Eheberatung

„Werde, was du bist!“

Paare auf der Suche nach dem gemeinsamen Eheideal.
Sich auf gemeinsame Werte zu besinnen, kann Partner näher zueinander führen.
Foto: LJM Photo via www.imago-images.de (www.imago-images.de) | Sich auf gemeinsame Werte zu besinnen, kann Partner näher zueinander führen.

Die eigene Identität finden, entfalten und in ein Wort fassen, das sogenannte „persönliche Ideal“, darum geht es bei der Idealpädagogik der Schönstatt-Bewegung. Auch für Ehepaare stellt es eine lohnende Aufgabe dar, die individuellen, aber auch die gemeinsamen Werte zu erschließen, zu vertiefen und ein persönliches Eheideal zu entwickeln. Anregungen dazu gibt Pfarrer Martin M. Emge, Domkapitular aus dem Erzbistum Bamberg, im Gespräch mit der „Tagespost“. Das große Thema der Identitätsfindung bildet zugleich den Abschluss der Reihe mit Impulsen für Paargespräche, bei denen sich die Paare unter anderem mit Achtsamkeit im täglichen Leben, dem Überwinden von Schwierigkeiten oder dem Umgang mit der Angst beschäftigt hatten. Stets standen sowohl das Wachstum des Einzelnen als auch die Entwicklung des Eheteams im Fokus.

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„Gib mir einen festen Punkt außerhalb der Erde, und ich werde die Welt aus den Angeln heben“, so sagte der griechische Physiker und Mathematiker Archimedes im dritten Jahrhundert vor Christus. „Wie heißt mein archimedischer Punkt? Was ist mein Gedanke, meine Idee, meine Vision?“, ist für Pfarrer Emge die entscheidende Frage. „Visionäre gestalten die Welt“, ist der Schönstattpriester überzeugt. „Vielleicht kennen Sie folgende Geschichte: drei Steinmetze knien am Boden und klopfen mit dem Hammer Steinbrocken für ein großes Bauvorhaben in Form. Interessant, was die drei Arbeiter bei ihrer Tätigkeit bewegt. Der erste denkt einfach: ,Ich behaue einen Stein.‘ Der zweite stellt sich vor, wohin sein Stein einmal passen wird und sagt sich: ,Ich baue an einem Spitzbogenfenster.‘ Der dritte schließlich hat eine Vision im Herzen: ,Ich baue eine Kathedrale!‘“

Die innere Berufung finden

Auf der Suche nach dem „persönlichen Ideal“, eine Wortprägung von Pater Kentenich, oder der „Ich-Identität“, wie es der Psychologe Erikson ausdrückte, darf sich der Einzelne fragen: „Was ist typisch für mich? Das gilt es zu entdecken und zu leben!“ Als zentralen Angelpunkt nennt der Geistliche folgende Frage: „Was ist der Gottesgedanke in mir? Ich bin kein Zufallsprodukt. Was also hat sich Gott gedacht, als er mich geschaffen hat? Und was hat er sich beim Ehepartner gedacht – es muss ja zusammenpassen, sich ergänzen!“ Psychologisch  formuliert, solle sich der Einzelne fragen, wo es ihn hinziehe. „Wenn ich das nicht herausfinde, laufe ich Gefahr, krank zu werden und mich zu verbiegen.“

Wer die Sinn-Matrix seines Lebens, das Geheimnis seiner Persönlichkeit, die Melodie seines Lebens, seine innerste Berufung gefunden hat, lebt als freie, innengeleitete Persönlichkeit. Dabei gelte es, so Emge, sich zunächst des Grundzugs bewusst zu werden. „Der Grundzug ist die innere Antriebsstruktur – zum Beispiel, ob ich der Hingabe- oder eher der Eroberertyp bin. Einmal erkannt, muss er treu festgehalten, das heißt reflexiv erfasst werden, damit er zur Grundstimmung werden kann“, führt Emge aus. „Die Grundstimmung schließlich ist der seelische Grundzustand, die gewachsene Haltung, das stabile Zentrum meiner Persönlichkeit. All das hat auch Auswirkungen auf das Paar: je mehr der Einzelne das ausprägt, was ihn ausmacht, um so reicher wird die Paarbeziehung.“

