Abtreibung

In neuem Licht

Warum sich die Befürworter und Gegner von Abtreibungen auf mehr verständigen könnten, als sie selbst bislang zu akzeptieren bereit scheinen.
Ein neuer Blick auf die Abtreibungsdebatte könnte verhärtete Fronten aufbrechen.
Foto: Science Photo Library via www.imago-images.de (www.imago-images.de) | Ein neuer Blick auf die Abtreibungsdebatte könnte verhärtete Fronten aufbrechen.

Die öffentliche Debatte über Abtreibung ist seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ein Dauerbrenner in Europa. Übersehen wird meist, dass es zwei verschiedene Ebenen gibt, auf denen argumentiert wird: die individuell-moralische und die politische. Sie zu verwechseln oder zu vermischen, bedeutet den Todesstoß für jede Kommunikation. Das ist auch logisch, bedenkt man, dass politische Ethik eine eigene Rationalität besitzt, die mit jener der allgemeinen Ethik nicht deckungsgleich ist. Die Ethik als Moralphilosophie ist allein der praktischen Wahrheit und ihrer Suche verpflichtet. Die politische Ethik betrachtet immer ein Handeln in einem demokratisch-politischen Kontext. Dabei muss der für alle Beteiligten und Interessen bestmögliche Konsens Ziel politischen Handelns sein.


Moderne konsens-ethische Denker übersehen oft die unterschiedliche Rationalität der zwei Ebenen: Sie übertragen das im politischen Bereich geltende demokratische Prinzip auf den moralischen Bereich und statuieren so den Konsens als die moralisch legitimierende Instanz in individualethischen Fragen. Daraus resultieren ein moralischer Minimalismus und eine Verletzung des Rechtes auf Gewissensfreiheit. Beides geht mit einer Neudefinition und letztlich Pervertierung von Toleranz einher.

Politik ist die Kunst des Möglichen

Aber auch die Vertreter von rigoristischen individualethischen Positionen übersehen, dass, bei aller Liebe zur Wahrheit, der Konsens ein wesentlicher und notwendiger Bestandteil des politischen Ethos ist. Ohne Konsens ist kein Zusammenleben möglich. Es stimmt zwar, sofern man auf der Ebene der Individualethik argumentiert, dass der Konsens nicht das Ziel sein darf, sondern Folge des Bemühens um die Wahrheit, die - so unzugänglich sie erscheinen mag - Ziel der philosophischen Reflexion bleiben muss. Das heißt aber nicht, dass man auf der politischen Handlungsebene die Freiheit der politischen Subjekte nicht respektieren müsste. Man fiele in einen Fundamentalismus, wenn im politischen Ethos Wahrheit vor Freiheit stünde. Ziel der politischen Ethik sollte sein, Wahrheit und Freiheit in Einklang zu bringen.

Da Politik die Kunst des Möglichen ist, wird eine politische Ethik die praktische Wahrheit (das Gute) suchen, dies jedoch im gesellschaftlichen Konsens. Es gilt unter allen Konsensmöglichkeiten jene zu verwirklichen, deren Inhalt der Wahrheit am nächsten kommt. Aus der Sicht einer politischen Ethik ist es falsch, Wahrheit als realpolitisches Ziel des Konsenses anzustreben, wenn dadurch gesellschaftliche Fronten so aufeinanderprallen, dass der erreichbare Konsens hinter dem zurückbliebe, was in einer kommunikativen Atmosphäre möglich wäre.

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Die Argumentation der Abtreibungsbefürworter beruht auf zwei Thesen:

  1.  Das Selbstbestimmungsrecht der Frau darf nicht angetastet werden.
  2.  Was im Uterus der schwangeren Frau entsteht, kann sich zwar zum Menschen entwickeln, aber in keiner Weise jene Schutzwürdigkeit beanspruchen, die Menschen als Personen zukommt.

Der Streitpunkt liegt in der zweiten These. Darüber lässt sich in der Regel mit Abtreibungsbefürwortern nicht diskutieren. Wer im Embryo nichts anderes als Zellhaufen sehen will, mit dem lässt sich kein rationaler Diskurs führen. So bedauerlich diese Gesprächsverweigerung der Abtreibungsbefürworter erscheinen mag, hat sie aber auch eine gewisse Logik, die von Abtreibungsgegnern oft übersehen und mit den gängigen Pro Life-Argumenten bekämpft wird.

Es ist nur logisch, dass Abtreibungsbefürwörter nicht über das Leben im Mutterleib diskutieren wollen

Wenn Abtreibung aufgrund dieser These gesetzlich zugelassen bzw. straffrei gestellt wurde, hieße das Eintreten in diese Debatte für Abtreibungsbefürworter, dass sie möglicherweise zugeben müssten, dass Abtreibung die Tötung eines menschlichen Lebens ist. Damit würden sie die Widersprüchlichkeit des Gesetzes zugeben, wozu sie nicht bereit sind. Diese Diskussionsschiene hat in keiner Weise zur Verständigung, sondern nur zur Eskalation und Verrohung der Debatte geführt, die jede Aussicht auf Konsens illusorisch macht. Um aus dieser Sackgasse herauszukommen, müsste die Debatte eine radikale argumentative Wende nehmen.

