Einer unserer erwachsenen Söhne schnappt beim Betreten unserer Küche das Wort „Scheidung“ auf und fragt sichtlich alarmiert nach. Mein Mann und ich hatten gerade über die Scheidung von Bekannten gesprochen. Leider müssen wir feststellen, dass dieses Thema in unserem Umfeld in letzter Zeit immer häufiger aufkommt. Mein Mann und ich sind Mitte vierzig, ebenso unsere Freunde und Bekannten. Dies ist die Zeit der sogenannten „Midlife-Crisis“: Die Kinder sind mehr oder weniger aus dem Haus, beruflich ist man – so zumindest die landläufige Meinung – in seinen besten Jahren. Doch in der Ehe sieht es oft anders aus.
Solange die Kinder im Fokus standen, war man weniger „gezwungen“, partnerschaftliche Schwierigkeiten anzuschauen oder gar „anzupacken“. Über Jahre wurde nicht in die Ehe investiert. Nun, da man plötzlich allein am Tisch sitzt, merkt man, dass man sich nicht mehr viel zu sagen hat. Die über Jahre hinweg mangelnde oder schlechte Kommunikation, die ungesunde Selbstverwirklichung und das mangelnde Interesse, die eigenen Schwächen und Untugenden auszumerzen, machen sich nun bemerkbar. Hinzu kommen Identitäts- und Sinnkrisen oder gar unerfüllte Lebensziele – und schon ist ein ungesunder Cocktail gerührt, der einer Ehe ganz und gar nicht zuträglich ist.
Mein Mann und ich merken selbst: Das Eintreten in einen neuen Lebensabschnitt mit dem Ziel, ihn gemeinsam zu meistern, verlangt nach einem neuen Streben nach Tugend. Es braucht Kraft, Willen, Wohlwollen und Nachsicht. Für uns ist auch interessant, wie unsere Kinder auf Scheidungen in unserem Bekanntenkreis reagieren. Betroffen werfen sie tiefe Fragen auf – was uns die Möglichkeit bietet, wichtige Themen anzusprechen. So auch heute beim Frühstück: Unser Sohn erzählte von einer Scheidung, die gerade im Stadium höchster Bösartigkeit angelangt ist. Die Einzigen, die sich hier freuen, sind die Gutachter und Rechtsanwälte, die horrende Summen einstecken. Er ist ganz offensichtlich schockiert vom Verhalten der Frau, die nur eines zu wollen scheint: ihren „Ex“-Mann finanziell ausbluten zu lassen.
Schnell kommen wir auf Themen wie Charakterbildung, Moral und Glauben zu sprechen, aber auch auf das Thema, das Schiller in seinem „Lied von der Glocke“ so treffend pointierte: „Drum prüfe, wer sich ewig bindet, ob sich das Herz zum Herzen findet! Der Wahn ist kurz, die Reu ist lang.“ Die Gesellschaft und der in ihr herrschende Zeitgeist orientieren sich kaum noch an den Dingen, die für eine gute Ehe zuträglich wären.
Wir merken, wie wichtig es ist, mit Kindern über die wirklich wichtigen Lebensthemen zu sprechen. Was macht eine gute Ehe aus und welche Eigenschaften sind für eine christliche Ehe wesentlich? Das wiederum setzt voraus, dass wir es selbst wissen. Je älter unsere Kinder werden, desto mehr geht es in unseren Gesprächen „ums Eingemachte“. Dafür muss man gerüstet sein, sonst kann es passieren, dass man ins Stottern gerät und den Argumenten, mit denen Jugendliche aufwarten, auf die Schnelle nichts entgegenzusetzen hat.
Genau aus diesem Grund beschäftige ich mich momentan wieder intensiver mit den Inhalten, die mein Mann und ich den Brautpaaren in den vielen Jahren, in denen wir Eheseminare gehalten haben, nähergebracht haben. Was ist Liebe? Was bedeutet das Eheversprechen? Was ist die sakramentale Gnade? Und vieles mehr.
Aber über all dem dürfen wir nicht vergessen, wie wichtig neben dem Gespräch mit unseren Kindern auch unser Vorbild ist. Sie müssen mitbekommen, wie wir mit Konflikten und Meinungsverschiedenheiten umgehen, uns nach einem Streit wieder versöhnen und einander mit Wohlwollen begegnen. Sie müssen wahrnehmen, dass wir füreinander da sind, dass wir miteinander Zeit verbringen, dass wir bei Kerzenlicht und einem Gläschen Wein am Tisch sitzen, miteinander reden und dass wir uns ab und zu ein „Wochenende zu zweit“ gönnen.
Die Autorin ist Herausgeberin des Müttermagazins „Sonne im Haus“ und Leiterin des Online-Studienkreises „Wahres, Gutes & Schönes“.
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