Kürzlich haben wir den fünften Geburtstag unseres Sohnes gefeiert; neu für uns war dabei im Vergleich zu seinen früheren Geburtstagen, dass unser Sohn seit rund einem Dreivierteljahr auf eigenen Wunsch in den Kindergarten geht und dort eine beachtliche Zahl neuer Freunde gefunden hat. Fünf davon kamen zu seiner Feier, jeweils begleitet von einem Elternteil, sodass wir Erwachsenen jetzt auch einige neue Bekanntschaften gemacht haben.
Damit wiederholt sich in unserer Familie ein Phänomen, das wir bereits kennengelernt haben, als unsere Tochter – die übrigens nie in den Kindergarten gegangen ist – zur Schule kam: Wenn die Kinder anfangen, sich ihre Freunde selbst auszusuchen, bedeutet das für die Eltern, dass sie mit anderen Eltern in Kontakt kommen, die sie andernfalls vielleicht nie kennengelernt hätten. Dank der freien Alternativschule unserer Tochter, des evangelischen Kindergartens unseres Sohnes, einer freikirchlichen „Jungschar“-Gruppe, der katholischen Pfadfinder und zweimal in der Woche Kampfsport kommt da ein recht buntes Spektrum unterschiedlicher Elternkontakte zusammen.
Während Erwachsene ihre sozialen Kontakte in der Regel auf der Basis gemeinsamer Interessen, gemeinsamer Wertvorstellungen, gemeinsamer Vorlieben und Abneigungen auswählen, hat man, wenn es um die Eltern der besten Freunde der eigenen Kinder geht, oft keine Wahl. Man muss sich nicht unbedingt mögen, aber miteinander kooperieren muss man doch – wenn es um Verabredungen geht, darum, dass die Kinder sich gegenseitig besuchen wollen, womöglich sogar mit Übernachtung.
Da gilt es Regeln zu besprechen: Wie lange dürfen die Kinder aufbleiben, was dürfen sie essen, wie steht es mit dem Thema Medienkonsum? Auch und erst recht bei der Frage, welche Konsequenzen es bei Regelverstößen geben sollte, gilt es sich abzustimmen. Möglicherweise stellt sich dabei heraus, dass die Erziehungsgrundsätze der anderen Eltern sich erheblich von den eigenen unterscheiden.
Das kann zu Konflikten führen
Wenn die Auffassungen allzu weit auseinanderklaffen, kann das natürlich zu Konflikten führen; aber dass es überhaupt nicht möglich ist, auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen, haben wir zum Glück noch nicht erlebt, und innerhalb gewisser Grenzen ist es sicherlich ganz gesund, vor Augen geführt zu bekommen, dass die eigenen Methoden und Prinzipien der Kindererziehung nicht unbedingt selbstverständlich oder die einzig möglichen sind. Was man durch den Kontakt zu anderen Eltern außerdem lernen kann, ist, dass es in anderen Familien vielfach ähnliche Konflikte gibt wie in der eigenen, dass es aber unterschiedliche Strategien gibt, damit umzugehen.
Kurz gesagt, wenn heutzutage so gern betont wird, wie wichtig Gruppenerfahrungen und „soziales Lernen“ für Kinder seien, dann darf man hinzufügen: Für Eltern ist es das auch. Es verhindert, dass man ständig um sich selbst und die eigenen Voreingenommenheiten kreist; und wenn man durch die Kinder zu sozialen Kontakten genötigt wird, die man sich selbst eher nicht ausgesucht hätte, ist das ein gutes Mittel dagegen, in seinem Umfeld lediglich nach Bestätigung dafür zu suchen, was man sowieso schon immer gewusst zu haben glaubt.
Und wenn wir in der Begegnung mit anderen Erziehungskonzepten zu dem Schluss kommen, dass wir unsere bisherige Praxis – vielleicht nicht ausnahmslos, aber in einigen Punkten, die uns besonders wichtig sind – doch besser und richtiger finden als das, was andere machen, dann besteht ja immerhin auch die Möglichkeit, dass die anderen von uns lernen.
Der Autor studierte Theaterwissenschaft und Neuere Deutsche Literaturwissenschaft. Er hat zwei kleine Kinder und lebt mit seiner Familie in Berlin.










