Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Kaiserschnitt oder natürliche Geburt?

Mein Kind, meine Geburt?

Zwischen Sicherheit und Selbstbestimmung: Wie Ärzte die Grenzen für Kaiserschnitte setzen und warum Frauen trotzdem selbst entscheiden können.
Schwangere Frau Hände berühren großen Bauch in Arztpraxis. Weiblicher Arzt untersucht schwangere Frau. Gynäkologe Arzt berät Patientin über Schwangerschaft im Krankenhaus. Besuch beim Arzt medizinischen Checkup.
Foto: Imago/Zoonar | Kaiserschnitt oder natürliche Geburt? Für manche Eltern wirkt die übliche Begrenzung auf drei Kaiserschnitte wie eine Fremdbestimmung ihrer Familienplanung.

Viele Frauen stehen vor der Frage, wie sie ihr Kind zur Welt bringen sollen – und wie viel Entscheidungsspielraum sie dabei tatsächlich haben. Oft sind diese Überlegungen von Warnungen begleitet: Eine natürliche Geburt nach zwei Kaiserschnitten (medizinisch: Sectio) sei zu riskant, und mehr als drei Kaiserschnitte seien medizinisch nicht vertretbar. Doch stimmt das – oder werden hier Grenzen gezogen, die medizinisch gar nicht so eindeutig sind?

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Hinter diesen Einschätzungen stehen konkrete medizinische Risiken, die immer wieder angeführt werden. Häufig wird als Grund die Gefahr genannt, dass unter dem Druck der Wehen die Narbe, die nach einem Kaiserschnitt in der Gebärmutter zurückgeblieben ist, reißen könnte, was im schlimmsten Fall lebensbedrohlich für Mutter und Kind enden kann. Darum wird Frauen, die nach einer operativen Geburt natürlich gebären wollen, erneut zum Kaiserschnitt geraten.

Auch Steißlagenkinder werden aufgrund eines möglichen Sauerstoffmangels am Ende der Geburt überwiegend per Sectio entbunden. Viele Frauen wünschen sich jedoch eine natürliche Geburt und fühlen sich durch die Vorsicht der Ärzte verunsichert oder in Richtung operativer Entbindung gedrängt. Zwischen medizinischer Vorsicht und persönlichem Wunsch entsteht so ein Spannungsfeld.

Sechs Kasierschnitte in Folge

Angela Köninger, Direktorin und Chefärztin der Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe der Barmherzigen Brüder sowie Inhaberin des Lehrstuhls für Geburtshilfe an der Universität Regensburg, ordnet im Gespräch mit dieser Zeitung ein: Die Vorsicht der Ärzte, die eine Sectio empfehlen würden, sei zwar nachvollziehbar, aber oft nicht so absolut, wie sie wirke.

Dies war auch die Erfahrung von Monika Lochner. Nach der Geburt ihres vierten Kindes sagte ihr der behandelnde Arzt: „Sie haben doch schon vier Kinder – was wollen Sie denn noch?“ Für ihn schien klar: Ein weiteres Kind sollte es nicht geben – er würde jedenfalls keinen weiteren Eingriff vornehmen. Für Lochner war das keine medizinische Begründung, sondern eine Einflussnahme auf ihre Familienplanung. Sie wechselte die Klinik und bekam später noch drei weitere Kinder – insgesamt sieben, sechs davon per Sectio.

Die Serie begann mit einer Steißlage beim zweiten Kind. Während der Geburt versuchten Ärzte noch unter Narkose, das Baby zu drehen – ohne Erfolg. Es folgte ein Kaiserschnitt. Später erfuhr Lochner von einem anderen Arzt, dass eine natürliche Geburt doch möglich gewesen wäre. Beim dritten Kind erlitt sie einen schweren Autounfall, kurz darauf setzten vorzeitig die Wehen ein – das Baby kam rund sechseinhalb Wochen zu früh, erneut operativ. Beim vierten Kind lag das Kind wieder in Steißlage. Darum riet der Arzt auch hier wieder zum Sectio-Eingriff – und kündigte an, bei Lochner kein weiteres Kind per Sectio zur Welt zu bringen.

Neue Operationsmethoden

Über Bekannte lernte sie einen Arzt kennen, der mehrere Kaiserschnitte nicht grundsätzlich als Problem ansah. Anhand eines Modells erklärte er, dass die häufig genannte Begrenzung auf maximal drei medizinische Eingriffe vor allem auf frühere Operationsmethoden zurückgehe. Auf Nachfrage erklärt Köninger: Früher sei die Gebärmutter häufiger mit einem senkrechten Schnitt eröffnet worden, der spätere Risiken erhöhte. Heute sei der quere Schnitt im unteren Bereich der Gebärmutter Standard – diese Narbe gelte als deutlich stabiler.

