Am Nachmittag des 1. März 1939 ziehen die Kardinäle ins Konklave, um nach dem Tod Pius’ XI. den Stuhl Petri wieder zu besetzen. Bereits am folgenden Tag steigt aus dem Schornstein der Sixtinischen Kapelle weißer Rauch auf. Kardinalprotodiakon Caccia Dominioni verkündet sodann Rom und der Welt die Wahl eines neuen Pontifex Maximus: Es ist Eugenio Pacelli, der sich von nun an Pius XII. nennt. Der Jubel der Menschenmenge auf dem Petersplatz ist unbeschreiblich. Ein „Romano di Roma“, ein echter Römer, einer der Ihren, ist Papst geworden. Weit über zweihundert Jahre hatte man warten müssen, um wieder einen in Rom geborenen Nachfolger Petri erleben zu dürfen. Letztmals 1670 war ein Römer – Emilio Altieri (Klemens X.) – zum Oberhaupt der katholischen Kirche gewählt worden.
Eugenio Pacelli, am 2. März 1876 in der Ewigen Stadt geboren, entstammte einer Familie, die seit Generationen eng mit dem Heiligen Stuhl verbunden war. Der Großvater, Marcantonio Pacelli, war Konsistorialadvokat und stellvertretender Innenminister des Kirchenstaates gewesen und gehörte 1861 zu den Mitbegründern des „Osservatore Romano“. Sein Vater und der ältere Bruder standen ebenfalls in den Diensten des Heiligen Stuhls – als Anwälte und in kirchenpolitischer Verantwortung.
Werdegang Eugenio Pacellis - ein Glücksfall für die Weltkirche
Eugenio Pacelli wählte den geistlichen Stand, wurde 1899 zum Priester geweiht und erlangte Doktorate in Theologie und kanonischem Recht. Er stellt sich dem Dienst an der Römischen Kurie zur Verfügung und wird schließlich Apostolischer Nuntius in Bayern (1917) und beim Deutschen Reich (1920). Pius XI. ist von den Fähigkeiten Eugenio Pacellis beeindruckt und will den Diplomaten an seiner Seite sehen. Der Papst verleiht ihm im Konsistorium vom 19. Dezember 1929 den Purpur. Nicht einmal zwei Monate später ernennt er ihn zu seinem Staatssekretär. „Ich kehre zurück, von wo ich ausgegangen bin. Zu dem Grab des Felsenmannes unter der Kuppel Michelangelos, zu dem lebendigen Petrus im Vatikan“, zitiert Paul Dahm in seiner Biografie über Pius XII. den nach Rom Heimkehrenden.
Für die Weltkirche ist der weitere Werdegang Eugenio Pacellis ein Glücksfall. Der Kardinal besitzt diplomatisches Geschick und wird einer der profiliertesten Männer der Kirche. Seine Wahl im Jahre 1939 zum Nachfolger Pius’ XI. wird allgemein begrüßt. Obschon im Grunde selbstverständlich, legt das neue Oberhaupt der Weltkirche mit Nachdruck Wert darauf, Bischof seiner Heimatstadt zu sein, und stellt dies während seines ganzen Pontifikates durch Wort und Tat unter Beweis.
Pius XII. im Feuersturm von Rom
Schon bald nach seiner Wahl wird Pius XII. als Schutzherr der Ewigen Stadt in die Pflicht genommen. Der Kriegseintritt Italiens an der Seite des Deutschen Reiches beschwört dunkle Wolken über Rom herauf. Der Papst versucht in diesen Zeiten zu helfen, wo er nur kann, nicht zuletzt durch die Versorgung der Stadt mit Lebensmitteln. Und er beweist Solidarität mit den Römern. So heißt es in den Dienstaufzeichnungen eines Offiziers der päpstlichen Nobelgarde: „Auf seinen entschiedenen Befehl hin ist nirgendwo geheizt worden. Der Papst arbeitet bis in die späte Nacht hinein, mit einer einfachen Decke auf seinen Knien.“
Der Seitenwechsel Italiens im Kriegsgeschehen bringt neue Gefahren. Amerikanische Flugzeuge werfen am 19. Juli 1943 in vier Angriffswellen mehr als 680 Tonnen Bombenmaterial über Rom, über dem Stadtviertel von San Lorenzo, ab. Viele Tote und Vermisste sind zu beklagen. Es war der Papst, der in diesen Stunden den verzweifelten Menschen in ihrer Not beistand. Pius XII. hatte den Vatikan unmittelbar nach den Angriffen verlassen, um das Arbeiterviertel aufzusuchen.
