Die Frage ist nicht, wie viel ein junger Mensch am Ende seines Bildungsweges weiß, sondern: Wie viel bedeutet ihm die Sache? Wie viele Wissensgebiete sind ihm wichtig? Wie breit ist der Boden, auf dem er steht? Und folglich: Wie reich ist deshalb das Leben, das vor ihm liegt?“ – Die Aussage stammt von der britischen Reformpädagogin und Bildungsphilosophin Charlotte Mason (1842–1923).
Nur wenn man liebt, was man lernt, kann Lernen zum geistigen Wachstum führen. Gerade darin besteht laut Charlotte Mason Bildung: im Reifen der Person an Herz und Verstand. Nur: Wo findet man das pädagogische Schräubchen, an dem man dreht, damit Kinder lieben, was sie lernen? Wie kann es gelingen, dass das Gelernte Bedeutung annimmt, dass der Horizont sich weitet und geistiges Wachstum geschieht?
Blick für die Spuren des Schöpfers
Im Staunen über die Schöpfung kommen wir zugleich unserem Schöpfer näher. Darin zeigt sich ein Kern christlicher Bildung: Sie geschieht nicht nur im Religions- oder Bibelunterricht, sondern soll alle Fächer durchwirken und den Blick für die Spuren des Schöpfers öffnen.
Charlotte Mason zeigt einen Weg auf, wie nicht nur christliche Homeschooler, sondern auch Schulen eine Lernumgebung schaffen können, in der geistiges Wachstum möglich wird. Sie selbst bildete in ihrem „House of Education“ in der englischen Ortschaft Ambleside Lehrerinnen nach ihren Grundsätzen aus, und zu ihren Lebzeiten arbeiteten zahlreiche Schulen in England nach ihrem Konzept.
Gegründet vom Ehepaar Maryellen und Bill St. Cyr unterstützt seit mehr als 25 Jahren das Netzwerk „Ambleside Schools International“ eine wachsende Zahl von Schulen dabei, Masons Pädagogik in die Praxis zu übertragen. Durch Lehrerfortbildungen, Coaching und regelmäßigen Austausch werden die etwa 30 Mitgliederschulen bei der Umsetzung des Konzepts begleitet.
Im nationalen Vergleich zeichnen sich viele Ambleside-Schulen ganz ohne Leistungsdruck durch bemerkenswert gute Ergebnisse aus. Das Leitmotiv von Ambleside Schools International lautet „Excellence in Humility“. Ziel ist es nicht, der Beste zu sein, sondern sich dem Besten zuzuwenden: dem Wahren, dem Guten und dem Schönen.
Die drei Mittel der Erziehung
Mason versteht das Kind als Person, die sich nicht wie Wachs von außen formen lässt, sondern wie ein lebendiger Organismus von innen her wachsen muss. Deshalb betont sie immer wieder: „Jede Bildung ist Selbstbildung.“ Zugleich ist das Kind aber aufgrund seiner Schwäche und Unwissenheit auf die Hilfe und Zuwendung anderer angewiesen. Zu diesem Zweck identifiziert Mason drei „Mittel der Erziehung“, die nicht unmittelbar auf das Kind einwirken, sondern sein inneres Wachstum auf indirekte Weise hervorbringen: „die Atmosphäre der Umgebung, die Disziplin der Gewohnheit und die Darbietung lebendiger Ideen.“
Es geht also darum, lebendige Ideen statt bloßer Fakten anzubieten: durch gute Bücher, die Natur, Kunst, Musik und die unmittelbare Begegnung mit den Dingen selbst. Jeder Schultag soll, so Mason, einem geistigen Festmahl gleichen, das den Kindern Nahrung für ihren Geist bietet.
Im didaktischen Dreieck stellt Mason nicht das Kind, auch nicht die Lehrkraft, sondern den Inhalt an zentrale Stelle: Solange der Inhalt „lebendig“ ist – also nicht vorverdaut, verdünnt oder auf bloße Fakten reduziert –, ist Mason überzeugt, dass es zu einer lebendigen Begegnung zwischen dem Kind und dem Inhalt kommt. Die Lehrkraft muss dieser Begegnung Raum geben, sie vorbereiten, begleiten und vertiefen. Sie muss sich in ihrer Rolle als Vermittlerin stark zurücknehmen. Charlotte Mason nennt diese Haltung einer Lehrkraft Masterful Inactivity.
Die Lehrkraft tritt meist zurück
Diese Zurücknahme der Lehrkraft gilt jedoch nicht für alle Fächer gleichermaßen. An Ambleside-Schulen unterscheidet man zwischen zwei Arten von Fächern: den „Inspirationals“ – Fächern wie Literatur, Bibel, Naturkunde, Lyrik, Musikverständnis oder Bildbetrachtung, bei denen ein Text, ein Naturobjekt, ein Musikstück oder ein Kunstwerk die eigentliche Wissensquelle ist – und den „Disciplinaries“, also fertigkeitsorientierten Fächern wie Schreiben, Rechnen, Grammatik oder Fremdsprachen.
Bei Letzteren tritt die Lehrkraft deutlich stärker in Erscheinung: Sie leitet den Unterricht straff und lebendig und sorgt dafür, dass alle Schüler, auch die Schwächeren, in konstanter Interaktion sind. Ein Beispiel dafür: Jeder Schüler notiert seine Antwort auf ein Mini-Whiteboard und hält sie hoch. Die Lehrkraft erkennt auf einen Blick, ob alle den Inhalt erfasst haben, und kann etwa durch Zunicken eine unmittelbare Rückmeldung geben. Anders als bei den „Inspirationals“ lassen sich die Antworten eindeutig als richtig oder falsch beurteilen.
