Klimaforschung

Der Konsens der Klimaforscher

Dass der Mensch einen erheblichen Beitrag zum Klimawandel leistet, wird in der Wissenschaft kaum mehr bestritten.
Kein Planet B
Foto: Adobe Stock | Slogan der Klimaaktivisten: "Es gibt keinen Planeten B".

Die meisten Klimaforscher gehen von einem Einfluss anthropogener CO2-Emissionen aus, der relevant, ja: hochrelevant ist für die Entwicklung der globalen Durchschnittstemperatur. Es sind sogar so viele Klimaforscher, die herausgefunden haben, dass der Mensch über seine (also: die von ihm veranlassten) CO2-Emissionen einen signifikanten Einfluss auf das Klima hat, dass man von einem "Konsens" spricht, etwas, das in der Wissenschaft recht selten vorkommt. Nahezu alle, die sich mit dem Thema beschäftigen, sehen das so. Es findet in der Klimawissenschaft keine Debatte mehr darüber statt, ob der Mensch das Klima beeinflusst oder nicht.

Dort wird die Theorie vom anthropogenen Klimawandel wie die Theorie von der Gravitation als sehr, sehr, sehr gut bewährt behandelt. Es bleibt freilich eine Theorie, die auch bei der x-ten Bestätigung nicht zur Tatsache wird, das ist wissenschaftstheoretisch auch klar, aber es ist dennoch eine Theorie, die im akademischen Betrieb konkurrenzlos ist. Daher findet im Wissenschaftsbetrieb keine Ursachendebatte mehr statt, so wie auch keine Debatte über die Geltung der Gravitationstheorie stattfindet.

Metastudien: Der Goldstandard in der Wissenschaftssoziologie

Für den Konsens stehen die Berichte des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) Pate. Sie repräsentieren die Hauptlinien des aktuellen Forschungsstands. Das IPCC wird von den wissenschaftlichen Akademien weltweit anerkannt. Der im IPCC erarbeitete Konsens und dessen Methodik werden von wenigstens dreißig wissenschaftlichen Gesellschaften und den wichtigsten nationalen Wissenschaftsakademien, unter anderem aller G8-Länder, ausdrücklich unterstützt.

Zudem zeigen ganz unterschiedlich angelegte (Meta-)Studien jenseits des IPCC und der wissenschaftlichen Einrichtungen, die das IPCC unterstützen, den Konsens der Klimaforschung überdeutlich. Es gibt viele Studien zu dem Thema. Zum einen gibt es Forscher, die sich für ihre Arbeiten direkt an Klimaforscher wenden und sie befragen, oft unter Hinzuziehung von Vergleichsgruppen. Zum anderen finden Studien über die Beiträge der Klimaforschung statt, unter der Fragestellung, ob darin von einem anthropogenen Klimawandel ausgegangen wird. Studien über naturwissenschaftliche Studien (Metastudien) sind so etwas wie der Goldstandard der Wissenschaftssoziologie, weil eine Auswertung sehr vieler Publikationen zu einem bestimmten Thema Mehrheiten, Trends und Differenzen der Forschergemeinschaft abbilden kann.

Lesen Sie auch:

Menschliche Aktivität ist ein signifikanter Faktor

In einer Umfrage aus dem Jahr 2009 unter Klimaforschern, die auch aktiv in ihrem Fachgebiet publizieren, stimmten 97,4 Prozent folgender Aussage zu: "Menschliche Aktivität ist ein signifikant beitragender Faktor bei der Veränderung der mittleren globalen Temperatur." Die Studie kam zu dem Schluss: "Unter denen, die die Nuancen und die wissenschaftlichen Grundlagen von langjährigen Klimaprozessen verstehen, gibt es anscheinend so gut wie keine Debatte über die Tatsache der Erderwärmung und die Rolle der menschlichen Aktivitäten dabei. Die Herausforderung scheint eher zu sein, wie diese Tatsache wirksam an Politiker und die Allgemeinheit vermittelt werden kann, die fälschlicherweise von einer Debatte unter Wissenschaftlern ausgehen."

