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Weltweit wächst der Verteilungsstress

Wir wohlhabenden Europäer sind arm an Kindern. Die ärmsten Länder der Welt sind kinderreich. Der Mangel an Kindern wird für ganz Europa zum sozialen und wirtschaftlichen Problem. Kinderreichtum wurde zum größten finanziellen Risiko für Eltern.
Frauen in Deutschland bringen wieder mehr Kinder zur Welt
Foto: dpa | Im reichen Europa birgt das Ja zum Kind mitunter ein lebensgeschichtliches und wirtschaftliches Abenteuer.

Europa ist der einzige Kontinent, dessen Bevölkerung altert und schrumpft; und zugleich der einzige säkularisierte Erdteil, während das Phänomen Religion (christlich, muslimisch, hinduistisch) in fast allen anderen Weltgegenden wachsenden Einfluss auf die Gesellschaft gewinnt. Das ist relevant, weil häufig eine Kausalität zwischen Kinderreichtum und Religiosität behauptet wird: Je weniger Bildung und je mehr Glaube, desto höher die Kinderzahl, so lautet die These. Und weiter: Um die Afrikaner zu weniger Geburten zu bewegen, müssten sie aufgeklärt und der Religiosität entfremdet werden.

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Fortschritt führt zu Geburtenrückgang

So schreiben etwa Youssef Courbage und Emmanuel Todd vom „Institut National d' Études“ in Paris in ihrem Buch „Die unaufhaltsame Revolution“, die demographische Geschichte Europas zeige, dass es für die Verbreitung der Geburtenkontrolle zwei Bedingungen gebe: einen gestiegenen Bildungsstandard und den Rückgang praktizierter Religiosität. In Europa, Japan und China sei dem Rückgang der Geburtenraten ein Schwinden der Religiosität vorangegangen. Dieser Zusammenhang sei „ein allgemeines Phänomen, das offenbar die drei Konfessionen des Christentums – Katholizismus, Protestantismus und Orthodoxie – wie auch – in Japan und China – den Buddhismus erfasst hat“. Die „Modernisierung“, so hoffen sie, habe nun auch die traditionelle arabische und iranische Familie erfasst und werde ihren Zerfall einleiten.

Doch Fortschritt wird heute in der islamischen Welt, in Russland oder China längst nicht mehr europäisch buchstabiert. Also driften Europa und der Rest der Welt weiter auseinander. Dem vergreisenden Europa stehen eine junge islamische Welt und kinderreiche, junge Gesellschaften Afrikas und Asiens gegenüber.

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Verjüngung in Afrika

Südlich der Sahara sind 44 Prozent der Bevölkerung jünger als 15 Jahre, in Russland nur 17 Prozent, in Deutschland 13 Prozent. Umgekehrt sind im subsaharischen Afrika nur drei Prozent der Bevölkerung älter als 64 Jahre, aber in Deutschland 21 Prozent. Das Medianalter, also jener Wert, der die Bevölkerung in eine jüngere und eine ältere Hälfte teilt, liegt in Afrika bei 19,7 Jahren, in Europa bei 42,5.

Die Alterung der europäischen Gesellschaften hat einen erfreulichen und einen unerfreulichen Grund: die gestiegene Lebenserwartung und den Mangel an Kindern. 1965 lag die Geburtenrate in Deutschland bei 2,4 Kindern, ein Jahrzehnt später bei 1,4 – wo sie seither verharrt. Innerhalb des 20. Jahrhunderts nahmen in fast ganz Europa die Geburten dramatisch ab, während die Lebenserwartung signifikant stieg und weiter ansteigt. Die Steigerung der Lebenserwartung und der Rückgang der Geburten stellen nun Europas Bevölkerungspyramide auf den Kopf.

Europa schrumpft

Während die durchschnittliche Lebenserwartung in Westeuropa auf 82 Jahre stieg, liegt sie in Westafrika bei 57 Jahren. Gleichzeitig hat Westeuropa eine Fertilitätsrate von 1,7 Kindern pro Frau, Westafrika aber von 5,2. Bis 2050 wird die Weltbevölkerung weiter wachsen, auf etwa 9,7 Milliarden Menschen. Das stärkste Wachstum wird trotz geringer Lebenserwartung, schrecklicher Seuchen, Bürgerkriege und Kriege Afrika verzeichnen: von heute 1,22 auf 4,3 Milliarden Menschen am Ende dieses Jahrhunderts. Asien wird von 4,4 auf 5,2 Milliarden Menschen im Jahr 2050 anwachsen. Sogar Süd- und Nordamerika wachsen. Nur die Bevölkerung Europas schrumpft.

