Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Interview

„Wir sind schulpolitisch in eine Sackgasse geraten“

Ein Gespräch mit dem langjährigen Lehrerverbandspräsidenten Josef Kraus über den Zustand der schulischen und bildungspolitischen Herausforderungen und die Frage, was christliche Lehrer heute wirklich brauchen.
Josef Kraus
Foto: imago stock&people (imago stock&people) | Josef Kraus, langjähriger Präsident des Deutschen Lehrerverbandes.

Herr Kraus, vor Kurzem forderte der Landesverband Bayern für die Katholische Elternschaft Deutschlands und Professor Klaus Zierer von der Universität Augsburg in einer gemeinsamen Erklärung eine „Buße der Bildungspolitik“ und „Umkehr zur Pädagogik“. Sehr fastenzeitlich! Braucht das Bildungssystem tatsächlich so eine Umkehr?

Unbedingt. Wir sind in den letzten 30 Jahren schulpolitisch in eine Sackgasse geraten. Es hat ideologische Fehlentwicklungen gegeben, die inzwischen zwei bis drei Schülergenerationen belastet haben. Der Verfall von Leistungsansprüchen, Abschaffung der Noten, Abschaffung des Sitzenbleibens – das alles hat dazu geführt, dass Schule ihren pädagogischen Auftrag verloren hat.

Aber Sie standen selbst 30 Jahre an der Spitze des Deutschen Lehrerverbands. Könnte man das nicht auch auf Ihre Bilanz rechnen?

Ich wurde 1987 gewählt, also zu einer Zeit, als viele dieser Tendenzen längst begonnen hatten. In SPD-geführten Ländern wie Hessen oder Nordrhein-Westfalen dominierte damals die Ideologie der Gleichmacherei. Ich habe versucht, gegenzuhalten, aber nicht alles ließ sich aufhalten. Trotzdem meine ich, einen Beitrag geleistet zu haben, den Niveauverfall zumindest zu bremsen.

Lesen Sie auch:

Sie kritisieren häufig die „Gleichmacherei“ neben sieben weiteren großen Ideologien, die das Bildungssystem bedrohen. Was meinen Sie konkret?

Es wird seit Jahrzehnten so getan, als wären alle Kinder gleich: gleich begabt, gleich interessiert. Dabei wissen wir aus der Intelligenzforschung, dass etwa 60 Prozent der intellektuellen Ausstattung genetisch bedingt ist. Viele Linksideologen leugnen das, weil sie glauben, der Mensch sei vollständig formbar. Das ist ein gefährlicher Größenwahn. Es ist der Versuch, Schöpfer zu spielen und den „neuen Menschen“ zu kreieren und zu formen.

Das Katholische Lehrernetzwerk, bei dem Sie kürzlich in München gesprochen haben, betont den ganzheitlichen Blick auf die Individualität des Menschen. Ist das im Schulalltag überhaupt noch möglich?

Nur begrenzt. Eine Lehrerin kann umso besser auf einzelne Schüler eingehen, je homogener und kleiner eine Klasse ist. Eine gewisse Homogenität haben Sie durch das gegliederte Schulwesen: In den Klassen eines Gymnasiums oder einer Realschule fällt das durch die Homogenität leichter als in Gesamtschulen, in denen es eine riesige Bandbreite an Schülern gibt. Zweitens hängt es natürlich auch von der Größe einer Klasse ab.

Technologisierung wird ja oft als Mittel zur Individualisierung gepriesen. Teilen Sie diesen Optimismus?

Nein. Diese Euphorie gab es schon in den 1960er-Jahren mit dem „programmierten Lernen“. Heute heißt das „digitales Lernen“. Was dabei fehlt, ist der Mensch. Kein Computer erkennt an einem Gesichtsausdruck, ob jemand wirklich verstanden hat, worum es geht. Lehrer bleiben als Persönlichkeiten unersetzlich und nicht als Bediener von Lernsoftware.

Sollte die Politik also strengere Regeln für digitale Medien im Unterricht setzen?

Im Grunde genommen, ja. Aber die Bildungspolitik ist selbst, um es gut bayerisch auszudrücken, besoffen vom Digitalisierungsfieber und redet der IT-Industrie nach dem Mund. Am Ende profitieren nicht die Schüler, sondern die Hersteller.

Was braucht ein guter Lehrer dann in dieser Situation? Wie wird die Lehre wieder besser?

