Eltern

Mistkäfer oder Goldgräber

Selbsterziehung für Mütter – das klingt zunächst etwas sperrig. Und doch wird damit der Alltag um vieles leichter.
Eine Mutter mit Kind
Foto: Pete Stec, via www.imago-images.de (www.imago-images.de) | Unter dem Alltagsstress ist es für Mütter leicht, den Blick für das Schöne zu verlieren. Doch es gibt Strategien, bewusster zu leben.

 Im Zusammenhang mit Kindern ist das Wort „Erziehung“ ziemlich geläufig. Wird diesem Wort ein „Selbst“ vorangestellt, schaut es deutlich anders aus. „Mich selbst erziehen“ ist in der Gedankenwelt des modernen Menschen am ehesten im Bereich Fitness und Gesundheit eine aktive „Disziplin“. Geht es darum, am eigenen Charakter zu feilen, Schwachstellen herauszufinden oder sich gar eigene Fehler einzugestehen und diese überwinden zu suchen, sieht es mager aus. Wer hat heute schon Schwächen? Außer vielleicht die Schwäche für Schokolade. Dabei wäre Selbsterziehung für uns Menschen ein wertvolles Instrument, um das eigene Leben und das der Menschen in unserem Umfeld positiv zu beeinflussen.

Mir selbst wurde diese Übung in den unterschiedlichsten Bereichen meines Lebens eine Hilfe. Ganz konkret hilft sie mir zum Beispiel dabei, im Alltäglichen das Wunderbare zu entdecken. Viel zu oft übersehe ich als Mutter das Schöne, das mir durch meine Kinder im Alltag widerfährt. Ich nehme es in meinem „Tunnelblick-Alltagsmodus“ schlicht nicht wahr. Dies wiederum ließ in mir das Gefühl wachsen, nur funktionieren, eine Arbeit nach der nächsten abhaken und die Kinder möglichst effektiv durch den Tag schleusen zu müssen. Am Abend blieb ein schaler Geschmack zurück. Ich fühlte mich ausgelaugt. Leer. Und das wollte ich ganz und gar nicht. Viel zu oft ließ ich die Perlen, die meine Kinder mir Tag für Tag ganz nebenbei schenkten, zu Boden fallen. Ich war nicht achtsam. Ich war wie ein Waggon auf Gleisen. 

Dann kam jedoch der Abend, an dem ich am Bett eines meiner schlafenden Kinder kniete und mir mit Tränen in den Augen vornahm, dies in Zukunft besser zu machen. Ich wollte die Perlen aus ihren kleinen Händen nehmen und sie in meine Tasche stecken. Ich wollte innehalten, wahrnehmen, mich mit ihnen freuen und gemeinsam das Schöne, das uns beschieden war, auskosten. „Schönheit wird die Welt retten“ sagte Dostojewski und ich dachte mir: Schönheit und Freude wird mich aus meinem Tunnelblick-Alltagsmodus retten. Seither gelingt es mir besser. Natürlich nicht immer, aber immer öfter. 

Raus aus dem Alltagsmodus

Gerade letztens nahm ich mir – obwohl es mir unmöglich erschien – die Zeit, mit meinem Jüngsten eine kleine Radtour zu machen. Wir waren fünfzehn Minuten unterwegs. Und es war herrlich! Sonne im Gesicht, Wind in den Haaren und Gottes wunderbare Schöpfung, an der wir vorbeiradelten. Danach ging es uns beiden viel besser. Ich konnte aufgetankt an meine unterbrochene Arbeit im Haushalt zurückkehren und erledigte es in viel schnellerer Zeit, als wenn ich durchgearbeitet hätte. So tut es gut, hin und wieder in die Reflexion zu gehen: Betrachten wir unseren Alltag einmal anhand von ein paar Fragen: Wie lebe ich? Was ist mir wichtig? Was nehme ich wahr und was übersehe ich? So kommen wir vielleicht zu dem Schluss, dass wir ständig nur am Abarbeiten unserer Pflichten sind. 

Christian Morgenstern hat es so ausgedrückt: „Man sieht etwas hundert, tausend Mal, ehe man es das erste Mal richtig sieht!“ Das können viele Mütter sicher bestätigen: Ich habe meine Kinder schon tausendmal angesehen, aber zu oft habe ich über sie hinweggesehen. Wenn ich sie richtig anschaue, dann gibt es da eine Resonanz in meinem Herzen. Ich spüre die Herzensbindung und dadurch hebe ich mich auf eine andere Ebene der Interaktion. Schaffe ich es in den „Wahrnehmungsmodus“ zu wechseln, dann regt sich in meinem Herzen etwas. Es ist eine schlichte Dankbarkeit.
„Es ist ein Kapitalfehler, mit tausend „Achs“ und „Ohs“ seine Alltagssorgen und Mühen zu beseufzen, und sie wie einen Block stets vor sich hinzustellen, dass nur ja die liebe Sonne nirgends durchdringen und nicht in unser Maulwurfsgemüt hineinscheinen kann. Dabei kann natürlich keine Freude herauskommen,“ schrieb Josef Gorbach 1954 im Buch „Heiliges Mutteramt“. „Die Freude, die richtige herzinnige Freude, ist ein Geschenk der Dankbarkeit! Wenn wir dies vergessen, suchen wir das Glück umsonst. Dankbar sein, heißt glücklich sein! Dankbarkeit macht Herz und Augen hell! Und haben wir nicht alle, auch in trüben und ernsten Zeiten, immer noch reichlich Grund dankbar zu sein?“ , fragt der österreichische Theologe uns auch heute. 