Dafür bietet die erste These einen Ansatz, der bislang vernachlässigt wurde: das Selbstbestimmungsrecht der Frau. Lebensrechtler erklären sich mit dieser These einverstanden, insofern auch sie nicht wollen, dass die Autonomie der Frau eingeschränkt wird. Allerdings findet Autonomie dort eine Grenze, wo diese Freiheit mit der eines anderen Menschen kollidiert. Genau auf diesem Punkt müsste die argumentative und kommunikative Wende aufbauen. Der oft mutige Einsatz von Lebensrechtlern für das Leben des Embryos wurde in der Öffentlichkeit als ein Unverständnis für die Probleme der Frau interpretiert. Daraus wurde eine Gegnerschaft zur Frau gedeutet. Ein Lebensschutz, der nicht ausreichend auf die Lage der Frau achtet, der die Selbstbestimmung der Frau beschneiden will, ist moralisch fragwürdig und politisch unwirksam. Ein effizienter Lebensschutz muss also unbedingt zunächst die Autonomie der Frau stärken. Über einen solchen Lebensschutz könnte man sich mit Abtreibungsbefürworten theoretisch einigen.

Wie sich die Debatte verändern könnte

Die öffentliche Debatte könnte nüchtern und emotionslos nach dem Muster eines konsensorientierten, iterativen Kommunikationsprozesses nach vier Regeln geführt werden:

  1. Der Diskurs geht vom bestehenden Konsens aus, so minimal er auch sein mag. Das bedeutet, den Fokus der Debatte von der zweiten auf die erste These der Argumentation zu verschieben.
  2. Die zweite These wird auf keinen Fall direkt in die Diskussion miteinbezogen, da dies den Kommunikationsprozess wieder erlahmen lassen würde.
  3.  Es wird versucht, sich in der Kommunikation in diese konsens-
    trächtige These zu vertiefen, bis ein neuer, inhaltlich umfassenderer Konsens erreicht wird.
  4. Der Prozess beginnt wieder von neuem, aufgrund des neuen Konsenses.


Ad 1):  Der Ausgangskonsens ist die Selbstbestimmung der Frau. Die Frau muss entscheiden. Man will auf jeden Fall das Beste für die Frau, aber das muss sie selbst wollen. Das sollte immer im Vordergrund der Debatte stehen. Dabei gilt es, jegliche Art von Willkür- oder "Fehlentscheidung" in Folge einer selbstverschuldeten, falschen Wahrnehmung der Problemlage auszuschließen. Autonomie sollte alsSelbstgesetzgebung der Vernunft (Kant) verstanden werden. Der Mensch ist nicht schon selbstbestimmt, wenn er seine Entscheidung ohne fremden Einfluss trifft, sondern, wenn er zu seiner Entscheidung stehen kann. Keine Frau wird eine Fehlentscheidung der Vergangenheit deswegen gutheißen, weil sie sie ohne fremden Einfluss traf. Sie wird sie bedauern.

„Zu der Fehlentscheidung wird die Frau nur dann stehen, wenn sie nichts Anderes tun konnte und sich mit niemandem richtig beraten konnte. Sie wird eher sagen, sie habe sich irreleiten lassen von diesen oder jenen Gefühlen, dem Druck, den Umständen oder Personen. Im Grund erklärt sie aber damit, dass es nicht ihre Entscheidung war, es war eigentlich Fremdbestimmung!“

Schwangere Frauen verdienen eine ausgewogene Beratung

Zu der Fehlentscheidung wird eine Frau nur dann stehen, wenn sie nichts Anderes tun konnte und sich mit niemandem richtig beraten konnte. Sie wird eher sagen, sie habe sich irreleiten lassen von diesen oder jenen Gefühlen, dem Druck, den Umständen oder Personen. Im Grund erklärt sie aber damit, dass es nicht ihre Entscheidung war, es war eigentlich Fremdbestimmung! Zu einer klugen Entscheidung gehört, sich zu beraten. Der kluge Mensch lässt sich im vertrauten (Familien- und Freundeskreis) und kompetenten Umfeld (Experten) ausführlich und gut beraten, bevor er/sie zum Urteil und dann zum Entschluss kommt. Je mehr jemand unter emotionalem Schock steht, umso mehr muss man auf die richtige Beratung setzen, damit man nichts tut, dass man vielleicht bereuen würde.


Ad 2):  Da nicht alle Kontrahenten in dieser Debatte den Embryo als Rechtssubjekt anerkennen, soll diese Frage ausgeklammert werden und ein Konsens ohne Beantwortung dieses Aspekts gefunden werden. Das bedeutet nicht, dass jemand seine Überzeugungen aufgibt oder versteckt, sondern nur, dass er diese momentan nicht zum Gegenstand der politischen und öffentlichen Diskussion machen will.