Eine Studie aus dem Jahr 2010, die in der Fachzeitschrift Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America veröffentlicht wurde, wertete wissenschaftliche Publikationen von 1372 Klimaforschern aus und kam ebenfalls zu dem Ergebnis, dass circa 97 bis 98 Prozent der Klimaforscher von der These überzeugt sind, der Mensch beeinflusse das Klima. Die Ergebnisse wiesen zudem darauf hin, dass die zwei bis drei Prozent der Klimaforscher, die davon nicht überzeugt waren, deutlich weniger Expertise in diesem Gebiet hatten als die vom anthropogenen Klimawandel überzeugten Forscher, gemessen an der Anzahl ihrer wissenschaftlichen Publikationen zu dem Thema: Jene Wissenschaftler, die den menschlichen Einfluss auf den Klimawandel bezweifeln, haben im Durchschnitt nur rund halb so viele Veröffentlichungen vorzuweisen wie Wissenschaftler, die den Konsens stützen.

„Wenn die Expertise steigt, steigt auch der Konsens“

Eine Studie des Klimakommunikationsforschers John Cook von der Universität of Queensland (Brisbane) ergab 2013, dass 97 Prozent der von Klimaforschern verfassten wissenschaftlichen Studien darin übereinstimmen, dass die globale Erwärmung hauptsächlich menschengemacht ist. Nach (unberechtigter) Kritik an der Methodik seiner Arbeit legte Cook gemeinsam mit anderen Autoren drei Jahre später noch einmal nach und fand heraus, dass eine große Mehrheit von "90 bis 100 Prozent" der Klimaexperten den Konsens teilt, dass der Mensch hauptverantwortlich für den gegenwärtigen Klimawandel ist.

Diese Meta-Untersuchung ergab außerdem erneut, dass der Grad des in Studien ermittelten Konsenses stark davon abhängig ist, wie sachkompetent die Befragten sind: Unter Klimaforschern, die tatsächlich auf dem Gebiet aktiv sind (also auf viele begutachtete Veröffentlichungen in Fachjournalen verweisen können), ist die Übereinstimmung nahe hundert Prozent. Hingegen findet sich eine deutlich niedrigere Einigkeit über die Ursachen des gegenwärtigen Klimawandels, wenn man Wissenschaftler befragt, die in anderen Forschungsfeldern oder Laien, die gar nicht wissenschaftlich aktiv sind. Stephan Lewandowsky, Professor an der Universität Bristol und einer der Autoren der Studie, fasst das Ergebnis bündig zusammen: "Es ist klar: Wenn die Expertise steigt, steigt auch der Konsens."

Mehr als 99 Prozent vertreten die Einfluss-These

Das deckt sich mit einem Befund einer Studie aus dem Jahr 2009, in der 3146 Geowissenschaftler befragt wurden, ob sie der Meinung seien, "dass menschliche Aktivitäten einen entscheidenden Einfluss auf die Veränderung der durchschnittlichen globalen Temperaturen haben". Von den Geowissenschaftlern, die in der Privatwirtschaft arbeiteten, bejahten 47 Prozent die Frage. Von den akademisch arbeitenden Geowissenschaftlern, die keine Klimatologen waren und auch keine einschlägigen Forschungsarbeiten veröffentlicht hatten, antworteten 77 Prozent mit Ja. Von den ausgewiesenen Klimatologen, die auch aktuell Forschungsergebnisse zur Erderwärmung veröffentlicht haben, stimmten mehr als 97 Prozent dieser These zu.

Besonders interessant sind die drei Metastudien, die unter der Leitung von James Lawrence Powell durchgeführt wurden. In diesen haben die Forscher zehntausende wissenschaftliche Artikel zum Klimawandel ausgewertet. In der ersten Metastudie (2012) kam Powell zu dem Ergebnis, dass lediglich 24 der 13950 ausgewerteten Artikel eine menschliche Verursachung des derzeit zu beobachtenden Klimawandels ausschließen. Heißt: 99,83 Prozent Zustimmung zur Einfluss-These. In einer 2016 veröffentlichten Metastudie fanden er und sein Team durch fortgesetzte Auswertung heraus, dass nur 4 der 69406 Autoren der im peer review-Verfahren begutachteten und für wissenschaftlich korrekt und aussagekräftig befundenen Artikel zum Klimawandel die These vom menschengemachten Klimawandel zurückweisen.

