Lebensschutz

„Mama, das können die  doch nicht machen!“

Am 17. September findet in Berlin der „Marsch für das Leben“ statt. Wie wir  unsere Kinder behutsam an den Lebensschutz  heranführen können: Ein Erfahrungsbericht 
Mit Bildern und Postkarten kann man Kinder an das Thema Abtreibung langsam heranführen.
| Mit Bildern und Postkarten kann man Kinder an das Thema Abtreibung langsam heranführen.

Es gibt gute Gründe, Kinder vor bösen, verstörenden und schaurigen Themen zu schützen. Es gibt aber mindestens genauso viele Gründe, Kinder in angemessenem Umfang und im richtigen Moment einen Einblick in menschliche Abgründe und Konfliktfragen zu gewähren. Kinder haben ein Recht auf die Wahrheit. Nur so werden sie später fähig sein, die Welt und ihre Probleme zu begreifen, eine kreative Gegenkultur zu bilden und das Wort zu ergreifen, um all dem Abgrundtiefen etwas Positives und Lebensbejahendes entgegen zu setzen.


Father Mike Schmitz, ein katholischer Priester aus den USA, der vor allem durch seinen Podcast „Bible in a Year“ bekannt geworden ist, hielt beim letzten „March for Life“ in Washington eine bewegende Rede. Er berichtete, wie er als Achtklässler ein Referat über den Wert und die Würde des Menschen von der Befruchtung bis zum natürlichen Tod gehalten hatte. Eine Anekdote, die die Zuschauermenge in frenetischen Jubel ausbrechen ließ. Jeder im Publikum konnte sich den Teenager Mike Schmitz vorstellen, der vor einer Klasse pubertierender Schüler mutig Zeugnis für das Leben gab.

Mit Kühlschrankfotos zum Lebensschutz

Doch Father Mike Schmitz unterbrach die Menge und erklärte, so besonders sei das gar nicht gewesen. Eher eine Folge der Tatsache, dass er in seiner Kindheit immer wieder drei Fotos betrachtet hatte, die seine Mutter am Kühlschrank befestigt hatte. Einen Comicstrip, das Foto eines ungeborenen Kindes im Mutterleib und eines abgetriebener Kinder. Mehr hätte es nicht gebraucht, so der Father, dass er erkannt habe, wie kostbar der Mensch schon im Mutterleib ist und wie grausam Abtreibungen sind. 


„Meine Kinder sollen lernen, das Böse abzulehnen, aber die betroffenen Mütter und Väter nicht zu verurteilen. Im Optimalfall wird ihnen gelingen, was uns Jesus Christus aufgetragen hat, nämlich den Sünder zu lieben und die Sünde zu hassen.“

Nun bin ich selbst Mutter von fünf Kindern im Alter zwischen 5 und 12 Jahren, arbeite in einer Lebensschutz-Stiftung und bin überzeugte Lebensbotschafterin, aber ein Foto abgetriebener Föten würde ich nicht an unseren Kühlschrank heften. Dennoch muss auch ich irgendwie das Unbegreifliche, Erschütternde und Menschenverachtende für unsere Kinder sichtbar machen. Ich kann und will ihnen nicht verheimlichen, wie viele ungeborene Kinder in unserer Gesellschaft täglich Opfer von Abtreibungen werden.

Ich wünsche mir, dass sie um die Not der Mütter wissen, die einen solchen Schritt in Erwägung ziehen. Sie sollen lernen, das Böse abzulehnen, aber die betroffenen Mütter und Väter nicht zu verurteilen. Im Optimalfall wird ihnen gelingen, wasW Jesus Christus uns aufgetragen hat, nämlich den Sünder zu lieben und die Sünde zu hassen. Und sollten sie oder ihre Freunde eines Tages selbst in einen Schwangerschaftskonflikt geraten, wissen sie, so meine Hoffnung, um ihre Optionen und Möglichkeiten. Dass sie anderen ihre Hände helfend öffnen, aber auch die Gewissheit haben, dass ihnen geholfen wird. 

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Was zählt, ist ein mitfühlendes Herz

Sicherlich fragen Sie sich jetzt, wie man Kinder am besten an dieses ungeheuerliche Thema heranführt. Wie Sie, als Eltern, Lehrer oder Erzieher die richtigen Worte finden können oder welche Bildauswahl Sie für Ihren Kühlschrank treffen müssen, um den Kindern den Wert des Lebens zu vermitteln. Leider gibt es dafür kein allgemeingültiges Rezept (wie es übrigens für alle Erziehungsfragen gilt) und erst recht kein pädagogisches Konzept. Was zunächst zählt, ist Ihr starker Wille, das Thema anzugehen, und ein mitfühlendes Herz. 