Die gemeinsame Vision in Worte fassen

Das „idealpädagogische Plus“ dabei ist im täglichen Leben zu sehen. Zum Beispiel kann sich die innere Haltung in Bezug auf das Berufsleben wandeln. Es geht auf einmal nicht mehr nur ums Geldverdienen. Gedanken, eine lästige Pflicht erfüllen zu müssen, weichen einer inneren Hochherzigkeit. So wächst die Bereitschaft, anderen die eigenen, geschenkten Fähigkeiten zu geben. „Wer erkennt, wer er ist, ist innerlich frei. Und gegen die äußere Traurigkeit kommt all das Frohe in mir zum Zuge“, stellt der erfahrene Ehebegleiter in Aussicht. Er ermutigt: „Das Ideal ist stärker als der Schatten. Wer der Sonne entgegen wandert, lässt den Schatten hinter sich.“

Als zweiten Schritt nach dem Finden des „persönlichen Ideals“ lädt Emge die Paare zur Entwicklung eines Gemeinschaftsideals ein. „Das Gemeinschaftsideal hat eine weittragende erzieherische Bedeutung. Der Hauptwert liegt in der Schaffung von tragenden Grundhaltungen. Das gilt für Gruppen, Vereine, Firmen, Länder und Religionen“, erklärt er. „Bezogen auf die Ehe, ist es ein richtungsweisender, von Gott geschenkter Leitgedanke, der zusammenschweißt, Orientierung schenkt, Kräfte weckt und die Wirksamkeit erhöht.“ 

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Beide Visionen, die persönliche wie auch die gemeinsame, sollten in einem ausdrucksstarken Wort, Satz oder einem Symbol zusammengefasst werden, empfiehlt Emge. „Wir kennen das aus dem täglichen Leben: viele Unternehmen arbeiten mit griffigen Slogans, und auch in der Kirche sind wichtige Botschaften in Kernsätzen verpackt.“  Als Beispiele für den säkularen Bereich nennt der Geistliche „Just do it!“ der Firma Nike oder „Nichts ist unmöglich“ von Toyota.  Auch Maria („Siehe, ich bin die Magd des Herrn“), Jesus („Ich bin der gute Hirt“) und viele Heilige kennen persönliche Ideale: „Totus Tuus“ (Johannes Paul II.), „Allen alles werden“ (Paulus), „Alles zur größeren Ehre Gottes“ (Ignatius von Loyola), „Nur die Liebe zählt“ (Therese von Lisieux) oder „Wer Herzen gewinnen will, muss sein Herz zum Pfand setzen“ (Kolping).

Ein gemeinsames Motto finden

„So unterschiedlich wie die Paare sind auch die Eheideale“, merkt Emge an. „Allen aber tut es gut, miteinander ihre gemeinsame Vision herauszufinden und in Worte zu fassen. Ich habe die Paare aus dem letzten Ehekurs noch genau vor Augen, als sie ihr eigenes Eheideal voller innerer Zufriedenheit und Stolz auf ihr Eheteam vorgestellt und erklärt haben. So stellte ein langjährig verheiratetes Paar fest, dass „Füreinander da sein" ihre Ehe am besten beschreibt. Sie sagten: „Bei uns ist es allen wichtig, für den Anderen da zu sein und uns zu helfen. Unser Motto haben wir nicht irgendwo aufgehängt, es ist wie ein ungeschriebenes Gesetz in der Familie.“ Andere Paare entschieden sich für „Sein dürfen – nicht müssen“, „Gemeinsam unterwegs“  sowie „Leben und leben lassen – mit Gottes Hilfe“.

Folgende Fragen helfen, zunächst das persönliche Ideal herauszufinden: Was sind meine Lieblingsthemen, -Bilder, -Lieder, -Stimmungen, -Orte, -Bücher, -Filme, -Heilige, -Prominente? Was sind meine Lieblingsbeschäftigungen, Träume, Wünsche? Welche Fähigkeiten und Anlagen habe ich? Was ist meine Hauptleidenschaft: verschenken oder leisten? Bin ich auf Objekte (nach außen) oder auf Personen (nach innen) orientiert?

Im Paargespräch können die Ergebnisse graphisch dargestellt werden. Zwischen den beiden Säulen mit den Zentralwerten steht die Säule mit dem Titel „Was uns verbindet“. Darüber liegt eine Tafel mit dem Eheideal. Manche Paare greifen anschließend das Eheideal heraus und geben ihm einen sichtbaren Platz zu Hause.
Foto: privat | Im Paargespräch können die Ergebnisse graphisch dargestellt werden. Zwischen den beiden Säulen mit den Zentralwerten steht die Säule mit dem Titel „Was uns verbindet“. Darüber liegt eine Tafel mit dem Eheideal.


Anschließend kann das Paar mit folgenden Fragen miteinander das gemeinsame  Eheideal entwickeln:
 1. Jeder beantwortet zunächst für sich:
 Was sind meine Zentralwerte?
 2. Gemeinsam: Was verbindet uns?
 3. Wie lautet unser Eheideal?

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