Der Anteil der Europäer an der Weltbevölkerung betrug 1960 noch 20 Prozent, heute zehn Prozent, und im Jahr 2050 wird er nur 7,2 Prozent betragen. China stellt heute knapp ein Fünftel der Einwohner dieser Erde, Indien 18 Prozent, die EU weniger als sieben Prozent – Tendenz sinkend.

Europa vergreist und schrumpft in relativem Wohlstand, während die ärmsten Staaten der Welt bei niedriger Lebenserwartung eine hohe Geburtenrate haben. Der Bedeutungsverlust Europas macht den Rest der Welt nicht wohlhabender. Aber die demographische Schwäche Europas wird den Bedeutungsverlust unseres Erdteils beschleunigen und unsere Verwundbarkeit erhöhen.

Weil Europa altert und schrumpft, aber ein weltweit bewundertes Niveau sozialer Sicherheit geschaffen hat, während jenseits des Mare Nostrum eine breiter werdende Jugend in politischer, sozialer und ökonomischer Perspektivlosigkeit aufwächst, wird der Migrationsdruck weiter steigen. Das Mittelmeer ist nicht nur eine politische und kulturelle Grenze, sondern auch eine Wohlstands- und Fertilitätsgrenze.

Eine lebensgeschichtliche Wette auf die Zukunft

Angesichts des demographischen Verfalls Europas wird der Verteilungsstress zwischen Erdteilen und Generationen, aber auch zwischen Kinderlosen und Familien enorm wachsen. Um eine demografische Wende einzuleiten, muss Europa zunächst eine geistige Wende wagen. Unser Erdteil war ja einmal mehr als ein geografisch einigermaßen abgrenzbarer Raum, nämlich ein geistesgeschichtlicher und zivilisatorischer Begriff. Noch 1931 konnte der Vater des modernen Europa-Gedankens, Richard Coudenhove-Kalergi, die innere Identität Europas so beschreiben: „Europa ist eine Schicksalsgemeinschaft – gegründet auf Monogamie und Familie, auf Privateigentum, auf gleiche Sitten und Feste, auf gleiche Religion, gleiche Tradition, gleiche Ehr- und Moralbegriffe, gleiche Vorurteile.“

 

 

Davon kann keine Rede mehr sein. Nicht erst die wachsende Präsenz des Islam hat diese Gemeinsamkeit gesprengt. In allem geistigen Wandel, in allen Umbrüchen der Staatenwelt Europas waren Ehe und Familie stets verlässliche Konstanten. Nun aber haben sich das Ehe-Verständnis in Politik, Recht und Gesellschaft von jenem der Kirche völlig abgekoppelt. Staat und Kirche verwenden dasselbe Wort, meinen aber unterschiedliche Wirklichkeiten: Die Politik sieht Ehe nicht mehr als den auf Dauer angelegten Bund zwischen einem Mann und einer Frau, sondern als eine Verbindung auf Widerruf zwischen zwei Menschen gleichen oder unterschiedlichen Geschlechts.

Der Staat destabilisiert die bewährte Lebensform, die auf Ehe gründende Familie, bestraft durch Steuern an der Grenze zur Enteignung Familienbildung und Kinderreichtum, während er Single-Dasein, Kinderlosigkeit und Egoismus strukturell belohnt. Das Ja zum Kind war immer eine lebensgeschichtliche Wette auf die Zukunft; nun ist sie auch ein finanzielles und karrieretechnisches Hochrisikospiel.

Wirtschaftlicher Niedergang

Gleichzeitig lässt sich unser gesellschaftliches Problem in diese Gleichung packen: Bevölkerungs-Schrumpfung plus Alterung ist gleich sinkende Steuereinnahmen und steigende Sozialausgaben – ist gleich wirtschaftlicher Niedergang. Unser soziales System beruht auf der Voraussetzung eines halbwegs ausgewogenen Verhältnisses der Generationen. Die Kosten für Gesundheit, Pflege und Pensionen werden durch die Überalterung der Gesellschaften ins Astronomische steigen – spätestens dann, wenn die letzten geburtenstarken Jahrgänge das Pensionsalter erreichen. Durch explodierende Rentenausgaben, stetig wachsende Gesundheitskosten und höhere Budgetdefizite wird sich das Wirtschaftswachstum in der EU auch abseits von Krisen verringern.