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Achtsamkeit heißt, das Schöne wahrnehmen

Dahinter steckt nichts anderes als Selbsterziehung. Achtsamkeit ist nicht nur ein Weg zu maßvollem Sein, sondern auch zum Wahrnehmen des Schönen, das uns Gott aus seiner gütigen Hand zuteilwerden lässt. Auf uns treffen täglich eine Vielzahl von Eindrücken. Meist hetzen wir von einem zum anderen. Unsere Gedanken wirbeln zwischen tausenden Dingen umher. Gespräche. Bilder. Gedanken. Gefühle. Die Reize, denen wir ausgesetzt sind, machen es uns schwer, das Geschehene richtig wahrzunehmen. Deshalb dürfen wir hier wieder in „die Schule“ gehen: Schulen wir unsere Wahrnehmung auf das Wahre, Gute und Schöne hin, dann wird sich bald unser Alltag aufhellen. Ein Anfang könnte so aussehen: Wir stehen morgens auf und während wir uns anziehen, stellen wir unsere Augen und unser Herz auf den heutigen Tag ein: „Ich will heute das Wunderbare sehen, mein Herz durch das Kostbare berühren lassen. Ich will der Freude heute die Tür öffnen.“ Eine Hilfe dabei könnte ein kleiner Zettel, ein Bild, ein Spruch oder ein Gebet sein, das wir uns gut sichtbar aufhängen. Schalten wir unsere Wahrnehmungssensoren für das Gute auf Empfang.

Einen guten Denkanstoß gibt der französische Autor Jean Anouilh: „Die Dinge sind nie so, wie sie sind. Sie sind immer das, was man aus ihnen macht.“ Was machen wir aus unserem Alltag? Wie begegnen wir ihm? Sind wir „Mistkäfer oder Goldgräber“? Fixieren wir uns auf das Negative oder suchen wir aktiv das Gute, das sich manchmal vor unseren Augen verbirgt?
In dieser Hinsicht kann uns das „Sinnieren“ eine wertvolle Hilfe sein. Sinnieren – was meint dieses altertümlich anmutende Wort? Im Duden finden wir eine Erläuterung: „ganz in sich versunken über etwas nachdenken, seinen Gedanken nachhängen, mit sich zurate gehen, reflektieren.“ Genau das soll uns hin und wieder gelingen: den Pausenknopf drücken, sich bewusst auf die Bank im Garten oder einen gemütlichen Lesesessel in unserer Wohnung setzen und dann, einfach so die Gedanken schweifen lassen und in einer neuen Tiefe über etwas nachdenken. 

Das Schöne immer wieder vergegenwärtigen

Die Hektik zerstört viel, ohne dass es uns bewusst ist. Uns fehlt das Reflektieren des Gewesenen, des Erlebten - aus Zeitmangel und permanenter Reizüberflutung. Dadurch fehlt uns auch die Wahrnehmung des Guten. Im Gespräch mit alten Menschen merkt man, wie anders ihr Leben war. Die Urgroßmutter meiner Kinder erzählte uns gerne Geschichten aus ihrem Leben, vor allem aus ihrer Jugend. Dabei wurde mir bewusst: Ihr schlichter, einfacher Alltag war ein Rad wiederkehrender Tätigkeiten, gespickt mit harter körperlicher Arbeit. Über das Jahr verteilt gab es einige wenige Höhepunkte. Doch diese hallten lange in ihrem Inneren nach. Immer wieder dachte sie an diese schönen Momente und an die Freude, die sie dabei erlebt hatte. Für mich war sie eine Meisterin des Sinnierens und deshalb ist sie, nicht nur in dieser Hinsicht, ein Vorbild für mich. 
Es gibt in unser aller Leben etwas Schönes, das es wert ist, wahrgenommen zu werden. Werden wir zu Goldgräbern und entdecken wir all die kleinen, schlichten Kostbarkeiten, die Gott uns tagtäglich wie Blumen auf unseren Weg streut. 

 Manuela Fletschberger ist Mutter von vier Kindern und Mitherausgeberin des Müttermagazins „SONNE IM HAUS“. In ihrem Buch „Selbsterziehung für Mütter“ greift sie tägliche Herausforderungen für Mütter auf, die mit Hilfe der Selbsterziehung positiv beeinflusst werden können. 

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