Roses Revolution Day

„Roses Revolution Day“: Gewalt in der Geburtshilfe

Seit zehn Jahren macht der globale Aktionstag „Roses Revolution Day“ am 25. November auf körperliche und physische Gewalterfahrungen von Frauen vor, während und nach der Geburt aufmerksam.
Rosafarbene Rosen vor den Türen von Kreißsälen
Foto: Screenshot | Am 25. November legen seit 2011 weltweit Frauen rosafarbene Rosen vor den Türen von Kreißsälen und Kliniken ab, in denen sie während der Geburt ihrer Kinder Gewalt erfahren haben.

Im Jahr 1999 ernannte die Generalversammlung der Vereinten Nationen den 25. November zum Internationalen Tag für die Beseitigung der Gewalt gegen Frauen. An diesem Gedenk- und Aktionstag wird weltweit auf Diskriminierung und Gewalt in jeder Form gegen Frauen und Mädchen aufmerksam gemacht. Seit einigen Jahren gerät ein besonders sensibler Bereich in den Fokus. Der „Roses Revolution Day“ am 25. November macht erlebte und miterlebte Gewalt in der Geburtshilfe sichtbar. 2011 in Spanien ins Leben gerufen, findet der „Roses Revolution Day“ seit 2013 auch in Deutschland statt. Zum neunten Mal legen betroffene Frauen, ihre Partner oder andere Begleitpersonen rosafarbene Rosen an den Orten nieder, an denen eine Gewalterfahrung im Kontext von Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett gemacht wurde.

Den Internetauftritt von „Roses Revolution Deutschland“ betreut inzwischen der 2019 gegründete gemeinnützige Verein „Traum(a) Geburt e.V.“, der sich mit anderen Initiativen, Vereinen und Organisationen für eine sichere und gewaltfreie Geburtshilfe einsetzt. Aus einer Selbsthilfegruppe entstanden, wurde bald auf Facebook eine Plattform für betroffene Frauen geschaffen. Mittlerweile bietet der Verein auf seiner Homepage (www.traumageburtev.de) eine niedrigschwellige Ersthilfe für betroffene Familien nach traumatischen Erlebnissen und erlebter Gewalt während Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett an und stellt umfassende Informationen für die breite Öffentlichkeit zum Tabu-Thema Gewalt in der Geburtshilfe bereit. Neben telefonischer Bedarfsermittlung für weitere Hilfe gibt es seit einem Jahr auch eine monatliche Online-Selbsthilfegruppe.

Traumatisierende Erfahrungen

Von Anfang an dabei war Catrin Domke, Vorstandsvorsitzende des Vereins. Im Gespräch mit der „Tagespost“ schildert sie, dass viele aus dem Team selbst eine gewaltvolle oder traumatisierende Erfahrung bei der Geburt ihres Kindes gemacht haben. „Wir möchten, dass anderen Frauen und Familien nicht das Gleiche passiert, sie nicht mit Schuldgefühlen, Kummer und Verzweiflung nach einer Geburt ungesehen zurückbleiben“, beschreibt Frau Domke ihre Motivation. Nach jahrelangem ehrenamtlichem Engagement freut sie sich über immer größere Reichweiten in den medialen Plattformen zum Thema, das Interesse bei jüngeren Männern oder Großmüttern und anderen Familienmitgliedern sowie immer mehr Unterstützung unter den Auszubildenden und Hebammenschülerinnen. Hebammen und Fachpersonal öffneten sich ganz allmählich und gingen zunehmend vereinzelt in Diskussionen. Die Bestellungen des Infomaterials durch Hebammenpraxen und Familienberatungsstellen zeigten, dass man auf dem Weg der Aufklärung von Frauen zum Thema sichere Geburt einen kleinen Schritt vorankomme.

Strukturelle Probleme

Jedoch weist die deutsche Geburtshilfe weiterhin große strukturelle Probleme auf: Personalmangel, Überarbeitung, Unterfinanzierung durch das nicht bedarfsgerechte DRG (Diagnosis Related Groups) Abrechnungssystem über Fallpauschalen der gesetzlichen Krankenkassen und zunehmende Schließungen von Geburtsstationen. Damit einher gehen inakzeptabel längere Fahrwege bis hin zum Rettungswagen als „lokalem Ersatz“ und damit eingeschränkte Möglichkeiten bei der gesetzlich verbrieften freien Wahl des Geburtsortes, sowie die schwierige Suche nach einer (Beleg-)Hebamme für Geburt oder Nachsorge. All dies bietet den Nährboden für strukturell bedingte Gewalt wie Alleinlassen von gebärenden Frauen, unsensible hektische Untersuchungen und verbale oder körperliche Übergriffe von Geburtshelfern. „Aber nicht jede Rose hat ihre Ursache in der Struktur“, so Catrin Domke, „auch in 1:1 Betreuung und ohne Überlastung berichten Frauen von erniedrigenden Behandlungen, Infantilisierung, dem Absprechen ihrer körperlichen Wahrnehmung, Beleidigung und körperlicher Gewalt durch Festhalten, Fixieren, Ohrfeigen oder Schläge.“

Starke Belastungsstörungen

Aus der Gewalterfahrung können sich starke Belastungsstörungen, eine posttraumatische Belastungsstörung mit Symptomen wie Trauer, Schuld und Schamgefühlen sowie emotionaler Traurigkeit oder eine postpartale Depression entwickeln, erläutert die systemische Einzel-, Paar- und Familientherapeutin Friederike Gerstenberg, Professorin für Psychologie an der Hochschule Esslingen. Gewalt in der Geburtshilfe werde nicht erwartet und sei deshalb häufig ein traumatisches Erlebnis: plötzlich und unerwartet, eine existenzielle Bedrohung, die ein subjektives Gefühl der Hilflosigkeit und des Schreckens erzeugt und als erste Reaktion Schock hervorruft. Betroffene Frauen können Gedanken der Wertlosigkeit haben, machen sich Vorwürfe, sich nicht gewehrt zu haben oder entwickeln ein generelles Misstrauen der Welt oder auch dem näheren Umfeld gegenüber.

