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Christen blieben trotz Islam

Archäologische Funde am Arabischen Golf stellen die traditionelle Erzählung von den Anfängen des Islams in Frage. Sie zeigen, dass christliche Gemeinden nicht sofort nach der Geburt des Islams verschwanden.
Archäologische Funde zeigen: Christen blieben trotz Islam
Foto: Wikimedia Commons | Ausgrabungen auf der Insel Siniyah im Persischen Golf.

In den letzten Jahren wurden unzählige Funde gemacht, die auf die christliche Präsenz am Persischen Golf zu Beginn der islamischen Ära (um 622) hindeuten. Auf der Insel Faïlaka in Kuwait wird seit 2011 die Stätte Al-Qusûr ausgegraben, die nach und nach die Existenz eines Klosters und zweier Kirchen enthüllt. Auch auf der Insel Al-Siniyah in den Vereinigten Arabischen Emiraten werden seit 2021 die Überreste eines weiteren christlichen Klosters freigelegt. Auf der Insel Muharraq in Bahrain wurde 2021 glasierte Keramik mit dem Zeichen eines kleinen Kreuzes unter den Ruinen einer alten Moschee entdeckt; die Ortsnamen hatten seit Langem auf die Existenz christlicher Gemeinden hingewiesen.

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Lange Zeit ging man davon aus, dass diese Bauten vor dem 7. Jahrhundert entstanden waren – Stätten aus dem 5. Jahrhundert, die im 6. Jahrhundert ihre Blütezeit erlebten, bevor sie mit der Ausbreitung des Islams in der Region verschwanden, so die damalige Einschätzung. Tatsächlich datierten die Forscher während der ersten Phase der Kirchenentdeckungen am Persischen Golf in den 1980er-Jahren diese Kirchen auf der Grundlage arabischer und syrischer Texte, die auf eine fast sofortige Konversion dieser christlichen Gemeinden zum Islam zum Zeitpunkt der muslimischen Eroberung hindeuteten.

Neue Datierungen für Existenz christlicher Gemeinden 

In den 2000er-Jahren kam es zu einem Wendepunkt: „In Saudi-Arabien, das ausländische archäologische Missionen einsetzte, konnte man die Überreste erstmals frei untersuchen“, berichtete der französische Experte für das Thema, Christian Robin. Ende der 2000er-Jahre stellten Archäologen erstmals Datierungen in Frage und verschoben sie auf die Zeit nach der muslimischen Eroberung. Im 20. Jahrhundert waren bereits mehrere bedeutende Stätten entdeckt worden, die mit einer christlichen Besiedlung in Verbindung gebracht wurden: etwa ein Kloster, das Ende der 1950er-Jahre auf der Insel Kharg im Iran ausgegraben wurde, oder ein weiteres, das 1992 in Sir Bani Yas vor der Küste von Abu Dhabi entdeckt wurde.

Diese Stätten wurden jedoch nicht mit modernen Datierungsmethoden wie Stratigraphie, Keramikuntersuchungen oder dem Radiokarbonverfahren datiert und haben daher nicht denselben archäologischen Wert wie die jüngsten Entdeckungen. „Die Ergebnisse aus Qusûr und Siniyah sind heute genauer“, fasst Christian Robin zusammen. „Sie lassen auf die Existenz von christlichen Gemeinden schließen, deren Strukturen vor dem Ende des 7. Jahrhunderts entstanden, die aber noch bis zum Anfang des 8. Jahrhunderts blühten.“

Frühe christliche Gemeinden im Golfraum

Während über das Kloster von Al-Siniyah noch sehr wenig bekannt ist, hat das Kloster von Al-Qusûr in Kuwait bereits einige solide Erkenntnisse geliefert. Dort wurde eine Mischform des Mönchtums praktiziert, zwischen Anachoretismus (Eremitentum) und Zönobitentum (Gemeinschaftsleben), mit nicht weniger als 170 Zellen, die um das Kloster herum eingerichtet wurden. Vor allem aber war eine der beiden aus ungebrannten Ziegeln errichteten Kirchen mit Kreuzen und Stuckverzierungen geschmückt, die man auf das 8. Jahrhundert datieren konnte.

