Klimawandel

Bewahrung der Schöpfung – Oft einfacher als gedacht

Viele Menschen fühlen sich überfordert oder hilflos angesichts des Klimawandels. Doch das muss nicht sein. Es gibt viele konkrete Klimaschutzmaßnahmen, die in Kirche und Gesellschaft erfolgreich erprobt werden sowie solche, die sich in privaten Haushalten durchführen lassen.
Car-Sharing
Foto: IMAGO/Rolf Poss (www.imago-images.de) | Car-Sharing ist eine Möglichkeit, die Ökobilanz zu verbessern. In München gibt es dafür schon extra eingerichtete Parkplätze.

Was kann jede und jeder Einzelne beitragen zum Klimaschutz? Zunächst einmal bietet sich an, den persönlichen CO2-Fußabdruck zu ermitteln. Das kann man mit einem der im Internet angebotenen CO2-Rechner tun, etwa mit dem des Umweltbundesamts.

Eine Reihe mit praktischen Tipps für den Alltag (Kochen, Kaufen, Kleidung) oder auch für bestimmte Bereiche der Gesellschaft, wie etwa das Gesundheitswesen, stellt das ZDF in der Reihe „PlanB-Die CO2-Challenge“ vor.

Aufdecken von Einsparpotenzialen

In einer Folge geht es etwa um Krankenhäuser als relevante Müllproduzenten und die Anästhesie als Emissionsfaktor – Narkosegase haben einen erheblichen Einfluss auf das Klima. Ein Tag im OP unter Vollnarkose der Patienten entspricht mit Blick auf die Emissionsbilanz vier Tagen Dauerbetrieb eines Autos mit Verbrennungsmotor. Die Treibhauswirkung des in der Charité Berlin verwendeten Narkosemittels entspricht pro Einheit dem 2540-fachen einer äquivalenten CO2-Einheit. Daher forscht ein Team der renommierten Klinik an Alternativen zu der momentan stattfindenden Absaugung und Freisetzung des Gases in die Atmos- phäre, etwa durch Filter- und Recyclinganlagen.

Es geht also um das Aufdecken von Einsparpotenzialen, dort, wo man sie vielleicht gar nicht vermutet, und auch dort, wo das CO2 keine große Rolle spielt, dafür aber andere hochwirksame Treibhausgase. Etwa auch Methan, das in der Viehhaltung (Rinder, Ziegen, Schafe) entsteht und ein um den Faktor 28 bis 33 höheres Treibhauspotenzial besitzt als CO2, bezogen auf die gleiche Gewichtsmenge.

Daher rechnet man die Gesamtbelastung durch Emissionen in CO2-Äquivalenten auf, so dass auch Methan, Narkosegase und andere Stoffe berücksichtigt werden. Es gibt 63 verschiedene klimarelevante chemische Verbindungen in der Atmosphäre – nicht nur das CO2. Die Anteile und Eigenschaften der wichtigsten werden auf der Website der U.S. Environmental Protection Agency  erläutert. Die von seriösen Einrichtungen wie dem Umweltbundesamt angebotenen CO2-Rechner kalkulieren bereits auf Basis von CO2-Äquivalenten, so dass besser vom „CO2-Äquivalenten-Rechner“ die Rede wäre.

Lesen Sie auch:

Kirche und Klimaschutz

Was kann die Kirche beim Klimaschutz tun, ganz abgesehen von Ermahnungen, Gottes Schöpfung zu bewahren und dies auch liturgisch zum Ausdruck zu bringen (etwa durch besondere Gottesdienste am Ökumenischen Tag der Schöpfung). Klimaschutz kann zudem Thema von diözesanen Praxistipps und politischen Predigten sein, Klimaschutz kann aber auch ganz konkret in die Grundfeste einer Gemeinde eingeschrieben werden. Ein gutes Beispiel für die Berücksichtigung des Umwelt- und Klimaschutzes im Gemeindealltag ist die Pfarrei St. Ursula, Oberursel und Steinbach, die im Zuge der lehramtlichen katholischen Umweltethik einen „Sachausschuss Bewahrung der Schöpfung“ gebildet und mit der Erarbeitung von Leitlinien zur Schöpfungsbewahrung beauftragt hat.

