Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Kinder, Küche, Kirche

Suchen, finden, spionieren

Ein Suchender sein, das geht auch, wenn man die wesentlichen Dinge gefunden hat. Glauben Sie nicht? Dann lesen Sie mal ...
Mutter mit Kind und Unordnung
Foto: AndreyPopov via imago-images.de (www.imago-images.de) | Ordnung will gelernt sein: Nehmen und irgendwo fallen lassen ist nur für kurze Zeit süß.

Ich bin ein suchender Mensch. Nicht, dass ich unbedingt intensiv grüble und stets tiefgründige Erkenntnisse suche. Oft ist einfach meine Hauptbeschäftigung, Dinge zu suchen wie die ungefähr 50 einzelnen Socken, für die ich in unserem Haus Partner suche, Brille, Handy, meinen zweiten Schuh. Dreimal verlor ich mein Portemonnaie, zweimal davon in Berlin. Gott sei Dank wurden sie immer zurückgegeben. Die Fundstelle in Berlin kenne ich so gut, dass ich eigentlich nicht noch mal hinfahren müsste.

Lesen Sie auch:

Es gab eine Zeit in meinem Leben, da suchte ich intensiv den richtigen Partner. Meine Familie war sicher, die Uni sei DER Heiratsmarkt schlechthin. Leider bin ich im Studium über das Suchen nicht hinausgekommen, wollte aber gründlich sein und hatte schon eine exakte Beschreibung meines Mannes in spe, eine schöne, vollständige Liste von sehr gefälligen Eigenschaften, nur nicht den passenden Mann dazu. Erst im Referendariat lief mir mein Mann über den Weg, als ich gar nicht auf der Suche war, sondern gerade in einer normalen Sonntagsmesse in Regensburg, in Gedanken beim anstehenden Fußball-WM-Spiel Deutschland gegen England. Schnellen Schrittes verließ ich die Kirche, um pünktlich die besten Plätze beim Public Viewing zu sichern. Da tippt mir ein junger Mann auf die Schulter und stellt mir die Frage, die mir bis heute Kopfschütteln verursacht. „Hey, ich sah, dass du Mundkommunion gemacht hast. Ich war jetzt drei Jahre in Mexiko, bin seither auch Mundkommunion gewohnt, habe es aber jetzt hier in Deutschland nicht gesehen und kenne Bayern nicht. Wie ist denn die Praxis hier?“ Innerlich beginnt in mir ein tiefes Schweigen, eine Schockstarre ob dieser extrem skurrilen Frage. Ich überlege fieberhaft, was diese Frage zu bedeuten habe. Option eins: ein erzkonservativer Katholik, der in mir eine Verbündete sucht. Option zwei: ein Spion des Pfarrers, der über Strohmänner versucht herauszufinden, wie seine Schäfchen so ticken. Option drei: einfach eine sehr platte Anmache. Mein Mann wundert sich noch heute, warum ich nicht darauf kam, dass ein Mann, der eine Frage stellt, manchmal einfach nur eine Antwort möchte.

Meist, wenn ich etwas suche, hat jemand anderes aus der Familie es verschleppt. Dass Dinge ihre Orte haben, versuche ich meinen Kindern (und oft meinem Mann) mit wechselndem Erfolg nahezubringen. Etwas einfach zu Boden fallen zu lassen, wenn man es nicht mehr braucht, weil einem gerade etwas anderes einfällt, ist nur für sehr kurze Zeit süß.

Freuen Sie sich über die kleinen Fügungen

Manchmal finde ich etwas Verschwundenes an einem entlegenen Ort wieder, an dem ich es selbst deponiert habe, also mühsam versteckt, damit kein anderer aus der Familie es irgendwo versteckt, vielleicht um es zu schützen vor unbefugtem Zugriff von wiederum … ach, was weiß ich, jedenfalls schuld sind in dem Fall dann ja irgendwie trotzdem die, vor denen ich es verstecken wollte, ich hoffe, Sie verstehen die Logik ...

Übrigens stand, bevor wir uns kennenlernten, bei meinem Mann ich, also ein Foto von mir, auf einem Flyer im Briefständer auf seinem Schreibtisch. Den hatte er bei einer kirchlichen Veranstaltung mitgenommen. Also hatte er mich sozusagen schon im Vorhinein verkramt. Vielleicht hätte mir das damals schon zu denken geben sollen. Es erklärt im Rückblick jedenfalls einiges.

Und jetzt suchen wir den Sinn meines Beitrags. Halten Sie beim Lesen doch einfach mal kurz inne und schauen nicht nach dem großen Ganzen, dem Weltfrieden, der Lösung aller drängenden theologischen Fragen auf einmal. Sondern suchen Sie erst mal Ihre Brille. Und wenn Sie die finden, freuen Sie sich über die kleinen Fügungen des Alltags. Vielleicht meint Gott es manchmal pragmatisch. Ich habe an jenem Sonntag jedenfalls aufgehört, nach dem richtigen Partner zu suchen. Und mein Mann? Der sucht heute noch – meistens seinen Autoschlüssel. So, jetzt noch abschicken, oh nein, der Akku ist fast leer, verflixt, das Netzteil war doch vorhin noch da auf dem Tisch, das hat doch bestimmt wieder eins von den Kindern, – HALLO?? BRINGT MIR MAL JEMAND DAS NETZTEIL?!

Die Autorin lebt als Exilbayerin mit ihrem Mann und ihren drei Kindern bei Berlin.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Themen & Autoren
Simone Müller Pfarrer und Pastoren

Weitere Artikel

Für Männer nichts im Angebot? Das wollen die Grünen ändern. In ihrem Blick auf die Geschichte könnten Sie allerdings von der Kirche noch etwas lernen.
09.07.2026, 15 Uhr
Benjamin Leven
Ob Kriminalstatistik oder grüne Narrative zur Lebensqualität: Männer sind für Frauen gefährlich, heißt es. Und wenn schon.
22.04.2026, 08 Uhr
Jakob Ranke

Kirche

Konferenz in Castel Gandolfo: Nobelpreisträger, Politiker und Religionsvertreter machen sich für internationale Regeln für KI stark und betonen die Verantwortung des Menschen.
17.07.2026, 14 Uhr
Meldung
Gott ist kein Relativist, aber er hat Geduld. Zu den Lesungen des 16. Sonntags im Jahreskreis 2026 (Lesejahr A).
18.07.2026, 21 Uhr
Martin Grichting
Das Bistum Oslo will ein Seligsprechungsverfahren für die norwegische Literatur-Nobelpreisträgerin Sigrid Undset eröffnen. Was macht sie zum christlichen Vorbild?
19.07.2026, 13 Uhr
Claudia Kock