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Strategien gegen Reizüberflutung

Hochsensibilität ist keine Schwäche, sondern Gabe: Ein feines Gespür für die Welt, das zugleich herausfordernd und bereichernd sein kann.
Mädchen hält sich Ohren zu
Foto: Imago/Imaginechina-Tuchong | Viele hochsensible Menschen kommen aufgrund der stärker empfundenen Reize aus der Umwelt und der intensiveren Verarbeitung im Gehirn im Alltag schneller an ihre Belastungsgrenzen und damit in Stress.

Hochsensible Menschen sind kompliziert und unkompliziert zugleich. Sie brauchen keine großen Gesten, ihnen genügen kleine, stimmige Dinge, die sich richtig anfühlen: frische Luft, Zeit für sich selbst, guter Schlaf, Blumen, die Nähe von Tieren, ein angenehmer Duft … schwer auszuhalten ist das Gefühl, sich für die eigene Art rechtfertigen zu müssen“, schreibt die 16-jährige Clara im Buch von Corinne Fischbacher, das sich an empfindsame Kinder und Jugendliche und ihre Eltern richtet.

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Fischbacher ist Mutter einer hochsensiblen Tochter und Mitarbeiterin eines Vereins, der Pflegeeltern berät. Ihr Anliegen: „Ich möchte hochsensiblen Kindern die wertvolle Botschaft mitgeben, dass sie gehört, gesehen und genauso akzeptiert werden, wie sie sind.“ Zugleich möchte sie Eltern ermutigen, ihre Kinder in ihrer Persönlichkeit anzunehmen und zu unterstützen.

Keine einheitliche Begriffsdefinition

Hochsensibilität versteht sie nicht als Schwäche, sondern als Gabe, als feines Gespür für die Welt, das zugleich herausfordernd und bereichernd sein kann. Im Buch kommen 40 Kinder und Jugendliche zu Wort, die ihre Wahrnehmung der Welt beschreiben und anderen feinfühligen Kindern ihre eigenen Tipps und Strategien erklären, wie schwierige Alltagssituationen kreativ bewältigt werden können.

Hochsensibilität ist wissenschaftlich nur wenig erforscht und als Konzept eher umstritten: Es gibt keine einheitliche Begriffsdefinition, keine allgemein anerkannten Messkriterien und keinen Konsens darüber, was hohe Sensibilität verursacht oder welche Faktoren dabei eine Rolle spielen. Unstrittig ist nur, dass sich Menschen in ihrer Sensibilität deutlich unterscheiden und unterschiedlich auf Sinneseindrücke reagieren.

Eine besondere Sensibilität kann in unterschiedlichen Bereichen auftreten und beispielsweise Sinneswahrnehmungen (intensiveres Hören, Riechen, Schmecken, intensiverer Tastsinn), Emotionen (stärkere Gefühle oder intensiveres Wahrnehmen zwischenmenschlicher Stimmungen) oder auch die Kognition (verstärkte Wahrnehmung logischer und komplexer Zusammenhänge) betreffen. Je nach Bereich und Intensität äußert sich Hochsensibilität somit bei jedem Menschen unterschiedlich.

Viele hochsensible Menschen kommen aufgrund der stärker empfundenen Reize aus der Umwelt und der intensiveren Verarbeitung im Gehirn im Alltag schneller an ihre Belastungsgrenzen und damit in Stress, mit all den damit verbundenen negativen Konsequenzen; zugleich nehmen sie vieles, was andere Menschen als positiv empfinden, anders wahr.

Wenn ihre Umwelt mit Unverständnis reagiert, entwickeln sie leicht ein negatives Selbstbild. Erhöhte Sensibilität geht zugleich auch mit positiven Eigenschaften wie erhöhter Empathiefähigkeit, Kreativität, Auffassungsgabe, Fantasie, Intuition oder erhöhtem Gerechtigkeitssinn, Mitgefühl oder Gespür für die unsichtbare Welt einher.

