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Was bedeutet Keuschheit in der Ehe?

Keuschheit betrifft nicht nur Gottgeweihte. Eheliche Keuschheit drückt sich mal in Enthaltsamkeit aus, mal in liebevoller Vereinigung.
Symbolfoto glückliches Paar.
Foto: IMAGO/Vira Simon (www.imago-images.de) | Den anderen erkennen: Symbolfoto glückliches Paar.

Diese Kolumne befasst sich regelmäßig mit Fragen zu Sexualität und Partnerschaft. Am Schluss des Textes können Sie anonym Ihre Fragen einreichen.


Die Frage zeigt: Eheliche Keuschheit ist ein Begriff, der vielen fremd geworden ist. Jeder Mensch ist zur Keuschheit berufen. Sie ist eine Tugend, die sich je nach Lebensstand unterschiedlich verwirklicht (KKK 2337ff.). Der Päpstliche Rat für die Familie beschreibt die Keuschheit als freudige Fähigkeit zur Selbsthingabe, frei vom Egoismus. Sie setzt voraus, dass wir den anderen als Person wahrnehmen, seine Würde achten und ihn nicht zum Objekt eigener Bedürfnisse machen. Keuschheit betrifft demnach das ganze Leben und alle Beziehungen. Der keusche Mensch benutzt den anderen nicht, sondern will Gutes für den anderen. In der Ehe ordnet Keuschheit die sexuelle Vereinigung, das Einswerden von Mann und Frau, aber nicht nur.

Als Einheit von Leib und Seele ist der Mensch zur Liebe berufen; im Leib wird diese Liebe sichtbar. Was bedeutet das für uns? Tugend wächst nicht von selbst. Weil sie eine feste Haltung zum Guten ist, muss sie eingeübt werden. Denn durch die Erbsünde ist unser Herz verwundet und neigt dazu, den anderen eher für uns selbst haben zu wollen als ihn um seiner selbst willen zu lieben.

Und was sollen wir genau einüben? Den anderen als ganze Person wahrzunehmen – nicht nur seinen Leib, sondern auch seine Innerlichkeit, seine Würde, sein unverwechselbares Personsein. Die Begierde – jene Verwundung des sexuellen Verlangens, das Gott gut geschaffen hat, aber aus dem Lot geraten ist – lässt uns gewissermaßen an der Oberfläche stehen; sie fixiert sich auf das Sichtbare und verharrt an der Schwelle des Leibes, so der heilige Johannes Paul II. Keuschheit hingegen übt unseren Blick, tiefer zu sehen.

Mit einem keuschen Blick sehen wir zwar die Schönheit und Attraktivität des Leibes des Partners, jedoch nicht mehr als etwas, das nur dem eigenen Genuss dient. Unsere Liebe fragt nicht: „Was bekomme ich von Dir?“, sondern: „Wer bist du? Was ist das Gute für Dich?“ So verlieren wir nichts, sondern gewinnen einen reiferen Blick. Wir nehmen die Schönheit wahr – und zugleich die ganze Person, die sich im Leib ausdrückt.

Konkret heißt das: Den Ehepartner als von Gott anvertraute Person zu sehen und ihn oder sie auf dem Weg zur Heiligkeit zu begleiten. Es bedeutet, den anderen um seiner selbst willen zu lieben – nicht nach den eigenen Vorstellungen formen zu wollen. Den anderen anzunehmen, ist eine lebenslange Aufgabe. Sie braucht Geduld, Selbstbeherrschung, verzichten zu können und die Bereitschaft, am eigenen Herzen oder an der eigenen Haltung zu arbeiten.

Auch in der ehelichen Vereinigung bleibt das Ziel die liebende Selbsthingabe. Es geht nicht nur um Lust, aber auch nicht nur um den Wunsch nach einem Kind. Beides gehört dazu, aber in rechter Ordnung. Manchmal drückt sich eheliche Keuschheit in der Enthaltsamkeit aus, dann wieder in der liebevollen Vereinigung. Wo die Haltung der Eheleute echter Selbsthingabe ist, wächst eine tiefere Erfüllung.

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Ist das möglich? Ja. Durch Gebet, die Sakramente – vor allem die Beichte – und das Leben im Heiligen Geist wächst in uns die Ehrfurcht vor Gott, vor dem Menschen und vor dem Ehepartner, den er geschaffen hat. Wie Johannes Paul II. in seiner Theologie des Leibes lehrt, befreit diese Ehrfurcht, dieser Respekt vor dem Geschöpf Gottes, von der Versuchung, den anderen gebrauchen zu wollen. So wird der Mensch frei zur echten Hingabe.

Wer Christus immer besser kennenlernt, versteht auch sich selbst und den anderen tiefer – als Gabe und als Berufung zur Hingabe. So entdecken Mann und Frau ihre wahre Identität in ihrer Männlichkeit und Weiblichkeit und wachsen gemeinsam auf dem Weg der Heiligkeit.

Die Autorin hat zwölf Kinder, vier Enkelkinder und ist Akademische Referentin für die Theologie des Leibes sowie Sexualpädagogin.


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Bei der Kolumne „Sex and Soul“ handelt es sich um einen Meinungsbeitrag, der Leserfragen ausschließlich in allgemeiner Weise aufgreift und keine persönliche Beratung leistet.

Unabhängig davon bietet die Tagespost weder im Rahmen dieser Kolumne noch anderweitig persönliche Beratungsleistungen an.

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