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DNA deutet auf den Nahen Osten

Neue Untersuchungen machen plausibel, dass das Turiner Grabtuch zeitweise im Nahen Osten aufbewahrt wurde. Einen Beweis für einen Ursprung im ersten Jahrhundert liefern sie aber nicht.
Innenraum der Kirche San Domenico mit Ausstellung der offiziellen Kopie des Heiligen Grabtuchs in Turin, Italien
Foto: IMAGO/Zoonar.com/Paolo Gallo (www.imago-images.de) | Innenraum der Kirche San Domenico mit Ausstellung der offiziellen Kopie des Heiligen Grabtuchs in Turin.

Neue genetische Analysen verleihen einer alten Vermutung zusätzliche Plausibilität: Das Turiner Grabtuch scheint im Laufe seiner Geschichte den Nahen Osten durchquert zu haben. Darauf deutet eine Studie hin, die als Vorabdruck vorliegt und von Gianni Barcaccia, Professor für Genetik und Genomik an der Universität Padua, gemeinsam mit Forschern verschiedener Universitäten verfasst wurde. Zu den Mitautoren zählt auch der inzwischen verstorbene Gerichtsmediziner Pier Luigi Baima Bollone, der in den 1980er-Jahren nach eigenen Angaben auf dem Grabtuch menschliches Blut der Gruppe AB identifizierte. Untersucht wurden DNA-Spuren aus Leinenfasern und organischen Partikeln, die bereits 1978 vom Grabtuch entnommen worden waren.

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Die Autoren betonen allerdings die Grenzen ihrer Arbeit. Ziel sei vor allem, die „Konservierungsbedingungen und Umweltinteraktionen“ des Tuchs besser zu verstehen. Zugleich heißt es, die Analyse decke dessen biologische Komplexität durch strenge DNA- und sogenannte metagenomische Verfahren auf.

Besonders auffällig ist dabei die menschliche DNA. Frühere Untersuchungen desselben Forscherkreises hatten ergeben, dass mehr als 55,6 Prozent der menschlichen DNA-Spuren dem Nahen Osten zugeordnet werden konnten, während europäische Linien unter 5,6 Prozent lagen. Die neue Studie bestätigt nun unter anderem das Vorhandensein einer Abstammungslinie, die in dieser Region besonders verbreitet ist und „bei den Drusen häufig vorkommt“. Die drusische Bevölkerung teile eine gemeinsame genetische Abstammung mit Juden und Zyprioten und habe sich historisch mit anderen Bevölkerungsgruppen der Levante, darunter Palästinensern und Syrern, vermischt.

Herstellung in Indien?

Daneben fanden sich in erheblichem Umfang auch DNA-Spuren aus Indien. Die Autoren halten fest, das Vorhandensein von etwa 38,7 Prozent indischer Abstammungslinien könne auf „historische Interaktionen oder den Import von Leinen durch die Römer aus Regionen nahe dem Indus-Tal“ zurückgehen. Sie verweisen auf den Begriff „sindon“ (das Turiner Grabtuch heißt auf Italienisch Sindone di Torino) für feines Leinen und auf mögliche Handelsbeziehungen zwischen Indien und dem Mittelmeerraum. Daraus folgern sie vorsichtig, dass eine Neubewertung der DNA-Befunde auf eine weitreichende Verbreitung des Tuchs im Mittelmeerraum und sogar auf eine mögliche Herstellung des Garns in Indien hindeute.

Ein zweiter bemerkenswerter Befund betrifft die „reiche Vielfalt an Mikroorganismen, die üblicherweise auf der menschlichen Haut vorkommen“, daneben solche, die an hohe Salzkonzentrationen angepasst sind, sowie Pilze. Das Vorhandensein dieser salzliebenden Mikroorganismen deutet nach Ansicht der Forscher auf eine Konservierung in salzhaltiger Umgebung hin. Das legt zumindest die Möglichkeit nahe, dass sich das Tuch zeitweise in einer Region mit stark salzhaltigem Klima befand – etwa im Umfeld des Toten Meeres.

Kein Beweis, aber ein neuer Einblick

Die Forscher relativieren jedoch selbst die Tragweite ihrer Ergebnisse. Neben Spuren aus dem Nahen Osten und Indien fanden sie auch DNA von Pflanzen und Mikroorganismen, die erst viel später nach Europa gelangten oder dort weit verbreitet waren, etwa Mais, Tomate, Paprika, Kartoffel, Banane, Orange und Erdnuss. Solche Funde sprechen dafür, dass das Grabtuch im Laufe der Jahrhunderte vielfach berührt, bewegt, repariert und kontaminiert wurde. Radiokarbondaten von zwei Stofffäden aus dem Reliquiar stehen zudem mit Reparatur- und Flickarbeiten in den Jahren 1534 und 1694 in Zusammenhang.

Sie ziehen deshalb einen zurückhaltenden Schluss. Diese Analysen, so ihre Kernaussage, können das Alter des Grabtuchs nicht bestimmen. Sie liefern „weder einen Beweis für einen mittelalterlichen Ursprung noch für eine zweitausendjährige Geschichte“. Wohl aber eröffnen sie neue Einblicke in die Berührungs- und Erhaltungsgeschichte des Tuchs.

Über Herkunft und Alter des Turiner Grabtuchs wird seit Langem gestritten. Sicher belegt ist nur, dass sich das Tuch seit der Mitte des 14. Jahrhunderts in Europa befindet: Es tauchte zwischen 1353 und 1357 in Lirey in Frankreich auf, kam 1453 in den Besitz der Herzöge von Savoyen und fand 1578 in Turin seine endgültige Ruhestätte. Alles, was davor liegt – Jerusalem, Edessa, Konstantinopel oder Athen –, gehört in den Bereich plausibler, aber historisch nicht sicher belegter Rekonstruktionen.

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