Vor allem Zeit für Begegnung im Rahmen überschaubarer Klassen, mit Schülern, die zu Hause grundlegende Formen des Umgangs gelernt haben. Eltern müssen wieder Verantwortung übernehmen, statt sie an den Staat oder an die Schule abzugeben. Leider gibt es heute zwei Extreme: Eltern, die sich gar nicht kümmern, und solche, die sich in alles einmischen. Und dann würde ich mir wünschen, dass Klassenleiter einmal pro Woche eine reine Verfügungsstunde haben, wo man mit der Klasse über Gott und die Welt und über Sorgen und Nöte der Schüler sprechen kann.

Sprechen wir mit Kindern zu wenig über Gott und die Welt?

Mein Vater war Pädagogikprofessor. Er lehrte die „Didaktik weltanschaulich bedeutsamer Fächer“. Dieser Begriff, der mich nicht mehr losgelassen hat, meint Geschichte, Literatur, Geografie, also Fächer, die Welt- und Menschenbilder vermitteln. Früher sprach man von der Verantwortung des Menschen vor Gott oder der Würde des Menschen als Ebenbild Gottes. Heute verstehen das nicht einmal mehr viele Politiker der CSU.

Und die Schüler selbst – sind sie schwieriger geworden?

Natürlich. Familienstrukturen zerfallen, Kinder wachsen vielfach in instabilen Verhältnissen auf. Lehrer sollen das alles auffangen, aber das ist nicht ihre Aufgabe. Schule darf nicht zum Ersatz für Elternhaus, Psychologen und Sozialdienste werden. Bildung ist ihr Kernauftrag.

Wo beginnt für Sie die notwendige Reform?

In der Lehrerausbildung. Universitäten sind oft realitätsfern. Wir brauchen mehr Praktiker an den Hochschulen – Lehrer, die gleichzeitig unterrichten und ausbilden. Die Kluft zwischen Theorie und Praxis ist zu groß. Zudem sehen zu viele im Lehrersein nur einen sicheren Job. Hier bräuchte es mehr Anreize, wie in jedem anderen Beruf auch: Aufstiegsmöglichkeiten, Leistungsprämien, echte spürbare Anerkennung. Ich hatte als Schulleiter früher die Möglichkeit, besonders engagierte Lehrer mit kleinen Prämien auszuzeichnen. Das hat mehr bewirkt als jedes Ministeriumsgesetz, wurde dann aber aus Spargründen abgeschafft.

Zum Schluss: Angenommen, Sie wären Kultusminister – was wären Ihre ersten Schritte?

Erstens: klare, verbindliche Lehrpläne statt unserer jetzigen „Leerpläne“. Zweitens: eine ehrliche Notengebung. Drittens: Stärkung des gegliederten Schulwesens, das Leistung anerkennt. Und darüber hinaus eine nachhaltige Werbekampagne für den Lehrerberuf.

Wie sähe für Sie der ideale Lehrer aus?

Ganz einfach: Er braucht zwei Dinge – Liebe zu jungen Menschen und Liebe zu seinem Fach. Und, ja, ein solides Nervensystem. Ohne das geht es heute nicht mehr.

Der Interviewer hat Politikwissenschaft und Mediävistik studiert und lebt mit seiner Frau in München.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Themen & Autoren
Johannes Moussong Josef Kraus Katholische Elternschaft Deutschlands

Weitere Artikel

Der Verein katholischer deutscher Lehrerinnen feierte in Maria Laach seinen 140. Geburtstag. Der vom VkdL vergebene Preis ging dieses Jahr an das Magazin „Grandios".
25.09.2025, 13 Uhr
Cornelia Huber
Die Bestsellerautorin klagt an: „Generation Depression, krank und dick, schuldig, Versuchskaninchen, Analphabet, Opfer“ – bei den Jüngsten haben die Corona-Jahre tiefe Spuren hinterlassen.
24.07.2025, 17 Uhr
Stefan Fuchs
Offener Dorfplatz statt Elfenbeinturm: Universität heißt Austausch, Verstehen, am Weltgeschehen teilhaben wollen. Gedanken zum 752. Todestag von Thomas von Aquin.
13.03.2026, 05 Uhr
Maximilian Welticke

Kirche

Leo XIV. will zu den Anhängern des „Vetus Ordo“ Brücken schlagen. Seine Weisung an die Bischöfe Frankreichs weicht von der Linie seines Vorgängers ab.
26.03.2026, 17 Uhr
Guido Horst
Symposion: Ein wissenschaftlicher Blick auf Ursprung und Entwicklung kirchlicher Synoden.
27.03.2026, 11 Uhr
Reinhild E. Bues
Ein volles Seminar ist kein unerfüllbarer Wunschtraum: Im Vorfeld des Papstbesuchs in Madrid und Barcelona hat der Primas von Spanien eine ermutigende Botschaft.
26.03.2026, 17 Uhr
Regina Einig