Kinder und Karriere? Andreas Ott und seine Frau Anja gönnen sich als Rentner eine Kreuzfahrt. Doch weil sich ihr ökonomischer Erfolg mit Familie nicht kombinieren ließ, müssen sie in dem dystopischen Hörspiel „Queen Mary III“ eine Tochter für die Reise mieten.
Sind Berufsleben und Elternschaft tatsächlich unvereinbar? Seitdem 2013 ein gesetzlicher Rechtsanspruch auf Kleinkinderbetreuung besteht, scheinen die äußeren Bedingungen dafür erfüllt, dass Vater wie Mutter einem Vollzeitjob nachgehen können. Bald wird sogar die Ganztagsgrundschule flächendeckend ausgebaut sein. Um biografische Souveränität umfassend zu verwirklichen, bedurfte es allerdings nicht nur professioneller Pädagogen und Gleichstellungsbeauftragter, sondern auch Verhütungsmitteln sowie der Abtreibung – sprich: eines grundlegenden Paradigmenwechsels.
Preisspirale wächst
Wir kamen 1969 zur Welt und sind damit Zeugen des Umbruchs: Fünf Jahre vor uns wurden laut Statistischem Bundesamt 1 065 437 Menschen geboren; 1974 waren es gerade noch 626 373. Binnen zehn Jahren schrumpfte der Nachwuchs um knapp die Hälfte. Die Kinder des Wirtschaftswunders erkauften ihren Wohlstand, indem sie selber keine oder nur wenige Kinder bekamen. Steigende Erwerbstätigkeit der Frauen ging einher mit sinkenden Geburtenzahlen – OECD-Vergleichsdaten belegen diese Entwicklung.
Waren 1950 nur ein Drittel der deutschen Frauen in Lohnarbeit beschäftigt, sind es heute knapp zwei Drittel. Doch wo Doppelverdienst zur Norm wird, wächst nicht unbedingt der Lebensstandard, sondern die Preisspirale. Rechnet man ein weiteres Auto, Betreuungskosten und zusätzliche Steuerlast dazu, bringt ein zweiter Job oft eines: Chaos. So sank binnen der letzten 75 Jahre die Zahl der Eheschließungen fast um die Hälfte, während die Scheidungen von 80 000 auf 137 000 stiegen. Hatten Kinder einst rund um die Uhr eine Mutter, werden sie heute oft bald nach der Geburt fremdbetreut und wachsen mit ihrer Peergroup statt mit ihren Geschwistern auf. Dauerhafte Bezüge sind mittlerweile rar.
Das Modell „Double Income, No Kids“ (dt.: „Doppelverdiener ohne Kinder“) hat mehr Verlierer als Gewinner hervorgebracht. Es fehlen nicht nur junge Menschen, die künftig die Renten der Babyboomer tragen – dramatischer ist: Wo Karriere- und Individualmodelle dominieren, bleibt ein hoher Anteil der Frauen kinderlos. Singlehaushalte und instabile Beziehungsformen nehmen zu, psychische Belastungen wachsen. Die Entkopplung von Sexualität und Partnerschaft sowie veränderte Geschlechterrollen erschweren den Einstieg ins Muttersein. Wer lange studiert und Karriere machen will, für den bleibt nur ein kleines Zeitfenster bis zur Menopause. Paradox: Modernen Frauen steht oft der eigene Erfolg im Weg.
Während Männer bei der Partnerwahl mehrheitlich Attraktivität und Jugend priorisieren, spielt auf der weiblichen Seite der soziale Aufstieg eine zentrale Rolle. Je selbstbewusster die Frau, desto mehr muss ihr Kandidat in beruflicher und gesellschaftlicher Hinsicht bieten. Diese Rechnung geht selten auf, denn die Suche nach dem erfolgreicheren Partner kollidiert mit der Bildungsexpansion: Seit 1960 hat sich die Anzahl der Studentinnen mehr als verzehnfacht. Kamen in der Mitte des 20. Jahrhunderts auf eine Akademikerin noch rund 2,5 männliche Hochschulabsolventen, hat sich das Verhältnis heute ins Gegenteil verkehrt.
Laut dem Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB) geht höhere Bildung statistisch mit späterer Familiengründung und weniger Nachwuchs einher.
Je mehr Karriere, desto geringer die Aussicht auf Mutterschaft. Laut Mikrozensus-Auswertungen von Destatis blieben 27 Prozent der Akademikerinnen aus den Jahrgängen bis 1972 dauerhaft kinderlos; umgekehrt liegen Frauen mit mittlerer Bildung deutlich über der bundesdeutschen Fertilitätsrate (BiB). In Großstädten, wo sich Menschen leicht von traditionellen Lebensweisen lösen, ist die Gebärfreudigkeit am geringsten: Beispielsweise bleibt in Hamburg rund ein Drittel der Frauen ohne Kinder. Auch unter den Dreißigjährigen hat mehr als die Hälfte noch keine Schwangerschaft ausgetragen.
Demografische Trends wurzeln jedoch nicht allein im Arbeitsmarkt, sondern auch in veränderten Beziehungsmustern der nachwachsenden Generation. Wie eine aktuelle Jugendsexualitätsstudie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung zeigt, suchen Jugendliche seltener wirkliche Nähe: sexuelle Erstkontakte, feste Beziehungen und partnerschaftliche Bindungen gehen seit Jahren zurück. Digitale Ersatzwelten, Unsicherheit und Angst vor Zurückweisung verändern das Sozialverhalten nachhaltig. Wo sexuelle Reize jederzeit über Bildschirme konsumierbar sind, sinkt die Motivation, sich auf reale Beziehungen einzulassen.
Für eine Kultur des Lebens
Eine Kultur des Lebens hat nur dann Chancen, wenn Mutterschaft wieder als Ausdruck echter Weiblichkeit, verantwortungsvolle Vaterschaft als männlich und Kinderreichtum als beglückend empfunden wird. Junge Menschen sollten ihre Kriterien prüfen, nach denen sie ihren Ehepartner aussuchen. Wer nach einem Model Ausschau hält, wird kaum eine geeignete Mutter für seine Kinder finden; und wer nach einem stattlichen Vermögen verlangt, den interessiert selten die Frage, ob der Erwählte sich später Zeit für Tochter oder Sohn nimmt. Elternschaft bedeutet Selbsthingabe statt Selbstverwirklichung.
Herzensbildung und persönliche Fürsorge sind nachhaltiger als Geld und Aussehen. Kinder, Küche und Kirche sollten nicht länger als Zumutung verstanden werden, sondern als Lebensraum. Wünschenswert wären Bischöfe, die Keuschheit verteidigen, mutig für die klassische Familie eintreten und jungen Menschen Orientierung geben. Eine stärkere Förderung von elterlicher Erziehungsleistung wäre ein sinnvoller Prüfstein, wenn man das nächste Mal wählen geht.
Dorothea Hageböck ist siebenfache Mutter und hat ihre Kinder zu Hause unterrichtet. Ihr Mann ist im privaten Schuldienst tätig, viele Jahre lang in Leitung und Fortbildung.
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