Bei Fehlern fragt die Lehrkraft nach oder korrigiert. Ihre Rolle ist hier insgesamt aktiver, sie sollte jedoch nicht mehr als die Hälfte der Redezeit beanspruchen und sich immer dort zurücknehmen, wo Schüler den nächsten Schritt selbst leisten können, etwa indem sie eine Lösung begründen, eine Korrektur vornehmen oder eine Regel formulieren.
Freiraum zum Denken schaffen
Wie sich Masterful Inactivity konkret äußert, lässt sich am besten anhand des Ablaufs einer typischen Einheit darstellen. In einer kurzen Einführungsphase bereitet die Lehrkraft ihre Schüler auf den Text vor: Sie lässt die Inhalte der letzten Einheit kurz wiederholen, klärt schwierige Begriffe, zeigt relevante Orte auf der Landkarte oder schafft Bezug zum Kontext, aber sie gibt noch nicht den Inhalt preis. Im zweiten Abschnitt folgt das gemeinsame Lesen des Textes.
Ist ein Erzählbogen zu Ende, stoppt die Lehrkraft die Lektüre und lässt ein Kind nacherzählen, indem sie zum Beispiel sagt: „Jesus stieg also mit seinen Jüngern in ein Boot. Sarah, wie geht es weiter?“ Erzählt wird abschnittsweise im Plenum oder in Partnerarbeit: „Fensterseite, erzähl deinem Partner, was als Nächstes geschah!“ und nach einer angemessenen Zeit: „Türseite, ergänze, was noch fehlt.“
Das Nacherzählen in korrekter Reihenfolge und in der Sprache des Autors erfordert einen hohen Grad an geistiger Aktivität. Wer etwa einen Lückentext ausfüllt oder einen Text nur nach bestimmten Informationen durchsucht, kommt mit deutlich weniger Denkleistung aus. Beim Nacherzählen hingegen wird der Text internalisiert – er wird dem Schüler zu eigen.
Fragen, die zum Nachdenken anregen
Nun ist der Schüler bereit für die Phase der Vertiefung im Gespräch: Die Lehrkraft stellt offene Fragen, die zum Nachdenken anregen. Hier ist die Haltung der Masterful Inactivity besonders gefragt, denn eine Frage ist nur dann wirklich offen, wenn sie keine bestimmte Antwort erwartet. Etwa auf die Frage „Warum schläft Jesus im Boot?“ werden die Schüler vermutlich ganz unterschiedliche Gedanken äußern.
Manche Antworten mögen die Lehrkraft besonders berühren oder überraschen. Dennoch lobt sie nicht und hebt einzelne Beiträge nicht vor anderen hervor, sondern sie nimmt jede Antwort gleichermaßen wertschätzend zur Kenntnis. Andernfalls würde sie sich zur Richterin über die Antworten der Kinder machen. Die Schüler wären dann – wie so oft im schulischen Kontext – damit beschäftigt, herauszufinden, welche Antwort die Lehrkraft hören möchte („fishing“).
Einige Kinder spielen dieses Spiel erfolgreich mit, viele andere resignieren jedoch und hören auf, sich ernsthaft mit dem Thema auseinanderzusetzen. Aus demselben Grund beendet die Lehrkraft die Diskussion nicht mit ihrer eigenen Deutung. Für die Schüler hieße das ansonsten: „Aha, das ist also die Lösung, ich kann sie auch ohne Nachdenken haben.“ Oft ist es besser, eine Frage bleibt ungelöst und arbeitet in den Köpfen der Kinder noch weiter. Die Episode aus dem Leben Jesu ist nicht abgehakt, sondern sie beginnt erst. Eine Beziehung kann ihren Anfang nehmen.
Lernen als aktiver Prozess
Prinzipiell gilt für „Inspirationals“: Je mehr die Lehrkraft redet, desto weniger werden die Schüler denken. Deshalb verwenden Ambleside-Lehrkräfte nach der Einführungsphase möglichst keine Aussagesätze mehr. Sie geben lediglich Arbeitsanweisungen oder stellen Fragen, sodass möglichst viel aktive Denkarbeit bei den Schülern bleibt. Denn wie die Aufnahme von Nahrung ist auch Lernen ein aktiver Prozess.
Ein reich gedeckter Tisch ernährt niemanden, wenn man nicht selbst zugreift. Ebenso können Inhalte nur dann bilden, wenn sie innerlich aufgenommen und verarbeitet werden: Schüler müssen lesen, nachdenken und sich die Ideen zu eigen machen. Für Pädagogen ist die erforderte Zurückhaltung meist zugleich herausfordernd und befreiend: herausfordernd, weil die Lehrkraft darauf verzichten muss, die Gedanken der Kinder durch eigene Erklärungen vorwegzunehmen und zu lenken. Befreiend, weil sie nicht selbst die Quelle des Wissens ist, sondern darauf vertrauen darf, dass die dargebotene geistige Nahrung im Kind seine Arbeit tut.
Das internationale Netzwerk „Ambleside Schools International“ bietet Seminare und Fortbildungen an, in denen interessierte Lehrkräfte die Umsetzung von Masons pädagogischem Konzept kennenlernen und vertiefen können. Weitere Informationen finden sich unter
www.amblesideschools.org.
Die Autorin leitet die Katholische Privatschule „Die Lerche“ in Linz und ist Mitglied bei „Ambleside Schools International“.
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