Sprache

Verhütung oder Empfängnisregelung?

Alles dasselbe oder doch nicht? Sprache prägt unser Verständnis von Fruchtbarkeit.
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Foto: IMAGO/ Antonio Guillen Fernández | Verhütung, „Empfängnisregelung“ oder „Familienplanung“: Im Gegensatz zur Empfängnisverhütung bleibt Natürliche Empfängnisregelung (NER) offen gegenüber dem Geschenk neuen Lebens.

An der Wortwahl scheiden sich die Geister, ganz gleich ob es um Normen, Fakten oder Werte geht. Sprache verdeutlicht nicht nur soziale Unterschiede. Dialekt und Hochsprache bringen andere Saiten im Inneren zum Klingen, und selbst Synonyme sind nicht deckungsgleich, sondern variieren stilistisch die sprachliche Annäherung an Begriffe. Sprache ist nicht nur reines Abbild der Wirklichkeit, vielmehr wohnt ihr ein gestaltendes, schöpferisches Element inne. Sie prägt das Sein in höherem Maße als uns bewusst ist.

Dies zeigt auch der Sprachgebrauch bezüglich der Fruchtbarkeit von Mann und Frau auf. Dass aus Zweien, die sich in der Unterschiedlichkeit von Leib und Seele ergänzen, ein Neues werden kann, müsste zum Staunen anregen. Und zum Erschrecken angesichts der hohen Verantwortung füreinander und für das neue Leben, die damit einhergeht. Im öffentlichen Diskurs aber herrschen technisierte Begriffe vor, die für eine gewisse Kühle und Distanz sorgen. Gerade für Menschen, die ihrem Umfeld ihre Position zur Empfängnisverhütung begreiflich machen wollen, ist eine präzise Wortwahl daher unabdingbar.

„Ungewollt“: Kinder übernehmen negatives Bild

Nicht selten hören Kinder von ihren Eltern, sie seien ein „Unfall“ gewesen. Die Vorsilbe „un“ erzeugt eine deutlich negative Konnotierung. Juristen verstehen unter einem Unfall ein plötzliches Ereignis im Straßenverkehr, das unmittelbar mit dessen typischen Gefahren im Zusammenhang steht und einen nicht völlig belanglosen Personen- oder Sachschaden zur Folge hat. Die Zeugung eines Kindes durch die liebende Umarmung von Mann und Frau ist meilenweit von dieser Definition entfernt.

Nonchalant spricht man von „ungewollten“, „unerwünschten“, „ungeplanten“ Schwangerschaften sowie von „ungeschütztem“ Verkehr. Wenn ein Kind einmal explizit von den engsten Bezugspersonen so tituliert wurde, sinkt das in sein Innerstes – so tief, dass sich junge Erwachsene heute nach außen hin locker und souverän ihren Studienkollegen gegenüber als „nicht gewollt“ bezeichnen. Sie übernehmen das negativ gezeichnete Bild ihrer selbst, die Wahrheit über die eigene Würde und ihren Wert liegen, für sie unerreichbar, im Dunkeln.

Platz für ein „Überraschungsbaby“

Wenn diese und ähnliche Bezeichnungen darauf anspielen, dass die Eltern nicht an die Möglichkeit einer Schwangerschaft gedacht hatten, ließe sich das mit der positiven Wendung „Überraschung“ zum Ausdruck bringen. In der Tat nehmen sich manche Ehepaare vor, in ihrem Herzen stets einen Platz für ein „Überraschungsbaby“ freizuhalten. Manche Nachzügler hören auch von den Eltern, sie seien eine „Zugabe“ oder ein „Bonus“ und erfahren sich dadurch bejaht.

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Die Sprachregelung

„Verhütung“ ist ein weiteres Stichwort für eine im Kern ablehnende Haltung. Es geht um Abwehr, nicht von tödlichen Gefahren, sondern von Schwangerschaft und Empfängnis. Lebens- und kinderfeindlich nimmt man sich in acht, passt auf, ist auf der Hut. Im Fachbegriff „Kontrazeption“ steckt der Bestandteil des „contra“, was übersetzt „gegen“ heißt.