In ihren 2019 vom Pfarrgemeinderat einstimmig verabschiedeten „Leitlinien zur Schöpfungsbewahrung“ lädt die Pfarrei St. Ursula ihre Mitglieder dazu ein, „dass wir gemeinsam in unserer Pfarrei versuchen, Antworten zu finden. Wir möchten, dass den Menschen in unserer Pfarrei immer deutlicher wird, dass sie ihre Verantwortung für die Bewahrung der Schöpfung ernst nehmen müssen. Klar ist, dass eine Veränderung bei jedem von uns selbst anfängt. Aber auch unsere Gruppen, Kreise, Gemeinden, ja, die Pfarrei als große Einheit, alle sind herausgefordert, ihr Umweltverhalten zu verbessern“.

Fünf Grundsätze

Daraus resultieren fünf Grundsätze – Erstens: „Wir gehen sorgsam mit allen natürlichen Ressourcen um. Insbesondere bemühen wir uns um Einsparungen beim Energieverbrauch“, zweitens: „Wir versuchen, kurzfristige und dauerhafte Belastungen der Umwelt zu vermeiden. Dazu gehört beispielsweise ein kritisches Überdenken unserer Mobilitätsgewohnheiten“, drittens: „Wir achten beim Einkaufen und allgemeinen Konsumieren auf die Kriterien Umweltschutz, Nachhaltigkeit, Tierwohl (Achtung vor den Mitgeschöpfen) und faire Produktwahl“, viertens: „Wir informieren uns, bilden uns weiter und sensibilisieren uns gegenseitig intern und extern für einen schonenden Umgang mit der Umwelt“ und fünftens: „Wir tauschen uns jährlich über unsere Erfahrungen im Einsatz für die Umwelt aus.“

Diesen Leitlinien folgt ein „Anhang mit konkreten Vorschlägen für jede/n Einzelne/n sowie für die Gemeinden“, der „kontinuierlich überarbeitet und angepasst werden soll“. Die Absichtserklärung wird in „Vorschlägen für kleine Schritte zur Ressourcenschonung und Vermeidung von Umweltbelastung“ für die Gemeinde und jedes Gemeindemitglied sehr konkret. Für die Gemeinde erstellt die Pfarrei ein 15-Punkte-Programm, das die Kernbereiche Mobilität, Ernährung, Freizeit, Zusammenleben und Kommunizieren sowie Wirtschaften berücksichtigt. Auf Gemeindeebene sei es etwa erstrebenswert, „geeignete Gemeindeparkplätze für Carsharing-Anbieter (und / oder für Mietfahrräder) zur Verfügung stellen zu können“.

Carsharing selbst organisiert

Die Gemeinde „Zu den Heiligen Zwölf Aposteln“ in Berlin-Zehlendorf ist da schon einen Schritt weiter: Sie organisiert seit 2017 das Carsharing selbst. Die Gemeinde griff den Vorschlag von Papst Franziskus auf, der in seiner Sozial- und Umweltenzyklika „Laudato si‘. Über die Sorge für das gemeinsame Haus“ (2015) schreibt, es sei sinnvoll, „ein Fahrzeug mit mehreren Personen zu teilen“ (Nr. 211). Seit fünf Jahren gibt es in „Zwölf Aposteln“ die Möglichkeit, einen Mittelklassewagen für Fahrten zur Arbeit, zum Einkaufen, für Umzüge oder den Transport kleinerer Möbel oder auch für die Reise in den Kurzurlaub zu buchen. Das Auto steht auf dem Parkplatz vor der Kirche, wird regelmäßig betankt und gewartet – nur fahren muss man selber.

Zurück nach Oberursel und Steinbach. Die Pfarrei St. Ursula hat sich zudem ins Stammbuch geschrieben, künftig bei Gemeindefesten biologische Produkte zu bevorzugen, „auch wenn sie teurer sind als Billigprodukte“, Ziele für Gemeindefahrten „vermehrt unter ökologischen Gesichtspunkten auszuwählen“, in der Kita „über Ernährung, Tier- und Artenschutz sowie Müll- und Plastikvermeidung“ zu informieren, die Grünanlagen der Gemeinde im Sinne „biologischer Vielfalt“ zu gestalten und „bei der Auswahl der Druckereien“ auf „Umweltfreundlichkeit ihrer Produktion und Produkte“ zu achten. Hinzu kommen 42 Vorschläge, was jede und jeder Einzelne tun kann, um den Klimaschutz-Leitlinien im Alltag zu entsprechen, alles nachzulesen auf der Website der Pfarrei.

