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„Wir brauchen eine Gesellschaft, die Kinder wertschätzt“

Der Ökonom Axel Plünnecke vom „Institut der Deutschen Wirtschaft“ plädiert dafür, unsere Gesundheits- und Pflegesysteme „demografiefest“ zu machen.
Glückliche Familie mit Tochter
Foto: Imago/imagebroker | Damit Familien Mut zu eigenen Kindern fassen können, sind bessere Anreize für Vermögensaufbau und Erleichterungen beim Erwerb von Immobilien nötig.

Die Experten warnen seit Jahrzehnten vor der demografischen Schieflage, aber die EU-Kommission verharmlost die Probleme der Vergreisung Europas auch in ihrem vor wenigen Tagen erschienenen dritten Demografiebericht noch immer als „Herausforderungen“, die man vermeintlich managen kann. Hat die Politik die Folgen der demografischen Entwicklung zu lange ignoriert und bis heute unterschätzt?

Ja, die Politik hat über viele Jahre die Auswirkungen des demografischen Wandels unterschätzt. Die demografische Lage ist in Europa sehr unterschiedlich. Blickt man auf Deutschland, so sind die Geburtenraten seit Anfang der 1970er Jahre zu niedrig und die Auswirkungen werden vor allem in den nächsten zehn bis 20 Jahren besonders deutlich spürbar. Fachkräfteengpässe nehmen zu, die Wachstumsdynamik nimmt ab und die Belastungen der sozialen Sicherungssysteme steigen. Der demografische Wandel beeinflusst Innovationskraft und das geopolitische Gewicht Europas. Zusammen mit disruptiv wirkenden Effekten von Digitalisierung, Dekarbonisierung und Deglobalisierung auf Wirtschaft und Gesellschaft sind wir dadurch mitten in einer Zeitenwende, für die wir strukturelle Antworten brauchen. Wir müssen die Resilienz stärken.

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Ganz Europa hat seit Jahrzehnten eine zu geringe Geburtenrate, ab 2029 wird laut EU-Kommission die EU-Bevölkerung kontinuierlich schrumpfen: von heute 450,6 auf 398,8 Millionen im Jahr 2100. Gleichzeitig steigt die Lebenserwartung weiter an. Kann Politik hier eigentlich irgendetwas steuern, oder ist diese langfristige Entwicklung unser Schicksal?

Die Geburtenrate lässt sich nicht leicht per Beschluss ändern. Bessere Rahmenbedingungen für Familien sind wichtig – etwa der Ausbau der Infrastruktur in Kitas und Schulen. Die Geburtenrate kann sich dadurch im Idealfall leicht erhöhen. Aufgrund der niedrigen Geburtenraten der Vergangenheit gibt es aber deutlich weniger potenzielle Eltern, sodass die Geburtenzahlen weiter sinken dürften. Wichtig ist daher auch die zweite Stellschraube: qualifizierte Zuwanderung. Deutschland und Europa müssen attraktiver für qualifizierte Zuwanderung werden. Dabei weist Deutschland sogar eine Stärke auf – es gelingt uns sehr gut, viele internationale Studierende zu gewinnen. Nach unseren Berechnungen stärken diese internationalen Studierenden Wachstum, Wohlstand und öffentliche Finanzen und wirken den Effekten des demografischen Wandels entgegen.

Kollabiert angesichts dieser Überalterung beziehungsweise Unterjüngung der Gesellschaft unser bisheriges System der Generationengerechtigkeit?

Unsere Sozialversicherungssysteme gelangen in Schieflage, wenn es eine deutlich sinkende Anzahl an Beitragszahlern und zugleich eine steigende Anzahl an Empfängern von Leistungen der Renten-, Kranken- und Pflegeversicherungen gibt. Bei der Rente kann man Anreize erhöhen, erst später von der Erwerbstätigkeit in die Rente zu wechseln. Auch in den anderen Bereichen wie Kranken- und Pflegeversicherung sind Reformen notwendig. Aber auch die Einnahmenbasis muss erhöht werden: Qualifizierte Zuwanderung – zum Beispiel über die Hochschulen – stärkt in den kommenden Jahrzehnten die Beitragseinnahmen. Dazu müssen die Potenziale von Digitalisierung und KI für Produktivitätswachstum gehoben werden.

Rechnen Sie mit verschärften Verteilungskämpfen zwischen den Generationen, weil immer weniger Erwerbstätige immer mehr Rentner und Pensionisten sowie Hochbetagte und Pflegebedürftige finanzieren müssen?

Es wird darum gehen müssen, die Wachstumskräfte zu stärken und Be- und Entlastungen der Generationen immer wieder auszutarieren. Der Innovations- und Investitionsstandort Europa und Deutschland müssen attraktiver werden. Wir müssen stärker in Digitalisierung, Forschung und Entwicklung investieren. Europa und Deutschland müssen attraktiver für qualifizierte Zuwanderung werden. Unsere Berechnungen zeigen deutlich, dass bereits die aktuell hohe Anzahl an internationalen Studierenden helfen kann, künftige mögliche Verteilungskämpfe zu entschärfen. Dafür müssen wir Kapazitäten an Hochschulen sichern und Begleitprogramme für internationale Studierende weiter verbessern und ausbauen, damit ein noch höherer Anteil nach dem Studium in Deutschland oder Europa bleibt.