Fischbacher betont, wie wichtig es sei, feinfühlige Kinder darin zu unterstützen, die Schwierigkeiten des Alltags kreativ zu bewältigen, ihre Stärken zu nutzen und ein angemessenes Selbstwertgefühl zu entwickeln, da sich psychische Schwierigkeiten bei hochsensiblen Menschen mit schwieriger Kindheit mit zunehmendem Alter verfestigten. Genau dazu soll das (Vor-)Lesebuch beitragen.

Der 9-jährige Kian schreibt über sein nächtliches Gedankenkarussell: „Sobald ich im Bett liege, fangen meine Gedanken an, sich zu drehen. Mein Kopf springt von einem Thema zum nächsten, das hört einfach nicht auf. Oft grüble ich schon über den nächsten Tag nach. Und das macht mich eher unruhig und ängstlich anstatt müde und entspannt.

Mein Tipp: Neben meinem Bett, an der Seite meines Nachttischchens, klebt mein kleines, selbst gestaltetes Moodboard. Da kleben Fotos, die mir Freude machen, kleine Zettel mit lieben Nachrichten von Freunden und eine lustige Zeichnung von meiner Schwester. Immer wenn ich nicht einschlafen kann, schaue ich mir diese Wand an. Diese kleinen Erinnerungen geben mir ein gutes Gefühl und helfen mir, die schlechten Gedanken loszulassen.“

Die 16-jährige Mara berichtet über ihre Schulangst: „Sonntagabende waren lange Zeit mein persönlicher Albtraum. Die Gedanken kreisten unaufhörlich um die Schule am nächsten Tag, und dort wollte ich einfach nicht hin. Wovor genau ich Angst hatte, konnte ich nicht benennen: ob es die Angst vor Prüfungen war, vor den anderen Kindern, die Sorge, Fehler zu machen oder einfach, dass ich das Gefühl hatte, nicht genug zu sein. … Tipp Nr. 1: Ich habe eine superfixe Morgenroutine, bei der ich mir genug Zeit lasse.

So bin ich nicht schon gestresst, bevor der Tag überhaupt angefangen hat. Tipp Nr. 2: Meine Eltern haben offen mit der Schule kommuniziert und meine Probleme benannt, sodass sie verstehen, was mir Angst macht. Das Verständnis meiner Lehrer und Lehrerinnen hat mir sehr geholfen. Mein wichtigster Tipp: Auch wenn es schwer ist, geh trotzdem hin und vermeide Ausreden wie ‚Kopfschmerzen‘ oder ‚Bauchweh‘. Wenn du zu Hause bleibst, wird die Angst nur noch größer, und es wird immer schwieriger, wieder zur Schule zu gehen.“

Betroffene Kinder und Jugendliche geben Tipps

Das Buch ist sehr übersichtlich gegliedert, sodass man leicht einzelne Abschnitte lesen kann: Am Anfang findet sich je ein Vorwort für Erwachsene und Kinder, eine Einführung in das Thema Hochsensibilität speziell von Kindern und das Gespräch mit einem Therapeuten. Es folgen 40 kurze Kapitel der Kinder und Jugendlichen, in denen sie ihre Wahrnehmung beschreiben und Tipps geben, wie spezielle Probleme zu überwinden sind.

Die Autorin ergänzt dies mit Hintergrundinformationen. Wichtige Gedanken werden visuell mit angepinnten Notizzetteln hervorgehoben. Das Buch ist mit Aquarellzeichnungen und Fotos sehr ansprechend illustriert. Einziger Schwachpunkt sind die inhaltlichen Wiederholungen im ersten Teil des Buchs, die in einer späteren Auflage reduziert werden könnten.

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Der Ansatz der Autorin, mit jedem Kind individuell kreative Lösungen zu suchen und sie anderen Kindern mit ähnlichen Schwierigkeiten zu kommunizieren, ist sicherlich nicht nur für hochsensible, sondern für alle Kinder hilfreich.


Fischbacher, Corinne: Hochsensibilität: feinfühlige Kinder erklären ihre Welt. Ratgeber und (Vor-) Lesebuch, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen, 2025, 160 Seiten, EUR 25,–

Die Rezensentin ist Dipl.-Sozialwissenschaftlerin und arbeitet an der Universität Bremen.

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