 2022 hatte das Gremium unter dem Motto „Triff den Ethikrat! Unser Leben in der Pandemie“ rund 350 Schülerinnen und Schüler zu einem Austausch über ihre Erfahrungen in der COVID-19 Pandemie geladen. Ein Novum in der deutschen Politikberatung. Wie der Rat in seiner aktuellen Empfehlung schreibt, hätten die Statements und Präsentationen der Kinder und Jugendlichen bestätigt, was „wissenschaftliche Studien der letzten zwei Jahre“ zeigten: Nämlich, dass Kinder und Jugendliche infolge der „Pandemie und der Infektionsschutzmaßnahmen“ besondere Belastungen zu tragen gehabt hätten.

Insgesamt sei es „beeindruckend“, wie es Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen „angesichts ständig neuer Belastungen und sich ändernder Rahmenbedingungen“ gelungen sei, „sich an die hereinbrechenden Veränderungen der Alltagsabläufe anzupassen und diese zu gestalten“. Viele von ihnen hätten die Verlagerung des Lernens in den digitalen Raum, den Wegfall vieler Angebote der Freizeitgestaltung, die Trennung von Freunden und Familienmitgliedern „mit Fantasie, digitaler Vernetzung und der Ausbildung neuer Fähigkeiten überraschend gut bewältigt“. Gleichwohl habe die „katastrophische Erfahrung der Pandemie eine existenzielle Herausforderung“ dargestellt. Diese Erfahrung sei gekennzeichnet „durch Vereinsamung, Isolation und Angst, übermäßigen Medienkonsum sowie das Fehlen äußerer Strukturen, die dem eigenen Leben üblicherweise Halt geben“. Das Erlernen der im Zuge der Schulschließungen nicht immer hinreichend vermittelten Unterrichtsinhalte habe „zusätzlichen Leistungsdruck“ erzeugt, der bis heute anhalte. Lerndefizite seien zwar früh thematisiert worden, „dass Bildungsorte auch soziale Lebensorte sind“, sei hingegen „oft übersehen“ worden. Insbesondere beim „Übergang vom Kindergarten in die Grundschule, von der Grundschule in die weiterführende Schule und von der Schule in die Ausbildung oder zum Studium“, hätten Verunsicherung und psychische Nöte „pandemiebedingt in allen Altersgruppen überdurchschnittlich“ zugenommen.

Die Rolle der Familie in der Pandemie

Familien hätten in der Pandemie einerseits „Halt und Sicherheit“ geboten, andererseits hätten „Konflikte bis hin zu Gewalterfahrungen (emotionale und körperliche Misshandlung, sexualisierte Gewalt)“, junge Menschen vor allem „in den Zeiten massiver Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen oft in ausweglose Situationen“ gebracht. Nicht selten habe die jüngere Generation „Erwachsene und Ältere“ als „ängstlich, gestresst und überfordert oder gar selbstbezogen“ erfahren. Auch öffentlich erhobene Vorwürfe, die jüngere Generation verhalte sich in der Pandemie leichtfertig und egoistisch („Partyjugend“), sei als belastend erlebt worden. Aus „psychischen Belastungen“, seien zum Teil „manifeste psychische Erkrankungen“ geworden, die „ohne zielgenaue professionelle Hilfe“ nicht mehr bewältigt werden könnten. Auch heute sei professionelle Hilfe „nur nach langen Wartezeiten zugänglich“ oder „gar nicht verfügbar“. Es fehle „an geeigneten Unterstützungsangeboten für Personen(gruppen), die infolge der Schwere ihrer Belastung einer zeitnahen Hilfe besonders dringend bedürfen und deren Zugangschancen zu den ohnehin knappen Angeboten aufgrund verschiedener Faktoren (z. B. Sprachbarrieren, Bildungsferne) erheblich gemindert“ seien.

Die „Fehlallokation therapeutischer Ressourcen in diesem sensiblen Bereich“ könne „langfristig auch die Chancengerechtigkeit innerhalb der jungen Generation bedrohen“. Zwar seien viele dieser Erkrankungen „nicht altersuntypisch (z. B. Essstörungen, Süchte, Angsterkrankungen und Depressionen)“, träten aber „pandemiebedingt verstärkt auf“. Bleibe eine „rechtzeitige und leicht zugängliche Hilfe“ aus, sei zu befürchten, „dass die psychischen Folgen der Pandemie weiterwirken werden“. Viele Betroffene und ihre Angehörigen fühlen sich „alleingelassen“ und gewännen „den Eindruck, die Folgen der Pandemie würden zu ihrem individuellen, von ihnen selbst zu meisternden Problem definiert“.