Ganz am Anfang aller Lebensschutz-Erziehung steht – wer hätte es anders vermutet – die Liebe. Die Liebe, die wir unseren Kindern schenken, können sie auch für andere Menschen empfinden. Liebe befähigt sie zu Mitleid und gibt ihnen – wann auch immer der Zeitpunkt für sie gekommen ist – die Kraft, sich für Unterdrückte und Wehrlose einzusetzen. Irgendwann setzen dann ganz automatisch Fragen rund um die Themen Sexualität, Schwangerschaft und Geburt ein. Schon im frühesten Kindesalter wollen die Kleinen wissen, woher sie kommen. Sie sehen an der Mutter oder einer anderen Frau, wie ihr Bauch rund und runder wird, weil ein (Geschwister-)Kind darin wächst. Ungefragt stellen sie ihre Fragen. „Wie kommt das Baby in den Bauch?“ – „Wie wird es satt?“ – „Wann wird es geboren?“ Ich persönlich warte manchmal nicht einmal die neugierigen Kinderfragen ab, sondern stoße die Kinder regelrecht auf Fragestellungen und Problemfelder. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass dies auch in Bezug auf die Themen Sexualität, Schwangerschaft, Geburt und Abtreibung eine gute Strategie ist. 

Langsam an das Thema herantasten


Es gibt wunderschöne Kinderbücher, die das Leben im Mutterleib beschreiben. Kinder lieben diese Bücher und sie lernen ganz unbefangen, dass jedes Menschenleben mit der Verschmelzung von Ei- und Samenzelle beginnt. Später, wenn man sich dann auch an das Thema Schwangerschaftsabbruch wagt, ist den Kindern sofort klar, dass Abtreibung immer einen Menschen tötet und nicht bloß einen Zellhaufen entfernt. Sie wissen, dass auch sie einmal klein und schutzbedürftig waren und wie schön es ist, geboren zu werden. 
An das konkrete Thema Abtreibung habe ich mich bisher eher beiläufig gewagt. Es gab keine Bilder toter Embryonen am Kühlschrank, wohl aber Spruchkarten, die klar machen: „Jeder Mensch hat das Recht auf Leben!“ – „Frieden beginnt im Mutterleib!“ – „Ich sage JA zum Leben!“

Die Kinder besitzen Füßchenanstecker, die in Originalgröße die Füßchen eines 10 Wochen alten ungeborenen Kindes darstellen und haben auch schon einmal ein kleines Embryomodell bestaunt. Abtreibung blieb trotz allem wohl eher ein abstraktes Wort und Thema. 
Vor ein paar Wochen dann wurde Lebensschutz in unserer Familie unerwartet konkret. Unsere beiden ältesten Kinder stolperten in mein Arbeitszimmer, als ich mir gerade Videos von verschiedenen Abtreibungsmethoden im Internet ansah. (https://www.abortionprocedures.com/).


„Dieses Jahr wollen wir mit zum Marsch für das Leben nach Berlin!“

Neugierig blieben die beiden im Zimmer und so erkundeten wir gebannt, erschüttert und fassungslos die brandneue Internetseite der US-amerikanischen Organisation „LifeAction“. Und obwohl die Beiden schon seit Jahren immer mal wieder etwas über Abtreibung gehört hatten und auch wussten, dass jährlich Millionen behinderte und gesunde Kinder im Mutterleib getötet werden, wurde ihnen erst in diesem Moment  bewusst, was dieser Gedanke konkret bedeutet: Den Tod eines unschuldigen Kindes.
Nach dem Schauen fragte ich mich in die entsetzte Stille, ob ich den Kindern nicht zu viel zugemutet hatte. Waren die wie medizinisches Lehrmaterial aufgemachten Videos, die in aller Klarheit zeigten, wie der Mensch dem Menschen zum Wolf wird, nicht doch zu brutal? Umso erstaunter war ich über die spontane Reaktion der Kinder, die sie mit gebrochenen Stimmen vortrugen: „Mama, das können die doch nicht machen!“ – „Die Ärzte muss man ins Gefängnis stecken!“

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Und kurze Zeit später stand ihr Entschluss fest: „Dieses Jahr wollen wir mit zum Marsch für das Leben nach Berlin!“ 
Ihre Reaktionen stimmten mich froh, denn mit den Videos hatten die beiden schlagartig sehr viel verstanden. Der visuelle Einblick in die Brutalität der Abtreibung hatte sie im wahrsten Sinne des Wortes erleuchtet. Mit einem Mal fühlten sie sich angesprochen, selbst ihre Stimme gegen das Unrecht der Abtreibung zu erheben. Sie haben verstanden, dass die ungeborenen Kinder sich selbst nicht verteidigen können, dass sie mutige Kinder wie sie selbst brauchen, die ihnen ihre Stimme leihen. 

 Ich bin sehr dankbar, dass bei unseren älteren Kindern nach Jahren des Fundamentlegens nun auch erste Früchte erkennbar sind. Sie sind sensibilisiert für das Schicksal der Ungeborenen und sie erkennen Handlungsbedarf, nicht nur für sich, sondern für alle. Für das Leben und den Schutz der Allerkleinsten wollen sie in Berlin auf die Straße gehen. Ist das nicht toll?

Theresia Theuke ist Mutter von fünf Kindern und Geschäftsleiterin der STIFTUNG JA ZUM LEBEN.

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