Ad 3) Zunächst sollte man davon ausgehen, dass die Selbstbestimmung als rationale Fähigkeit des Menschen eine gründliche Prüfung von Zielen und Mitteln voraussetzt und dass zur Selbstbestimmung eine kompetente und ins persönliche Lebensumfeld der Betroffenen emotional gut integrierte Beratung unumgänglich ist.

Abtreibung ist immer nur eine Maßnahme zweiter Wahl

Tatsache ist, dass eine schwangere Frau, die an eine Abtreibung denkt, vor einer schwierigen Entscheidung steht. Sie befindet sich subjektiv meist in einer Notsituation und in einem starken emotionalen Schock. Sie bedauert, was zu dieser Situation geführt hat, und dass sie es nicht zu verhindern wusste oder wollte. Daraus folgt, dass Abtreibung prinzipiell nicht eine Lösung erster Wahl, sondern immer nur eine Lösung zweiter Wahl ist, auf die zugegriffen wird, wenn sonst nichts hilft. Darüber müsste ein breiter Konsens in unserer Gesellschaft vorhanden sein: Abtreibung ist immer nur eine Maßnahme zweiter Wahl, die jeder Betroffene im Nachhinein lieber verhindert hätte. Daraus lässt sich auch folgern, dass es im Sinne einer Unterstützung der Selbstbestimmung der Frau wäre, Leistungen anzubieten, die ihr eine Entscheidung zweiter Wahl erspart. Die Konsensthese könnte auch so formuliert werden: "Die Selbstbestimmung der Frau in der Notsituation kann am besten unterstützt werden, indem man alles daransetzt, dass keine Frau eine Entscheidung zweiter Wahl treffen muss, die sie im Tiefsten nicht will."


Da jeder Vorstoß zur Lösung des Problems Abtreibung in der Öffentlichkeit zu einer Eskalation der Emotionen führt und de facto niedergeschmettert wurde, ist das Bewusstsein, dass dieser Konsens existiert, verschüttet. Dabei ist er genauso rational wie die These, dass niemand sich ein Bein amputieren lässt, wenn er nicht in der Notsituation steckt, die dieses Bein für ihn zur Existenzbedrohung werden lässt. Der bestehende, aber verschüttete Konsens ist ein politischer Auftrag an die Gesellschaft, Maßnahmen zu treffen, die es betroffenen Frauen ermöglichen würde, auf eine Handlung zweiter Wahl (Abtreibung) nicht zurückzugreifen.

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Ad 4) Ausgehend von diesem Konsens müsste man Maßnahmen, die in der Vergangenheit bereits oft als flankierend vorgeschlagen wurden, nüchtern besprechen und prüfen. Darunter fallen finanzielle Unterstützungsprogramme für den einzelnen Notfall ebenso wie langfristig angelegte Aufklärungs- und Erziehungsprogramme z. B. über den verantwortungsvollen Umgang mit der eigenen Sexualität. Auch die Rolle des Mannes und des sozialen Umfelds der Frau müssten in diesem Konsens ihren Platz finden. Der Prozess müsste nun wieder beginnen, um ausgehend vom jeweils erreichten Konsens weitere Maßnahmen zu treffen, die zu einem weiteren Konsens führen sollten usw., mit dem erwarteten Effekt, dass immer weniger auf die Abtreibung zurückgegriffen wird.

Abtreibungen müssen obsolet, nicht verboten werden

Es wird Aufgabe von Abtreibungsgegnern und -befürwortern sein, das Vertrauen der jeweils anderen zu gewinnen, indem sie Dialogpartner, die bereit sind, gemeinsam über die Förderung der Selbstbestimmung der Frau in der Frage der Abtreibung nachzudenken, zu diesem kommunikativen Prozess einzuladen. Kommt der Prozess in Gang, kann erwartet werden, dass sich immer mehr Subjekte und Institutionen daran beteiligen. In diesem Prozess ist das Ziel für Staaten, in denen Abtreibung per Gesetz legal oder straffrei ist, zunächst nicht, Abtreibung zu verbieten und womöglich Frauen zu bestrafen, sondern den Schwangerschaftsabbruch obsolet zu machen, sodass sich niemand mehr dafür entscheidet, obwohl im positiven Recht die Möglichkeit weiter besteht, solange dafür kein Konsens gefunden werden kann.

Aus heutiger Sicht ist das utopisch. Nicht utopisch scheint aber, dass dieser kommunikative Prozess gestartet wird und durch Maßnahmen zur Unterstützung der Selbstbestimmung der Frau immer weniger Frauen auf eine Abtreibung zurückgreifen. Für Christen und sonstige durch ihr Gewissen dem Lebensschutz verpflichtete Menschen wird dieser Konsens zu wenig sein. Jedoch bekommt für sie die Hoffnung, dass am Ende dieses Prozesses ein echter Dialog über die zweite These (Der Embryo besitzt Menschenrechte von Anfang an) möglich wird, ein reales Fundament. Damit leben auch Chancen für eine Revision der Gesetzeslage auf.

Der Autor ist Mitbegründer und Generalsekretär des Wiener Instituts für medizinische Anthropologie und Bioethik (IMABE).

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