Elf Empfehlungen des Ethiktrates

Nach diesem Problemaufriss gibt der Ethikrat der Politik elf Empfehlungen, wie sich die Situation verbessern lasse. So sollten „niedrigschwellige und flächendeckende schulpsychologische Angebote“, etwa durch „qualifizierte Schulsozialarbeit“, gestärkt und in den Schulalltag „als Regelangebot“ integriert werden. Angesichts des Fachkräftemangels brauche es „offensivere Strategien zur Personalgewinnung“. Weil die Schule für Kinder und Jugendliche „ein zentraler Lebensort“ geworden sei, müssten „lebensgestaltende und -unterstützende Angebote“ auch in der Schule „vorgehalten“ und mit „Unterstützungsangeboten“ wie „der öffentlichen und freien Kinder- und Jugendhilfe“ sowie dem Gesundheitswesen vernetzt werden. Entsprechendes gelte für Hochschulen. Auch dort sollten „bestehende psychologische und psychosoziale Beratungsangebote“ ausgebaut werden. Nötig seien auch „Informationskampagnen, die in nicht stigmatisierender Weise und kultursensibel über Beratungs- und sonstige Hilfsangebote aufklären, psychische Gesundheit und Krankheit zum Thema machen sowie niedrigschwellige Zugänge zu Beratungs- und Hilfsangeboten aufzeigen“. Bestehende Hilfsangebote sollten um umfangreiche, kostenfreie Freizeitangebote ergänzt werden, „die sich insbesondere an Kinder in Risikolagen bzw. mit multiplen Problemlagen richten“. Im Bildungs-, Sozial- und Gesundheitsbereich tätige Personen, die kontinuierlich Kontakte zu Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen unterhielten, sollten im Hinblick auf die Prävention psychischer Belastungen und Erkrankungen spezifisch geschult werden, um entsprechende Problemlagen frühzeitig erkennen und Unterstützungsangebote vermitteln zu können.

Die Verantwortlichen sollten „konkrete Pläne“ vorlegen, wie Versorgungsdefizite behoben, mehr therapeutisches Personal gewonnen und die vorhandenen Ressourcen zielgerichtet verteilt werden können. Nur eine zwischen ambulantem und stationärem Bereich „ausbalancierte Versorgung“ vermöge eine durch „Chronifizierung psychischer Leiden bedingte Hospitalisierung zu vermeiden“. Nötig sei „insbesondere der Ausbau sektorenübergreifender, multiprofessioneller Versorgungsnetze“. Vorhandene Angebote „von der Prävention über Beratung und Begleitung bis hin zur Behandlung und Nachsorge“ müssten „in der jeweiligen Region stringent auf- und ausgebaut, stärker miteinander verknüpft sowie regelmäßig evaluiert und weiterentwickelt werden“.

Konsequente und systemische Hilfsangebote

Beratungs- und Hilfsangebote in Schule, Hochschule, Gesundheitswesen sowie Kinder- und Jugendhilfe sollten „konsequent systemisch“ ausgestaltet und „wesentliche Lebensweltbezüge (z.B. der Familie) einbeziehen“. Außerdem sollten verlässliche Kooperationen mit den Angeboten der Suizidprävention aufgebaut werden. Generell müsse für alle Angebote eine dauerhaft verlässliche Finanzierung gewährleistet sein. Die Forschung über die Folgen von Maßnahmen zur Bewältigung gesellschaftlicher Krisen (nicht nur von Pandemien) sollte gefördert werden, um Angebote der Prävention, Beratung, Diagnostik, Therapie und Rehabilitation evidenzbasiert zu verbessern. Schließlich müsse sichergestellt werden, dass Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene nicht erneut „in weit überwiegendem Umfang die Lasten der Krisenbewältigung“ trügen, sondern „mit allen Kräften geschützt“ würden. Dazu gehöre auch, ihre Anliegen ernst zu nehmen, Formen altersgemäßer Partizipation bei der Krisenbewältigung zu ermöglichen und Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene selbst anzuhören.

So richtig all das ist und so sehr die Gesellschaft dem Gremium zu Dank verpflichtet ist, dass es als bislang einziges Kinder und Jugendliche als Leidtragende der Pandemie in den Blick nimmt. Die Empfehlungen sind zugleich ein Beleg dafür, welche Probleme und Kosten eine Gesellschaft bewältigen muss, die die Sorge für und die Erziehung von Kindern und Jugendlichen, angefangen bei den Kleinkindern, zunehmend vergesellschaftet, anstatt systematisch jene zu fördern und stärken, die von Natur aus dazu berufen sind. Einst nannte man sie Eltern.

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