Liebe

Quelle der Gnade für die Gesellschaft

Nirgendwo lernen Kinder besser als in der Familie, Liebe zu geben und zu empfangen, das Gute zu wählen und Verantwortung für die Gesellschaft zu übernehmen. Ein persönliches Zeugnis .
Imre und Kathleen von Habsburg-Lothringen mit ihren Töchtern
Foto: privat | Imre und Kathleen von Habsburg-Lothringen mit ihren Töchtern Maria-Stella, Magdalena, Juliana und Cecila.

Es ist mir eine Freude und eine Ehre, heute vor Ihnen über Familien als Protagonisten des Gemeinwohls zu sprechen. Ich bin Mutter von vier Töchtern im Alter von 7 Jahren bis 9 Monaten. Ich spreche zu Ihnen als eine Frau, die zutiefst dankbar für ihre Berufung ist und die sich der wunderbaren zentralen Bedeutung ihrer Rolle als Ehefrau und Mutter bewusst ist. Einer Rolle, die von unserer Gesellschaft, den Medien und manchmal sogar von der Kirche übersehen und herabgesetzt wird, einer Rolle, die für das Gemeinwohl wesentlich ist.

Mein Leben ist fest in der Realität verankert: in den körperlichen, geistigen, erzieherischen und emotionalen Bedürfnissen eines jeden Familienmitglieds, in der tiefen Sehnsucht jedes einzelnen Mitglieds meiner Familie nach Liebe. Im Moment richtet sich das primäre Bedürfnis meiner Kinder nach körperlicher Liebe vor allem auf meine Person. Meine grundlegende Rolle als Mutter in diesen frühen Jahren besteht darin, sie darauf vorzubereiten, Liebe zu geben und zu empfangen. In vielerlei Hinsicht stehen mein Mann und ich beim Geben und Empfangen von Liebe stellvertretend für Gott selbst. Eines Tages wird unsere Rolle im Leben unserer Kinder abnehmen, aber die Schule der Liebe, die die Familie ist, wird sie darauf vorbereitet haben, in die Welt hinauszugehen und selbst zu Protagonisten für das Gemeinwohl in ihren eigenen Familien und Gemeinschaften zu werden.

Die Rolle der Frau

In den letzten Monaten ist in der katholischen Kirche innerhalb der Diskussionen um Synodalität viel über die Rolle der Frau gesprochen worden. Von allen Ecken und Enden, oft auch von außerhalb der Kirche, hören wir, dass Frauen derzeit an der Peripherie, am Rande, stehen und in das Herz der Kirche und ihrer Leitung gebracht werden müssen. Ich gestehe, dass ich diesen Gedanken absolut lächerlich finde. Frauen – insbesondere eine Frau, nämlich die Jungfrau Maria – waren schon immer das Herz der Kirche. Zu behaupten, dass eine Frau Priesterin oder Bischöfin sein muss, um in der Kirche wichtig zu sein, ist einfach beleidigend. Die Kirche selbst ist unsere Mutter und die Braut Christi. Unsere Rolle als Frauen, als physische oder geistige Mütter ist von zentraler und grundlegender Bedeutung für die Familie, die Kirche und die gesamte Gesellschaft.

Verantwortung lernt man am besten in der Familie

Kein Priester und keine staatliche Institution ist so fähig wie ich, gemeinsam mit meinem lieben Mann, unseren Kindern Mitgefühl beizubringen. Nirgendwo anders als zu Hause kann man ihnen besser beibringen, das Gute um seiner selbst willen zu wählen, und niemand kann das besser als wir. Die Realität von Richtig und Falsch und die Idee von Verantwortung und Selbstlosigkeit kann nirgendwo besser gelernt werden als im Herzen der Familie: zu sehen, wie der Vater seine Wünsche und Bedürfnisse zum Wohle seiner Familie opfert; zu sehen, wie die Mutter sich mit Leib und Seele für ihre Kinder und ihren Mann einsetzt; zu erfahren, dass das Eingehen auf die Bedürfnisse von Bruder, Schwester, Mutter, Vater, Großeltern, Nachbarn und Freunden unmittelbare und offensichtliche Konsequenzen im Guten wie im Schlechten hat. Solidarität wird gefühlt und gelernt, ebenso wie das Laufen, Sprechen, Essen und Spielen. All diese Dinge sind so wichtig für eine gesunde und funktionierende Gesellschaft.

Liebe geben und empfangen

In den letzten drei Tagen hat unsere Familie eine Fremde aufgenommen, die um ihren Vater trauert, hat für kranke Nachbarn gekocht und eine Freundin getröstet, die eine Fehlgeburt erlitten hat. Umgekehrt durften wir auch die Hilfe unserer Nachbarn und Freunde auf vielfältige Weise erfahren, ob bei der Kinderbetreuung oder in besonderen Notsituationen. Was für eine wunderbare Gelegenheit, in unserem Umfeld als geeinte Familie zu handeln, indem wir Hilfe und Liebe geben und empfangen.