Auch die Operationstechniken hätten sich verändert: Beim heute verbreiteten „sanften Kaiserschnitt“ würden einige Gewebeschichten nicht geschnitten, sondern stumpf gedehnt, was Nerven und Gefäße schone und die Heilung beschleunige. Allerdings würden dabei manche Schichten nicht wieder vernäht, was in ungünstigen Fällen Narbendefekte begünstige, die später Beschwerden verursachten oder die Fruchtbarkeit beeinträchtigen könnten. „Aus diesem Grund wird der sanfte Kaiserschnitt derzeit wieder infrage gestellt und die optimale Nahttechnik wissenschaftlich untersucht“, erläutert Köninger.

Die Gefahr von mehreren Kaiserschnitten

Dass Frauen wie Lochner mehrere operative Entbindungen hinter sich haben, sieht sie nicht grundsätzlich kritisch – es brauche aber Erfahrung. Je mehr medizinische Eingriffe, desto häufiger niste sich die Plazenta im unteren Bereich der Gebärmutter ein. „Da braucht es wieder einen Kaiserschnitt“, sagt die Ärztin. Selbst bei stark vernarbter Bauchdecke nach mehreren vorangegangenen Operationen sei ein weiterer Eingriff häufig möglich: „Man muss nur wissen, dass man in solchen Fällen mehr Zeit braucht, um an die Gebärmutter zu gelangen.“

Bei Vielgebärenden empfehle sie manchmal, die Geburt etwas früher zu planen, um Hektik zu vermeiden. Die eigentliche Kunst jedoch, sagt Köninger, bestehe ohnehin darin, „den ersten Kaiserschnitt zu verhindern, nicht den zweiten“. Der Grund: Wenn das erste Kind vaginal geboren wird, stünden die Chancen viel höher, dass auch weitere Kinder problemlos auf natürlichem Weg zur Welt kommen könnten. Der Körper „kenne“ den Geburtsprozess bereits.

Mit jedem Kaiserschnitt steige das Risiko, dass die Narbe reißt und es zu einer Uterusruptur kommt. Dies passiere selten; laut Köninger liegt die Wahrscheinlichkeit im Schnitt bei 1:200. Die Mütter müssten aber darüber informiert werden. Bei einer Uterusruptur könne sich die Plazenta ablösen oder ein Kindsteil vorfallen: Arm, Bein oder Kopf des Kindes gelangten in den Bauchraum der Mutter. Dadurch sei das Kind nicht mehr geschützt und möglicherweise von der Plazenta getrennt, sodass seine Sauerstoffversorgung unterbrochen werde. Für die Mutter bestehe ein hohes Risiko starker innerer Blutungen. Auch aus haftungsrechtlichen Gründen würden sich viele Kliniken bei Frauen mit zwei oder mehr vorangegangenen Kaiserschnitten eher erneut für eine Sectio entscheiden.

Sectio kein Muss bei Steißlage 

Auch Steißlagengeburten seien nicht automatisch ein Fall für den Operationssaal. Aber sie „haben deutlich höhere Risiken“, so die Ärztin, besonders wenn sich die Geburt gegen Ende verzögere und der Kopf des Kindes als letzter durch den Geburtskanal treten müsse. Dann bestehe die Gefahr, dass die Nabelschnur zusammengedrückt wird und das Kind nicht ausreichend Sauerstoff bekommt. Ärzte und Hebammen bräuchten daher viel Erfahrung, „um einschätzen zu können, wie der Geburtsfortschritt ist und ob Veränderungen der kindlichen Herzfrequenz noch vertretbar sind“. Es gebe Krankenhäuser mit viel Erfahrung auf diesem Gebiet – Frauen sollten sich gezielt informieren.

