Bindungsfähigkeit

So kann schlafen leichter gelingen

Schreckensweite Augen
Foto: Cavan Images / imago-images | Ein Kind findet nicht in den Schlaf. Es zeigt deutliche Zeichen von Unruhe und Ängsten. Wie kann man dem vorbeugen?

Ein Mensch kann weder lernen, sich zu verlieben noch einzuschlafen. Es bedarf bestimmter Bedingungen, um in Liebe oder in den Schlaf fallen zu können, wie es die englische Sprache mit den Formulierungen „to fall in love“ und „to fall asleep“ so treffend ausdrückt. Darum: Nicht das Kind muss schlafen lernen, sondern es braucht von uns, dass wir die erforderlichen Rahmenbedingungen schaffen, damit es zur Ruhe zu kommen kann. Diese Bedingungen zu kennen, schärft unseren Blick für die Hindernisse, die das Kind vom Schlafen abhalten. Wenn wir sie aus dem Weg räumen, bereiten wir den Weg zum gelungenen Einschlafen.

„Die Verbindung können wir bewahren,
indem wir unserem Kind alternative Möglichkeiten bieten,
an uns festzuhalten und sich auf diese Weise verbunden zu fühlen.“

Die Mühe lohnt, denn gutes Einschlafen wurzelt in guter Bindung und hat einen massiven Einfluss auf die gesamte Persönlichkeitsentwicklung. Gelingt dies nicht, weil ein Kind beispielsweise zu viel Trennung erlebt, wird es sich ungeborgen fühlen. In der Folge fühlt es sich für das Kind nicht mehr sicher an, abhängig zu sein. Ein solches Kind wird (unbewusst) versuchen, die Führung zu übernehmen, und die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass aus ihm ein „Alpha-Kind“ wird. Das wiederum hat einen erheblichen Einfluss auf die Qualität seiner Beziehungen und darauf, wie es später als Erwachsener mit Trennungserfahrungen umgeht.

Ein ungeborgenes Kind verliert seine Empfänglichkeit für unsere Erziehung und wird uns vorschreiben wollen, was zu tun ist. Wird die Trennung unerträglich, können die Bindungsinstinkte sogar pervertiert werden: Anstatt Nähe zu suchen, widerstrebt das Kind ihr. Es lässt keine Umarmung mehr zu, verdreht die Augen, wenn wir uns ihm nähern und meidet uns. Anstatt daran zu erkennen, dass das Kind in Not ist, wird dieses Verhalten oft als Willensstärke und Selbstständigkeit fehlinterpretiert. Das Gegenteil ist der Fall: Es ist bedürftig und braucht unsere Hilfe.

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Einschlafen ermöglichen, Entwicklung ördern

Worauf kommt es also beim Zubettbringen an? Der Bindungsforscher und Entwicklungspsychologe Gordon Neufeld bietet Einsichten, mit denen wir unserem Kind das Einschlafen ermöglichen und gleichzeitig seine gesunde Entwicklung fördern können: Die Schlafenszeit ist mehr als alles andere eine Zeit, in der unser Kind mit Trennung konfrontiert ist. Aus dieser ersten und wichtigsten Einsicht heraus ergibt sich alles Weitere.

„Das ist unfair!“, brachte einer der Söhne von Gordon Neufeld es als Kind einmal sinngemäß auf den Punkt: „Du und Mama könnt zusammen schlafen, aber ich muss alleine bleiben.“ Mehr noch als Erwachsene erleben Kinder jede Art von – auch nur befürchteter – Trennung als etwas Bedrohliches. Für uns als Bindungsgeschöpfe ist Zusammensein das Grundbedürfnis schlechthin. Darum genießt Bindung für unsere Gehirne die oberste Priorität.

Stressbedingter Schlaf ist kein erholsamer Schlaf

Im Angesicht von Trennung entsteht Bindungsstress, der unsere drei Kernemotionen in Bewegung bringt: 1. unser Streben nach Nähe und Verbindung, das uns dazu bewegt, alles zu tun, um die Bindung aufrecht zu erhalten beziehungsweise die Bindungslücke wieder zu schließen, 2. die Frustration über eine bedrohte oder nicht funktionierende Bindung, die zu dem Versuch bewegt, Änderung zu bewirken, sowie 3. den Alarm, der zu Flucht oder Angriff, im schlimmsten Fall sogar zu einem systemischen Shutdown, führt. Dem Gehirn wird dann weniger Sauerstoff zugeführt. Das Kind schläft zwar jetzt ein, aber aus völlig falschen Gründen. Diese Art von Schlaf, eine Verteidigungsreaktion vor unerträglicher Trennung, wollen wir für unser Kind gerade nicht. Letzteres erklärt übrigens, warum in der Zeit vor dem Bekanntwerden der Bindungsforschung die Säuglinge, die in Krankenhäusern von ihren Müttern getrennt wurden, 16-18 Stunden am Tag schliefen.