Lange Zeit stützten sich die Forscher nur auf Textquellen, die über das 7. Jahrhundert hinaus stumm blieben. Die Ausgrabungen brachten dann neue Erkenntnisse, schienen aber zunächst im Widerspruch zu den Texten zu stehen, da es im 5. Jahrhundert keine christlichen Spuren gab. Heute gehen die Forscher davon aus, dass die ersten Siedlungen bescheiden waren – noch keine Kirchen – und dass sie vor allem bis zum Ende des 8. Jahrhunderts blühten, als die christlichen Gemeinden reicher wurden.

Diese Hypothese widerspricht der traditionellen Darstellung der Frühzeit des Islam, der zufolge ganz Arabien zum Zeitpunkt des Todes von Mohammed 630 islamisiert war. Nach islamischem Verständnis von Macht folgt nach der militärischen und politischen Unterwerfung sofort die religiöse Bekehrung. Dies ist jedoch eine Rückprojektion späterer Zeit.

Islam hat Christentum nicht verhindert

Das Christentum hat sich nach heutiger Erkenntnis am Arabischen Golf parallel zur Ausbreitung des Islams entwickelt. Eine Feststellung, die nicht ohne Folgen für die Wahrnehmung des frühen Islams bleibt. Die traditionelle Erzählung, der zufolge der zweite Kalif des Islam Christen und Juden aus der arabischen Halbinsel vollständig vertrieben habe, scheint heute insbesondere durch archäologische Zeugnisse widerlegt zu sein. Was man bisher als eine rechtliche Fiktion aus der Zeit der Abbasiden (ab 750) ansah, nach der das muslimische Recht, das den Bau von Kirchen verbietet, erst zwei Jahrhunderte nach der Hidschra (der Auswanderung Mohammeds von Mekka nach Medina) festgelegt wurde, hat sich als wahr herausgestellt. In seinen Anfängen hat der religiöse islamische Staat also noch nicht die Entwicklung anderer Religionen komplett verhindert.

Diese Frage bezieht sich im weiteren Sinne auch auf eine historiografische Debatte um die Entstehung des Islams zwischen den „Revisionisten“, etwa der „Saarbrücker Schule“ um den kürzlich verstorbenen Karl-Heinz Ohlig und Christoph Luxenberg, die annehmen, dass sich die islamische Religion erst im 8. Jahrhundert herausgebildet hat, und den „Positivisten“, die der islamischen Heilsgeschichte folgen und behaupten, dass der Islam von Anfang an in seiner vorherrschenden Form festgelegt war. Offenbar hat auch nach der Erkenntnis der Archäologen das Christentum bis ins 8. Jahrhundert, also genau der von den Revisionisten angenommenen Zeit der Entstehung des Islams auf der arabischen Halbinsel, weitergelebt.

Positive Bewertung der Co-Existenz von Christentum und Islam

In den Golfstaaten lassen die jüngsten Entdeckungen, die diese Debatte nähren, nicht kalt. Während es in Kuwait, Katar oder Saudi-Arabien bislang zum guten Ton gehörte, dass alle Kirchen und Klöster am Golf aus der Zeit vor dem Islam stammten, da angeblich alle im 7. Jahrhundert mit dem Auftauchen des Islampropheten Mohammed konvertiert waren, wird die Tatsache, dass Christen offenbar eine Zeit lang mit Muslimen zusammenlebten, nun sogar positiv bewertet. Es wird als Beweis für die Akzeptanz von Andersartigkeit im frühen Islam gewertet. Allerdings gibt es für die Offenheit des frühen Islam im Koran keine Grundlage, dort ist von unzähligen blutigen Kriegen gegen Juden und Christen die Rede, aber nicht von einem friedlichen Zusammenleben.

Diese Neubewertung der Ursprünge des Islams steht im Einklang mit dem heutigen Wunsch, sich der westlichen Welt und der säkularen Moderne anzunähern, was etwa bei Kronprinz Mohammed bin Salman in Saudi-Arabien der Fall zu sein scheint. In Saudi-Arabien gibt es inzwischen sogar Studenten der Epigraphik, die Syrisch, die christliche Sprache und Schrift in der Zeit der Entstehung des Korans, lernen. Denn dass mit der Entstehung des Korans über Nacht Arabisch zur Sprache aller gebildeten Araber und des Korans wurde, das glauben heute auch nur noch wenige islamische Religionsgelehrte.


Der Autor ist freier Journalist und arbeitet bei der Erzdiözese Luxemburg.

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