Wird Altersarmut zum Normalfall – und kommt damit ein Zwei-Klassen-System im Gesundheits-, Pflege- und Sozialsystem?

Bisher sehen wir keine empirischen Belege für ein größeres Problem von Altersarmut, vor allem, wenn man neben der Rente noch weitere Einkommensquellen berücksichtigt. Es wird darauf ankommen, die Alterssicherung gut zu diversifizieren und neben der gesetzlichen Rente auch die Rahmenbedingungen für private Altersvorsorge und Betriebsrenten zu verbessern. Auch die Systeme bei Gesundheit und Pflege müssen demografiefest gemacht werden. Entscheidend bleibt aber bei allen Reformüberlegungen, dass wir die Rahmenbedingungen für Wachstum verbessern müssen. Wir brauchen mehr qualifizierte Zuwanderung und mehr Investitionen in Bildung, Forschung und Infrastruktur.

Müsste der Staat den Vermögenstransfer zwischen den Generationen nicht erleichtern und fördern, damit die heute erwerbstätige Generation sich Vermögen aufbauen und den Mut zu eigenen Kindern fassen kann?

Wir brauchen bessere Anreize für privaten Vermögensaufbau und Erleichterungen beim Erwerb von Immobilien. Dazu brauchen wir aber vor allem auch eine kinderfreundlichere Gesellschaft, die Kinder wertschätzt – nicht nur finanziell.

Wird echte Wahlfreiheit für Frauen durch die dramatische demografische Entwicklung immer schwieriger? Einerseits braucht ja die Wirtschaft angesichts der schrumpfenden Erwerbsbevölkerung die Frauen, andererseits braucht die Gesellschaft auch mehr Kinder – weshalb Frauen Kinder- und Familienzeit brauchen. Ein Dilemma?

Das ist kein Widerspruch. Es gibt Länder, die zugleich eine hohe Erwerbstätigenquote bei Frauen und Männern und eine hohe Geburtenrate aufweisen. Diese Länder kombinieren oft eine gute Bildungs- und Betreuungsinfrastruktur mit zeitpolitischen Maßnahmen wie dem Elterngeld oder flexiblen Arbeitszeitmodellen. Daneben ist auch Zuversicht wichtig – die Welt mag unsicherer werden. Entscheidend sind Resilienz und Selbstwirksamkeit und das Vertrauen, mit Unsicherheiten gut umgehen zu können.

Werden wir angesichts der demografischen Entwicklung alle viel länger arbeiten müssen?

Ja, aber das sollte nicht negativ konnotiert werden. Die Lebenserwartung steigt – das ist ein Geschenk. Menschen im Alter von 65 sind heute im Durchschnitt gesünder, aktiver und besser qualifiziert als vor 30 oder 40 Jahren. Und sie bringen wertvolles Erfahrungswissen mit. Gerade Erfahrung darin, Wissen gut einordnen zu können, bietet ein besonderes Potenzial, neue Möglichkeiten durch den Einsatz von KI gut nutzen zu können. Das Altersbild in der Gesellschaft ist wichtig und dabei der Blick auf besondere und wertvolle Stärken, die Ältere über Erfahrungen aufbauen konnten.

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Europas Bevölkerung altert und schrumpft zugleich. Der Anteil der EU-Einwohner macht heute 5,4 Prozent der Weltbevölkerung aus, im Jahr 2100 nur mehr 3,4 Prozent. Welche ökonomischen Auswirkungen hat das?

Wenn der Anteil der EU-Bevölkerung an der Weltbevölkerung bis 2100 von 5,4 auf 3,4 Prozent sinkt, verliert Europa nicht nur wirtschaftliches Gewicht, sondern auch geopolitischen Einfluss. Binnenmärkte verlieren global betrachtet an Bedeutung. Europa muss durch qualifizierte Zuwanderung und Investitionen in Forschung und Infrastruktur seine Innovationskraft erhöhen. Dazu sind enge globale Kooperationen mit wachsenden Weltregionen in Asien, Afrika und Lateinamerika von großer Bedeutung. Ebenso Investitionen in soft power durch Hochschulkooperationen und andere Netzwerke, die Vertrauen und Zusammenarbeit über Europa hinaus stärken.


Axel Plünnecke forscht am Institut der Deutschen Wirtschaft zu Fragen der Bildungs- und Familienökonomie sowie zu Arbeitskräften und Zuwanderung. Seit 2010 forscht und lehrt er zudem als Professor an der Deutschen Hochschule für Prävention und Gesundheitsmanagement in Saarbrücken. 

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