Die eben genannten Emotionen sind vorprogrammiert. Kein Kind muss sie lernen, und sie alle – so ist es von der Natur vorgesehen – wollen das Problem der Trennung lösen. Kochen diese Emotionen hoch, befindet sich das Gehirn im Arbeitsmodus, der es verunmöglicht, einzuschlafen. Wir kennen das aus eigener Erfahrung: Wenn wir ungewollt von unseren Liebsten getrennt werden, wir frustriert sind über etwas, das nicht funktioniert, wenn alarmierende Dinge geschehen, werden auch wir keine Ruhe finden. Einschlafen wird erst möglich, nachdem unser Gehirn vom Arbeits- in den Ruhemodus umgeschaltet hat.
Wie können wir also diesem Übergang die Bühne bereiten?

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Verbundenheit vermittelt Ruhe

Alle traditionellen Kulturen bergen ihre Weisheit um die Bedeutung des Schlafes und des Einschlafens. Homer und viele andere Poeten wussten, dass Schlaf der Prototyp der Trennungserfahrung ist, und nannten ihn den „kleinen Tod“. Denn auch Schlaf ist unausweichlich, auch ihm können wir nicht entrinnen. Da diese Weisheit weitgehend verloren gegangen ist, wird immer häufiger von Schlaftraining gesprochen, davon, ein Kind schreien zu lassen, bis es einschläft. Seine Befürworter glauben, Schlafen-Können sei eine erlernbare Fähigkeit, die trainiert werden könne. Das ist ein großer Irrtum! Gut einschlafen zu können kann weder gelehrt noch gelernt werden, diese Fähigkeit kann sich nur entwickeln. Ein kleines Kind weiß noch nicht einmal, dass es am nächsten Morgen dasselbe sein wird wie vor dem Einschlafen!

Diese Entwicklung vollzieht sich in dem Maß, in dem ein Kind zu Hause die Geborgenheit erlebt, die es braucht, um seine Identität und seine Beziehungsfähigkeiten und Bindungswurzeln heranzubilden. Sie befähigen das Kind, bei räumlicher Trennung an Mama und Papa festzuhalten, sodass sein Gefühl von Verbundenheit nicht verloren geht. Dieses Gefühl von Verbundenheit ist die ultimative Antwort, um auch bei Trennung die Verbindung bewahren zu können, sodass Bindungsstress vermieden werden und das Kind zur Ruhe kommen kann. Bis diese Beziehungsfähigkeiten sich herangebildet haben, gilt es, einen Weg zu finden, um die Unreife eines Kindes auszugleichen und Zeit zu gewinnen.

Trennung reduzieren – Bindung bewahren

Es gibt drei Lösungsansätze, die auch in anderen Bereichen gültig sind, etwa bei Trennungserfahrung durch Umzug, ein neues Geschwisterchen, Adoption, Berufstätigkeit beider Eltern, Trennung der Eltern, Zurückweisung, Kindergarten, Einschulung und so fort:
1. Reduzieren wir die Trennung, indem wir die Verbindung bewahren, 2. Überbrücken wir Trennung, die unvermeidbar ist, 3. Gehen wir über in den Spielmodus.

Die Verbindung können wir bewahren, indem wir unserem Kind alternative Möglichkeiten bieten, an uns festzuhalten und sich auf diese Weise verbunden zu fühlen. Kleine Kinder können sich nur über die Sinne und ab dem zweiten Jahr auch über Gleichheit binden. Wenn wir ihnen ein getragenes T-Shirt oder Nachthemd von uns geben, das sie als Kuscheltuch mit ins Bett nehmen, können sie sich über den Geruchssinn an uns binden, sich uns nahe fühlen und besser einschlafen. Auch können wir singen, während wir durchs Haus gehen, sodass sie uns hören und sich uns über das Hören verbunden fühlen können. Sind sie schon über Gleichheit an uns gebunden, können wir beispielsweise an ihrem Bett anfangen, zu gähnen, und äußern, dass „wir alle müde sind“. Es ist unglaublich, wie Kindern all diese kleinen Dinge helfen, sich uns verbunden zu fühlen und wie sich dadurch ihr Bedürfnis nach Kontakt reduziert.


Im zweiten Teil wird es nächste Woche darum gehen, wie die Trennung des Schlafens überbrückt werden kann, wie das Zubettbringen im Spielmodus das Einschlafen erleichtert und welch überraschende Antworten die Weisheit traditioneller Kulturen für das Problem des Zubettgehens birgt.

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Maria Elisabeth Schmidt Homer Trennung

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