Lesen Sie auch:

Das macht 99,99 Prozent Zustimmung zur Einfluss-These. In seiner neuesten Arbeit aus dem Jahr 2017 ist Powell anhand von über 54000 Artikeln zu dem Schluss gekommen, dass sich die Wissenschaftlergemeinde zu 99,94 Prozent einig ist über die Hauptverantwortung des Menschen für die Erderwärmung. Auf Ergebnisse der Studien von James Lawrence Powells verwies auch die Bundesregierung im August 2019 in einer Antwort auf eine Bundestagsanfrage.

Methodische Fehler bei Vertretern der Mindermeinung

Was aber ist mit den Wenigen, die vom Konsens abweichen? Rasmus E. Benestad et al. haben sich in einer Studie von 2016 mit den "Abweichlern" auseinandergesetzt. Zunächst fanden sie   wenig überraschend   heraus, dass 97 Prozent der von ihnen untersuchten Fachbeiträge die Position des anthropogenen Klimawandels vertraten. Sie wollten jedoch zudem wissen, was mit den drei Prozent los ist, die fehlen. Also untersuchten sie diese Arbeiten besonders gründlich. Auch diese "Gegenprobe" passt sehr gut zu dem Befund, dass steigende Expertise und Seriosität der wissenschaftlichen Arbeit mit der Akzeptanz des anthropogenen Klimawandels korrespondiert.

Die Untersuchungen von Publikationen mit abweichender Meinung ergaben nämlich, dass diese zumeist methodische Fehler aufweisen. Häufig fehlte diesen Papieren der Kontext bzw. es wurden Informationen weggelassen, die nicht zu den Schlussfolgerungen passten. Zudem wurden oft fehlerhafte Modelle benutzt, falsche Dichotomien angeführt, ungeeignete statistische Methoden verwendet oder Schlussfolgerungen aus fehlerhaften oder unvollständigen physikalischen Annahmen abgeleitet.

Halten wir fest: Es gibt eine breite Mehrheit in der Klimawissenschaft, die von einem signifikanten Einfluss anthropogener CO2-Emissionen auf die Entwicklung der globalen Durchschnittstemperatur ausgeht. Daran kommt man nicht vorbei. Warum dennoch einige Menschen meinen, genau das tun zu können, und wie sie es dann bewerkstelligen, analysiert recht anschaulich das von John Cook, Sander van der Linden, Edward Maibach und Stephan Lewandowsky herausgegebene "Handbuch zum Klimakonsens" (mit 28 Seiten eher eine Broschüre). Es erschien vor drei Jahren in deutscher Übersetzung und ist im Internet zu finden (skepticalscience.com/docs/Consensus Handbook German A4.pdf).


Kurz gefasst

Die These vom anthropogenen Klimawandel ist Konsens in der Wissenschaft. Fast alle Klimaforscher gehen von einem erheblichen Einfluss des Menschen, d.h. der von ihm verursachten CO2-Emissionen, auf das Klima aus. Zahlreiche Studien zeigen dies. Einige dieser Arbeiten werden hier exemplarisch vorgestellt. Die wenigen Abweichungen vom Konsens lassen sich auf methodische Mängel der verwendeten Ansätze zurückführen.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Themen & Autoren
Josef Bordat

Weitere Artikel

Kirche

Kirchenführung durch Interviews wahrzunehmen, halte er für äußerst fragwürdig, so der DBK-Vorsitzende. Am „Synodalen Ausschuss“ will er weiter festhalten.
27.01.2023, 15 Uhr
In der EU zeigt sich ein besorgniserregender Trend: Religionsfreiheit wird mehr und mehr auf Gewissens- und Meinungsfreiheit reduziert.
28.01.2023, 11 Uhr
Stephan Baier