Durch die Überalterung ihrer Gesellschaften sind die Staaten Europas zunehmend gezwungen, ihre Prioritäten zuzuspitzen: Die staatlichen Finanzen und die politische Aufmerksamkeit dürften sich noch stärker der alten und hochbetagten Generation zuwenden, weil sie über mehr „voting power“ verfügt, während menschheitsgeschichtlich die vorrangige Aufmerksamkeit stets dem Nachwuchs und seinen Überlebenschancen galt. Nun aber wächst der Verteilungsstress zwischen den Generationen wie zwischen Kinderlosen und Familien mit Kindern.

Verabschiedet sich Europa von der Geschichte?

Trotz aller Almosen, die den Familien im Umverteilungsstaat zufließen, belohnen Staat und Gesellschaft weiterhin Individualismus und Kinderlosigkeit; behindern und bestrafen weiterhin Familienbildung und Kinderreichtum. Solange die Eltern sich selbst um die Erziehung, Versorgung und Ausbildung ihrer Kinder kümmern, ist dies ihr Privatvergnügen. Erst wenn sie diese Arbeit delegieren, wird es für die öffentliche Hand teuer: Kinderkrippen, Kindergärten, Ganztagsschulen mit Nachmittagsbetreuung. Die sogenannte Nur-Hausfrau wird nicht nur vom Staat so behandelt, als täte sie nichts, sondern ist auch der gesellschaftlichen Zurücksetzung ausgeliefert. Die Arbeit im fremden Haushalt wird als echte Arbeit gewertet, die im eigenen Haushalt als Privatvergnügen. Die Erziehung und Betreuung fremder Kinder wird als echte Arbeit gewertet, die der eigenen als Privatvergnügen.

So ist es nicht nur vom gesellschaftlichen Prestige, sondern auch von den ökonomischen Rahmenbedingungen her naheliegend, Kinder und Haushalt rasch und umfassend an andere, billigere Arbeitskräfte zu delegieren, um selbst einer außerfamiliären Erwerbsarbeit nachzugehen. Dadurch gerät ins Hintertreffen, worin der zentrale Wert der Erziehungsarbeit besteht, nämlich im Ziel, erwachsene und verantwortungsbewusste, und nicht nur saubere und satte Menschen heranzubilden.

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Geld in die Hände der Eltern

Statt Unsummen in ein immer engeres und flächendeckenderes Netz von Kinderbetreuungseinrichtungen zu pumpen, sollte die öffentliche Hand dieses Geld den Eltern in die Hand geben. Dann hätten Mütter und Väter tatsächlich Wahlfreiheit, ob einer der Partner sich selbst um die Erziehung und Betreuung der Kinder kümmert und das Geld vom Staat als Erziehungsgehalt einsteckt, oder beide einer außerfamiliären Berufsarbeit nachgehen und mit dem Geld eine von mehreren Möglichkeiten der Kinderbetreuung finanzieren. Paare bekämen so mehr Wahlfreiheit, für junge Frauen gäbe es mehr Durchlässigkeit zwischen Studium, Beruf und Familienarbeit. Wenn aber junge Frauen nicht durch puren finanziellen Druck in die außerhäusliche Erwerbstätigkeit gezwungen werden, wird es auch mehr Bereitschaft zu Kinderphasen und darum wieder mehr Kinder geben.

Auswege aus der demografischen Falle lassen sich aber nicht einfach kaufen. Mehr Kinder wird es nur geben, wenn wir das Kind wieder als Geschenk und Gabe verstehen lernen. Papst Benedikt XVI. versuchte beim Weihnachtsempfang im Vatikan 2006 eine Antwort auf die Frage nach der Ursache der demografischen Krise Europas. Ihm sei „die Frage nach Europa in die Seele gedrungen, das anscheinend kaum noch Kinder will.

Kind braucht Zuwendung

Für den Außenstehenden scheint es müde zu sein, ja, sich selbst von der Geschichte verabschieden zu wollen.“ Das Kind braucht Zuwendung, und das bedeute Zeitaufwand: „Aber gerade dieser wesentliche Rohstoff des Lebens – die Zeit – scheint immer knapper zu werden. Die Zeit, die wir haben, reicht kaum aus für das eigene Leben; wie sollten wir sie abtreten, sie jemand anderem geben?“

Bei seinem Besuch in Mariazell 2007 griff Papst Benedikt diesen Gedanken nochmals auf. Hier, wo die romanische Madonnenstatue in eindrucksvoller Geste auf das Kind auf ihrem Schoß zeigt, sagte er: „Das Kind Jesus erinnert uns natürlich auch an alle Kinder dieser Welt, in denen er auf uns zugehen will… Europa ist arm an Kindern geworden: Wir brauchen alles für uns selber, und wir trauen wohl der Zukunft nicht recht.“

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