Und Geld? Spiele keine Rolle, sagt Köninger: „Viele Frauen glauben, wir wollten lieber operieren. Tatsächlich ist eine natürliche Geburt für Kliniken oft sogar weniger aufwendig. Ein Kaiserschnitt erfordert ein großes Team und viel Organisation – Geld ist kein Motiv.“ Ärzte würden sich vielmehr über jede natürliche Geburt freuen. Nicht zuletzt habe die vaginale Geburt einige Vorteile, so Köninger: „Eine natürliche Geburt stärkt das Selbstbewusstsein der Mutter, beeinflusst positiv die Entwicklung der Darmflora des Kindes und das Kind profitiert von den bei Wehen freigesetzten Hormonen und Stammzellen.“ Wird das Kind durch den natürlichen Geburtskanal geboren, werde es mit mütterlichen Bakterien konfrontiert, die bis ins Erwachsenenalter vor Asthma schützen und das Immunsystem stärken könnten.

Psychologische Wirkung nicht zu vernachlässigen

Besonders die psychologische Wirkung einer Geburt können Frauen unterschreiben. So bedauert auch Lochner, nicht noch einmal natürlich geboren und die Zweisamkeit mit dem Baby nicht so erlebt zu haben wie es nach einer natürlichen Geburt möglich ist. „Nach einem Kaiserschnitt konnte ich mein Kind nicht immer bei mir haben, nur zum Stillen. Ich konnte es vor Schmerzen nicht allein aus dem Bettchen heben“ – Momente, die die siebenfache Mutter sehr vermisst habe. Ihr Fazit: „Ich kann jede Frau nur zu einer vaginalen Geburt ermutigen.“

So empfand Nathalie Kienzle Dankbarkeit und Schmerz zugleich darüber, dass sie ihr erstes Kind wegen Beckenendlage operativ zur Welt bringen musste. Die Narben seien gut verheilt und doch habe es sich nach dem Eingriff für sie angefühlt, als sei sie „um das Geburtserlebnis betrogen“ worden, sagte sie der „Tagespost“. Über diesen Schmerz sprach sie lange mit niemandem in ihrem Umfeld. Eigentlich, so habe sie empfunden, müsse sie doch dankbar sein, dass alles gut gegangen sei. Aber das Gefühl blieb. Auch die Reaktionen anderer zeigten ihr, dass viele nicht verstehen, was ein Kaiserschnitt für eine Mutter bedeuten kann. „Da schwang häufig so etwas mit wie: Dir ist das Kind in den Schoß gefallen, hast es ja nicht geboren“, berichtet Kienzle.

„Sagen Sie, was Sie wollen"

Als eineinhalb Jahre später die zweite Entbindung nahte, rieten ihr die Ärzte erneut zur Operation. Der natürliche Geburtsprozess hatte zehn Tage nach dem errechneten Termin noch nicht eingesetzt; eine Einleitung galt als zu riskant, weil der Druck auf die Kaiserschnittnarbe durch die zu erwartenden starken Wehen zu groß werden könnte. Als die Geburt dann doch begann, stockte der Prozess immer wieder – und es wurde zur operativen Entbindung geraten. Ihr Mann setzte sich jedoch dafür ein, die Geburt nicht abzubrechen, solange Mutter und Kind wohlauf seien. Und das Kind kam letztlich auf natürlichem Geburtsweg zur Welt. „Sich den Herausforderungen der Geburt gestellt zu haben, war wichtig für mich – psychologisch wie körperlich“, sagt Kienzle heute.

Damit fiel zugleich ein Druck von ihr ab: Man hatte ihr bedeutet, dass mehr als drei Sectios medizinisch nicht vertretbar seien. Für sie und ihren Mann hatte das wie eine fremdbestimmte Grenze der Kinderplanung gewirkt. Die natürliche zweite Geburt veränderte diese Situation grundlegend. „Beim dritten Kind ging ich dann mit ganz anderer Zuversicht in die Geburt“, sagt die junge Mutter.

Was Kienzles Geschichte zeigt, bringt Köninger auf den Punkt: Ärzte müssen Risiken sorgfältig abwägen – unbestritten. Aber Risiken informiert abzuwägen sei etwas anderes, als sie als Argumente gegen den Wunsch der Patientin einzusetzen. Für Köninger ist deshalb vor allem eines entscheidend: ein offenes Gespräch und eine ehrliche Einschätzung der individuellen Situation. Ihr Rat: „Von zu großer Angst lösen, mutig sein und als Patientin klar sagen: Ich übernehme Mitverantwortung. Sagen Sie, was Sie wollen.“ Das entlaste nicht nur die Ärzte – es ermögliche den Frauen, ihre eigenen Wünsche klar umzusetzen.


Die Autorin ist freie Journalistin und Mitglied in der Gemeinschaft Emmanuel. Sie ist verheiratet und Mutter von zwei Kindern.

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