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Ich persönlich finde hier Erfüllung und Entfaltung meiner Fähigkeiten und Talente. Jeden Tag werde ich auf alle möglichen Arten und Weisen herausgefordert zu wachsen. Meine Kinder sind meine einflussreichsten Lehrer. In meines Töchterchens Cecilias Augen, in ihrem Blick der Liebe zu mir, ihrem Blick der Freude und des Entzückens über meine Anwesenheit ganz nah bei ihr seit ihrer Geburt, habe ich mehr über die Freude der Liebe und das Entzücken, das uns im Himmel und in der Betrachtung Gottes erwartet, gelernt als in all meinen Jahren als gläubige Katholikin. Ich bete, dass ich unseren Vater im Himmel eines Tages so ansehe, wie Cecilia mich ansieht: in völliger Freude und Hingabe an meine Liebe zu ihr.

Nachhaltige Gesellschaft braucht Familien

Wenn ich heute Abend zu Ihnen über das Gemeinwohl spreche, dann deshalb, weil ich mich für eine Welt einsetzen möchte, in der meine Kinder und künftige Generationen aufblühen können. Meine Rolle als Mutter im Herzen einer Familie gibt mir eine direkte Verantwortung für und die Möglichkeit der Beteiligung an der Zukunft. Die Gesundheit und das Wohlergehen der Familie sind zentral in unsrer Arbeit für eine nachhaltige gesellschaftliche Entwicklung. Diese Entwicklung ist unmöglich, wenn diese Arbeit sich nicht um das Wohl der Familie als ihrem Hauptziel dreht. Wir müssen auf eine Gesellschaft und ein Wirtschaftsmodell hinarbeiten, in dem vor allem Mütter die Möglichkeit haben, zu Hause zu bleiben, wenn sie dies wünschen. Wie oft treffe ich Frauen, denen es jeden Tag das Herz zerreißt, wenn sie sich von ihren Kindern trennen müssen, die aber finanziell einfach nicht in der Lage sind, ihre Familien mit einem einzigen Gehalt zu ernähren.

Zeugen einer traurigen Realität

Einerseits sind wir Zeugen der traurigen Realität des Zerfalls der Familie und der tragischen Folgen, die dieser Zerfall für den Einzelnen und die Gesellschaften hat, die die Familie durch Institutionen zu ersetzen suchen. Andererseits ist das vielleicht der Moment, in dem die Familie, die in der Vergangenheit als selbstverständlich angesehen wurde, in ihrer absoluten Bedeutung für die menschlichen Entfaltung anerkannt werden wird. Es stimmt, dass viele Kinder unter tragischen Umständen auf die Welt kommen und von dem Familienleben, das ihnen von Geburt an zusteht, abgeschnitten sind. Viele Familien sind zerrüttet und leiden, und das Herz des Hauses kann zu einem Ort großen Leids werden. Aus diesem Grund ist es umso wichtiger, dass die Familien ihre Bedeutung wiederentdecken, dass die Regierungen die Familie als Keimzelle der Gesellschaft anerkennen und dass die Kirche die grundlegende Rolle der Eltern für die ganzheitliche geistige und soziale Entwicklung der Kinder in den Mittelpunkt stellt.

Protagonisten für das Gemeinwohl

Auf diese Weise wird das Licht, das von Heimen und Familien ausgeht, die von Kirche und Gesellschaft zunehmend unterstützt und gefördert werden, nicht nur die erleuchten und erwärmen, die in die Familie hineingeboren werden, sondern auch diejenigen, die von außen hinzukommen. Das Wohl der Familie, jeder Familie, wird zu einer Quelle der Gnade, der Erfüllung und der Heiligung für die Einzelnen, die Gemeinschaften und die Nationen werden. Familien werden so wahrhaftige Protagonisten für das Gemeinwohl.

Ich danke Ihnen, dass Sie mir die Möglichkeit gegeben haben, Zeugnis von meiner Berufung und der wichtigen Arbeit zu geben, die ich im Herzen meines Hauses leiste. Möge jeder von uns weiterhin in die Welt hinausgehen und das Geheimnis der Liebe verkünden, das in Haus und Familie verborgen und doch von größter Bedeutung für funktionierende Gesellschaften und das Wohl eines jeden Menschen ist.

Der Text ist die gekürzte Fassung eines Vortrags, den die Autorin Ende Oktober auf der Herbstversammlung der Föderation der Europäischen Familienverbände (FAFCE) gehalten hat. Erzherzogin Kathleen von Habsburg-Lothringen ist verheiratet mit Erzherzog Imre von Habsburg-Lothringen, Hausfrau und Mutter von vier Töchtern. Sie ist amerikanischer Herkunft und setzt sich in Amerika und Europa in verschiedenen Organisationen für das Leben Ungeborener ein.

 

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