„Empfängnisverhütung“ meint ein aktives Eingreifen mit dem Ziel, eine Empfängnis tatsächlich zu „verhüten“: so wird entweder beim Geschlechtsverkehr durch verschiedene Manipulationen das Zusammentreffen von Samenzelle und Eizelle unmöglich gemacht oder der Körper der Frau durch chemische Eingriffe so verändert, dass ein Eisprung nicht mehr eintreten soll.

„Empfängnisregelung“ dagegen ist vom Wortsinn her erst einmal offen. Sie zielt zuallererst auf die Kenntnis der biologischen Gegebenheiten, was die gemeinsame Fruchtbarkeit von Mann und Frau betrifft. Was geregelt wird, wird nicht abgeschafft, zerstört oder verhindert. Stellt man sich vor dem inneren Auge einen Verkehrspolizisten vor, wird deutlich: der Polizist verhütet nicht, sondern regelt den Straßenverkehr.

Was ist natürlich?

Im Allgemeinen erhält die Empfängnisregelung das Attribut „natürlich“. Denn sie baut auf dem auf, was von der Natur her vorgegeben ist, nämlich die zyklische Fruchtbarkeit der Frau und die permanente des Mannes. Wird eine Empfängnis angestrebt, gibt es dafür besonders günstige Zeiten, die sich bei entsprechender Schulung anhand körperlicher Anzeichen im Zyklus der Frau leicht feststellen lassen. Wenn kein Kinderwunsch besteht, wird das Paar an den möglicherweise fruchtbaren Tagen nicht intim und zeigt sich seine Liebe durch andere Zeichen, wie etwa gemeinsame Unternehmungen oder lange Gespräche.

Selbstbeherrschung oder Beherrschung der Natur?

Unweigerlich gelangt man hier in das Spannungsverhältnis zwischen der „Beherrschung der Kräfte der Natur“ und der „Selbstbeherrschung“, wie es die Enzyklika Humanae Vitae ausdrückt.

„Empfängnisverhütung“ – wegen der Verwendung vom Menschen erdachter und hergestellter Mittel auch „künstliche Empfängnisverhütung“ genannt – bleibt auf der Ebene der Beherrschung der Natur stehen. Hier wird der „staunenswerte Fortschritt“ durch den Menschen, so Humane Vitae, „auf sein ganzes Leben“ ausgedehnt, „auf seinen Leib, seine seelischen Kräfte, auf das soziale Leben und selbst die Gesetze, die die Weitergabe des Lebens regeln“.

Pointiert formuliert der Theologe Christopher West, die Empfängnisverhütung sei nicht erfunden worden, um Schwangerschaften zu vermeiden, da es mit der Enthaltsamkeit einen 100-prozentig verlässlichen Weg gebe. Vielmehr liege ihr ein „Mangel an Selbstbeherrschung“ zugrunde. „Empfängnisverhütung“ bewirkt eine reine Situationsethik, während die „natürliche Empfängnisregelung“ nach Verantwortung fragt. Hier sind bewusste, fundierte Entscheidungen zu treffen. Leitlinien für ein ethisches Handeln zeigen kirchliche Dokumente wie Humanae Vitae und die Schreiben Familiaris Consortio sowie Amoris Laetitia auf.

Widerspruch in sich

Aus alldem wird klar, wieso „natürliche Empfängnisverhütung“ ein Widerspruch in sich ist. Diese Kombination verbindet das Wissen um die fruchtbaren Tage im Zyklus der Frau mit Methoden der Empfängnisverhütung. Der Partner mit seiner konkreten Ausprägung der Fruchtbarkeit wird nicht voll angenommen, und der Frage nach der persönlichen Verantwortung füreinander und für ein gemeinsames Kind weicht man aus.

Der als letztes betrachtete Begriff der „Familienplanung“ oder „natürlichen Familienplanung“ steht zwar im Englischen als „natural family planning“ weltweit für die „natürliche Empfängnisregelung“. Jedoch lässt sich eine Empfängnis auch bei noch so guter Selbstbeobachtung nicht planen, wie die vielen ungewollt – hier passt es – kinderlosen Paare leidvoll erfahren. Zudem legt dieser Terminus nahe, alles sei technisch machbar, reproduzierbar, während die Entstehung menschlichen Lebens doch im letzten ein Geheimnis bleibt. Um diese Differenzierung zum Ausdruck zu bringen, empfiehlt es sich, im Deutschen von „natürlicher Empfängnisregelung“ zu sprechen.

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