Es gibt noch einige andere konkrete Möglichkeiten, die Pfarrgemeinde zu einem Ort ökologischer Erneuerung zu machen. Was allgemein für Gebäude gilt, gilt insbesondere auch für die oftmals alten und wenig energieeffizienten Kirchen(neben)gebäude: Eine klimafreundliche Sanierung kann helfen, einen Beitrag zum Schutz unserer Lebensgrundlagen zu leisten. Eine energieeffiziente Sanierung kann bis zu 85 Prozent CO2-Ersparnis bringen – bei der Sanierung der Schutzengelkirche in Gräfendorf an der Saale (Unterfranken) waren es sogar 87 Prozent, durch ein neues Heizsystem (mit Solarwärme) und Dämmung bzw. Erhöhung der Luftdichtigkeit des Mauerwerks.

Ökokorrekter Frühschoppen

Und schließlich geht selbst der gut katholische Frühschoppen nach der Sonntagsmesse auch „ökorrekt“: Eine Paderborner Brauerei verzichtet durch Maßnahmen im Druckluftsystem auf 59 Prozent CO2-Emissionen, eine andere Brauerei in Bad Laasphe durch Prozesswärmeoptimierung bei der Bierherstellung auf 80 Prozent CO2-Emissionen. Auf das Bier muss also niemand verzichten. Ohnehin gilt: Übermäßiger Verzicht ist nicht unbedingt der Generalschlüssel. Es reicht oft schon, die Dinge anders zu tun als bisher. Dazu gehört insbesondere die technologische Optimierung bestehender Systeme und kleine Veränderungen im Alltag.

Bleibt noch, was jede und jeder tun kann. Das beginnt beim Stromverbrauch in den eigenen vier Wänden. Die Energieeffizienz der technischen Geräte sollte ein Kriterium für Kauf und Nutzung sein. Die Hersteller weisen den Verbrauch der Geräte aus, daran kann man sich orientieren. Wenn möglich, dann sollte man Geräte mit Netzstecker nutzen, denn die Herstellung von Akkus belastet die Umwelt. Doch viele Geräte brauchen Akkus. Wer diese nicht zu früh und nicht zu lange auflädt, sorgt für eine maximale Lebensdauer.

LED-Lampen als Sparhelfer

Es sind oft Kleinigkeiten, die den Unterschied machen: Wer etwa Nahrungsmittel rechtzeitig aus dem Tiefkühlfach nimmt und langsam im Kühlschrank oder der Arbeitsplatte (auf einem Teller oder in einer Schüssel) auftauen lässt, spart sich das zwar schnelle, aber energetisch ungünstige Auftauen in der Mikrowelle. Oft gibt es Haushaltsgegenstände in der umweltschonenden Variante, etwa den Sparduschkopf. Er durchsetzt das Wasser mit Luft und senkt so den Verbrauch. Energie spart auch, wer Spülmaschine, Waschmaschine und Wäschetrockner beim Befüllen maximal auslastet; oder die Wäsche bei geeigneten Witterungsbedingungen auf die gute alte Leine hängt. Mit energiesparenden LED-Lampen können in einem Einfamilienhaus mit vier Personen beispielsweise 0,4 Tonnen CO2 pro Jahr gespart werden. Ein kleiner, aber wichtiger Beitrag zum Klimaschutz.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Themen & Autoren
Josef Bordat Energieeffizienz und Energieeinsparung Kirche und Gesellschaft Klimaschutz Papst Franziskus Pfarreien Schöpfung

Weitere Artikel

Schweizer Theologe übt scharfe Kritik am Vorgehen des Bistums Limburg. Mit den Leitlinien zur Sexualpädagogik sind Grenzen überschritten worden. Der Theologe sieht darin brutale Willkür.
20.01.2023, 18 Uhr
Meldung
Auf die Deutschen wartet ein interessanter Winter: Strom, Wasser und Gas werden knapp sein – das Energiesparen wird dann zur obersten Bürgerpflicht. An den Schuldigen denken, hilft.
20.08.2022, 05 Uhr
Birgit Kelle

Kirche

Gegen Papst und Kurie stellen sich die deutschen Diözesanräte hinter Georg Bätzing und das ZdK. Was die „Passauer Erklärung“ besagt.
07.02.2023, 11 Uhr
Meldung
Die Weltsynode ist in eine neue Phase gestartet: Am ersten Tag der kontinentale Phase ging es um das richtige Verständnis von Synodalität.
06.02.2023, 17 Uhr
Meldung