Ein Hirte in der mitte des Volkes
Schwester Pascalina Lehnert, die Haushälterin des Papstes, erinnert sich in ihren Aufzeichnungen an das engagierte Auftreten des Pontifex: „Das arme Volk umringte seinen Hirten und Vater, der als Erster zu ihnen kam, um ihnen Trost und Hilfe zu bringen. Wie Trauben hingen die Leute am Trittbrett seines Wagens; sie stiegen auf den Kühler und das Dach. Auf einmal blieb das Auto stehen und war nicht mehr von der Stelle zu bringen. Der Heilige Vater stieg aus und mischte sich unter seine Söhne und Töchter, tröstete sie und kniete auf dem rauchenden Trümmerhaufen vor der Basilika zum Gebet nieder. Dann verteilte er alles, was er an Geld mitgebracht hatte. Jemandem, der Pius XII. den Vorwurf machte, weil er sich in eine solche Gefahr begeben hatte, antwortete er ohne Umschweife: ‚Ich werde es sofort wieder tun, sollte – was Gott verhüten möge – die Stadt noch einmal bombardiert werden.‘ Von da an waren die Kolonnaden von St. Peter Tag und Nacht die Zufluchtsstätte der verängstigten, vor einem neuen Angriff zitternden Bevölkerung der Vorstadtviertel. Jeder Alarm sah große Menschenmassen dem Petersplatz und St. Peter zuströmen“.
Sein Versprechen, bei weiteren Bombenangriffen unter der Bevölkerung präsent zu sein, meint der Papst ernst, so am 13. August. Noch ehe Entwarnung gegeben ist, begibt er sich unter das Volk. Und auf zweifache Weise ist es sein Volk: als die Gläubigen der Diözese Rom und als Römer wie er selber. Als die Stadt im September 1943 in die Hände der deutschen Besatzer fällt und damit dem Zugriff der SS ausgesetzt ist, handelt er. Kirchliche Einrichtungen, Ordenshäuser und Klöster lässt der Papst für Verfolgte jeglicher Couleur öffnen, besonders für jene mosaischen Glaubens. Auch die exterritorialen Besitzungen des Heiligen Stuhls werden zu Zufluchtsstätten und retten Tausende von Leben. Den römischen Juden steht er zur Seite, auch wenn er Deportationen tragischerweise nicht verhindern kann.
„Der Papst ist da. Er ist geblieben“
Nicht zuletzt ihm ist es zu verdanken, dass Rom gegen Kriegsende ein Blutbad erspart bleibt. Es wird zur „città aperta“, zur „offenen Stadt“. Die deutsche Besatzungsmacht zieht kampflos ab. Giulio Andreotti zieht das Resümee: „Eine staatliche Gewalt gab es nicht mehr. Der König und die Regierung waren nach Süditalien geflüchtet. Hier in Rom war der Papst die einzige Macht in der Stadt, auch für diejenigen, die nicht in die Kirche gingen. Am Tag der Befreiung war der Petersplatz so voll, wie ich ihn nie gesehen habe. Alle haben es gespürt. Der Papst ist da. Er ist geblieben“.
Rom wird nach dem Krieg zum Schauplatz höchster religiöser Feierlichkeiten. 1950 feiert man ein Heiliges Jahr und das Dogma von der leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel wird auf dem Petersplatz verkündet. Für 1954 ruft der Pontifex ein Marianisches Jahr aus. Am 1. November lässt er die bedeutendste Muttergottesikone Roms, die „Salus Populi Romani“, in einer feierlichen Prozession nach St. Peter kommen und krönt das in der Ewigen Stadt hochverehrte Abbild Mariens.
Defensor Civitatis – Der Verteidiger Roms
Wie kein anderer Papst des 20. Jahrhunderts bindet er sich und das Petrusamt an Rom. Die Ewige Stadt und die Kirche wurden zu einer „Lebensgemeinschaft“, die sein Pontifikat prägte. „Vor allem erstrahlte die Gestalt Pius’ XII. in dem Mut und der Güte, die während des Krieges von ihm ausgingen, als die schrecklichen Geschehnisse auch die Ewige Stadt heimsuchten, die er, wie er Uns selbst anvertraute, auf keinen Fall verlassen hätte und er aktiv und unerschrocken, auch in den tragischen Augenblicken höchster Gefahr, auf jede nur mögliche Weise beizustehen versuchte … Nicht umsonst begriff das römische Volk, dass ihm in diesem Papst tatsächlich ein ‚defensor civitatis‘, ein Verteidiger ihrer Stadt erwachsen war. Wir wollen das weder vor Gott noch vor der Geschichte vergessen und die wachsame und tätige Liebe weiter üben, die er für seine und Unsere Diözese Rom aufgebracht hat“, so Papst Paul VI. am 9. März 1975.
Der Autor ist Vatikan-Fachmann und Autor zahlreicher Bücher.
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