Lesen Sie auch:

Wege, das Ganze zu verarbeiten, sind Hilfetelefone und die Trauma-Ambulanzen der Kliniken. In einer Psychotherapie gehe es darum, die betroffene Frau zunächst zu stabilisieren, erklärt Gerstenberg. „Dann erst ist die Teilnahme am Roses Revolution Day möglich, das Zurückgehen an den Ort des Geschehens, eventuell in Begleitung beim Niederlegen der Rose und vielleicht ein Gespräch mit den Verantwortlichen.“ Sie ergänzt, dass auch eine weitere, als respektvoll erfahrene Geburt Frieden bringen könne, die betroffenen Frauen aber nur selten nochmals gebären.

Überproportionale Gewalterfahrungen

Eindringlich weist die Expertin darauf hin, dass manche Frauen durch die sogenannte Intersektionalität überproportional von Gewalterfahrungen betroffen sind, wenn mehrere Faktoren wie Migrationshintergrund, wenig Deutschkenntnisse oder niedriger Bildungshintergrund zusammentreffen. Dafür müssten die Teams unbedingt sensibilisiert werden. Die strukturelle Problematik oder der Stress im Kreißsaal aber sind keine Entschuldigung: „Die Mutter muss gefragt werden, was sie will – eine Frau ist kein Babycontainer!“

Ein Hilfetelefon bietet auch „Mother Hood e.V.“ (www.mother-hood.de) an. Fachberaterinnen nehmen als erste Anlaufstelle die Anrufe Betroffener entgegen und weisen auf den „Roses Revolution Day“ oder die Selbsthilfeorganisation „Schatten und Licht“ bei peripartalen psychischen Erkrankungen (www.schatten-und-licht.de) hin. „Der Roses Revolution Day ist eine Möglichkeit für die Frauen, Gemeinschaft zu erfahren, und das Erlebte für sich selber sichtbar zu machen“, erläutert Katharina Desery, Vorstands- und Gründungsmitglied von „Mother Hood e.V.“.

Steigende Mitgliederzahlen

Die Mitgliederzahlen des 2015 gegründeten Vereins steigen stetig. Inzwischen engagiert sich „Mother Hood e.V.“ in verschiedensten fachlichen und politischen Gremien und führt Gespräche mit Politikern und Berufsverbänden. „Wir werden als vernünftige Gesprächspartner wahrgenommen und bringen die Elternperspektive in die Diskussion ein“, erzählt Desery im Gespräch mit der „Tagespost“. Auch bei der Erarbeitung der neuen medizinischen Leitlinie S 3 „Vaginale Geburt am Termin“, in der ein respektvoller Umgang, Würde, Wertschätzung und Achtung der Schwangeren festgehalten werden, wirkte „Mother Hood e.V.“ mit. Für Desery ist eine gute Geburtshilfe eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. „Es geht nicht nur um die Geburt, es beginnt in der Schwangerschaft und auch das Wochenbett gehört dazu.“

Wenn sich Frauen entscheiden, rechtlich gegen die erlebte Gewalt vorzugehen, stoßen sie jedoch auf große Schwierigkeiten. Patientenakten werden nicht herausgegeben, Gebärende entgegen obergerichtlicher Urteile generell als unzurechnungsfähig angesehen, Straf- und Zivilverfahren dauern jahrelang und führen kaum weiter. „Frauen sollten nicht zu viel erwarten, wenn sie klagen“, meint Catrin Domke dazu. Es bleibt zu hoffen, dass durch Aktionen wie den „Roses Revolution Day“ und die unermüdliche Arbeit der verschiedenen Initiativen das Bewusstsein für das immer noch weit verbreitete Unrecht wächst und den betroffenen Frauen Gerechtigkeit widerfährt.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Themen & Autoren
Cornelia Huber Mother Hood e.V. Traum(a) Geburt e.V.

Weitere Artikel

Hebamme Johanna Huber spricht mit der „Tagespost“ über die außerklinische Geburtshilfe. 
12.03.2022, 11 Uhr
Cornelia Huber

Kirche

Nach dem Rom-Besuch spricht der Augsburger Bischof Bertram Meier über das eigentliche Ziel des Synodalen Weges und stellt die Gewissensfrage: Wollten die Bischöfe in Rom hören oder sich ...
30.11.2022, 18 Uhr
Dorothea Schmidt
Mit fremden Menschen auf der Straße über den Glauben sprechen ist das „Back to the roots“ der Evangelisierung.
30.11.2022, 11 Uhr
Franziska Harter
Der hohe Wert von Wahrheit und Freiheit – Nächste Folge der losen Serie über die „Köpfe des Konzils“: Bischof Karol Wojtylas Akzentsetzung beim Zweiten Vatikanum.
29.11.2022, 19 Uhr
Christoph Münch