Diese Kolumne befasst sich regelmäßig mit Fragen zu Sexualität und Partnerschaft. Am Schluss des Textes können Sie anonym Ihre Fragen einreichen.
Hinter dieser Frage steckt oft beides: Neugier und Sorge. Geht es um Information – oder um das Gefühl: „Machen wir etwas falsch?“
Wissen kann entlasten: Der Körper ist nicht moralisch. Er folgt der Biologie – und dem, was der Alltag daraus macht. Dass es unterschiedlich lang dauert, ist in vielen Ehen normal. Häufig steigt die Erregung beim Mann schneller an; bei vielen Frauen hängt sie vom Kontext ab: Sicherheit, Entspannung, Zärtlichkeit, Rhythmus und Art der Stimulation. Dazu kommen Zyklus und Hormone, Stress, Schlaf, Alter, Stillzeit oder Menopause. Kurz: Biologie plus Alltag, Kopf und Herz, Atmosphäre und Einfühlung bestimmen das Tempo.
Darum ist der Satz „Wann bist du soweit?“ gefährlich. Er bewertet, nimmt innere Sicherheit, erzeugt Druck und Stress – der Lustkiller Nummer eins. Man kann es auch positiv wenden: Unterschiedliche Geschwindigkeiten zwingen ein Paar, einander zu „lesen“, zu sprechen, einfühlsam zu führen – statt egoistisch durchzuziehen. Unterschiedlichkeit wird so zur Trainingsfläche gegenseitiger Aufmerksamkeit.
Genau da wird es theologisch spannend. Der Katechismus erinnert, dass Geschlechtlichkeit „alle Aspekte des Menschen“ berührt – Leib und Seele in Einheit (KKK 2332). Sexualität ist nicht zuerst Technik; sie berührt den innersten Kern der Person. Und damit kommt die Liebe ins Spiel – Gottes Plan. Der Eros, so Benedikt XVI., darf die Agape nicht ausspielen: Begehren und Hingabe gehören zusammen; die begehrende Liebe (der Eros) reift, wenn sie sich in die Logik des Sich-Schenkens hineinziehen lässt (Deus caritas est 7).
So kann die unterschiedliche „Zeit bis zum Höhepunkt“ eine Schule sein: Sie lenkt den Blick weg von der eigenen Erregung hin zur Person – nicht einmal, sondern immer wieder. Denn Sexualität wandelt sich: im Rhythmus des Lebens, durch Alltag und Stress, in Gesundheit und Krankheit, in der Dynamik einer Beziehung.
Wo Liebe wirklich die Person sucht, fragt sie nach. Sie macht Lasten und Erschöpfung sichtbar, schaut Konflikten ins Gesicht, nimmt wechselnde Bedürfnisse ernst. Was ich in der körperlichen Liebe brauche, bleibt nicht immer gleich: mal mehr Nähe, mal mehr Sicherheit, mal leidenschaftliches Begehrtwerden.
Gottes Plan ist darum eher die Synchronisation der Herzen als die Gleichzeitigkeit des Höhepunkts. Dietrich von Hildebrand nennt das „Ehrfurcht“: Wer das Geheimnis des anderen achtet, nimmt Druck aus der Sexualität – und manchmal wird der Körper gerade dann freier, weil die Person loslassen kann, wenn sie sich gesehen weiß.
Was folgt praktisch? Weniger Zielvorgabe, mehr Ankommen. Fünf Minuten, in denen beide sagen: „Das bringe ich mit. Das wünsche ich mir. Das ist meine Grenze.“ Und wenn das Ringen um den gemeinsamen Höhepunkt zur Quelle von Druck wurde: Zärtlichkeit ohne Ziel – 20 Minuten. Sich einlassen auf das, was der andere braucht; mit liebenden, fragenden Händen dem Bedürfnis des anderen begegnen. Danach nur zwei Sätze Dank: „Das tat mir gut“ und „Da fühlte ich mich gesehen.“ So findet der Körper zur Person. Eine Sprache der Liebe entsteht – ein Wortschatz aus Zeichen und Worten, der hilft, in der geschlechtlichen Vereinigung die eigene Erregung zu übersteigen, um ganz beim anderen zu sein.
All das hebt die Ungleichzeitigkeit der Erregung bei Mann und Frau nicht auf. Umso wichtiger ist es, den Mythos der Gleichzeitigkeit als Druckmacher zu entlarven: Ein guter ehelicher Moment misst sich nicht an Sekunden, sondern an der Qualität geschenkter Zuwendung und Zärtlichkeit.
Der Autor ist Entwicklungspsychologe, Sexualberater und praktischer Theologe.
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